FILM UND JUDENMORD: ARCHÄOLOGISCHE FILME ODER HEIMAT & HOLLYWOOD ?

Teaser

 "Minima Moralia" GEGEN VERGESSEN UND NEO-NAZISMUS. EIN PRODUKTIVER STREIT IN DER FRANKFURTER FILMSZENE UND DER ARBEITSGEMEINSCHAFT DOKUMENTARFILM

Neben Berlin, wo die Visual History Foundation/Shoah Foundation Steven Spielbergs ihre deutsche Niederlassung hat, ist Frankfurt durch das Fritz Bauer Institut mit seinem Projekt über Cinematographie des Holocaust, verbunden mit dem Filmmuseum und dem Kommunalen Kino, ein wichtiger Platz der Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit, den Massenmord im Medium Film zu bearbeiten..

Author

Richard Herding

 

"Minima Moralia" GEGEN VERGESSEN UND NEO-
NAZISMUS. EIN PRODUKTIVER STREIT IN DER FRANKFURTER FILMSZENE UND DER ARBEITSGEMEINSCHAFT DOKUMENTARFILM

Neben Berlin, wo die Visual History Foundation/Shoah Foundation Steven Spielbergs ihre deutsche Niederlassung hat, ist Frankfurt durch das Fritz Bauer Institut mit seinem Projekt über Cinematographie des Holocaust, verbunden mit dem Filmmuseum und dem Kommunalen Kino, ein wichtiger Platz der Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit, den Massenmord im Medium Film zu bearbeiten.. 1999 gab es eine Tagung über die Behandlung der Gegenwart des Holocaust (also der Fortwirkung: Aufspüren der Täter, Trauma der Opfer, Sühne-, Rache-, Mahn-Aktionen) im Film der Nachkriegszeit). Sowohl für die einstige west- wie die ostdeutsche Teilrepublik wurde eher Verdrängen & Verleugnen konstatiert als eine offensive Auseinandersetzung ("Unübersehbare Abwesenheit", GRIP Frühjahr/Sommer 2000). Die hessische / Frankfurter Filmszene war durch Esther Schapiras Dokumentarfilm- und Alexander Kluges eher fragmentarisch/rätselhafte Spielfilm-Beispiele wohl durch Ausnahmen bei der Verleugnungstendenz gekennzeichnet. Doch ließ sich nicht sagen: hier, wo Fritz Bauer (und Adorno, Horkheimer, Mitscherlich und und und ...) wirkten, wird im Film nicht verdrängt wie anderswo.

Der Frankfurter Produzent Daniel Zuta verwies in einer impulsiven Zuschrift an GRIP auf sein Filmschaffen, darunter den in Österreich gedrehten und stark beachteten "Hasenjagd" (1994), wofür eine solche Betrachtungsweise blind sei. Schelte für die Intellektuellen, die mit dem Jammern besser zurechtkämen als mit dem Machen. Kurz vor der Frankfurter Filmschau 2000 griffen Filmhaus, Mal sehn-Kino und AGDok diese Kritik auf und veranstalteten zweimal filmisch und intellektuell herausragende Aufklärung im "mal sehn Kino".

 

 

Dramen der Überlebenden

Nach der Begrüßung durch Martin Loew vom Filmhaus und Hannes Karnick von der AGDok brachte der erste Abend Ausschnitte aus den neuen Filmen "...Verzeihung, ich lebe" und "Der Fotograf" (wobei Grausamkeiten wie Filme gestückelt vorzuführen nicht zum "mal sehn"-Standard gehören !). "...Verzeihung ich lebe" ist die erzählte Geschichte der heute in Israel über-lebenden jüdischen Auschwitz-Gefangenen eines kleinen polnischen Städtchens, unterstützt von dem Glücksfall, dass eine umfangreiche Sammlung ihrer alten Fotos gefunden und auf dramatische, mehr-als-rührselige Art genutzt werden konnte. Die alten Leute, oft Ehepaare, berichten über die Jugendzeit im Städtchen, Grauen und Aggression im KZ, makabre Besuche im keineswegs antisemitismus-freien Polen nach dem Ende des Hitlerkriegs, und das Erwachen aus der Stummheit der Shoah in Israel. (Die meisten Filme zu diesem Themenkreis aus der Berlinale 2000 sind im Internet unter "Rezension.net" zu finden, RH/ID) Der Film kann als die Antwort des Fritz Bauer Instituts auf Spielberg betrachtet werden: Zeitgeschichtliche Aufklärung und die rein subjektiven Erinnerungen sind enger verbunden als in dem Riesenwerk der polemisch so genannten "Shoah Business".

