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für kritische Medienpraxis


Seminar

Revolution heute im humanen Format

Vom 6. November 2015. Autor Richard Herding
REVOLUTION HEUTE - im humanen Format:
Christoph Spehr's "Freie Kooperation" und Hundert Jahre "Oktober"-Revolution, 1917-2017
 
Die Evangelische Kirche bastelt seit 2010 am 400jährigen Jubiläum von Martin Luthers Thesen-Anschlag von 1517 an der Schlosskirche Wittenberg und weist auf die Bedeutung dieser kirchlichen "Revolution" hin.
 
In einer Mail an die Freie Universität Berlin, Otto-Suhr-Institut für Politische Wissenschaft, habe ich vor Jahren als langjähriger Lehrbeauftragter vorgeschlagen, eine Veranstaltungsreihe "100 Jahre Oktoberrevolution" vorzubereiten. Selbstverständlich keine Antwort darauf.
 
Zwischen Klage, Verzweiflung und Satire bewegt sich das Urteil über die Medien angesichts der GROSSEN Fragen unserer Gesellschaft. Es bedarf der Gedenktage und -Jahre, einfach weil sie es erlauben, sich termingerecht einzustellen, vorzubereiten und Abnahme zu finden. Du kannst nicht einfach, willst Du nicht ein leeres Konto plus Überarbeitung riskieren, große und entscheidende Fragen wie "Was können wir glauben" oder "Welche Gesellschaft wollen wir" für die Medienöffentlichkeit bearbeiten und präsentieren. Es bedarf der voraussagbaren Routine der Gedenktage. Peinlich !
 
Das Paradigma "Abschaffung des Kapitalismus, weltweit" und die Probleme der ungeliebten Bündnis-Zwänge (für Lenin ausgerechnet Kaiser Wilhelm der Zweite von Deutschland, sehr lesenswert dargestellt von Fritz Platten und Werner Hahlweg, "Lenins Reise im plombierten Wagen nach Deutschland" bzw. "Lenins Rückkehr nach Russland 1917") sowie das neue Paradigma Umwelt-Rettung neben (oder statt ?) Klassenkampf müssten die Problemstellungen für 1917-2017 sein. Inzwischen kam in die Reihe der kapitalismus-kritischen Schriften, insbesondere durch die Börsenkrisen und die Blockupy-Bewegung inspiriert, ein wichtiger, mehr grundsätzlicher und grundlegender Text, eben Christoph Spehr's "Freie Kooperation". Er fokussiert grundsätzlich auf die zwangshaften Beziehungen in Arbeit und Eigentum, davon beeinflusst auch menschlich-persönliche Beziehungen, in unserer Gesellschaft.
 
Grundsätzlich ist Spehrs These, dass eine vernünftige Gesellschaft heute auf Zusammenwirken -Kooperation- zu beruhen hätte, und das bedeute nicht nur Zusammen-Arbeit von Personen, sondern auch sinnvolles Aufeinanderbezogen-Sein von sachlichen Resourcen, also Eigentümern und/oder Produktionsmitteln und Ländern/Gebieten/Staaten weltweit. Mit frei wählbaren, aber unbedingt notwendigen REGELN, auf die sich die Beteiligten -ob 3 Menschen oder 6 Milliarden- eben einigen müssten. Mit der Bereitschaft, sich auch Regeln über Regeln zu geben, um sie gleichberechtigt auch wieder ändern zu können.
 
Machen wir uns erst einmal die Bedeutung der Fragestellung klar:
Fragst Du am Frühstückstisch, ob heute eine Weltrevolution nötig sei, erntest Du leicht ein Ja; fragst Du nach, ob diese Vorstellung mit Ängsten verbunden sei, kommt ein heftigeres Ja. Und stellst du die Vorstellung einer Gleichheit aller Menschen in der Ökonomie in den Raum -also: alle sind Arbeiter UND auch kollektive Eigentümer-, so kommt die Warnung: das geht nicht, das funktioniert nicht, die Menschen sind habsüchtig ujnd egoistisch. Fragst Du weiter nach der Rettung der Umwelt, so erntest Du Zweifel, dass diese erwünschte Gesellschaft der Gleichen sich auch gemeinsam und ohne Zwang nach außen, also gegenüber Tieren, Pflanzen, Luft und Meeren  vernünftig und freiwillig, nicht-ausbeuterisch, im Zaum halten kann.
 
