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für kritische Medienpraxis


BÜRGERiNNEN – BEWEGUNGEN, -INITIATIVEN

Zum Gedenken an Egon Bahr, gestorben 2015

Verfasst von Richard Herding am 3. September 2015.

ZUM GEDENKEN AN EGON BAHR, gestorben 2015
 
Aus dem Beitrag im "Arbeitskreis Geschichte sozialer Bewegungen von unten: Ost und West" zum Jahrestag des 17. Juni 1953 im Jahr 2003
(Richard Herding -Mitarbeit: Konstanze Buhr, später Kotowenko-, Informationsdienst: für kritische Medienpraxis; redaktionell gelegentlich verändert)
 
Am deutlichsten Egon Bahr im RIAS am 18. Juni abends: es sei „unsagbar schwer“ gewesen, die „fast flehentlich erbetene“ direkte Hilfe verweigern zu müssen. „Es wäre ein Kleines gewesen, durch einen flammenden Aufruf Westberlin auf die Beine zu bringen, wer hätte sich versagt ? Es ist historisch, dass dies nicht geschah“ (Heym, S. 362, Hervorhebung von R.H.). Eben der Egon Bahr, der zwanzig Jahre später die Brandt’sche Entspannungspolitik organisierte. Klar, Berichte über die Streiks gab es über RIAS und NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk) zu hören. Der RIAS war der meistgehörte Sender in der DDR. Aber gab es die massiven Aufforderungen, Appelle, Einmischungen ? Die Bauarbeiterdelegation, die am 16. Juni den RIAS besuchte, entschuldigte sich gleichsam: hätten Grotewohl und Ulbricht mit ihnen gesprochen (anstatt sich zu verstecken), so wären sie nicht gekommen. Ihre Forderungen sind die gewerkschaftlichen, dazu noch 1 Punkt: freie und geheime Wahlen.
 
Der West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzende Scharnowski betonte den Ratschlag, die Streikenden sollten “überall Strausberger Plätze aufsuchen“ – also eben nicht zentral - und eine „disziplinierte“ Bewegung zustandebringen. Die Akten aus Volkspolizei, Staatssicherheitsdienst und Innenministerium dokumentieren ein krasses Missverhältnis zwischen dick aufgetragenen Behauptungen von provokativer Hetzpropaganda und Beweisversuchen, die entweder keine Aufforderungs-Tatbestände enthalten oder von späterer Zeit stammen. Sie stützen damit die These Manfred Rexins (Radio-Reminiszenzen, Berlin 2002, mit Erinnerungen von 38 ehemaligen RIAS-Mitarbeitern; s. auch Herbert Kundler, RIAS Berlin –Eine Radio-Station in einer geteilten Stadt, Berlin 2. Aufl. 2002; vgl. Helmut Trotnows Rezension im TAGESSPIEGEL, 3. Aug. 2002):
 
„Die DDR-Behauptung,der Sender hätte die Rebellion durch seine Berichterstattung erst ausgelöst, ist absolut unhaltbar. Als deutlich wurde, wie ernst es die Arbeiter mit ihren Demonstrationen gegen das DDR-Regime meinten, begab sich der amerikanische Leiter des RIAS, Gordon Ewing, in den Kontrollraum des Studios und bat die Journalisten, in ihrer Berichterstattung die ostdeutschen Zuschauer folgendermaßen anzusprechen: ‚Versucht nicht, gegen die Russen mit bloßen Fäusten zu kämpfen, provoziert nicht die russischen Truppen, verliert nicht die Nerven‘“. Eberhard Schütz im RIAS am 16. Juni abends: „Jeder einzelne muss für sich selbst wissen, ob die Umstände es erlauben, den Widerstandswillen auszudrücken, ... wissen, wie weit er gehen kann“ – nicht unbedingt Antreibertöne (Heym, S. 263).
 
