REALE UTOPELIE: Arbeitskämpfe bei Opel als andauernder Erfolg der Basisdemokratie.

Teaser

Die Opel-Werke in Rüsselsheim, Bochum und Eisenach (dazu kommen noch weitere, kleinere Zulieferbetriebe zu den Montagewerken) haben jeweils ihren ganz eigenen Stil. Die beiden westlichen, Rüsselsheim und Bochum, sind auch -in sehr unterschiedlicher Weise- geprägt von der linken Betriebsarbeit der 1970er Jahre. Das östliche, Eisenach, geprägt vom Desaster des Arbeitskampfes um die Gleichstellung insbesondere der Arbeitszeit.

Author

Richard Herding

 

(Beitrag zum Opel-Buch, Initiative Willi Hajek u.a., Fassung 15.8.05; Richard Herding / Jan Oppermann, „Informationsdienst: für kritische Medienpraxis“ im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin, 030/20166296, E-Mail kritik@idmedienpraxis.de. Ursprünglich Beitrag für die öffentliche Diskussion des Arbeitskreises „Geschichte sozialer Bewegungen von unten: Ost / West“ am 27. Febr. 2005, „Sechs Tage der Selbstermächtigung bei Opel Bochum“, im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin.)

 

Die Opel-Werke in Rüsselsheim, Bochum und Eisenach (dazu kommen noch weitere, kleinere Zulieferbetriebe zu den Montagewerken) haben jeweils ihren ganz eigenen Stil. Die beiden westlichen, Rüsselsheim und Bochum, sind auch -in sehr unterschiedlicher Weise- geprägt von der linken Betriebsarbeit der 1970er Jahre. Das östliche, Eisenach, geprägt vom Desaster des Arbeitskampfes um die Gleichstellung insbesondere der Arbeitszeit.

 

GOG BEI OPEL BOCHUM: EINE GENERATION ALTERNATIVES MODELL VON BASISDEMOKRATIE


Die innerbetriebliche Belegschafts-Demokratie der Gewerkschaftlichen Oppositions-Gruppe (GOG) seit 1972, später Gegenwehr ohne Grenzen (GOG) bei Opel Bochum ist bis heute vorbildlich und wohl auch einmalig. Sie ordnet sich selbsternannten „Avantgarde“-Organisationen (in Bochum: die MLPD, also Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands, eine maoistische Sekte mit stalinistischen Zügen, jedenfalls autoritär) nicht unter, bekämpft sie aber auch nicht fanatisch. Sie ist nicht „gegen“ die Industriegewerkschaft Metall, kritisiert sie aber.

Im Opelwerk Rüsselsheim gab es in den frühen 1970er Jahren die Betriebsarbeit der Gruppe „Revolutionärer Kampf“, linksradikale Boheme, vielfach Studenten, meist aus Frankfurt am Main. Wer die Zeitschrift „WIR WOLLEN ALLES“ aus dieser Zeit liest, bekommt einen Eindruck von dem Einfluss der italienischen Gruppe „Lotta continua“ seit dem heißen Streik-Herbst 1969 in Italien. Vom Kampf gegen das Fließband, für Lohnerhöhungen ohne Rücksicht auf die Regierung („Ist Willy zwanzig Pfennig wert ?“, selbstverständlich war die Antwort: nein !), von der Bedeutung egalitärer statt prozentualer Forderungen. Auch 2005 hat  diese Erfahrung ihre Bedeutung für Betriebsräte und Vertrauensleute. Warum hat dass Opel Bochum den vorbildlichen Selbstermächtigungs-Arbeitskampf geführt und Rüsselheim pragmatisch, gar nicht schlecht aber wenig öffentlichkeitswirksam verhandelt ? Weil die „Spontis“ etwa seit 1974 sich selbst als Nicht-Arbeiter, als radikalisierte MittelschichtlerInnen oder Boheme oder Intellektuelle definierten. Die ArbeiterInnen, so ihr Fazit, hätten ihre Organisations- und Kampfformen „in erster Person“ entwickelt, also mit dem „Wir wollen“ und nicht mit dem „Ihr sollt“ einer Führungs-Avantgarde. Das hat die hergebrachten Vertretungsformen, also Vertrauensleute, Betriebsräte, Gewerkschaften, gestärkt und in Qualität und Kompetenz einen kräftigen Schub vorangebracht. Sie waren eben im Urteil der Linken nicht zwangsläufig Bürokraten oder Verräter. Was der Boheme ihre Hausbesetzung, das ist der Belegschaft ihre Tarifverhandlung … Politik in erster Person.

Gut gedacht, aber Bochum zeigt: es kann auch anders gehen. Nicht jede „von außen“ kommende, gar –Himmel hilf !- von der nahegelegenen Universität beeinflusste politische Gruppe muss sich zu einem Fremdkörper im Betrieb entwickeln wie die stalinistischen Sekten-„Avantgarden“. Manchmal glückt die gegenseitige Anregung zwischen „Studenten“ und Arbeitern, manchmal wird eine Synthese daraus.