Kurze Vorschau auf Spehrs Konzept "Freie Kooperation":
 
- Das Umweltproblem spielt keine große Rolle "Öko-Falle": Natur ist, was wir Menschen wollen, dass Natur sei !;
- Arbeitsbeziehungen sind die Haupt-Sache, aber nicht immer die zentrale;
- Eigentum wird versachlicht bis zur (LeserInnen-)Vermutung des Mangels an Realismus;
- Innovations-Lust und -Drang (Karl Marx' Punkt des Respekts gegenüber Kapitalisten wie etwa Werner von Siemens; Sputnik-Schock der Sowjetunion gegenüber dem Westen) wird nicht als Problem gesehen, weil alle Lust auf Erfindungen haben:
- "Akzelerationismus" in Verbindung mit Digitalisierung -d.h. dass alle erwarten, wir könnten viel viel bälder automatisch autofahren und Flugzeuge senkrecht starten und landen lassen (also nicht nur "puderigen Puderzucker", den sich Horkheimer und Adorno einst erträumten und dem Kapitalismus damit vorhielten, er versage selbst bei simplen Innovationen)- nimmt Spehr in humaner Form als tendenziell erfüllbar an.
 
Globalisierung und Lokalisierung, also "GLOKALISIERUNG", entspricht Spehr's Weltbild. "It takes a village", Wir brauchen das Dorf, ist Hillary Clinton's dazu passende Parole (im herbst 2015  kandidiert sie mit Sanders, der einen Demokratischen Sozialismus vertritt, in relativ freundlicher Konkurrenz um die US-Präsidentschaftskandidatur.)
 
Spehr bei der Preisverleihung der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2001:
 
"Freie Kooperation hat drei Bestimmungen:
 
- Freie Kooperation beruht darauf, dass die vorgefundenen Regeln und die vorgefundene Verteilung von Verfügung und Besitz ein veränderbarer Fakt sind und ihnen keinerlei höheres, objektivierbares Recht zukommt.
- Freie Kooperation besteht darin, dass alle Beteiligten dieser Kooperation sie aufgeben, ihre Kooperationsleistung einschränken oder unter Bedingungen stellen können, um auf die Regeln der Kooperation in ihrem Sinne einzuwirken, und zwar zu einem vergleichbaren und vertretbaren Preis, und dass sie dies individuell und kollektiv auch wirklich tun.
- Freie Kooperation bedarf einer Politik, die sie
immer wieder aufs Neue realisiert, indem sie die Grenzen der Freiheit und die Realität der Gleichheit praktisch erprobt und indem sie die äußeren und inneren Voraussetzungen des »vergleichbaren und vertretbaren Preises« durchsetzt. (Dies ist gleichzeitig die Definition von »linker« Politik im Gegensatz zu »rechter«.) Hierfür lassen sich, im Sinne einer Politik »mittlerer Reichweite«, die wesentlichen Elemente bzw. Kriterien angeben, die sich auf alle Bereiche gesellschaftlicher Kooperation anwenden lasse."
 
Viel mehr pragmatisch und "middle range" als bei Marx oder Lenin - aber gerade dadurch auch universeller anwendbar.
 