Ähnlich sei es bei der Maueröffnung 1989 gewesen, der RIAS habe eher zu spät, gleichsam zu vorsichtig, berichtet. [Hakenkreuz-Schmierereien gab es tatsächlich, aber vereinzelt, entsprechend dem vermutlichen Nazi-Anteil in der Bevölkerung, nicht massenhaft.] [Zum RIAS gab es kein „östliches Gegengewicht“. Die „Tägliche Rundschau“, deutschsprachige Zeitung der sowjetischen Truppen, galt eher als „verhasst“ laut Polizei / Staatsschutz-Berichten. Nicht von vornherein selbstverständlich.] Von einer Medien-Manipulation, die ins Fernsehzeitalter gepasst hätte, wird auch berichtet: die weiße Fahne an der Polizeistation im Columbus-Haus am Potsdamer Platz, dieses symbolträchtige Textil sei von Fotografen hingehängt worden und nicht von Aufständischen, heißt es. Selbstverständlich macht sich eine Bastion der Staatsgewalt mit Kapitulationsfahne gut als Bild, aber es ist nicht von weiteren solchen Fällen die Rede – noch ein weiter Weg zu dem französischen Philosophen Jean Baudrillard, der im Golfkrieg 1991 behauptete, die (Fernseh-)Bilder seien zum Realitäts-Ersatz geworden.
 
Die politische Logik in beiden Situationen war selbstverständlich das Gleichgewicht der Blöcke, also die Rücksicht auf die „hohe“ Politik, deren Spiel ein regierungs-abhängiger Sender nun gerade nicht von der „Straße“ stören lassen wollte, ohne allerhöchste Rückendeckung eingeholt zu haben. Wenn Stefan Heym am Anfang seines Buches den westdeutschen Minister für „innerdeutsche“ (später: „gesamtdeutsche“) Fragen zitiert, der „Tag X“ –so war der ursprünglich vorgesehene, dann aber fallengelassene Titel von Heyms Buch- könne rascher kommen als Skeptiker zu hoffen wagten, und ein Generalstabsplan sei „so gut wie fertig“, fällt es schwer, dies auf etwas anderes zu beziehen als auf die Wiedervereinigungs-Vorschläge Stalins. Bei diesen mussten aktiv gesamtdeutsch orientierte Politiker wie Kaiser den konservativen Hardlinern in Bonn am Rhein, die insgeheim froh waren über die Trennung von „Sachsen, Preußen, Atheisten, Protestanten“, sogar eine ernsthafte Prüfung noch mühsam abringen. Heym (S. 128, Neuer Vorwärts ) zitiert auch in seinem tagebuchartig aufgebauten Roman am 15. Juni eine Nachricht des „Neuen Vorwärts“, wonach das Ostbüro der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands eine „besondere Rolle“ im „Widerstandskampf spielen sollte – nur, das Schriftstück ist vom 23. Sept. 1952 ! Und in der aktuellen Berichterstattung vom Aufstand tauchte das Ostbüro nicht auf. Immerhin gelang es an einigen Stellen außerhalb von Berlin, den Stadtfunk zu besetzen und für die Sache der Demonstrationen zu benutzen, so in Görlitz. In den Buna-Werken benutzte die Streikleitung das Werks-Radio. Das Initiativ-Komitee in Halle schaffte es um ein Haar, die Ost-CDU-Zeitung „Neuer Weg“ zu besetzen und dort Flugblätter für die Bevölkerung drucken zu lassen – aber die SED-Betriebsgruppe, die erst zugestimmt hatte, sagte während der Arbeit am Textentwurf dem Staatssicherheitsdienst Bescheid, und so blieb es bei dem einzigartigen Aufstand ohne (massenhafte) Flugblätter. Der Zorn über die autoritäre Bevormundung, durch Störsender den West-Radio-Empfang zu erschweren, brach durch: „Wir wollen nicht den Lügensender der DDR. Ein Trupp Freiheitskämpfer“ - von dieser Parole musste die Volkspolizei aus Merseburg, wo ein Störsender geschaltet war, berichten (ohne Ort und .Datum, wie alle Berichte über die Zeit 17. bis 22. Juni; vermutlich Buna/Leuna/Bitterfeld/Eisleben/Halle 23.6.53, Domaschk-Archiv). (Hingewiesen sei noch auf „Bild- und Tondokumente zur Geschichte der DDR“ von der Kulturinitiative 89 / Gesellschaft für demokratische Kultur: „Wer zog die Drähte ? Der Juni-Putsch 1953 und seine Hintergründe, 18. 1.92 im Filmclub Rückblende, Berlin.)
 