 

VON DER BOCHUMER OPEL-ERFAHRUNG LERNEN


Belegschaftsdemokratie muss unabhängig sein von vermeintlich übergeordneten Außen-Interessen. Das war 1973 die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, als Regierungspartei auf Bundesebene, mit Willy Brandt als Kanzler von Erwartungen hoch besetzt – und 2004 war es das Co-Management in der Standort-Konkurrenz. (Über den Konflikt von 1973 unbedingt zu Rate ziehen: Rainer Deppe, Sozialdemokratie und Betriebskonflikte in einem Großunternehmen, in: Rainer Deppe / Richard Herding / Dietrich Hoß, Sozialdemokratie und Klassenkonflikte; Forschungsbericht des Instituts für Sozialforschung, Frankfurt am Main / New York, Campus 1978. Achtung: aus Datenschutzgründen wird der Name „Opel“ nicht im Forschungsbericht genannt. Das ist aber nicht so schlimm, denn das große Autowerk „Verendi“ kommt vor. Alle Ähnlichkeiten von Verendi mit  Opel sind rein zufälliger Natur und gänzlich unbeabsichtigt, die LeserInnen  verstehen das selbstverständlich.) Dennoch ist es höchst lehrreich, sich damit auseinanderzusetzen, was damals bei Verendi geschah, und damit zu vergleichen, was 2004/5 bei Opel Bochum durchlebt und durchlitten wurde.

Zur Illustration hier nur wenige Zitate aus dem Bericht über Verendi 1973:
- „Die Fortsetzung des Streiks nach Bekanntgabe des Verhandlungsergebnisses und die scharfe Kritik der Streikenden am Betriebsrat machten der Konzernleitung deutlich, dass ihr Versuch praktisch gescheitert war, den Betriebsrat als institutionellen Hebel zur Beendigung des Arbeitskampfes einzusetzen. Die Betriebsratsmehrheit übernahm zwar diese Aufgabe, blieb aber erfolglos“ (S.147).
-  „Sozialdemokratische Politik wird kaum noch von Arbeitern selbst getragen und vertreten. Die Ausgangshypothese dieser Studie lautete daher, dass sozialdemokratische Politik hauptsächlich von Betriebsräten und Gewerkschaften als formell von der Partei unabhängigen, aber politisch weitgehend an ihr orientierten Interessenvertretungsorganen vermittelt werde“ (S. 191).
 „Nur in historischen Phasen zugespitzter Klassenkämpfe entwickelte die Bewegung der Arbeiter entgegen der sozialdemokratischen Tradition politische und organisatorische Perspektiven, wie die Trennung von Produktions- und Reproduktionsbereich, von ‚großer Politik’ und alltäglichem Leben zu überwinden und die Gespaltenheit des Arbeiters in den ausgebeuteten Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums und den formal gleichen Staatsbürger aufzuheben sei. … Diese Abdichtung der Politikbereiche voneinander verhindert, dass die Betriebspolitik von Sozialdemokraten, auch wenn diese als solche offener in Erscheinung träten, die Loyalität von Arbeitern zur Partei unmittelbar beeinträchtigt“ (S. 196).

Vieles ließe sich wortwörtlich für Opel 2004/5 übernehmen. Vielleicht müsste in mancher Hinsicht heute statt „Sozialdemokratische Partei“ wirklich schon „der Konzern im globalen Standort-Wettbewerb“ als Loyalitäts-Leitstern der Apparate genannt werden.

 

FABRIKARBEIT ? IN DER MEDIEN-ÖFFENTLICHKEIT VON HEUTE SO GUT WIE UNBEKANNT !

Bemerkungen über die Ignoranz der Linken und der Medienöffentlichkeit am Beispiel Opel 

  1. Die Arbeiterkämpfe sind etwa seit 1973 –nicht zufällig: das zweite Jahr wilder Streiks nach 1969 und das Geburtsjahr der Gewerkschaftlichen Oppositionsgruppe !- aus den linken Diskussionen in Deutschland weitgehend verschwunden. Das gleiche gilt in hohem Maß für die Medienöffentlichkeit insgesamt. Kein Zufall: eine Art Hegemonie („Lufthoheit über den Stammtischen“, bzw. auch über den Cafésesseln) verband und verbindet zum Teil heute noch die Linke und die Medien. (Lange Zeit war von „Rotfunk“ die Rede, wenn vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesprochen wird. Kurze Übersicht: die ehrenvolle Verleumdung „Rotfunk“ galt bzw. gilt beim Norddeutschen Rundfunk, stark auch beim Westdeutschen, unübertroffen bei Radio Bremen, beim Hessischen, Saarländischen und Südwestdeutschen - bzw. Südwest-Rundfunk, sogar in Relation zur politischen Umgebung ! noch vom Bayerischen Rundfunk, nicht so stark vom Mitteldeutschen und Ostdeutschen bzw. vom Sender Freies Berlin / Rundfunk Berlin-Brandenburg. Und nach wie vor können Stoiber / Merkel / Todesstrafe / Irak-Krieg / Türkei aus Europa raushalten etc. geringere Stimmenzahlen verbuchen, wenn nur unter JournalistInnen abgestimmt wird.)

