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für kritische Medienpraxis


„GRÜNE ARBEITERBEWEGUNG“ - wie lange noch ein unbekanntes Wesen ?

Vom 23. September 2005. Autor Richard Herding

 

Larzac  - Gorleben/Wendland - Boxberg/Franken – Frankfurt am Main/Startbahn West  – Gendreck weg/Brandenburg …

 

Diskussionsveranstaltung des Arbeitskreises „Geschichte sozialer Bewegungen von unten: Ost und West“

 

Ort:

Haus der Demokratie und Menschenrechte,
Robert-Havemann-Saal
Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin,

 

Zeit:

Freitag, 30. September2005, 19.30 Uhr

 

Veranstalter:

Arbeitskreis „Geschichte sozialer Bewegungen von unten, in Ost und West“:

Renate Hürtgen (Institut für zeithistorische Forschung Potsdam),
Bernd Gehrke (Bildungswerk Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin),
Willi Hajek (Autonome gewerkschaftliche Bildungsarbeit / Helle Panke),
Richard Herding / Jan Oppermann (Informationsdienst: für kritische Medienpraxis Berlin)

 

Gewerkschaften als Gesamtorganisationen mit ihren Führungen haben in den großen ökologischen Konflikten der letzten Jahrzehnte immer eine furchtbar angepasste und kapitalhörige Rolle gespielt. Die Sicherung der Arbeitsplätze, oder genauer: der maximalen Kapitalverwertung und des Fortschritts um jeden Preis, galt als „LeidKultur“ gewerkschaftlichen Handelns.
Vergessen wird deshalb leicht, dass es damals wie heute immer Menschen, Initiativen und kritische GewerkschafterInnen gab, die diese Anpassungslogik unter Kapital und Staat kritisierten und eigenständig die praktische Kritik organisierten. Beispiele, die wir hier und jetzt erleben, sind die Bündnisse von kritischen Bauern, WissenschaftlerInnen, Greenpeace und Chemie-GewerkschafterInnen gegen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen europaweit. Bekannt sind gerade die Bauern aus dem Larzac als Akteure in diesem Bereich, aber auch in der Schweiz, in Deutschland und quer durch Europa gibt es solche Bündnisse. Dabei ging und geht es nicht nur um die Produkte, sondern auch um die Arbeit selbst, zum Beispiel die Krebsgefahr durch Asbest.

In der Diskussionsveranstaltung wollen wir zuerst auf Beispiele aus der Geschichte der letzten Jahrzehnte eingehen und uns dann mit aktuellen Auseinandersetzungen beschäftigen. Dabei geht es uns vor allem um die heutige Auseinandersetzung mit der Gentechnik und den gentechnisch veränderten Organismen. Die Sommeraktion zur Befreiung der Genmais-Felder hat die Brisanz dieses Konflikts deutlich gemacht (www.gendreck-weg.de).

Gibt es denn grüne Gewerkschafter, die sich daran beteiligen? Sind bestimmte Lohnarbeits-„Fraktionen“ (Besserverdienende ? Computerbranchen ? Frauen ?) ökologisch aktiver als andere ?

Eingeladen haben wir Peter Bach , langjähriger Chemiewerker und zeitweiliger Betriebsratsvorsitzender in einem großen Chemie-Betrieb in Köln. (Mit Niko Roth vom oppositionellen Chemiewerker-Kreis aus der Bayer-Stadt Leverkusen hat irgendwas nicht geklappt.)

 

 

Thesen: Richard Herding, 20166296 & 34709450; 24.9.05)

ÖKOLOGIE AM ARBEITSPLATZ:


Nicht nur Produkte und Umgebung, nein, auch die arbeitenden Menschen selbst sind Ziele von Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Über „Humanisierung der Arbeit“ hinaus sind Zeit-, Raum- Gesundheits-Autonomie zu fordern. Das wäre noch längst nicht das große Ziel „Aufhebung der entfremdeten Arbeit“. Aber die Richtung stimmt.

  1. Die GewerkschafterInnen, auch autonome, kritische und oppositionelle Gruppierungen in den Betrieben haben zur Ökologie unterschiedliche Positionen eingenommen. Überwiegend waren sie für umweltschädliche Produktion, sofern diese Arbeitsplätze zu schaffen oder zu sichern versprach. Beispiele sind die Energiepolitik, die Verkehrspolitik, allem voran das Auto. Nur Minderheiten waren für umweltschützende Maßnahmen, etwa den Atomausstieg oder erneuerbare Energien oder Verkehrsreform. Als weltfremde Spinnereien aus den („bürgerlichen“) Mittelschichten wurden diese Forderungen noch abgetan, lange nachdem sie schon in der Öffentlichkeit breite Zustimmung gewonnen hatten.

