Informationsdienst:

Skip to content

Informationsdienst:

für kritische Medienpraxis


DISKUSSION VON KLASSE UND SCHICHT

Vom 24. Oktober 2006. Autor Jan Oppermann

 

Da zur politik- bzw. sozialwissenschaftlichen Einordnung der politischen Einflussmöglichkeiten der Neuen Medien auf nationale, internationale und / oder globale Populationen — bzw. deren Erreichbarkeit / Anwendbarkeit durch diese — grundlegende Unterscheidungsmerkmale von Nöten sind, ist es sinnvoll, die Begriffe der Klasse und Schicht zu diskutieren.

 

Ob jemand von 'Klasse' oder 'Schicht' spricht, sagt weniger über den gemeinten Inhalt aus als über den (politischen) Kontext, in dem er spricht. Das zeigen die folgenden Begriffsbestimmungen von 'Schicht' und 'Klasse', die sich teils decken, teils ergänzen, teils ausschließen.


Gängige Definitionen von Schicht/Klasse in alphabetischer Folge und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Bernstein: "Eine Klasse der modernen Gesellschaft enthält Elemente dieser Gesellschaft, welche in der Hauptsache unter gleichen Lebensbedingungen existieren." (Eduard Bernstein, Was ist Sozialismus? 1908.)

Bourdieu: "Eine soziale Klasse lässt sich niemals allein aus ihrer Lage und Stellung innerhalb einer gesellschaftlichen Struktur, d.h. aus den Beziehungen bestimmen, die sie objektiv zu anderen Klassen der Gesellschaft unterhält; eine Reihe ihrer Eigenschaften verdankt sie nämlich dem Umstand, dass die Individuen, die diese Klasse bilden, absichtlich oder ohne es zu merken in symbolische Beziehungen zueinander treten." (Pierre Bourdieu, Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt/Main 1991)

Geiger: "Klasse heißt eine Schicht dann, wenn das kennzeichnende Merkmal des Bevölkerungsteils ... das spezifische Verhältnis der Menschen zu den Produktionsmitteln ist (Produktionsverhältnis)." (Theodor Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Stuttgart 1932, Nachdruck Stuttgart 1967).

Marx: "Was ist die Gesellschaft, welches immer auch ihre Form sei? Das Produkt des wechselseitigen Handelns der Menschen. Steht es den Menschen frei, diese oder jene Gesellschaftsform zu wählen? Keineswegs. Setzen Sie (Annenkow, Adressat des Schreibens, w.b.) einen bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte der Menschen voraus, und Sie erhalten eine bestimmte Form des Verkehrs ... und der Konsumtion. Setzen Sie bestimmte Stufen der Entwicklung der Produktion, des Verkehrs und der Konsumtion voraus, und Sie erhalten eine entsprechende soziale Ordnung, eine entsprechende Organisation der Familie, der Stände oder der Klassen, mit einem Wort eine entsprechende Gesellschaft ... Setzen Sie eine solche Gesellschaft voraus, und Sie erhalten eine entsprechende politische Ordnung, die nur der offizielle Ausdruck der Gesellschaft ist." K. Marx, Brief an Annenkow (1846) MEW 4, 548.

Lenin: "Klassen sind .... große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen." (W. Lenin, zit. nach: Wörterbuch des wissenschaftlichen Kommunismus, Berlin 1984.)

Niekisch: "Der Begriff der „Klasse“ ist doppelsinnig. Auf der einen Seite formuliert er einfach die Feststellung gesellschaftlicher Tatsachen. Die Gesellschaft scheidet sich in zwei große Gruppen, die Gruppe der Besitzer von Produktionsmitteln und die Gruppe derer, die an den Produktionsmitteln keinen Anteil haben und infolgedessen in die Abhängigkeit der Besitzer geraten. Die erste Gruppe bildet die Klasse der Besitzenden, der Bürger, die zweite die Klasse der werktätigen Bevölkerung, der Proletarier insbesondere. Andererseits bedeutet die Klasse den politisch aktiv gewordenen, sich seiner Situation bewussten und zur Umwälzung dieser Situation entschlossenen Teil der Arbeiterschaft." (Ernst Niekisch: Europäische Bilanz, Potsdam 1951).