Zum Abschluss die Reflexion, dass es zur "Freien Kooperation" eben KEINEN Abschluss gibt, wie wir bei der Weltrevolution -durchaus entgegen den Beteuerungen von Marx und Lenin-vom erlösenden, "messianischen" Abschluss (Walter Benjamin !) träumen:
 
Aus der Mail eines unbeugsamen Fußballfan-Verteidigers, 2015:
“Lesenswert allein: Michael Kirmes, Seite 122”. – Und noch heute, beim Wiederlesen, 44 Jahre später, muss ich sagen: Klasse, große Agitprop-Lyrik! Ich gebe das Gedicht hier wieder, zum ewigen Ruhm von Michael K.:
 
 
perpetum mobile
 
erst hat man
ne stinkwut
dann hat man
die nase voll
und schmeißt alles hin
 
dann sieht man
wie die karre
im dreck steckt
kriegt ne stinkwut
und langt hin
 
dann sieht man
daß es zwecklos war
und kriegt ne stinkwut
 
dann hat man
die nase voll
und schmeißt
alles hin
 
dann sieht man
wie die karre
im dreck steckt
kriegt ne stinkwut
und langt wieder hin
 
man lernt nie aus."
 
 
-
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Protokoll Christoph Spehr

Vom 6. November 2015. Autor UWPL. Dieser Artikel ist im Archiv zu finden
Werte Teilnehmende des Spehr-Koop-Lesetreffs (Petra leite bitte an Richard weiter), was folgt ist das Rudiment eines hoechst subjektiven Ergebnisprotokolls der heutigen Lesung durch mich, Ullus.  Die Beitraege Einzelner sind gekennzeichnet mit Primzahlen. Jede und jeder Anwesende hat sich heute eine ausgesucht und hoffentlich gemerkt. Wenn mehrere von uns aufs Gleiche hinauslaufende Aussagen getaetigt haben, dann sind diese zusammengefasst unter der Zahl, die als Produkt entsteht, wenn die Primzahlen der jeweils Gleichmeinenden mit einander multipliziert werden.  Alsdann,  Wohlsein,  Ullus   STATTGEFUNDEN 2015-11-05 (19.30..22.00)   VERAENDERUNG DES VORGEHENS: Jeder weitere Termin beginnt um 18.00 Uhr!   Nachdem ich die Lyrik "Die Uhr von Lund" vorgetragen habe (die der Einleitung auf der vorigen Seite vorangeht), um nachzuliefern worauf Spehr am Ende der Einleitung noch mal Bezug nimmt (das Nicht-Verbeugen vor Autoritaeten/Institutionen), gings tief rein ins Rousseau-Zitat, das Spehr der Einleitungsueberschrift folgen laesst und dem ganzen Einleitungstext (Baerenfamilie) voranstellt:    "   Und welcher Art sollten die Ketten der Abhängigkeit unter Menschen sein, die nichts besitzen? Wenn man mich von einem Baum wegjagt, so steht es mir frei, zu einem an- deren zu gehen; wenn man mich an dem einen Ort misshandelt, wer will mich hin- dern, anderswohin zu gehen?   "   Jean-Jacques Rousseau: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, Stuttgart 1998, S. 70 f.   ERGEBNIS - 13: Antwort an den Buerger Rouesseau: Na eben anderer Art als materiell.  -> Es gibt sie! Auch nach der Befreiung auf oekonomischem Gebiet werden einzelne gehindert sein, einfach den naechsten Baum aufzusuchen, naemlich weil ihre psychosozial eingebaute Wegfahrsperre greift, eine wiederkehrend profitabel erneuerbare Zurichtung zu nichtmaterieller Abhaengigkeit und Laehmung.   