  2. Der Umschwung kam dort, wo die Gesundheit der Arbeitenden selbst in Frage gestellt wurde, aber auch da erst spät und keineswegs einmütig, zB Lösungsmittel, Radioaktivität, Asbest.

  3. Solange nur die äußeren Auswirkungen der Produktion bekämpft werden, in der Regel von Bürgerinitiativen, bleiben die Interessen der Arbeitenden davon getrennt. Der Ausbau des Flughafens Frankfurt am Main (Startbahn West und heutige Erweiterungen), die Toten des Autoverkehrs, die künftigen Landwirtschafts-Katastrophen durch Gen-Food: sie bleiben zunächst Themen für Predigten von außen.

  4. Nötig ist die zentrale Fragestellung nach den Umweltschäden für die ProduzentInnen selbst, insbesondere die Gesundheit. Von da muss es weitergehen zu einem Begriff von „Ökologie der Arbeit“. Zentrale Einsicht: Ökologie ist nicht nur biologisch-naturwissenschaftlich konstituiert, sondern eine Gesellschaftsform. Um einen solchen erweiterten Begriff von Ökologie –von „small is beautiful“ angefangen- hat sich v.a. Murray Bookchin („Ökologie der Freiheit“, 1980, deutsch 1985) verdient gemacht. Vom Schutz der äußeren Natur (Produkte und Umgebung der Produktion) müssen wir zum Schutz der inneren Natur (ProduzentInnen als gesunde und selbstbestimmte Menschen) kommen und beides zu einer ökologischen Gesellschaftsform verbinden. Die Gewerkschaften würden ihren Niedergang nur stoppen, so Oskar Negt (Philosoph, Soziologe) 2005, wenn sie sich zur Interessenvertretung für die gesamte Lebensqualität der arbeitenden Menschen entwickelten.

  5. „Ökologie am Arbeitsplatz“ bedeutet Souveränität über Zeit, Raum und körperlich-seelisches Wohlbefinden. Für ein nachhaltiges, sich selbst als Natur schützendes Arbeitsleben darf es keine von außen aufgesetzte Flexibilität der Arbeitszeit geben, also: der Boss sagt, für Profit und Produktion musst Du soundso lange und zu den oder den Zeiten schaffen, sondern Optionalität: mein Tages-, Lebens-, Familienrhythmus verlangt bestimmte Zeiten, Pausen , Anfänge und Enden, und davon ausgehend kann ich technische und wirtschaftliche Notwendigkeiten einbeziehen. Ebenso die Raumgebundenheit, Eintönigkeit, nervliche Belastung, Mobbing usw.; ebenso die allgemeine Qualität vom Augenverderben am Computer über die Stressbelastung am Lenkrad zur Zwangshaltung auf der Baustelle. Die „Humanisierung der Arbeit“ in den 1970ern war noch ohne den „ökologischen Paradigmawechsel“, also das große Umdenken, konzipiert – aber selbstverständlich war und ist der Kampf gegen das Fließband eine großartige ökologische Tat für Produktion, Umgebung und Produzenten gleichermaßen. Die zeitgeschichtliche Beurteilung von Hans Matthöfer (IG Metall, SPD, Bundesregierung) mit allen Widersprüchen ist für linke und soziale Bewegungen von heute wichtig.

