MEDIENZUGANG FÜR ALLE (?!)

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KRITISCHE MEDIENPRAXIS UND KOMPENSATORISCHE PUBLIZISTIK Was und wer kommt in den Medien nicht vor, und warum? Darüber wird gestritten, vom Stammtisch bis zur Wissenschaft. Vernachlässigung in der Berichterstattung hat nicht immer mit Zensur oder Selbstzensur im strengen Sinn zu tun: High-Tech gilt manchen als Fachblätter-Thema; bei Militär-Themen lassen sich Wahrheit und Zuverlässigkeit schwer einschätzen; unorganisierte "Normal"-BürgerInnen mit selbstgestrickten Anliegen von der Knastbeschwerde über die Mobbing-Klage bis zur Verschwörungstheorie gelten bei den Journalisten oft als "Querulanten", usw…

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Sabine Kleczewski

 
KRITISCHE MEDIENPRAXIS UND KOMPENSATORISCHE PUBLIZISTIK

Was und wer kommt in den Medien nicht vor, und warum? Darüber wird gestritten, vom Stammtisch bis zur Wissenschaft. Vernachlässigung in der Berichterstattung hat nicht immer mit Zensur oder Selbstzensur im strengen Sinn zu tun: High-Tech gilt manchen als Fachblätter-Thema; bei Militär-Themen lassen sich Wahrheit und Zuverlässigkeit schwer einschätzen; unorganisierte "Normal"-BürgerInnen mit selbstgestrickten Anliegen von der Knastbeschwerde über die Mobbing-Klage bis zur Verschwörungstheorie gelten bei den Journalisten oft als "Querulanten", usw…

Projekte für offenen Medien-Zugang sind notwendig. Medien-Demokratie kann nicht von wenigen Medien-Glücksfällen leben, wo sich Finanzmacht mit Verantwortung verknüpft. Medien-Demokratie braucht Initiativen "von unten", und zwar weltweit. Dass Nachrichten unterbleiben, hat viele Gründe. Seit April 2002 kümmere ich mich im Berliner Informationsdienst: für kritische Medienpraxis um die Arbeitsstelle "Öffentlichkeitsarbeit medienkritischer Projekte". Für das Ziel, medienkritische Projekte und deren Öffentlichkeitsarbeit zu vernetzen, war zunächst eine Bestandsaufnahme, eine zusammenfassende Darstellung des Ist-Zustandes angebracht. Das Augenmerk lag auf acht Projekten, die sich solcher Themen annehmen, die von den Medien im Allgemeinen vernachlässigt werden. Es handelt sich dabei um fünf deutsche, ein niederländisches und zwei us-amerikanische Initiativen, die sich zunächst nach ihrem Hintergrund und ihrer Ausrichtung in zwei Gruppen teilen lassen: Alternativkultur der 1970er Jahre, Projekte, die bis heute den "ID" im Namen führen: Informationsdienst Frankfurt a.M., ID-Verlag Berlin, ID-Archiv im Internationalen Institut für SozialGeschichte in Amsterdam, Informationsdienst: für kritische Medienpraxis Berlin, ID Netzwerk für Alternative Medien- und Kulturarbeit Bingen / Bad Kreuznach. "ID" benannte ursprünglich den wöchentlichen "Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten", Frankfurt a.M. Er erschien von 1973 bis 1981 1980er Jahre, universitäre Projekte, Medienbeobachtung: "Initiative Nachrichtenaufklärung", an der Universität Siegen, "Project Censored", Sonoma State University /Kalifornien, USA, "F.A.I.R.", eine Medienbeobachtungsgruppe in New York, die für "Fairness and Accuracy in Reporting" steht, also "genaue und gerechte Berichterstattung". Allen diesen Projekten geht es darum, in den Medien Raum für Minderheiten und unpopuläre Meinungen oder Anliegen zu schaffen. Welche Themen sind es, die in der Berichterstattung vermisst werden? Welche Themen werden verkürzt oder unfair behandelt? Anfang der siebziger Jahre waren das in der Bundesrepublik Berichte über die außerparlamentarischen Bewegungen: Hausbesetzer, Knastbewegung, Frauen, Anti-Atom-Bewegung, Ausländerpolitik …, die einseitig oder unzureichend thematisiert wurden. Der Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten versuchte in diesen Bereichen eine breitere Öffentlichkeit herzustellen. Er wurde zum überregionalen Sprachrohr der undogmatischen Linken. Zu Hoch- und Kampfzeiten der Springerpresse stritt man hier um das Format und die Etablierung einer "richtigen" Zeitung, die 1979 mit der "taz" realisiert wurde. Im ID Frankfurt kümmerte sich ab 1988 unter dem Namen "Projekt Alltag" ein JournalistInnenbüro mit Berichterstattung und Beratung um die Förderung des Medienzugangs von Benachteiligten. Man bot finanzielle und politische Hilfe für von Zensurmaßnahmen Betroffene an -"Projekt Mediensolidarität"- und richtete ein Archiv für Alternativzeitschriften -"Projekt Gedächtnis"- ein. Das ID-Archiv ging 1987 an das Internationale Institut für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam über. Getragen von der Königlichen Akademie der Wissenschaften ist dieses Institut finanziell abgesichert und in der Lage, die umfangreichste Sammlung von Dokumenten und Zeitschriften der sozialen Bewegung ab 1968 aufzubewahren und zu pflegen. (Königlich, budgetiert und Seit'an Seit' mit Marx & Engels , welche Freude für Kraakers, Haschrebellen, Kommunarden …) Das Internationale Institut für Sozialgeschichte war 1935 gegründet worden; es versammelt die Schriften von Marx und Engels wie die der spanischen Anarchisten, der Menschewiki aus der frühen Sowjetunion, und die Werke von Trotzki. Das ID-Archiv im Institut umfasst z.B. die Dokumentationen und Sammlungen - "Arbeiterkampf" (ak) aus Hamburg (heute "analyse und kritik"), gegründet 1971, Organ des Kommunistischen Bundes (KB), - "Gesellschaft ohne Knäste" - "DDR-Oppositionsbewegung", - "Dritte-Welt-Bewegung", - "Frankfurter Häuserrat", - "Zensur in öffentlichen Bibliotheken" - und fünfzehn laufende Meter LeserInnenbriefe an die taz ! Eigene Veröffentlichungen erscheinen im "Aksant Verlag". Das IISG hat weltweit ständige VertreterInnen - z.B. in Berlin, Moskau, Südostasien. Eng mit dem Amsterdamer ID-Archiv verbunden gründete sich 1988 die Edition ID-Archiv gegen Informationsmonopole und für kritische Publizistik: der heutige ID-Verlag. Die Themen der Veröffentlichungen blieben zunächst traditionell: Gewalt - Repression - Widerstand - Zensur. Man publizierte Texte der illegalen "radikal" - vom Bundeskriminalamt observiert !-; gemeinsam mit dem "basisdruck-Verlag" Wolfgang Rüddenklau's "Störenfried" (eine Darstellung der DDR-Oppositionsbewegung); oder auch 1995 zur Geschichte des bewaffneten Kampfes: "Wir haben mehr Fragen als Antworten", die Schriften der RoteArmeeFraktion. Pop-Kultur, Gen- und Reproduktionstechnologie, Bevölkerungs- und Asylpolitik wurden weitere Schwerpunkte. 1998 erschien zum Thema Rassismusforschung Theodore W. Allens "Die Erfindung der weißen Rasse". In diesen Rahmen fällt 1999 auch Kodwo Eshuns "Heller als die Sonne", ein Roman über Schwarze Musik. Ebenfalls in Berlin (hier seit 1999) arbeitet unser Informationsdienst: für kritische Medienpraxis, ein JournalistInnenbüro, für den demokratischen Medienzugang und mit dem Ziel, unabhängige "kleine" Medien zu stärken. Auf dem Mainzer "Open-Air-Festival" wurde über die heutige Situation von Gegenöffentlichkeit diskutiert, auf den "Görlitzer Gesprächen" der Medien-"Untergrund" in der Ex-DDR und in Westdeutschland nach 1968 dargestellt und ein entstehendes Jugend- und Kulturzentrum beraten. Spezielles Anliegen des ID-Medienpraxis ist Argumenten-Austausch ohne Propaganda zu aktuellen politischen Themen. Beispielsweise haben wir während des Kosovo-Kriegs Kosovo-Albaner und Serben zu einer gemeinsamen öffentlichen Debatte an einen Tisch geladen. Diese Veranstaltungen sollen mit "Mündlicher Geschichte" von Kosovo-Flüchtlingen fortgesetzt werden, erweitert um eine Reihe "Lektionen aus dem Kosovo-Krieg". Für die nahe Zukunft planen wir Seminare für Internet-Aktivitäten von Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen. Regelmäßige Veröffentlichungen erfolgen zum Schwerpunkt "Europäische Filmproduktionen über den Holocaust" in Gegenüberstellung zu Bearbeitungen aus Hollywood. Straßenkinder, Obdachlose, … und KreAtives Schreiben sind die Themen von Rüdiger Heins und dem ID Netzwerk für Alternative Medien- und Kulturarbeit in Bingen/Bad Kreuznach. Heins reiste als Obdachloser durchs Land und schilderte seine Erfahrungen in „Verbannt auf den Asphalt“ und „Obdachlosenreport“. Nachdem er sich damals gleichzeitig als Betroffener und als „Voyeur“ empfunden hatte, verlagerte er seine Schwerpunkte in die alternative Kulturarbeit und Kunst. 