SINTI & ROMA IN DER MEDIEN-ÖFFENTLICHKEIT

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Die große Welle von Antiziganismus, von Sinti- und Roma-Feindlichkeit, die Anfang der 90er Jahre nach der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" zwischen Ost und West zu verzeichnen war - Stichworte Rostock, Bremen-Ostertor !, Frankfurt am Main/MultiKulti !, IG Medien !- hatte ihre Ursache in der sogenannten "Überforderung" durch die osteuropäische Einwanderung.

Author

Richard Herding

 
Die große Welle von Antiziganismus, von Sinti- und Roma-Feindlichkeit, die Anfang der 90er Jahre nach der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" zwischen Ost und West zu verzeichnen war - Stichworte Rostock, Bremen-Ostertor !, Frankfurt am Main/MultiKulti !, IG Medien !- hatte ihre Ursache in der sogenannten "Überforderung" durch die osteuropäische Einwanderung.

Auch die multikulturell vorbereiteten und eingestellten Milieus fühlten sich durch die osteuropäischen Roma-Flüchtlinge überfordert. Da kamen Menschen, die nicht auf die große Nähe der in Deutschland lebenden Sinti und Roma zur dominanten Kultur, inclusive Staatsbürgerschaft (und Eisernes Kreuz in diversen Weltkriegen, wie aus von Romani Rose herausgegebenen Publikationen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitiert wird, und ich weigere mich das simpel verächtlich zu machen, genau wie bei den jüdischen Pendants) und eklatant gestört hauptsächlich durch die im Genozid gipfelnde Diskriminierung, verweisen konnten. Grö&ere Nähe zum tradierten Roma-Brauchtum, zur elendsbedingten Kriminalität, auch zu opportunistischen Verhaltensweisen, wie sie in der sozialdemokratischen Tradition dem "Sub"proletariat im Gegensatz zur Arbeiterklasse zugeschrieben wurden, machten ihr besonderes Bild in der Öffentlichkeit aus. Der "Rassismus der Mitte" war schnell zur Stelle, aber auch Liberale und Linke fühlten sich "überfordert"; zu jüdischen Organisationen gab es zumindest den Anschein der Rivalität. Unterschiedliche Organisationen, einerseits der "Zentralrat der Sinti und Roma" in Heidelberg, andererseits die "Rom + Cinti Union" in Hamburg, machten den Dualismus nach aussen sichtbar. Das Dilemma wiederholte sich vielfach auf Landes- oder Gemeinde-Ebene. Mitte und Ende der 1990er Jahre gab es immerhin die Anerkennung des Deutschen Romanes als Minderheitssprache auf europäischer Ebene und die Anerkennung des Gedenktags der Sinti und Roma als Opfer des Nazi-Massenmordes. Es gab das Versprechen eines Mahnmals in Berlin, und eine gewisse Konsolidierung der Entschädigungsansprüche. Seither hat sich jedoch die Situation insbesondere der Roma im früheren Jugoslawien und in den von dort aufgesuchten Fluchtländern eher wieder verschlechtert: - Im Bosnienkrieg gab es Hilferufe für die dortigen Roma, aber keine organisierte Unterstützung oder politische Stimme für sie; - In kleinen Nachbarschaftskonflikten in deutschen Städten wiederholten sich die altbekannten Klagen und Verständnisschwierigkeiten wegen der angeblich sozial unfähigen Roma, die zu laut, zu dreckig und ohne Respekt für Eigentum und Behördenformulare seien; - Im Kosovo-Krieg gab es auch für überdurchschnittlich interessierten MediennutzerInnen keine "Stimme der Roma" zu entdecken. Von serbischer Seite als Kombattanten, von kosovo-albanischer als Verräter gekennzeichnet, fehlte eine mit Stolz und Selbstbewusstsein