  6. Ansätze und Vorläufer einer „Grünen Arbeiterbewegung“ werden längst nicht ausreichend in der Öffentlichkeit hervorgehoben. Kurzer Durchlauf: 2005 fordern die norwegischen Gewerkschaften die Entwicklung eines CO2-freien Gaskraftwerks. In den 1980er und 1990er Jahren hatte die Bremer Vulkan-Werft einen IG-Metall-Arbeitskreis „Andere nützliche Produkte“, der sich gegen Asbest einsetzte und unter Gefährdung der eigenen Jobs Konsens in der Belegschaft erreichte, dass der Auftrag, ein großes Schiff –„das Todesschiff“, der „Asbest-Pott“- zu sanieren, abgelehnt wurde (Fritz Bettelhäuser u.a.). (Die Hamburger Howaldt-Deutsche Werft, HDW, tat’s dann: ebenfalls im Konsens von IG Metall, Gewerkschaft, Betriebsrat !). Diverse Lehrer- und Öffentliche-Dienst-Belegschaften streikten erfolgreich gegen Asbest, z.B. bei der „Deutschen Welle“ in Köln. Die Gewerkschaften ÖTV, DAG, cockpit, ver.di schafften es beim Flughafenstreit von Frankfurt am Main –seit den 1970er Jahren bis heute- immerhin, so etwas wie Meinungsfreiheit von Gegnern und Befürwortern zu erreichen, was keineswegs selbstverständlich ist. Heute fragen wir bei der "Gendreck-weg"-Kampagne nach der Stellung und Mitarbeit von GewerkschafterInnen und Beschäftigten in Chemie und Landwirtschaft überhaupt. Bei Mercedes in Stuttgart muss an Willi Hoss erinnert werden, der die oppositionelle Gewerkschaftsgruppe „Plakat“ mitbegründete und später in einer Art progressivem Friedensschluss mit dem Unternehmen nach Brasilien ging, um neue umweltgerechte Ersatztreibtoffe fürs Öl zu erkunden. Ebenfalls bei Mercedes, nämlich beim Bau der Teststrecke in einer wunderschönen Region des Frankenlands, fanden sich Bauern /Anwohner mit Arbeitnehmern in der Widerstands-Initiative „Bundschuh“ zusammen. In Sydney, Australien, weigerte sich die Bauarbeiter-Gewerkschaft in den 1970er/1980er Jahren, die Altstadt abzureißen – was ein Kultur- und Öko-Desaster von heute unvorstellbarem Ausmaß gewesen wäre. Joseph Bové in Frankreich, die Larzac-Bewegung mit den neuen freien Gewerkschaften – es gibt noch viele Beispiele. (Ich schreibe hier mit einseitiger West-Betonung. In der DDR-Geschichte ist z.B. auffällig, dass früher als im Westen gegen krebserregenden Asbest vorgegangen, aber der „Palast der Republik“ damit voll gepumpt wurde.)

  7. Die Vernachlässigung der grünen PionierInnen in der Arbeitsgesellschaft ist ein wichtiges Problem der politischen Linken. Mit dem Wechsel vom Klassenkampf zur Ökologie als zentralem politischen Paradigma wurde sie blind für die Basisarbeit an den Arbeitsplätzen, und zwar zu beiden Themen. Immerhin: auf der Ebene der institutionalisierten Politik gelang 1998 bis 2005 die „rot-grüne“ Regierungskoalition, die das Signal des Atomausstiegs und verschiedene verbraucher-ökologische Schritte durchsetzen konnte, mit dem schwerwiegenden Ausfall einer autoreduzierenden Verkehrsreform. Im aktuellen Stadium der Regierungsbildung aus einem 5-Parteien-Parlament (Stand 25.9.05) musste ein Erstmals-Linkspartei-Wähler, der die Grünen gewählt hatte, seit es sie gab, in stummem Entsetzen ein „Wahlmanifest“  der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechigkeit / WASG zur Kenntnis nehmen, das nicht ein einziges Wort zur Umweltpolitik enthielt. In dem bürgerlichen Bohème-Milieu der 1968er-Bewegung und der Grünen, das die Umweltbewegung entstehen ließ, ist die Fremdheit gegenüber der Arbeitswelt stärker statt schwächer geworden.

  8. Die Aufhebung entfremdeter Arbeit impliziert mehr als die ökologische Reform der Produktion nach außen und nach innen, sie stellt die ökonomische Macht und die Verfügung über die Produktion in Frage. Wie ist basisdemokratische Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft möglich ? Die bisherigen Antworten waren meist falsch, wie wir wissen. Aber radikale Fragen und Programme, von der Gegenmacht im Betrieb über die Humanisierung der Arbeit und die Ökologie am Arbeitsplatz, kurz: die Frage nach der GRÜNEN ARBEITERBEWEGUNG hilft immerhin dazu, dass die entscheidende Kritik an der entfremdeten Arbeit nicht verschwindet.

 

 

Anekdoten-Anhang:

… Oder vielleicht mehr als eine Anekdote ? Wenn ich den legendären utopischen Satz des jungen Karl Marx, „Morgens fischen, mittags jagen, abends kritischer Kritiker sein“ bei Google in die Suchmaschine gebe (24.9.05), so erhalte ich ein einziges Resultat (!), und das ist ein verqueres Gequake über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in den ehemaligen DDR-Ländern:

 

DISS-J OURNAL 6(2000)

(DISS = Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, eine hervorragende kritische Institution mit Sinn für Ironie und Zwischentöne, R.H.)