Unmittelbare Öffentlichkeit; mit Lob des Fahrrads
 
Aber die ganz überwiegend herausragenden technischen „Medien“ des Aufstands waren – Schuhsohlen und Fahrräder: zig Kilometer wurde in und um Berlin, noch mehr in der sogenannten DDR-„Provinz“ herumgelaufen und herumgeradelt, um den Belegschaften anderer Betriebe mündlich-persönlich Bescheid zu sagen; nicht zu vergessen auch die „Interzonen-Reisenden“: denn Telefon gab es ja noch sehr wenig (über zwei Telefone gar verfügt der höhere Funktionärsgenosse (bei Heym, S. 128) , außerdem stand Überwachung gerade bei Ferngesprächen zu erwarten (Brecht fragte ja lyrisch, ob die Partei „in einem Haus mit Telephonen“ sei ?), ganz zu schweigen von Telefonaten zwischen West und Ost. „Ich setz mich aufs Fahrad und hol sie zurück“, sagt Heyms zwiespältiger Held, nachdem der Ausnahmezustand vom sowjetischen Generalmajor Dibrowa verkündet wurde (S. 332 f.), schnappt sich irgendein klapperndes Rad, fährt durch die Innenstadt und schimpft gleich darauf, wie jemand sein Rad derart verkommen lassen kann. Wie eine kabarettistische Antwort darauf wirkt es, wenn ein Volkspolizei-Bericht meldet, am darauffolgenden Wochenende an einem Badesee „27 West(!)räder“ beschlagnahmt zu haben. (Auch zu erwähnen: die Dampfer-Fahrt der BauarbeiterInnen am 13. Juni.) Wenn das die „Drahtzieherei“ war ... !
 
Und ähnlich der Entzug der Schankkonzession für die „Gastwirtschaft zum Adler“ in Camburg durch die Volkspolizei Jena, weil dort am Abend des 17. Juni eine „Siegesfeier der konterrevolutionären Elemente Camburgs“ stattgefunden habe. Also: Schuhe und Fahrrad, Café und Kneipe – die nichtindustralisierte Öffentlichkeit par excellence. Von der Greifswalder Straße, wo heute das Haus der Demokratie und Menschenrechte im Dreieck Mitte–Prenzlauer Berg–Friedrichshain steht, wird gemeldet: „Eilig geschriebene Zettel wandern von Hand zu Hand“, nicht ohne eine kleine Kneipe zu erwähnen (Der Aufstand im Juni, zuerst Sept. / Okt. 1953, Berlin 1954) (Zwischenbemerkung: Beobachtungen dieser Art sollen keine Idealisierung und Idyllisierung des Aufstands bewirken, gar noch kombiniert mit westdeutscher Arroganz derer, die schon mal hochtönende Spaß-Aufstände geschafft haben. Dutzende von Todesopfern, Tausende von Gefangenen, unbekannte Zahlen von Traumatisierten, von zerstörten Biographien sind nicht nur nicht kleinzureden, sondern der zum „nationalen“ Feiertag ritualisierte Aufstand ist noch nicht genügend bewußt, bekannt –auch im Detail- und als vorbildlich anerkannt.  Während oder vor dem Aufstand von 1953 ist keine Außen-Steuerung belegt, da ist von kreide-beschriebenen Blechen, von Tansparenten (für die das Material knapp war, also: vorne die offizielle Parole vom Ersten Mai, hinten die Kampfparole gegen die Normerhöhungen), von handschriftlich angefertigten Flugblättern die Rede.
 
Liebevoll beschreibt Stefan Heym den Anschlag am Schwarzen Brett des Betriebs: „Das ist kein Sozialismus, das ist Blutsaugerei !“, unterzeichnet vom „Aktionsausschuss der Sozialisten“, als „säuberlich mit Tusche geschrieben“ (Fünf Tage im Juni, München u.a. 1974, S. 85). Und kein Kabarett hätte sich eine schönere Nachrichtenformulierung ausdenken können als die ultimative Verknüpfung von Medienarbeit bar aller technischer Mittel mit dem ohnmächtigen Zorn nach dem niedergeschlagenen Aufstands-Zorn, wie sie der Staatsschutz-Bericht aus dem Bezirk Schwerin, wohlgemerkt aus bäuerlichem Milieu, vermerkt:„Ein Filmvorführer zerstörte eine Schädlingsbekämpfungsmaschine“ (Ministerium des Innern, 14. Juli 1954; Matthias-Domaschk-Archiv, Berlin)
 
