Informationsdienst:

Skip to content

Informationsdienst:

für kritische Medienpraxis


PROTOCOLS OF ZION Rezensionen zur Berlinale 2005 [Antisemitismus nach dem Holocaust, weltweit]

Vom 13. Februar 2005. Autor Richard Herding

 

(Rezension.net: 10.3.05)

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !





Titel: PROTOCOLS OF ZION
Land: Vereinigte Staaten von Amerika (U.S.A.)
Jahr: 2004
Regie und Buch: Marc Levin
Mit: Marc Levin, Al Levin
Produktionsleitung: Marc Levin, Steve Kalafer
Kamera: Mark Benjamin
Musik: John Zorn
Dauer: 93 Min.; Farbe
Kinostart:
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, http://www.rezension.net/

 

 

Antisemitismus nach Al Qaidas Ground Zero:

 

Idiotische „Theorien“ – aber lebendige Menschen, und ein mutiger Filmemacher. Ohne Strafgesetze und Polizei, vielleicht vorbildlich für Deutschland

 

Den Anlass gab ein Missverständnis, das aber auf einen fruchtbaren Sumpf geriet. Nach dem Flugzeugangriff islamistischer –ich wähle mal den Begriff: Faschisten- auf das World Trade Center in New York, am 11. September 2001, äußerte sich ein israelischer Diplomat: er habe viertausend Anrufe bekommen wegen möglicher oder aktueller jüdischer Opfer des Angriffs, also: Tote, Verletzte, Vermisste. Das Wort von den 4000 Jüdinnen und Juden muss die Runde gemacht haben wie ein Lauffeuer, und wie in dem bekannten Kinderspiel von der „Stillen Post“ muss es ins Gegenteil verkehrt zurückgekommen sein. Die jüdischen Beschäftigten in den „Zwillingstürmen“ seien gewarnt worden und an dem betreffenden Tag nicht zum Dienst erschienen. Somit seien nur nichtjüdische Angestellte und Arbeiter getroffen worden.

Und warum ? Weil die Juden insgeheim die Weltherrschaft innehätten. Mittels geheimer Verknüpfungen der staatlichen und wirtschaftlichen Apparate würden sie international die Macht an den zentralen Hebeln ausüben. So hätten sie auch am 11. September 2001 eine Verschwörung organisiert, um weltweiten Kampf, ja Krieg gegen den Islam als eine angeblich terror-verdächtige Religion zu initiieren, technisch geführt von der wirtschaftlich und militärisch stärksten Weltmacht, den U.S.A.

Und woher wir das wissen ? Aus den „Protokollen der Weisen von Zion“, Ende des 19. Jahrhunderts in russischer Sprache erschienen (passend: der zaristische Geheimdienst soll es produziert haben !), 1909 auf Betreiben von keinem geringeren als Henry Ford, dem Autokönig, in Übersetzung für die U.S.A. herausgekommen. Darin wird bereitwillig geschildert, wie das „Weltjudentum“ Politik und öffentliche Meinung, Polizei und Presse an die Leine nimmt, die Gegner diffamiert und auseinanderdividiert, Märkte und Unternehmen dominiert. Jüdische Herrschaft, weltweit, vorsichtshalber geheim.

In Deutschland wurde ja das ehrenvolle Bedürfnis, nach derartig noch-nie-da-gewesenen Gewaltakten die nötigen Verschwörungs-Theorien zur Orientierung von Bauch und Kopf zu produzieren, von Leuten wie Matthias Bröckers und Andreas von Bülow befriedigt. Das lief nach dem keineswegs ganz abseitigen Ansatz: wer profitiert davon ? die Repressions-Mafia selbstverständlich, also Militär / Polizei / Geheimdienste / Rüstungsindustrie. Und weiter: dann werden sie’s vielleicht ja selbst angezettelt haben, unter Mitwirkung gut bezahlter oder erpresster Agenten aus den üblichen verdächtigen Ländern („Schurken-Staaten“). Oder sie mögen Hinweise zur Vorsicht und Verhinderung des Schreckens-Ereignisses grob-wohlwollend-fahrlässig außer Acht gelassen haben, damit sie als Träger gigantischer „Gegen“-Wehr von einem Riesen-Keulenschlag sozusagen profitieren. Kein Zweifel, dass sich da wichtige konkrete Fragen stellen ließen und bis heute stellen lassen, nachdem sich der Dampf der überzogenen Verschwörungs-Theorien verzogen hat. Antisemitische Untertöne -wie üblich war der israelische Geheimdienst Mossad beteiligt undsoweiterundsoweiter- waren in Europa nicht besonders aufdringlich oder verschwanden bald wieder.