Bei der Arbeit an diesen zwo/drei Saetzen Rousseau merkten wir, dass so etwas ganz schoen Zeit schinden kann und klaerten schnell, dass wir am Spehr-Eigentext nicht Satz-fuer-Satz Exegese betreiben werden. (Die Startzitate seiner Kapitel hingegegen muessen zumindest hin zu einem gemeinsamen Verstaendnis geklaert werden, was schon beim Einleitungs-Rouesseau deutlich wurde.) Ich gebe hier wieder, welche einzelnen Motivationen dem zu Grunde liegen bzw der urspruenglichen Absicht, Satz-fuer-Satz vorzugehen. Zu letzterem, der Wunsch nach Arbeit am Vollzitat (die in Auswahlfaellen gegen Ende doch noch zu ihrem Recht kam!) wurde wie folgt begruendet.   13: Nach Lesen der Einleitung starkes Beduerfnis nach Theorie, wie das Unfreie in Kooperationen hinein kommt und gerechtfertigt wird, denn dass beides geschieht ist unangenehm allgegenwaertig auch da, wo es anders zu erhoffen war.   Dem gegenueber,  das Bezugnehmen auf den gesamten Textabschnitt anhand eigener Erfahrung, unter Vernachlaessigung aller Textstellen, die keinen Aha-Effekt erzeugten, als vorrangige Methode, begruendet sich wie folgt.   429: Hoffnung auf Praxis-Anwendbarkeit unserer Spehr-Lese-Erkenntnisgewinne in Kooperationen. (7: hat noch nichts gelesen, bitte Motivation nachliefern, gilt auch fuer ausnahmsweise Abwesende - denn nur wenn wir die Beweggruende gegenseitig kennen, koennen wir auch versuchen, Demotivation zu vermeiden und stattdessen vielleicht sogar Einzelinteressen zu bedienen!)  Einzelinteressen (hier ohne Wiedergebe erklaerender Schluesselerlebnisse!)  11: Anwendbarkeit in freien und erzwungenen Kooperationen der Gegenwart und Zukunft, um erstere gegen letztere zu staerken und letztere in Richtung ersterer zu bringen bzw zu schwaechen/sprengen (so weit das eine Option ist!).  13: Anwendbarkeit fuer freie Kooperation gegenseitiger Hilfe, insbesondere Abwendbarkeit von Grundlagen erzwungener Kooperation.  3: Lernen zu unterscheiden was frei bzw unfrei an einer Kooperation ist - da es ja keine Reinform gibt, die Mischung sich nicht vermeiden laesst, sowie fallweise Klaerung der Frage: Wo laesst sich Spehr anwenden und wo nicht?  (7: siehe oben!)   Nachdem wir das mal geklaert hatten, wandten wir uns den 3 Baeren zu und dem Problem, ob das Problem einer von ihnen sei. Wieder wurde jede Menge individueller Erfahrungen angefuehrt, die wir als zu Erziehende gemacht haben bzw die uns zugefuegt worden waren. Der Zumutungen gab es bei allen reichlich! Denen wurde auch reichlich selbstbewusst entgegengetreten. Im Rueckblick gab es vorgefasste Regelungen, die mal schaedlich, mal nuetzlich, oft beides waren - und den Kampf dagegen, der demgemaess mal sinnvoll und mal scheinbar verschwendet und oft unvermeidlich war. Betreuen vs Erziehen, Grenzen aufzeigen vs setzen, Antipaedagogik vs antiautoritaere Provokation elterlicherseits liessen sich durch uns Exkinder immer herausarbeiten.   Je mehr ich mich involviert habe, desto weniger dachte ich ans Protokollieren und unterliess es schliesslich ganz. Daher bitte ich um Versendung der zum Schluss behandelten (etwa drei?) Vollzitate aus Spehrs Eigentext (Einleitung, mit Ortsangabe), damit sich Abwesende wie auch Anwesende mit ihnen (teils erneut, teils erstmals) auseinandersetzen koennen.   PROTOKOLLIERT 5/6. NOVEMBER BIS 2:15 Das sind die von uns andiskutierten Spehrstellen, in der PDF Datei auf Seite 18/19Sie zeigt alle Muster

