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UNÜBERSEHBARE ABWESENHEIT: DER HOLOCAUST IM NACHKRIEGSFILM DER BEIDEN DEUTSCHLANDS

Vom 30. August 2000. Autor Richard Herding

 

Bild-Macht

 

„Du sollst dir kein Bild machen ...“ Das biblische Verbot wurde gleich zu Beginn in Frage gestellt - nämlich das Bild der Vernichtung betreffend. Salomon Korn, Vorsitzender der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, eröffnete die Jahrestagung des Fritz-Bauer-Instituts Ende 1999 zur „Cinematographie des Holocaust“ mit der nachdrücklichen Forderung, den „bildmächtigen Spielfilm“ einzusetzen, um das Gedächtnis an den Massenmord lebendig zu halten und den Horror aufzuklären, der fortwirkt.

 

Den Holocaust nicht anzusprechen, dahin führen einfach durchschaubare Wege und quälende Umwege. Der frühe deutsche Nachkriegsfilm sah meist nichts zu bewältigen: da stand eben Goebbels gegen die anständige Deutschen-Mehrheit. Dann kam die gefühlvolle Fernsehserie „Holocaust“ und mit „Schindlers Liste“ die ganze Macht des Hollywood-Films. Als Gegenposition Claude Lanzmanns „Shoah“, Schwerarbeit filmischer Erinnerung. In der Zukunft dient das Internet als Transportmittel, von der Soap bis zum Dokumentarfilm, betonte Korn.

 

Dieter Bartetzko, Tim Gallwitz, Claudia Dillmann vom Deutschen Filminstitut (DIF), Ronny Loewy vom großen Datenbank-Projekt „Cinematographie des Holocaust“ beim Fritz-Bauer-Institut, Hans-Michael Bock, Elke Schieber , Esther Schapira, Thomas Elsaesser und Stefan Reinecke führten durch die Filmgeschichte des Holocaust in West- und Ostdeutschland - eine Geschichte des Ver- und Abdrängens, der Fehldeutung und der „Freudschen Richtigleistung“. Das bleibt „normal“, sofern sich nicht jemand bewusst dagegen hält, wie eben die Dokumentationsabteilung beim Hessischen Fernsehen: wir lassen Ernst Klee die Euthanasie darstellen, wir setzen uns mit der Dresdner Bank und „ihren“ ZwangsarbeiterInnen auseinander - so in der Dokumentation „Das braune Band der Sympathie“.

 

 

 

Ans-Licht-Bringen

 

Am schwierigsten all das bei Alexander Kluge. Die Toten von Stalingrad kommen bei ihm vor, nicht die von Auschwitz - die Jüdin in „Abschied von gestern“ macht mehr die Abwesenheit des Themas sichtbar: nur zu Anfang scheint es direkt auf, als sie dem Gericht mitteilt, dass sie als Kind ins Konzentrationslager deportiert worden war. Sonst können wir Kluges Filme als mehrfach sich überlagernde Aussageschichten deuten, Kluge als „Meister des Mimikry“ verstehen und Andeutungen entdecken, von dem rastlosen Tätigkeitsdrang in „Abschied von gestern“ bis zur bestimmenden Rolle der Gewalt in der „Produktionsöffentlichkeit“. Aber Elsaessers Kluge-Deutung setzte sich der Kritik aus, zu verleugnen, dass der Holocaust so weit ausgespart oder metaphorisch verkleidet wird. Faßbinder und Syberberg bieten Entgleisungen - antisemitisch interpretierbare Figuren, faschistoide Ästhetik. Bei Reitz, Schlöndorff, Wenders und Herzog sind die Nazis Thema, aber nicht die Judenverfolgung. Im „Neuen Deutschen Film“ finden sich vom Holocaust allenfalls Spuren.

 

Dabei ist das „mächtige Bild“ nicht unmöglich; die wenigen jüngeren Beispiele nähern sich dem Holocaus mittels Verfremdung, Satire, indirekt. In „Zeugin aus der Hölle“ von Zika Mitrovic (1965-67) kämpft die Hauptperson darum, gerade nicht aussagen zu müssen und -wie eben im Auschwitz-Prozess- die Hölle ein zweites Mal zu erleben. In „Bronsteins Kinder“ von Jerzy Kawalerowicz (1990/91) nach Jurek Becker nehmen einstige KZ-Gefangene ihren damaligen Wächter in einer DDR-Datscha gefangen. In „Abrahams Gold“ von Jörg Graser (1989) entdeckt einer seine jüdische Identität wieder, nachdem er sich vergrabenes jüdisches Eigentum als Komplize eines Nazi-Schergen angeeignet hatte.

 

1945 bis 1951 allerdings war eine größere Zahl von Filmen zum Thema entstanden, voran „Der Ruf“ von Fritz Kortner. In der DDR gab es respektable Versuche, die meisten wurden aber durch die Ideologie von der Rassenfrage als „Nebenwiderspruch“ aus der Realität abgedrängt: etwa „Rat der Götter“ über die IG Farben.

 

Der „bessere Schindler-Film“ sei noch zu drehen, schlug Ronny Loewy vor. Die aufreibenden Versuche Schindlers, lange Zeit auch mit der Adresse „Am Hauptbahnhof 4, Apt. 63, Frankfurt am Main“, seine Erlebnisse zu einem Drehbuch zu machen, das ihm finanziell aus der Not helfen sollte und seiner Mitsprache nicht völlig entzogen wäre, schilderte Claudia Keller (Stuttgarter Zeitung). Die Vermarktungs-Logik des großen Medien-Business müsste da einbezogen werden.

 

Neu-Bearbeiten

 

So steht das „Bilder-Gebot“ zur Judenvernichtung für das künftige Enthüllen der Verdrängung im Vordergrund: Die Trivialisierungsformen des Holocaust, so Ronny Loewy, gehören ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Dass das Thema nicht „Hollywood überlassen werden dürfe“, sondern in den deutschen oder europäischen Film gehöre (Edgar Reitz), ist nur möglich, wenn die Verdrängungs-Mechanismen mit hineingenommen werden. Gerade auch für die Rezeption in einer multikulturell veränderten deutschen Gesellschaft (Ingrid Apel). Der regionale Aspekt -Holocaust im Frankfurter und hessischen Film, etwa verglichen mit München, Köln, Hamburg, Berlin-, wäre wichtig: gerade hat Kulturdezernent Nordhoff, der die Tagung „Cinematographie des Holocaust“ im Rathaus empfing, Frankfurt zur Nazi-Zeit als Gegenstand kommunalen Interesses hervorgehoben (Veranstaltung dazu am 28./29.März). Schließlich ist die visuelle Geschichte des Holocaust in Zeitzeugenberichten nicht allein Sache von Spielbergs Mega-Projekt, das sich gegen den Vorwurf der „Shoah Business“ wehrt, sondern auch von kleineren, vielleicht „basis“-näheren und historisch solideren Initiativen, die alle Beachtung von FilmemacherInnen verdienen.

 

Sich ein Bild zu machen vom fortlebenden Schreckens-Ereignis unserer Geschichte, bedeutet: bei diesen Problemen die Verdrängung zu unter-graben.

Update: Do., 31.08.2000