"Der Fotograf", übrigens mit Europäischer Filmförderung, ist ebenfalls großteils einem spektakulären Fund zu verdanken: ein Nazi-Funktionär im polnischen Ghetto Lodz ("Litzmannstadt") wollte die neueentwickelte Farbfotografie ausprobieren, zum Ruhme der Nazis die Lebensverhältnisse im Ghetto festhalten, und seine erhaltenen Bilder wurden konfrontiert mit den Erinnerungen. Die braune Lobhudelei, das unausgesetzt für soldatischen Bedarf produzierende "Litzmannstadt" entlaste die Armeen wie eine zusätzliche Division, wurde mit den Erinnerungen der Zwangsarbeitenden konfrontiert. Zur "Idylle" nackter Füße mit Holzpantinen auf dem Straßenpflaster wurden die Informationen über lebensgefährliche Lungenerkrankungen gepackt. Grotesk, makaber die Beschwerden des farbfotografierenden Verwalters über ausbleibende Gehaltserhöhungen unter den Nazis und über die -vergleichsweise schonenden- Angriffe nach dem Ende von Krieg und Naziherrschaft.

 

 

Nur für die "längst Aufgeklärten" ?

Rainer Schneider von der Jury der Evangelischen Filmarbeit leitete die Diskussion mit einem sachverständigen und erfahrenen Kreis: Andrzey Klamt, Autor und Regisseur von "...Verzeihung ich lebe", der Gießener Journalismus-Professor Siegfried Quandt, Andrzej Bodek von "Der Fotograf", Ronny Loewy vom Fritz Bauer Institut, Stefan Brauburger von der Redaktion der Holokaust-Reihe des Zweiten Deutschen Fernsehens, und eben Daniel Zuta, dessen Filmproduktion "Die Hasenjagd" von Andreas Gruber jedoch erst am nächsten Diskussionsabend folgen sollte. Zuta kam schnell zum Kern seiner Kritik: selbst aussagekräftige "archäologische" Filme wie diese beiden würden einfach das Zielpublikum nicht erreichen, sie würden nur funktionieren bei einem Publikum, das bereits ein starkes Problembewusstsein habe und immerfort zu verstärken suche. Quandt, der eine empirische Studie über die Wirkung von Fernsehprogrammen über die Nazizeit und den Holocaust organisiert hatte, bestätigte: Leute über sechzig würden am meisten einschalten, solche unter dreißig am wenigsten. Ein Film des Hessischen Fernsehens über den Volksgerichtshof etwa sei von den Vierzehn- bis Dreißigjährigen fast gar nicht gesehen worden. "Zu wenig Sinn, zu viel Stiftung" - der resignierte Spott über die "Sinnstifter" kam an.

Klamt konterte mit einer Erfahrung, die weniger glatt einzuordnen war: im Berliner Populärbildungs-Palast "Urania" habe er eine Art schulischer Zwangsvorstellung seines Films miterlebt: achthundertfünfzig Schülerinnen und Schüler hätten "...Verzeihung ich lebe" gesehen und anschließend eine Stunde lang der Protagonistin Ada Nojfeld, die eigens aus Israel gekommen war, zugehört. Niemand sei rausgegangen oder habe Desinteresse signalisiert, die Fünfzehn/Sechzehnjährigen hätten die alte Dame über ihre Hassgefühle gegenüber KZ-Aufsehern und SS-Männern befragt, und am Ende: zur Hälfte gepfiffen, zur Hälfte geklatscht. Loewy sah das als Zeichen, dass der Film seine Wirkung verfehlt habe: was ist er noch wert, wenn doch das Original gebraucht wird ? - doch Brauburger machte nachdrücklich klar, dass Unmittelbarkeit durch nichts zu ersetzen ist und ein solcher Film wohl die beste Vorbereitung zur Konfrontation mit dem Schauder des Zeitzeugen aus Fleisch und Blut. Es sei wohl auch mit eine Sondersituation dieser Jahre, dieser Wettlauf mit der Zeit: solange Menschen noch leben, die aus eigener Erfahrung berichten können, Täter wie Opfer, wird mit ihnen gedreht werden. Es entstehen die "Minima Moralia" für später, Diskurs-Bausteine des Verstehens-Versuchs (un-) menschlicher Geschichte.

Zuta stellte sich nachdrücklich gegen das Rituelle, Religiöse dieser Gedenk-Filme. In Israel geboren und hierzulande aufgewachsen, sei ihm von Anfang an die Entschuldigungs-Routine auf die Nerven gegangen, und sein "Ich kann's nicht mehr hören" lasse er mit Martin Walsers Schlusspfiffen biografisch nicht in einen Topf werfen. Ralph Förg vom Filmhaus Frankfurt wies dagegen auf die emotionale Stärke von Filmen hin, die übers Archäologisch-Dokumentarische hinaus Toten ihren Namen und ihre Geschichte wiedergeben, oder die Täter-Topographie des Terrors deutlich machen. Doch die bange Frage, ob der aktuell beklemmend stärkere Antisemitismus heute auch damit zusammenhänge, dass "auf den Leinwänden etwas schief gelaufen" sei, blieb im Raum. Brauburger zitierte Ralph Giordano: wer die ZDF-Reihe gesehen habe, sei gefeit - und warnte zugleich selbst, wir dürften die Möglichkeiten der "Fernseh-Prävention" nicht überschätzen, auch wenn "Holokaust" zur besten Sendezeit lief.