und das ganze Grauen dieser Propaganda, wie sie heute auf allen Gebieten

üblich ist. Typisch sind, erstens, die Fragen, die nicht gestellt werden: Woher

nehmen die alten Bären das Recht, dem kleinen Bären zu sagen, wann er

ins Bett zu gehen hat und ob er dabei Licht braucht? Wieso werden sie dadurch

zu seinen Untertanen, dass er beim Essen persönliche Geschmacksvorlieben

hat? Wem schadet er, weil er seine Suppe nicht essen will und wieso

freuen sie sich nicht, wenn er sie später doch essen will? Wer stellt mehr Zumutungen

an den anderen: der kleine Bär, dessen Zumutungen immer auffallen,

oder die alten Bären und ihre Welt, die unzählige Regeln, Forderungen,

Normen umfasst und eine einzige, gewaltige, polypenhafte Zumutung an den

kleinen Bären ausspricht: sich einzufügen und sie zu akzeptieren, wie sie ist?

Wieso wird ein Unterschied zwischen diesen Zumutungen gemacht, je nachdem,

in welche Richtung sie gestellt werden; womit wird dieser Unterschied

begründet oder gerechtfertigt? Wer hat eigentlich wirklich die Macht: der kleine

Bär, der in eine Welt nachkommt, die ihm von anderen vorgesetzt wird,

oder die alten Bären, denen diese Welt gehört, die darüber verfügen, die sich

selber Essen machen können und die keine Angst im Dunkeln haben? Was bedeutet

das für die Situation des Konflikts?

Typisch ist, zweitens, dass soziale Kooperation nur als eine Form vorstellbar

ist, wo jemand das Sagen hat. Irgendwer muss das Sagen haben und jemand

anders nicht; das gilt als »Klarheit« und schafft »Ordnung« und »Orientierung

« für alle. Irgendwer hat immer die Krone auf, entweder der kleine Bär,

wo man sie sehen kann, oder die großen Bären, wo man sie nicht sehen kann,

denn die großen Bären haben ja einfach Recht. Konflikt ist schlecht, Streit ist

schlecht, Nicht-zur-Entscheidung-Kommen ist schlecht: Es gilt als Indiz dafür,

dass etwas nicht in Ordnung ist. Natürlich haben gemäß der demokratischen

Propaganda nicht Personen das Sagen, sondern Prinzipien, Regeln, Diskurse,

Formen der Entscheidungsfindung. Aber wer keine solchen Entscheidungen

über sich »finden« lassen will, ist der Feind.

1 Thierry Foucher: Vom Prinzchen, das immer Nein sagt, in: Hoppla – Das Kindermagazin zum Mitmachen,

Mitlachen, Mitlernen, Augsburg, Nr. 115 – 4/99, S. 42-45. Die Tierart wurde geändert: Bei Foucher

sind es drei Affen. Affen geben dem ganzen einen rassistischen Anstrich (die Illustrationen zeigen denn

auch einen afrikanischen Kontext: die in Afrika müssen halt die einfachsten Dinge noch lernen), und

Affen würden sich im Zusammenhang dieser Einleitung nach allzu billiger Polemik anhören. Bären

sind besser.

21

Typisch sind, drittens, die Formen der Denunziation: der Feind, der Aufmüpfige,

der Regelverletzer, der Uneinsichtige und mit Gewalt zur Ordnung

zu Rufende wird als Monarch dargestellt. Seine fehlende Unterordnung wird

als Willkürherrschaft eines absolutistischen Fürsten porträtiert. Seine Weigerung,

nach den für ihn vorgesehenen Normen zu arbeiten, zu leisten, zu funktionieren,

wird als Schmarotzertum, Faulheit, Verweichlichung, Luxussucht

gebrandmarkt – alles Vorwürfe, die wir mit der Lebenshaltung von Adeligen

und Fürsten assoziieren. Dies ist die normale Form der Denunziation im demokratischen

Zeitalter, egal, ob es um die Ansprüche von Kindern, von Sozialhilfe

beziehenden Müttern, von armen Nationen oder wem auch immer

geht. Die in der sozialen Hierarchie Untenstehenden werden als hochnäsige

Müßiggänger im Hermelinpelz gezeichnet, als die eigentlich Dominanten, die

heimlichen Fürsten.