1998 gründete er das Institut für KreAtives Schreiben (INKAS). Seine Initiativen sind außerdem die „edition maya“, die Zeitschrift “eXperimenta” für literarische Versuche, und der Bumerang Literaturpreis, der in der Nacht der AutorInnen vergeben wird; Achtung: die nächste wird am 6. September im rheinischen Bad Sobernheim stattfinden ! Wer benennt die Themen und bestimmt über ihre Relevanz? Den nachforschenden, „investigativen“, Journalismus in der deutschen Publizistik-Ausbildung verankern will die Initiative Nachrichtenaufklärung an der Universität Siegen. Medien-StudentInnen fragen jährlich Presseorgane und Organisationen nach vernachlässigten Nachrichten und fordern interessierte BürgerInnen auf, Themen einzubringen. Eine Jury trifft aus den Vorschlägen eine Auswahl, die StudentInnen recherchieren dazu und stellen eine Liste der wichtigsten von den Medien vernachlässigten Themen auf. Leider immer noch zu selten erfolgt eine Reaktion von Seiten der Medien. Der Spiegel griff beispielsweise 1999 eine Nominierung auf, und der Verdacht, dass die Chinesische Botschaft in Belgrad absichtlich bombardiert worden war, führte zu weiteren Recherchen und einer Spiegel-Serie. Was erwarten LeserInnen, ZuhörerInnen und ZuschauerInnen von Informationen, die ihnen angeboten werden? - Nachrichten sollen (?) heute attraktiv und unterhaltsam sein. In der Politik geht es dann weniger um Sachprogramme als um Person und Aussehen. Ein/e PolitikerIn muss optisch „gut rüber kommen“, Frauen sollen attraktiv aussehen, Männer Tatkraft ausstrahlen – ein Minister im Rollstuhl? – das (fehlende) MakeUp der Parteivorsitzenden …, das sind Themen. Die aneinander gereihte bunte Mischung der „Nachrichten neuer Art“ macht es schwer, zu entscheiden, wie relevant sie für unseren Alltag sind. Die Öffentlichkeit fühlt sich informiert, bekommt den Eindruck, das Wichtigste zu erfahren, doch in Wirklichkeit wird Information beliebig und Informationen, die unsere Aufmerksamkeit finden sollten, gehen in der Nachrichtenflut unter. Die „Nachricht von der letzten Seite“ beschäftigt das Project Censored, ein studentisches Medien-Forschungs-Projekt an der Sonoma Universität nördlich von San Francisco gelegen. Zensierte Nachrichten sind hier solche, die nicht in die Schlagzeilen kommen, weil sie als nicht so wichtig oder als zu heiße Eisen zurückgestellt werden. Die Informationen, die die Massenmedien den Menschen bieten, sind nicht ausreichend dafür, dass sie mit deren Hilfe wichtige Entscheidungen in der Politik und für ihr Leben treffen könnten. Zwei Themen, die Project Censored z.B. 2001 veröffentlichte: „Gesetzeswidrige Übergriffe der Polizei gegen Hanfanbau“ (Kein Wunder, dass darüber die Wogen der Empörung hochschlagen im Heimatland der Hippies !) und „China verkauft Raketen an Iran und Irak“. Die Bürger sollen vernachlässigte Themen einfordern, und die Medien sollen ihre Informationsquellen erweitern. Was stimmt nicht an den Nachrichten? Und was ist „F.A.I.R.“? - fragt die unabhängige Medien-Beobachtungsgruppe in New York. Sie dokumentiert seit 1987 Unterdrückung und Zensur, setzt sich für Minderheits-Meinungen ein, fordert unabhängige Radios und nicht-profitorientierte Informationsquellen. Die Massenmedien, sagt die Kritik dieser Leute, gehen unbedarft-freundlich statt kritisch mit wirtschaftlichen und politischen Mächten um. Unabhängiger Journalismus ist dadurch bedroht, dass die meisten Medien heutzutage Mischkonzernen gehören, in denen sie mit anderen allein gewinnorientiert ausgerichteten Unternehmensteilen konkurrieren müssen. F.A.I.R. ermutigt die Öffentlichkeit, sich mit ihren Belangen an die Medien zu wenden. Die Gruppe versammelt Aktivisten und Medienfachleute in Arbeitskreisen zu Themen wie Rassismus oder den