Anders in den U.S.A. Dort fuhr der Filmemacher Marc Levin (er hat z.B. „SLAM“ und andere Filme gemacht, meist für Home Box Office / HBO, einen Fernsehsender wie „Premiere“ in Deutschland) nichts ahnend mit dem Taxi durch seine Heimatstadt New York Mit dem jungen türkischen Fahrer kam er ins Gespräch und erfuhr von diesem die „spannende Theorie“ über „9/11“ (=11.September: in den U.S.A. wird das Datum in der Reihenfolge „Monat/Tag/Jahr“ geschrieben) und die tieferen Ursachen des Flugzeugattentats auf die Zwillingstürme. Er war völlig entsetzt, denn die Aufklärung über die wildgewordene Zahl „4000“ vom israelischen Botschafter war ihm noch nicht zuteil geworden. Und jetzt beginnt, was in Deutschland wohl kaum geschehen wäre. Levin stieg nicht etwa aus dem Taxi und schimpfte, so eine braune Scheiße wolle er sich nicht anhören und der junge Mann möge sich vor Augen führen, wie der Antisemitismus zu dem Super-Verbrechen des Holocaust geführt hatte, oder sollte er gleich der Polizei Bescheid sagen. (Gut möglich, dass der Rezensent das so gemacht hätte.) Stattdessen ließ der Jude und New Yorker Levin, keineswegs ein Mann von ewigfriedlichem Temperament, den jungen Fahrer anhalten, ging mit ihm einen Kaffee trinken, und erfuhr zum Beispiel, dass der aus Ägypten abgehauen war, weil ihn dogmatische Muslime dort wegen seiner liberalen Denk- und Lebensweise schikaniert hatten.

Dann ging Levin auf die Pirsch, um ein gefährliches und weit verbreitetes Vorurteil zu ergründen, zu widerlegen, zu bekämpfen. Vielleicht hätte er mit der Gesetzgebung gegen „hate crimes“, also Hass-Verbrechen in Wort und Schrift (ohne schon Taten zu produzieren) auch vorgehen können: seit einiger Zeit haben die Vereinigten Staaten solche Gesetze, die denjenigen gegen „Volksverhetzung“ in Deutschland ähnlich sind. Nicht ob das verwerflich wäre, ist hier der Punkt, sondern: dass ein Streit ohne juristische und polizeiliche Bewaffnung den Stolz und das Beispielhafte der Demokraten und Antifaschisten viel, viel mehr stärkt als die Drohung mit staatlicher Gewalt. So geht er zu den u.s.-amerikanischen Neonazis, leibhaftig, trifft einen, der die Gedenkstätte Auschwitz besucht hatte. Ja nun, etwa hunderttausend seien da wohl umgebracht worden, aber nicht die Millionen, von denen die Rede ist; es sei ein Disneyland der Angst dort aufgebaut worden, und es gehe auch ums Geldverdienen: er habe selbst auch Bier gekauft …Das alles nebst Kartons mit Hakenkreuz- und SS-Stiefeln, so dass einem schlecht wird.

Levin wird auch laut, braust wütend auf, als er den antisemitischen Schwachsinn hört, aber das Publikum spürt: es ist sinnvoll, sich das mal selbst anzutun, die unmittelbare Erfahrung zu machen und dadurch Sicherheit zu gewinnen. (Auch wenn wir’s leicht in der Phantasie exakt so ausmalen können, ohne vom Schreibtisch aufzustehen.) Und die verstockten Meinungsführer wirst du nicht durch Argumente herumkriegen, wohl aber einige im Umkreis, und dafür kann ein wenig Übung nicht schaden. Nicht beim schlimmsten Verschwörungs-Gelaber, eher beim dämlichsten rastet Levin am meisten aus: als nämlich der Nazi, um zu die These der Welt-Meinungs-Herrschaft aus den „Protokollen von Zion“ zu beweisen, ausgerechnet den australischen Medien-Imperator Rupert Murdoch (von „New York Post“ über „20th Century Fox“ in Hollywood und die britische „Sun“ kontrolliert er vielleicht die Hälfte der Welt-Medienkonzerne) zum Juden macht. Notfalls müssten eben irgendwelche „passenden“ Vorfahren noch aufgefunden werden … Nicht anders wird aus dem New Yorker Ex-Bürgermeister mit dem italienischen Namen Giuliani ein „Jewliani“ gemacht (Jew heißt Jude), die erste Silbe wird gleich ausgesprochen, aber es bleibt ein doofer Witz.

Die Odyssee von „Protocols of Zion“ führt auch zu den arabisch-sprachigen Zeitungen in der Gegend (New Jersey), die sich vom plattesten anti-jüdischen Zeug distanzieren, aber es dennoch drucken, vielleicht im letzten Satz noch schreiben: ach übrigens, wahr ist das alles nicht. Der Film zeigt solche Passagen auch aus dem ägyptischen Fernsehen. Er vergisst nicht den malaysischen Premierminister auf dem Welttreffen islamischer Staaten 2003: Die Juden, verkündete dieser,  kontrollierten heute die mächtigsten Staaten, diese kleine Community sei zu einer Weltmacht geworden. Levin geht zu den DemonstrantInnen gegen Bush’s Irak-Krieg 2003, fürchtet auch dort die judenfeindliche Verschwörungs-Fantasie zu hören, ist erleichtert, dass nicht viel davon kommt. Die „Neo-Cons“, die konservativen BeraterInnen neuen Typs um Präsident Bush jr. herum, seien vielfach jüdisch, wird gesagt, aber das ist weder richtig tragfähig noch gibt es starke Parolen her.