Technisch geplante Öffentlichkeit nach der Erfahrung des 17. Juni 1953 
 
Die Mustervorstellung eines spontanen ArbeiterInnen- und Volksaufstands –der, wenn auch nicht mit dem Erringen der Staatsmacht, so doch langfristig in Konzessionen, vor allem materieller Art, und lange 36 Jahre später in der Bürgerrechtsbewegung mit einem, summarisch gesehen, demokratischen Umsturz und mit Neugründung endete- wollte nicht so recht in die Köpfe hinein, weder im Osten noch im Westen. (Zwischenbemerkung: die Rolle der Frauen ist angesichts des hohen Anteils von Berufstätigen auch bereits in der damaligen DDR im Juni-Aufstand bedeutend, stark, unübersehbar. Dass von speziellen Frauen-Themen oder Frauen-Versammlungen wenig bekannt ist, steht dem nicht entgegen; es ging ja um einheitliche Klassen-Forderungen, sowohl ökonomisch und sozial wie politisch. Die Neu-HerausgeberInnen Benno Sarels im Jahr 1991 („La classe ouvrière en Allemagne occidentale“ deutsch „Arbeiter gegen den ‚Kommunismus’: Zur Geschichte des proletarischen Widerstands in der DDR (1945-1958)“, 1958, deutsch 1975 (!)) kritisierten den Autor, dass er Frauen, Jugendliche, Ungelernte vernachlässige. Was sie jedoch als besondere Avantgarde-Leistung der Frauen hervorheben, fand nicht im Rahmen des Aufstands statt, es war vielmehr die Scheidungsrate: etwa in Marzahn bis zu 95 %. – Wir benutzen auch gelegentlich als sprachliche Ausdrucksweise die allgemein-männliche Form, die bei DDR-Frauen vielfach eigene Leistung und Anerkennung, nicht Minderbewertung oder Ausschließung demonstrierte. [Westberlin als Unruhestifter“in“ auf der WebSite der Bundeszentrale für Politische Bildung, gesehen am 20. Jan. 2003 !])
 
Martin Jänicke erwähnt (in „DER DRITTE WEG –Die antistalinistische Opposition gegen Ulbricht seit 1952, Köln 1964), dass die wegen ihrer Teilnahme gemaßregelten SED-Mitglieder zu einem erheblichen Anteil GenossInnen aus der Kommunistischen Partei Deutschlands vor der SED-Gründung waren, davon wiederum ein Drittel bereits vor 1933. Sie hatten also die planmäßige Revolution im Sinn, wie sie Lenin wiederum lange 36 Jahre vorher enthusiastisch als „KUNST“ beschrieben hatte, im Sinn –wobei eben nicht, wie bei Joseph Beuys, jeder Mensch ein Künstler war, sondern in erster Linie die Avantgarde, die führenden Revolutionäre (Illustrierte Geschichte der russischen Revolution, Berlin 1928). Aber auch ihre Lehren erwiesen sich überwiegend als Erinnerungen, gerade auch im Hinblick auf die Öffentlichkeit und die Medien. In einem der Berichte aus den Großstädten der sogenannten Provinz hieß es dann, ach ja, man hätte fast vergessen, was eigentlich als erstes zu tun gewesen wäre: die Telefonzentrale, das Telegrafenamt und den Rundfunk zu besetzen ! Es unterblieb einfach.
 
Genauso die West-Parallele. Dass die Streiks von der Ulbricht-Regierung anfangs als taktische Konzession, als demokratische Finte gedacht gewesen seien, hatte kein geringeres Blatt als Augsteins SPIEGEL im nachhinein zu belegen versucht – aber Fehlanzeige, es stimmte nicht. Das wiederholte sich 1989, als es nach Aufdeckung diverser Tätigkeiten von Widerstands-Literaten der Eindruck entstand, „als sei die ganze oppositionelle Literatur vom Prenzlauer Berg bloß eine Inszenierung der Staatssicherheit gewesen...Die DDR erschien als perfekte Diktatur, in der sogar die Ansätze von Widerstand als Teil des totalen Machtspiels zu betrachten waren“ (s. Jörg Magenau, Christa Wolf –Eine Biographie-, Berlin 2002; Vorabdruck aus TAGESSPIEGEL 17. März 2002).  Wenn es den Versuch der Außensteuerung durch westliche „Stellvertreter“-Medien gab, so in der Zeit nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953, besonders ein Jahr später, zum 17. Juni 1954. Da berichten Volkspolizisten von aufgefundenen Flugblättern, etwa auch per Ballon in Polen abgeworfen –auch in russischer Sprache-, die offenbar für die DDR bestimmt waren. Auch die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ und der „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen“ werden erst dann, nicht aber am 16.-19. Juni 1953 als Quellen solcher Medien genannt.
 