  2. Seit den 1970er Jahren wird die gering qualifizierte Fabrikarbeit (die „Massenarbeit“) weitgehend von ImmigrantInnen getragen. In den tonangebenden Kreisen von Gewerkschaften und Betriebsräten sind die ImmigrantInnen dagegen kaum vertreten, bei den Vertrauensleuten etwas stärker, in der Gewerkschaftsopposition fast anteilig. Gewerkschaften und Betriebsräte verfügen aber über mehr Public-Relations-Apparate, Hauptamtliche, Presseverlautbarungen usw., sodass sie in der Öffentlichkeit deutlich mehr auftauchen und die TürkInnen, PolInnen usw. entsprechend weniger. „Blaumann-(Blaufrau!?)"-Arbeit ist derzeit oft zu 80% ImmigrantInnen-Arbeit. Da kommen vielfach komplette Betriebe nicht in der Öffentlichkeit vor. (Ich hatte als Journalist den Fall des Schusswaffengebrauchs bei der Textilfabrik Eles in Taunusstein im wilden Streik 1973 durch einen türkischen Streikposten zu behandeln. Der „ausgerastete“ Streik-Aktivist fand keine Öffentlichkeit für das Verständnis, das bei aller Kritik in dieser aufgeheizten Situation angemessen war. Der „Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“, ein Medium für Benachteiligte, und die von ihm informierte „Frankfurter Rundschau“ bewahrten ihn vor dem endgültigen Abschiebe-Knast. R.H.)

  3. Welche Rolle spielen heute die Immigranten –der zweiten, dritten Generation- bei Opel ?          „Wir mussten 620 Türken aus Rüsselsheim übernehmen“ – ein bisschen im Sklavenhandels-Jargon sprach man über sie im Jahr 1975 ...

  4. Ebenfalls seit den Siebziger Jahren fand bei einem großen Teil der Protestbewegung ein „Paradigma-Wechsel“ statt: nicht mehr die Arbeit stand jetzt im Vordergrund, sondern die Umwelt, die Ökologie wurde nun als zentrales gesellschaftliches Problem gesehen. Wyhl (1973), Brokdorf, Grohnde, Flughafen-Startbahn West Frankfurt am Main, Tschernobyl (1986), das waren die Orte der neuen politischen Lernerfolge. Im Betrieb wäre heute unabweisbar die Aufgabe, beide Existenzfragen, Arbeit und Umwelt, zusammenzubringen. Also: wer fragt heute bei Opel / General Motors nach umweltfreundlicher Konversion ? nach sonnengetriebenen Fahrrädern ? nach schwebenden Automobilen ohne Bodenversiegelung und Flächenverschleiß ? Vorbild müsste unter anderem Frankreich sein: die Larzac-Bewegung, Joseph Bové, die unabhängigen Gewerkschaften mit Bauern-Bündnissen, der Kampf gegen McDonald’s Hamburgers, gleichzeitig für gute und sichere Arbeitsplätze wie für gutes und natürliches Essen.


  5. Der technologische Wandel von der Massenproduktion zur computergestützten, hochgradig intelligenz-bestimmten variablen Fertigung: Silicon Valley ist das Haupt-Arbeits-Beispiel in unserer Welt. Das Fließband ist aufgelockert („abgeschafft“ ist in der Regel eine Übertreibung), Roboter stehen zu Diensten: Volvo war die Avantgarde. Trotz der Gruppenarbeit gibt es noch die verdichtete hochgetaktete Fabrikarbeit. Wie weit ist sie bei Opel ein Thema ? In Bochum – oder sogar in Eisenach ?


  6. Durch die Aufhebung von Zoll- und Eigentums-Schranken via Globalisierung kommt es zum verschärften Standortwettbewerb unterhalb der staatlichen Ebene, worauf sämtliche betrieblichen Interessenvertretungen miserabel vorbereitet sind. Kooperation zwischen Belegschaften des gleichen Konzerns in verschiedenen Ländern ist fast immer beschränkt auf Informations- und Kommunikationskontakte. Von einer internationalen Belegschaftsdemokratie mit gemeinsamen Entscheidungen sind wir noch weit entfernt. Gerade mal eine Mäßigung des „Arbeiter-Nationalismus“ ist gelungen, jedenfalls ist er in Europa bei General Motors nicht oder nur in geringem Umfang zu bemerken. In diesem Beispiel direkten „Konkurrenz“ von Belegschaften ging es aber um Deutschland oder ein anderes „hochentwickeltes, modernes, sozialkompetentes“ Land wie Schweden. Wie, wenn es die Ukraine wäre  (Joschka Fischers allzu leichte Grenzaufhebung –Visa-Affäre 2005- lässt grüßen) oder, realistischer: Polen ?



Viele Fragen. Von den Antworten wird es abhängen, ob die reale UTOPELIE auf die Dauer zum Vorbild wird – oder ob sie verschwindet.