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für kritische Medienpraxis


EINIGE GRUNDTHESEN FÜR DIE DISKUSSION

Vom 25. Oktober 2006. Autor Jan Oppermann

 

1. Zentrale politische Fragestellungen bzgl. des Internets:

  • Digitale Teilung: Wer hat Zugang zum Internet und wer nicht, sowohl weltweit wie auch in den reichen industrialisierten und tendenziell digitalisierten Ländern. Während früher die Bereiche (Aus-)Bildung und Arbeit wenigstens prinzipiell getrennt waren, sind sie heute direkt ineinander verzahnt, also: Wissen ist mehr denn je unerlässliches Produktionsmittel, aber auch Produkt. Das digitale Instrumentarium muss laut Castells verfügbar sein, um an der Arbeitsgesellschaft teilzuhaben. Das ist weltweit nicht durchgängig, bzw. nach Ländern, sozialen Schichten und Geschlecht höchst unterschiedlich der Fall (vgl. das Kartenmaterial). Aber den Schwerpunkt hauptsächlich auf die Exklusivität zu setzen, wäre falsch: das digitale Instumentarium ist erstens Norm und zweitens hat es die schnellste Durchsetzungskraft von allen bisherigen Medien. Soweit die "kalifornische Ideologie", die von den AutorInnen der "Netzkritik" abgelehnt wird. Im Prinzip geht es in Castells' Sicht um eine fortschrittliche Tendenz, etwa wie bei Marx (und Schumpeter) das Element des Erfindens, der technisch-wissenschaftlichen Innovation als Kennzeichen bestimmter Epochen des Kapitalismus. Dennoch ist es selbstverständliche Aufgabe der kritischen Wissenschaft und sozial fortschrittlicher Kräfte, auf die "schwarzen Löcher des informationellen Kapitalismus" hinzuweisen und die Interessen der abgeschalteten u/o ausgeschlossenen Territorien und Menschen zu vertreten. Castells setzt das Schwergewicht nicht auf die Kritik der digital verwerteten Wissens als "instrumentelle" Vernunft, die einer transzendenten / moralischen / utopischen Vernunft entgegenstünde, wie etwa bei Weizenbaum.
  • Allgemeinheit des Zugangs: Castells untersucht die "digital divide" unter dem Gesichtspunkt, welche faktischen Privilegien es gibt, insbesondere auch positiv bewertbare. Dabei fällt für ihn besonders der "Community"- ("Szene"-) Charakter der Vergesellschaftung der HauptaktivistInnen im Internet auf. Paradoxerweise wird das Internet in erster Linie als gigantische Chance der "Öffentlichkeit unter Abwesenden gesehen, was zunächst einmal auch vollkommen richtig ist. Aber die tonangebende Szene in den jeweiligen Ländern (sozialen Schichten, Geschlechtern) ist sehr stark auch eine "Öffentlichkeit von Anwesenden", inclusive persönlichen Kontakten. Das ist auch von derzeit noch unterprivilegierten, aber "digital aufsteigenden" Communities bekannt, denken wir zB an Frauen in Teheraner Internet-Cafés.
  • Unverbindlichkeit des Mediums: Schnelligkeit und sofortige Veränderungsmöglichkeit sind Charakteristika der neuen Informationstechnologie. Die Diskussion um Verlässlichkeit und Qualität ist vorprogrammiert und keinewswegs auf kulturkonservative Kritik beschränkt, die an den alten Medien hängt und den "Hype" der neuen verachtet. So werden z.B. "schlampige" Formulierungen akzeptiert, desgleichen ebensolche Recherchen und Kommentare, sofortige Rücknehmbarkeit durch Löschen. Unüblich ist bislang noch weitgehend das Zitieren mit dem dringend benötigten Besuchs-Datum. Auch im Detail, also bei grundsätzlicher Verfügbarkeit der Internet-Möglichkeiten, ist die technische Abhängigkeit der Kommunikationsmöglichkeit gegeben, so etwa bei manchen pdf-Dateien oder bei multimedialen Botschaften - und sei es nur, dass die Übertragungswege zu lange dauern, so dass sie unpraktikabel sind. Ähnlich bei verschiedenen Aspekten von körperlicher oder mentaler Behinderung bei der Bedienung der Technik

 

 

2. Deliberative Demokratie und demokratische Öffentlichkeit:

2.1. Deliberative Politik und Medien:

„Eine verantwortliche Teilhabe der Bürger an der politischen Willensbildung des Volkes setzt voraus, dass der Einzelne von den zu entscheidenden Sachfragen, von den durch die verfassten Staatsorgane getroffenen Entscheidungen, Maßnahmen und Lösungsvorschlägen genügend weiß, um sie beurteilen, billigen oder verwerfen zu können. Dazu vermag staatliche Öffentlichkeitsarbeit einen wesentlichen Beitrag zu leisten.“

 

2.2. Kern der Idee einer deliberativen Demokratie:

Deliberation : Quelle politischer Legitimation = öffentliche Beratung der politischen Angelegenheiten durch die BürgerInnen

  • zentral: diskursive Erarbeitung einer konsensfähigen Meinung

  • spezifische Diskurs- und Kommunikationsbedingungen :
a) sachgerechte Informationen, die von Diskursteilhehmenden verarbeitet werden können
b) Beteiligung chancengleich (frei von externen/internen Zwängen)
c) Themen müssen für alle Beteiligten von Bedeutung sein
    (> von Beteiligten selbst festzulegen)

d) prinzipielle Unbegrenztheit der Diskurse

 

2.3. Kriterien an denen demokratische Öffentlichkeit gemessen werden sollte:

  • Sachverstand
  • Verbindlichkeit
  • Nutzerfreundlichkeit
  • Propaganda
  • Aktualität

 

25.10.06
Jan Oppermann
Informationsdienst: für kritische Medienpraxis e.V.