vorgetragene eigene Position. So verdienstvoll die Rom + Cinti Union in Hamburg war - mit ihrer Website-Berichterstattung brachte und bringt sie eine gewisse dokumentarische Aufmerksamkeit für die Massaker und Vertreibungsaktionen gegen Roma, aber das grundsätzliche Problem spricht sie nicht wirklich an: Waren die Roma auf der Seite der ethnisch Unterdrückten zu finden oder auf Seiten der "ethnischen Säuberer", und wenn das zweite zutrifft, warum ? - Der Mahnmal-Streit nach der Anerkennung des jüdischen Holocaust-Stelenfeldes von Eizenstat bringt die Sinti und Roma, wie übrigens auch die Schwulen & Lesben, die Behinderten und andere, in eine unverdiente "Ferner liefen"-Position politischer und juristisch-ökonomischer (nämlich auf Entschädigungsansprüche bezogenen) Konkurrenz. Was tun ? Wenn es etwas daran ist, dass sich die Haupt-Leistung der regionalen (um einmal mit dieser Ebene anzufangen) bremischen Berichterstattung zum Thema Sinti und Roma in den letzten paar Jahren auf eine Vortrags- und Diskussionsreihe über Sinti & Roma an der Bremer Universität bezog, dann kann die Folgerung nur sein: die geringe Aufmerksamkeit hat in der zynischen Realität medialer Öffentlichkeit ja auch ihr Gutes, nämlich aktuell weniger Gewalttaten und spektakuläre Vertreibungen gegen Sinti und Roma. Also ist die Zeit der Prävention: verhindern dass es hier in Deutschland wieder soweit kommt wie vor zehn Jahren ! Gerufen ist die wissenschaftliche, die publizistische, die kulturelle und die BürgerInnen (NGO-) Öffentlichkeit. Die Verfolgung und den Massenmord unter den Nazis, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, aktuell erneut und auch im Vergleich mit anderen zum Thema machen (jüngstes gelungenes Beispiel die Filmfantasie über die Flucht polnischer Jüdinnen und Juden nach Palästina in einem geklauten Zug, der auch auf Roma mit derselben Idee trifft ...). Und die Sklavereigeschichte als besonderes Identifikationsmoment der osteuropäischen Roma, bis hin zum wohl kaum böswilligen, nur eben ignoranten Verschweigen in der verdienstvollen offiziellen Sklavereigeschichte des Mittelalters, wozu Simone Wiepking (Heimannsberg) mehr sagen kann, ihrer Bedeutung entsprechend ganz besonders stark herausheben. Vielleicht in Partnerschaften mit Tschechien, Rumänien, Bulgarien, dem Kosovo u.a. den Vergleich des Umgangs mit Sinti und Roma organisieren. Neu diskutieren -gerade auch im Gedenken an den mit Recht umstrittenen, mit Recht anerkennenswerten, vor kurzem frühverstorbenen Joachim S. Hohmann-, was Meinungs- und Gedankenfreiheit des privilegierten "Kultur-Personals" im Umgang mit den disprivilegierten Sinti und Roma heute hei&en kann. Die vom ID Bremen begonnen Themen sind in diesem Sinn der Prävention heute mindestens ebenso, vielleicht noch mehr am Platz als vor fünf Jahren. Warten wir nicht auf das Rampenlicht, versuchen wir mit unseren Kräften antiziganistische Gewalt hierzulande -im Kosovo und anderswo in Osteuropa ist sie ja an der Tagesordnung- soweit es geht zu verhindern.
 
* Autor: Richard Herding ID Berlin
Quelle: © ID Berlin
Update: Do., 13.03.2001
 
Mehr dazu in dem Buch "Sinti und Roma in Deutschland" vom Bremer ID, erschienen im Verlag Peter Lang 1995, hier das Einleitungskapitel: Weltweite Nation und nationale Minderheit: Sinti und Roma als Probe auf die innere und äußere Verträglichkeit des vereinigten Deutschland.