Wir landen auch im Hochsicherheits-Gefängnis von Trenton, New Jersey, und finden viel antijüdischen Hass bei Gefangenen. Levin fragt den eigenen Vater Al, wie es eine Generation früher im Kiez von Flatbush (Brooklyn, New York) zuging, und der berichtet, dass die Familienangehörigen viele Jahre immer wieder als „jüdische Monster“ über den Gartenzaun beschimpft wurden. Father Coughlin (gesprochen: Koglin), katholisch, hielt in den demokratischen U.S.A. unter Roosevelt, dem späteren Präsidenten des Anti-Hitler Krieges, antijüdische Hetztiraden übers Radio. Und Henry Ford ließ sich noch 1938 mit einem großdeutschen Verdienstorden dekorieren.

Die Anklage, dass dereinst „die Juden“ Jesus gekreuzigt und gekillt hätten, ist ebenfalls leicht zu finden, und der Film „The Passion“ von Mel Gibson hat in den Kinos bei denen, die das nun mal so sehen wollten, die Tendenz durch drastische Folter-Bilder verschärft. Überhaupt die Filmindustrie: obwohl die Unternehmer Hollywoods vielfach Juden waren, hielten sie sich in den 1930er und 1940er Jahren mit Anti-Nazi-Filmen sehr lang und sehr betont zurück, um nicht als die zu gelten, die Schaden aufs amerikanische Vaterland herbeizogen. - Die Geschichte kennt keine geraden Linien, soviel kapieren wir bald.-

Levin’s langer Lauf durch die antisemitischen Sümpfe ist voll von lebendigen Bildern, der Mann kann einfach erzählen. Belehrend –oder schlimmer: langweilig- wird er nie. Und seine  Welt ist voll von Aufrechten, die sich nicht scheuen, quer durch die Grenzen der politischen oder religiösen „Lager“ zu kreuzen. So predigt Elie Wiesel, einer der größten Bekenner zum Holocaust als einem nahezu religiösen, aus der Menschheitsgeschichte unendlich herausgehobenen Ereignis: „Wer Jesus hasst, hasst alle Sterblichen“. Und Levin ist sich auch nicht zu schade, den offenkundigen Blödsinn von den Juden als Nicht-Opfern des 11. September 2001 nach allen Regeln der Kunst zu untersuchen und zu widerlegen, etwa durch DNA-Proben aus den Leichen(-Teilen). Makaber aber fair in einem Rechtsstaat: jedes Scheusal, jeder Verleumder kann ein vollständiges, anständiges Verfahren beanspruchen.

„Wir wissen, dass Sie Jude sind, aber Sie behandeln die Leute richtig, also haben wir Sie hierher kommen lassen“, so habe ihn der Chef der„White Power Arier“ empfangen, berichtet Levin nach der Premiere. „In Hollywood, wo ich viel mehr Beziehungen zu haben glaubte, war ich nicht so erfolgreich.“

So geht einer an die härtesten Dinge mit dem Bedürfnis ran, das für alle Medien-MacherInnen oberstes Gebot sein sollte: „to be curious what makes people tick“ – Neugier, wie die Menschen ganz real fühlen oder handeln, nicht nach irgendwelchen allgemeinen Schemen von gut und böse. Wichtige Lektion für ein Deutschland, das gerade seine Neonazis mit Parteiverboten und Demonstrations-Paragraphen zu beglücken versucht. Und wie viele von diesen Demokraten haben die Fähigkeit, handfest zu diskutieren und nicht bloß gut gemeinte Phrasen zu dreschen, wenn eben nicht allein von Auschwitz, sondern auch von den Bomben auf Dresden die Rede ist ? Wie viele kennen zum Beispiel die Debatten um „Bomber-Harris“ in Großbritannien ? Marc Levins Film ist ein Vorbild an Offenheit, Kompetenz und Mut. Missbrauch ist nie auszuschließen, wenn jemand die Antisemiten offen und ausführlich zu Wort kommen lässt, da brauchen wir keinerlei Illusionen zu haben. Aber antisemitische Reden haben auch ein hohes Potential zur Selbst-Entlarvung als der Blödsinn, der sie sind.

Wichtig ist Levins Haltung vor allem, weil wir uns gegenüber den vielen Millionen Menschen von arabischem und islamischem Hintergrund, gerade auch Jugendlichen ohne Bildungs-Privilegien, auf keinen Fall eine Verweigerung des Gesprächs, eine Verweigerung des Ernstnehmens leisten können oder dürfen. Ob das ein „neuer“ Antisemitismus ist, mag bezweifelt werden, mir kommt da nicht viel neu vor. Aber diese „neuen“ Antisemiten haben nicht den Hintergrund der deutschen oder europäischen Geschichte. Und mit ihnen wird weiter zu reden sein, auch wenn –Hoffnung !- zwischen Israel und Palästina allmählich ein Frieden auf den Weg kommen sollte.

 

Richard Herding
13.02.2005