 

Kurzmeldungen


Freiheit der Politik In der DDR hatten Künstler sich bekanntlich der Linie der Partei unterzuordnen. Vera Lengsfeld, ehemalige Bürgerrechtlerin in der DDR und heute CDU-MdB hat Sehnsucht nach alten Zeiten.„Es gilt, die Freiheit der Politik gegen die Anmaßung der Kunst zu verteidigen". Anlass der Klage war das umstrittenen Haake-Kunstwerk „Der deutschen Bevölkerung" im Reichstag (zitiert in der „Jungen Freiheit" vom 7.4.2000)

 

Gemetzel im Management Woran ist die Mega-Bankenfusion gescheitert? Was trieb den Chef der Deutschen Bank, Breuer und seinen Kollegen Walter von der Dresdner in den entscheidenden Stunden? Die Soziobiologie hat die Antwort gefunden („Stern" 16/2000):
„Uralte Instinkte" haben die Spitzenmanager geleitet. Jeder wollte sein „Revier vergrößern", das „größte Rudel" führen. Es ging „eben auch um die Urfrage der Männlichkeit: Wer hat den Längsten?" Die Ausgangslage der Verhandlung war überaus kompliziert. „Würde man zwei Rudel fusionieren, gäbe es Mord und Totschlag" gibt „Wolfsforscher" Erik Zimen zu bedenken. „Bei Säugetieren mit hierarchisch strukturierten Gruppen gibt es keine Fusionen, jedenfalls keine friedlichen." Bei feindlichen Übernahmen gilt: „Wenn sie in der Übermacht ist, überfällt die eine Gruppe einzelne Männchen der Konkurrenz. Und tötet sie. Aber erst wenn deren Anführer entmachtet ist, klappt die Übernahme, und die neuen Weibchen können bestiegen werden."
Aber auch die vermeintlich Schwächeren – in diesem Falle wohl die Manager der Dresdner Bank – hatten ihre Chance. Affen, so schreibt der „Stern", greifen schon mal zur List und beißen dem eigentlich stärkeren Konkurrenten ins Gemächte, so dass die Übernahme scheitert: „No balls – ein enteierter Chef".

 

Honeckers Rache Morgens fischen, mittags jagen, abends kritischer Kritiker sein. Marx’ Vision - im Osten ist sie möglich. Dort gibt es ABM und Stasi. Die DDR lebt und der „Stern" (16 / 2000) klärt auf:
„Dieselben Leute, die schon die DDR zugrundegerichtet haben, kontrollieren heute den zweiten Arbeitsmarkt im Osten. Und die haben kein Interesse am Erfolg." Es gebe mittlerweile ein „flächendeckende(s) Arbeitsumverteilungssystem", eine „DDR mit anderen Mitteln", „Mitteln aus dem anderen Deutschland: Sozialismus mit Westgeld."

Es kommt aber noch schlimmer: Norbert Langoff, der Abteilungsleiter ABM im Magdeburger Arbeitsamt verrät dem „Stern" die Strategie der Altkader: „Hier kommen doch laufend Leute aus den alten Ländern her. Die schauen sich unsere Arbeitsbeschaffung ab, weil sie das Ganze im Westen eins zu eins kopieren wollen."
Wie sagte Erich Honecker doch treffend: „Den Sozialismus und seinen Lauf halten weder Ochs‘ noch Esel auf."

Rätsel der Vererbungslehre Wie man jüngst lesen konnte, ist das menschliche Gen vollständig entziffert. Es bleiben aber Rätsel: Welche Gene machen arbeitslos? Wie pflanzt sich der „Sozialhilfe-Empfänger" fort?
In der „Woche" (31.3.2000) erfahren wir, daß die Forscher immer noch im Dunkeln tappen: „Wissenschaft und Statistik wissen fast nichts über diese Menschen. Der Datenschutz mache es unmöglich, teilt das Statistische Bundesamt mit, zu erfassen, wo sich Sozialhilfebezug über mehrere Generationen vererbt."
Was der Wissenschaft verborgen bleibt, enthüllt der Journalismus: In Hamburg-Mümmelmannsberg hat die Autorin der „Woche", Irene Stratenwerth, „Sozialhilfe-Dynastien" entdeckt: „Zwischen Schwarzarbeit, Schulden und Kleinkriminalität hat sich ein ‚Sozialhilfe-Adel‘ etabliert, der für den Arbeitsmarkt verloren ist." Die Adels-Geschlechter reichen bis ins sechste Glied. Kronzeuge Artur Kebernik, Sozialarbeiter vor Ort, weiß: „Wenn das so weitergeht, haben wir hier bald die sechste Generation von Sozialhilfeempfängern.“

 

Hinweise:

Arbeitskreis „“Andere nützliche Produkte“, Bremer Vulkan (Herausg.): Jürgen Bonn, Richard Herding, ASBEST  - AUSTIEG UND NIEDERGANG EINES WERKSTOFFES, Hessischer Rundfunk, Frankfurt am Main, 1. Programm (45 Min.), 27.Dez.1989
Richard Herding, Ökologie am Arbeitsplatz, in Alemantschen –Zeitschrift für Ökologie-, Frankfurt am Main 1985