Sie zeigt alle Muster

und das ganze Grauen dieser Propaganda, wie sie heute auf allen Gebieten

üblich ist. Typisch sind, erstens, die Fragen, die nicht gestellt werden: Woher

nehmen die alten Bären das Recht, dem kleinen Bären zu sagen, wann er

ins Bett zu gehen hat und ob er dabei Licht braucht? Wieso werden sie dadurch

zu seinen Untertanen, dass er beim Essen persönliche Geschmacksvorlieben

hat? Wem schadet er, weil er seine Suppe nicht essen will und wieso

freuen sie sich nicht, wenn er sie später doch essen will? Wer stellt mehr Zumutungen

an den anderen: der kleine Bär, dessen Zumutungen immer auffallen,

oder die alten Bären und ihre Welt, die unzählige Regeln, Forderungen,

Normen umfasst und eine einzige, gewaltige, polypenhafte Zumutung an den

kleinen Bären ausspricht: sich einzufügen und sie zu akzeptieren, wie sie ist?

Wieso wird ein Unterschied zwischen diesen Zumutungen gemacht, je nachdem,

in welche Richtung sie gestellt werden; womit wird dieser Unterschied

begründet oder gerechtfertigt? Wer hat eigentlich wirklich die Macht: der kleine

Bär, der in eine Welt nachkommt, die ihm von anderen vorgesetzt wird,

oder die alten Bären, denen diese Welt gehört, die darüber verfügen, die sich

selber Essen machen können und die keine Angst im Dunkeln haben? Was bedeutet

das für die Situation des Konflikts?

Typisch ist, zweitens, dass soziale Kooperation nur als eine Form vorstellbar

ist, wo jemand das Sagen hat. Irgendwer muss das Sagen haben und jemand

anders nicht; das gilt als »Klarheit« und schafft »Ordnung« und »Orientierung

« für alle. Irgendwer hat immer die Krone auf, entweder der kleine Bär,

wo man sie sehen kann, oder die großen Bären, wo man sie nicht sehen kann,

denn die großen Bären haben ja einfach Recht. Konflikt ist schlecht, Streit ist

schlecht, Nicht-zur-Entscheidung-Kommen ist schlecht: Es gilt als Indiz dafür,

dass etwas nicht in Ordnung ist. Natürlich haben gemäß der demokratischen

Propaganda nicht Personen das Sagen, sondern Prinzipien, Regeln, Diskurse,

Formen der Entscheidungsfindung. Aber wer keine solchen Entscheidungen

über sich »finden« lassen will, ist der Feind.

1 Thierry Foucher: Vom Prinzchen, das immer Nein sagt, in: Hoppla – Das Kindermagazin zum Mitmachen,

Mitlachen, Mitlernen, Augsburg, Nr. 115 – 4/99, S. 42-45. Die Tierart wurde geändert: Bei Foucher

sind es drei Affen. Affen geben dem ganzen einen rassistischen Anstrich (die Illustrationen zeigen denn

auch einen afrikanischen Kontext: die in Afrika müssen halt die einfachsten Dinge noch lernen), und

Affen würden sich im Zusammenhang dieser Einleitung nach allzu billiger Polemik anhören. Bären

sind besser.

21

Typisch sind, drittens, die Formen der Denunziation: der Feind, der Aufmüpfige,

der Regelverletzer, der Uneinsichtige und mit Gewalt zur Ordnung

zu Rufende wird als Monarch dargestellt. Seine fehlende Unterordnung wird

als Willkürherrschaft eines absolutistischen Fürsten porträtiert. Seine Weigerung,

nach den für ihn vorgesehenen Normen zu arbeiten, zu leisten, zu funktionieren,

wird als Schmarotzertum, Faulheit, Verweichlichung, Luxussucht

gebrandmarkt – alles Vorwürfe, die wir mit der Lebenshaltung von Adeligen

und Fürsten assoziieren. Dies ist die normale Form der Denunziation im demokratischen

Zeitalter, egal, ob es um die Ansprüche von Kindern, von Sozialhilfe

beziehenden Müttern, von armen Nationen oder wem auch immer

geht. Die in der sozialen Hierarchie Untenstehenden werden als hochnäsige

Müßiggänger im Hermelinpelz gezeichnet, als die eigentlich Dominanten, die

heimlichen Fürsten.