Overbegh: "Soziale Klassen unterscheiden sich im wesentlichen durch Besitz und Nichtbesitz von Produktionsmitteln." (C. van Overbegh, La classe sociale, 1905).Pesch: Klasse ist "die Gesamtheit der wirtschaftlich Tätigen, welche dieselbe Art von Einkommen beziehen." (Pesch, Lehrbuch der Nationalökonomie, 1905.)

Peuckert: "Soziale Klasse: Bevölkerungsgruppierung, deren Mitglieder durch eine gleiche oder ähnliche wirtschaftliche und soziale Lage und durch gemeinsame Interessen verbunden sind. Der Klassenbegriff wurde im 18. Jahrhundert noch weitgehend austauschbar mit dem Begriff des Standes gebraucht ..." (Rüdiger Peuckert, in: Schäfer, Bernhard, Grundbegriffe der Soziologie, 1986.)

Peuckert: "Soziale Schicht: Untergliederung der Gesellschaftsmitglieder nach bestimmten Statusmerkmalen (wie Einkommen, Beruf, Bildung) .... Eine allgemein anerkannte Definition von Schicht gibt es bis heute nicht. Einige Soziologen sprechen erst dann von einer Schicht, wenn sich die entsprechende Bevölkerungsgruppe aufgrund ihres mehr oder weniger ausgeprägten Bewusstseins ihrer Gleichartigkeit und Zusammengehörigkeit von anderen Bevölkerungsgruppen ... abhebt." (Rüdiger Peuckert, in: Schäfer, Bernhard, Grundbegriffe der Soziologie, 1986.)

Schäffle: "Die Klasse ist wesentlich eine Schichtung nach Unterschieden der Besitzgröße und Besitzart, bzw. nach dem Unterschied von Besitz und Nichtbesitz." (A. Schäffle, Bau und Leben des sozialen Körpers. 1875.)

Schmoller:
"Wir verstehen unter sozialen Klassen diejenigen Gruppen einer arbeitsteiligen Gesellschaft, die sich nicht nach Blut, Geschlecht, Verwandtschaft, nicht nach Religion, nicht nach Orts-, Kreis-, Provinzial- und Stammeszugehörigkeit bilden, sondern die durch gleiche und ähnliche Eigenschaften und Lebensbedingungen, durch gleiche oder ähnliche Besitzart und Besitzgröße, durch gleiche oder ähnliche Art der Einfügung in die Ordnung der Volkswirtschaft oder des Staates, durch gleichen oder ähnlichen Rang in der hierarchischen Gesellschaftsordnung, durch gleiche oder ähnliche Interessen aller Art ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit haben und dem Ausdruck geben." (G. Schmoller, Die soziale Frage, München 1918:12).

Simkhowitsch: "Klassen sind Gruppen, welche ähnliche Einkommensquellen haben und sich ähnlicher oder identischer ökonomischer Interessen bewusst sind." Simkhowitsch; Marxismus gegen Sozialismus. 1913).

Socioweb: "Klasse - im englisch/amerikanischen Sprachgebrauch wertneutraler Begriff für eine soziale Schicht, die sich deutlich feststellbar und beobachtbar gegen eine andere abhebt. Bestimmend sind nach allen bisherigen Untersuchungen dafür: Länge der Ausbildung, Einkommen , Wohngegend, Höhe der gezahlten Miete, Umgang/ Freundschaft mit anderen Menschen (das heißt meist: derselben Klasse oder "class"). In England ist "class" ein geschichtlich sehr alter Begriff; die Verwendung ist daher auch ohne Bezug auf den marxistischen Klassenbegriff üblich." (socioweb.de, Sociologicus Lexikon, 1999)

Sombart: "Klassen sind durch gemeinsame Interessen an einem Wirtschaftssystem äußerlich zusammengehaltene, in ein Gemeinwesen mechanisch eingefügte individualistische Großverbände." (Werner Sombart, Der moderne Kapitalismus. 1917).