Auswirkungen von Sexismus in den Medien. Sie will Aufmerksamkeit in der Bevölkerung wecken und gegen solche negativen Erscheinungen angehen. F.A.I.R. beobachtet nicht nur, sondern ist selbst Teil der Medienlandschaft. In der wöchentlichen Radiosendung CounterSpin - „Nachrichten hinter den Schlagzeilen“ werden eben diese hinterfragt und es wird zum Thema gemacht, was die etablierten Medien vernachlässigen. Gut dokumentierte Medienkritik bringt das Magazin Extra! Beiträge von F.A.I.R. erscheinen u.a. in der New York Times und der Alternativ-Presse. Für wen ist die Arbeit der Projekte wichtig? Wann immer man es mit „Randgruppeninteressen“ und Alternativprojekten zu tun hat, sieht man sich vor der Situation, dass Austausch, Information, auch Aufklärung innerhalb einer mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaft statt findet. Immer dort, wo nicht der Mainstream bedient wird (wer definiert den überhaupt ?!), lesen, hören zu, sehen hin: diejenigen, die sich sowieso dafür interessieren und/oder eine ähnliche Meinung haben. Ist das Ziel, die Kommunikation innerhalb der eigenen Interessengemeinschaft oder (und) den Betroffenengruppen aufrecht zu erhalten und zu verbessern, oder geht es auch darum, die allgemeine Öffentlichkeit zu erreichen, die schlecht oder falsch informiert ist und darum nichts wissen kann – oder einfach desinteressiert nichts wissen will ? Geht es auch darum, Vorurteile abzubauen ? – gegenüber bestimmten (linken) Weltanschauungen oder Minderheiten ? Einige der genannten Projekte - ID-Archiv, ID-Verlag- wollen Geschichte von unten und Zeugnisse unterschiedlicher, doch linker, Alternativbewegungen konservieren, wollen Dokumente für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Anderen – wie dem ID Frankfurt, dem Informationsdienst: für kritische Medienpraxis – geht es um praktische Hilfe zu einem alltäglichen Medienzugang für alle, und gegen Zensur. Wieder andere – Initiative Nachrichtenaufklärung, ID Netzwerk für alternative Medien- suchen immer wieder neue Themen (liegen sie nicht auf der Strasse?!) unter verschiedensten Aspekten des politischen Appells und bringen sie in die Öffentlichkeit. Noch andere – Project Censored, F.A.I.R. – beobachten die Medien, mahnen vernachlässigte Themen an und verteidigen die Medienvielfalt. Ein Blick auf Unterhaltungswahn und Informationsflut - Sinn und Schwierigkeiten der mediendemokratischen Projekte Umfassende Information über das politische Geschehen und solche Ereignisse, die auf das ganz alltägliche Leben Einfluss nehmen, ist für jede/n wichtig – wenn er/sie sich in der (Um)Welt zurechtfinden will. Das erste Problem der heutigen Medienlandschaft ist ja nun sicher nicht, dass Information zurückgehalten wird – im Ernstfall ist das im Internet-Zeitalter kaum noch möglich, irgendwo und irgendwie findest du mit Google oder Netscape schließlich „alles“. Besorgnis macht, dass Nachrichten medien-format-gerecht aufbereitet werden (müssen), damit sie in einen Werberahmen passen und konsumentenfreundlichen Umfang haben – angepasst an die durch Computerspiele und Videoclips angenommenen Sehgewohnheiten der „Kids“, oder angepasst an die unterstellte zeitlich begrenzte Aufnahmefähigkeit der durch getaktete Arbeitsabläufe gestressten ArbeitnehmerInnen am Feierabend. Komplexe Inhalte fallen dann unter den (Schneide)Tisch, weil sie sich nicht aussagekräftig formatieren lassen: die Form bestimmt den Inhalt, das Medium die Botschaft. Von den Printmedien sollte man heute allgemein eine stärkere Profilierung in Richtung auf gründliche Recherche und Bearbeitung erwarten dürfen. In der Konkurrenz zu den elektronischen Medien ist das gedruckte Wort im Zeitnachteil. Dies könnte aber zum Vorteil umgemünzt werden, wenn der/die LeserIn darauf vertrauen könnte, dort ausführlich und detaillierter als in den vorrangig auf Schnelligkeit bedachten Medien informiert zu werden.
 
Autorin: Sabine Kleczewski
Quelle: © ID Medienpraxis Berlin
Verfasst: Sa., 18.05.2002
Update: Di., 09.07.2002