Seminar: freie Kooperation nach Christoph Spehr

Vom 17. Oktober 2015. Autor Petra LeischenSeminarankündigung Informationsdienst: für kritische Medienpraxis Greifswalder Straße 4 10405 Berlin Mail: kritik@idmedienpraxis.de Liebe Kollegen und Kolleginnen, liebe Freundinnen und Freunde, wir, der Informationsdienst: für kritische Medienpraxis bieten ein Seminar "Freie Kooperation nach Christoph Spehr" im Herbst/Winter 2016 an. Gewöhnt sind wir in der Regel an unfreiwillige Kooperation, in Arbeits- und Ausbildungsver-hältnissen, oft auch in Beziehungen. Alte Denkgewohnheiten richten uns darauf ab, in einer Gesellschaft, in der fast alles zur Ware geworden ist, einschließlich unserer selbst, zu funktionieren. Der Text von Christoph Spehr bricht mit dieser Logik und eröffnet die Perspektive Beziehungen jeder Art neu zu gestalten. In einem Seminar mit Lektüre, Diskussionen, Vorträgen, wollen wir uns einerseits den Text, andererseits Wege einer neuen Praxis der freiwilligen Kooperation erschließen. Unser erstes Treffen findet am 22.Oktober um 19.00 im kleinen Seminarraum R1 neben dem Robert Havemann Saal im Haus der Demokratie und Menschenrechte statt. Dr. Richard Herding wird in einem Vortrag eine mögliche Deutung des Textes anbieten. - "Gesellschaftliche Transformation versus gewaltsame Revolution ( z.B. die Oktoberrevolution in Rußland von 1917) Bitte meldet euch per Mail an, damit wir wissen, mit wie vielen Teilnehmern und Teilnehmerinnen wir rechnen können. mit freundlichen Grüßen Petra Leischen, Richard Herding, Sven Bremer

Seminarankündigung

Informationsdienst: für kritische Medienpraxis
Greifswalder Straße 4
10405 Berlin
Mail: kritik@idmedienpraxis.de

Liebe Kollegen und Kolleginnen, liebe Freundinnen und Freunde,
wir, der Informationsdienst: für kritische Medienpraxis bieten ein Seminar "Freie Kooperation nach Christoph Spehr" im Herbst/Winter 2016 an.

Gewöhnt sind wir in der Regel an unfreiwillige Kooperation, in Arbeits- und Ausbildungsver-hältnissen, oft auch in Beziehungen. Alte Denkgewohnheiten richten uns darauf ab, in einer Gesellschaft, in der fast alles zur Ware geworden ist, einschließlich unserer selbst, zu funktionieren. Der Text von Christoph Spehr bricht mit dieser Logik und eröffnet die Perspektive Beziehungen jeder Art neu zu gestalten.

In einem Seminar mit Lektüre, Diskussionen, Vorträgen, wollen wir uns einerseits den Text, andererseits Wege einer neuen Praxis der freiwilligen Kooperation erschließen.

Wir treffen uns Donnerstags um 18.00 im Haus der Demokratie in Raum 0103

Dr. Richard Herding hat in einem Vortrag eine mögliche Deutung des Textes angeboten.
- "Gesellschaftliche Transformation versus gewaltsame Revolution ( z.B. die Oktoberrevolution in Rußland von 1917)

Wir haben im folgenden die Einleitung des Spehrtextes mit unseren eigenen Erziehungserfahrungen verglichen und begonnen freiwillige und unfreiwillige Kooperation zu verstehen.