Vierkandt:
"Eine weitgehende Mischung zwischen den Ständen hat deren äußere Schranken niedergerissen und in Verbindung mit anderen Einflüssen ihre Einheitlichkeit und ihren inneren Zusammenhang zerstört. Die an ihre Stelle getretenen Klassen sind Mengen von Menschen, die in erster Linie durch wirtschaftliche Interessen, also durch den Nutzen, zusammengehalten werden, während eine einheitliche kulturelle Sonderart ihnen nicht zukommt. Sie haben keinen Gruppencharakter, sondern sind bloße Aggregate. ..." (A. Vierkandt, Gesellschaftslehre. 1923).

Weber: "Klassen sind Gruppen von Menschen, die sich in gleicher Klassenlage befinden, d.h. die gleiche typische Chance 1. der Güterversorgung, 2. der äußeren Lebenseinstellung, 3. des inneren Lebensschicksals haben." Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. 1921).

Wiese: "Klassen schließen die Menschen zu einer relativen (unvollkommenen) Einheit zusammen, die durch ungefähre Gleichheit des Eigentumsumfangs, der Bildung und des Maßes an innerpolitischer Macht einen Zusammenhang der Interessen und der Lebensbeurteilung schaffen." L. von Wiese, Allgemeine Soziologie. 1929.)

 

 

Zur Einordnung dieser Begrifflichkeiten

1. Stellenwert des Schicht-/Klassenbegriffs in der jeweiligen Gesellschaftstheorie

1.1. Mit dem Schicht-/Klassenbegriff wird eine Gesellschaft vollständig und wesentlich beschrieben. Es kann keine Individuen außerhalb einer Schicht/Klasse geben. Vertreter: Bernstein, Bourdieu, Geiger, Marx, Lenin u.a.

1.2. "Schicht-/Klasse" ist ein soziales Merkmal neben anderen. Eine Gesellschaft wird damit nicht wesentlich und vollständig beschrieben. Es gibt auch Individuen ohne Schicht-/Klassenzugehörigkeit. Vertreter: Ulrich Beck, Sombart?, Vierkandt?, Weber, Wiese, Gendertheorie u.a.

 

2. Anzahl der Kriterien

2.1. Schicht-/Klasse ist durch ein einziges (Haupt)Kriterium (wie Besitz, Bewusstsein, Machtzugang o.a.) bestimmt. Vertreter: Marx, Overbegh, Pesch, Schäffle u.a.
2.2. Schicht-/Klasse ist durch zwei oder mehr (gleichwertige) Kriterien bestimmt. Vertreter: Bernstein, Bourdieu, Geiger, Schmoller, Socioweb, Simkhowitsch, Weber, Wiese.

3. Art der Kriterien

3.1. Als Schicht-/Klassenkriterien gelten hauptsächlich äußere ("objektive") Faktoren wie Besitz, Bildungsstand, Zugang zu Machtpositionen etc. Vertreter: Marx, Overbegh u.a.

3.2. Als Schicht-/Klassenkriterien gelten hauptsächlich innere ("subjektive") Faktoren wie Selbstbild, Bewusstsein, Abgrenzung (Heiratsverhalten), kulturelle Präferenzen etc. Vertreter: Bourdieu?, Peuckert?

3.3. Als Schicht-/Klassenkriterien gelten sowohl innere, als auch äußere Faktoren wie Besitz plus Bildung, Klassenlage plus Klassenbewusstsein etc. Vertreter: Bernstein, Bourdieu?, Geiger, Niekisch, Schmoller, Simkhowitsch, Traditionsmarxismus, Wiese u.a.

 

 

Quelle:
http://www.de.indymedia.org/2006/10/160087.shtml (Abruf vom 25.10.06)

 

25.10.06
Jan Oppermann
Informationsdienst: für kritische Medienpraxis e.V.