 

 

Dramen der Filmstars

Wenige Tage später: mit "Hasenjagd" -der in Österreich 1994 ein schlagender Erfolg war, auch ohne kultusministeriell organisierte Pflichtbesuche zu zählen- ein großer Spielfilm, in dem eine Bergbauernfamilie sowjetische Kriegsgefangene aufnimmt, die nach einem niedergeschlagenen Aufstand auf der Flucht sind. Die SS verfolgt die Flüchtlinge mit sofortiger Genickschuss-Brutalität, die auch den Beschützern droht. Aber die Mutter, mit "böhmisch-katholischer" Selbstverständlichkeit, lässt sich das ABC der Menschlichkeit aus Tradition und Christentum nicht von den Nazis, Saupreißen doch wohl auch, rauben; und die Familie macht unpathetisch, geschickt und unheroisch mit. Die Tochter und einer der jungen Männer aus der Roten Armee tauschen Blicke, die bei einem Hollywood- Klischee-Film zwangsläufig zu verschärftem Happy End nicht ohne Traualtar geführt hätten, aber bei aller Gefühlsübermacht versackt der Film eben nicht im Kitsch.

Ralph Förg erinnerte in der Diskussions-Einleitung noch an starke Kontroversen, die Zuta mit dem Autor Andreas Gruber hatte: dem Produzenten, der -kein Wunder- an den internationalen Markt dachte, war der Film immer noch zu dokumentarisch. Das traf auch nicht daneben: was in Österreich -denn, ja, dort war der Film so etwas wie der erste Film zur eigenen Vergangenheits-Bewältigung- Erfolg hatte, fand in andern Ländern kaum Publikum. Wem es nicht schandbar vorkommt, über Marketing-Fragen auch bei Holocaust-Filmen zu reden -und den Diskutierenden im "mal sehn" war das täglich Brot-, konnte sich Zutas weitere Erfahrungen zu eigen machen. Dem Produzenten war es mit "Leni" ähnlich gegangen: die entsetzliche Geschichte eines Allgäuer Ziehkindes, das als jüdisch vergast wurde, fand nicht einmal einen Verleih, lief dann aber -zum Teil in Turnhallen !- als Publikumsrenner durch Süddeutschland, doch schon nördlich der Donau war Schluss mit dem Interesse. Oder "Die Atempause" nach Primo Levi: Standing Ovations in Cannes, alle Preise in Italien abgeräumt, und in Deutschland - ein Flop.

 

 

Europas Gefühls-Geschichte

Wie hat "Schindlers Liste" weltweit die Millionen angezogen ? Yankee-Marketing erklärt nur einen Teil, die Entlastung durch einen "deutschen Helden" allenfalls den Triumph in diesem Land. Zuta: der Film hinterlässt nicht "die Leere" (oder auch die Lehre !) "der Betroffenheit". Es komme darauf an, ob man wieder und wieder das Publikum bestätigen wolle, das hier sitze, oder - sagen wir: die "Mitte" der Gesellschaft erreichen wolle. "Archäologische Filme werden keine Veränderung der Grundstruktuuren der politischen Aufklärung bewirken. Diese hohe Kunst überlassen wir Hollywood", so Zutas Kritik, auch teilweise immer noch seine Selbstkritik. Was ihn denn hindere, einen Film von Hollywood-Stärke zu einem solchen Thema zu machen, einen Film, der starke Gefühle entwickelt und kulturelle Hegemonie erreichen kann ? Na ja, viel Geld sei nötig, meint Zuta, auch richtige Stars, viele Elemente. Ach, im übrigen; er habe gerade einen wirklichen Hollywood-Film in Planung, nach einer Vorlage von Per Wahlöö, mit eigener Regieführung ...

Wir dürfen gespannt sein. Vielleicht enthält aber die Erfahrung, dass authentische Gefühle mit dem Regionalen und Besonderen, ja mit "Heimat" zu tun haben und sich gegen das Globale sträuben, heute doch ein Element europäischen Vorsprungs und nicht nur einen Börsencrash gegen Hollywoods Marketing. Jedenfalls waren die beiden Diskussionsabende ein Glanzstück des Streitvermögens der Filmkultur in dieser Stadt und Region.

 

Die Daniel Zuta Filmproduktion ist in der kleinen Nelkenstr. 7 (Hausen), 60488 Frankfurt a.M. angesidelt: Tel. 253735, Fax 239058. Das Projekt "Cinematographie des Holocaust" wird von Ronny Loewy im Fritz Bauer Institut betreut: Rheinstr. 29, 60325 Frankfurt a.M., Tel. 975811-0, Fax -90. Die CD-Rom der deutschen Survivors of the Shoah Visual History Foundation, "Erinnern für Gegenwart und Zukunft. Überlebende des Holocaust berichten", ist 2000 beim Cornelsen Verlag erschienen.

Autor: Richard Herding, ID Berlin
Quelle: © ID Berlin, für: GRIP, Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt
Update: Do., 13.01.2001