Höhepunkt selbstverständlich 2002, als im mittlerweile gesamtdeutschen Westen „50 Jahre Fernsehen“ gefeiert wurde. „Der 17. Juni 1953: Katastrophe für Deutschland – Triumph für den 16 mm-Film“, diesen Titel gab es wirklich (NWDR-Rolle, im Norddeutschen Rundfunk –Fernsehen-, Nacht vom 21. auf 22. Dez. 2002; ganz in militärischer Stimmung hieß es auch: das NWDR-Team „nimmt Deckung“ in der S-Bahn-Station). Direktere Ereignis-Aufnahmen hatte das West-Fernsehen in seinen Anfängen nicht zu bieten gehabt, mit 16 mm würde das in Zukunft besser gehen, und es war der Aufstand, der die Verantwortlichen von dieser technischen Umstellung überzeugte. Ebenfalls Fehlanzeige: Sicher hatte das West-Fernsehen als westliches „Schlaraffen-Medium“ an der zugrundeliegenden Stimmung für 1989 einen wesentlichen Anteil, aber für eine andere Aktivität: fürs Abhauen (dem die Bürgerrechtsbewegung vehement widersprach), und eben nicht fürs Aufstehen. Und die östliche Fortschritts-Perspektive nach dem Aufstand: Lochkartenstreifen müssen her ! (Bericht 17.-22.6.53 des Ministeriums des Innern über die Volkspolizei incl. VP-See und VP-Luft bei der „Niederschlagung der faschistischen Provokationen“ / Nachrichtenverwaltung, Domaschk-Archiv) – in anderen Worten: die Geburt des Computers aus dem Geist der Kontrolle.
 
Literarische Verarbeitung im biographischen Widerspruch 
 
Die historische Verarbeitung des 17. Juni 1953 wurde mit langer, langer Verzögerung und gegen harter Behinderung immerhin noch in der DDR – aber ebenfalls als „Öffentlichkeit von Anwesenden“ durchgesetzt. Aus dem Roman, der damals noch „Der Tag X“ heißen sollte und schließlich, viel später und mehrfach umgeschrieben, 1974 als „Fünf Tage im Juni“ im Westen herauskommen sollte, hatte Stefan Heym fünf Jahre nach dem Abschluss des Manuskripts, nämlich 1965, in seiner Geburtsstadt Chemnitz=Karl-Marx-Stadt=(wieder)Chemnitz gelesen; das regionale SED-Blatt „Freie Presse“ meldete immerhin, das bisher unveröffentlichte Buchmanuskript (warum unveröffentlicht, wurde nicht gesagt) spiegle die Ereignisse um den 17. Juni 1953 wider, während die FDGB-Zeitung „Tribüne“ (Berlin / DDR) über den Inhalt gar nichts verlautbarte, nur die anschließende Diskussion „interessant“ zu nennen wusste. (Westfälische Rundschau, Dortmund, 23. Febr. 1965) Nehmen wir an, es war die zweite Version, in der das kurzsichtige Volk seinen Staat an den Kapitalismus auszuliefern droht, und in dem „faschistische Provokationen“ vorkommen – nicht die erste und die dritte, endgültige, wo der Aufstand das eigene Produkt, der eigene Widerspruch, der DDR-Arbeiter ist. Auch hier: Zwanzig Jahre für ein Buch, ungezählte Regalmeter Material in Heyms Hinterlassenschaft im englischen Cambridge, ungemessene handwerklich-nichttechnische Mühe für dieses eine Fenster der Öffentlichkeit.
 
Statt Zusammenfassung: Wie der 17. Juni „in unserem Leben“ auftauchte 
 
Konni Buhr: Schulunterricht in Thüringen, zur DDR-Zeit: „diese Provokationen da ...
 
„Hier ist so ziemlich mein gesamtes Wissen zum Thema 17. Juni 1953. Natürlich muss man auch alles im Zusammenhang mit Parteitag und erstem Fünfjahresplan sehen, aber ich habe das Gefühl, das will keiner mehr wissen. 17. Juni 1953 – das sind 17 Jahre vor meiner Geburt. Da ich in einem unpolitischen Umfeld aufgewachsen bin -so unpolitisch eine Lehrerfamilie in der DDR sein konnte- habe ich wohl das erste Mal im Geschichtsunterricht von den damaligen Ereignissen gehört. Ich habe nur wenige Erinnerungen an das, was ich darüber gelernt habe, deshalb habe ich mich mit einer Geschichtslehrerin in Verbindung gesetzt, um mein Wissen aufzufrischen. Im damaligen Lehrplan (1986) war EINE Unterrichtsstunde in der 10. Klasse für den 17. Juni vorgesehen. Ich bin erstaunt, dass trotzdem die Botschaft dieser Stunde bei mir hängen geblieben ist: am 17. Juni 1953 wurde mit Hilfe der Roten Armee und der kasernierten (?) Volkspolizei ein konterrevolutionärer Aufstand in Berlin niedergeschlagen. Und das kam so: imperialistische Kräfte, die daran interessiert waren, die Errungenschaften des Sozialismus zu zerstören, haben die Arbeiter aufgehetzt. Das damalige Motto hieß: So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben ! Die Arbeiter jedoch gingen mit der Forderung auf die Straße „Erst fressen- dann arbeiten!“ Das geht so natürlich nicht, deshalb wurden dank der oben erwähnten Roten Armee und der Volkspolizei die Anführer verhaftet und der Aufstand (nach meiner Erinnerung unblutig) niedergeschlagen. - Ich nehme mal an, dass wir nach der Vermittlung der Fakten noch ein wenig darüber gesprochen haben, wie undialektisch die Forderung der Arbeiter war, und dann hat es geklingelt und wir sind zur Pause gegangen.
 
Richard Herding: Schulweg in der idyllischen Universitätsstadt Tübingen am Neckar, Bundesrepublik, französische Zone: „das machen die nur ….
 
„Ich erinnere mich, dass ich am Morgen des 17. Juni die Treppe herunterkam, auf dem Weg zur Schule. Das „Schwäbische Tagblatt“ lag auf der Stufe, und die Schlagzeile war besonders dick. Ich schaute drauf, da stand etwas von Streiks in Ostberlin. Als neunmalkluger 11-jähriger Gymnasiast durchschaute ich selbstverständlich die Welt vollständig und schwang mich gegenüber dem Klassenkameraden, der mitging, zum ersten politischen Fehlurteil meines Lebens auf: „Das machen die nur, damit sie sagen können: guckt mal, bei uns auch.“ (Dass DER SPIEGEL das auch so gesehen hatte, erfuhr ich erst viel später.) Im Unterricht wurde nicht davon gesprochen. - Ich glaube übrigens, dass ich in dem gleichen Jahr, Stalins Todesjahr, oder ein Jahr früher, 1952, zur Fastnacht „als Stalin gegangen“ war (dicker Schnauzbart angeklebt; ein grüner Lodenmantel sollte die Uniform darstellen; roter Stern angeheftet). Kaum Echo bei den anderen Kindern – das war weit, weit weg. 
 
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------Wie Sie sehen, es ist das gleiche Lied: weder die Lehrerin von 1986 noch der Schüler von 1953 vermochte an eine spontane Aufstandsbewegung zu glauben. Da musste doch eine Autorität, eine Kaderorganisation, eine Zentrale, ein Kommando die Fäden gezogen haben ... Das Fazit der Öffentlichkeits-Produktion des Juni-Aufstands ist aber: der spontane Protest ist durchaus imstande, sich artikulieren, und politische Öffentlichkeit wird immer „vorindustriell“ geschaffen (Negt & Kluge). Oder, wie es Wolfgang Ullmann über 1989 ausdrückte:
„Die Straße“ gehört zur Demokratie dazu.
 
Das haben wird gelernt.

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DER FRANKFURTER WESTEND-KONFLIKT UND DIE MEDIENÖFFENTLICHKEIT: Die exemplarischen Häuserkämpfe der deutschen Nachkriegsgeschichte als praktischer Lernprozeß voller Überraschungen - Stadtplanung, Ökologie, Sozialpolitik, Polizeiführung, Ästhetik überschnitten sich produktiv, aber die antisemitischen Elemente wurden nicht ausreichend bearbeitet.