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ODESSA, ODESSA Rezensionen zur Berlinale 2005 [Schicksal der Jüdischen Community, Ukraine]

Vom 13. Februar 2005. Autor Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !




Titel: ODESSA ODESSA …
Land: Israel / Frankreich
Jahr: 2004
Regie und Buch: Michale Boganim
Mit: David Varer, Esther Hossid, Victoria Lesina und viele andere
Produktion: Moby Dick Films (Paris), Transfax (Tel Aviv)
Kamera: Jakob Ihre
Dauer: 96 Min.; Farbe
Kinostart:
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, http://www.rezension.net/

 

 

Stalin als Messias, Knecht Ruprecht in Israel, Ukraine in New York:

 

Weltweite Heimat, tragbare Heimat, Odessa


Die Aufnahmen der alten ukrainischen Schwarzmeerstadt Odessa, in anheimelnden Farben und anheimelnd auch in ihren Trümmern, leer stehenden Gemäuern und Hinterhöfen, schaffen es leicht, die Herzen zu gewinnen und in einen „Heimatfilm“ einzustimmen, der auf drei Kontinenten spielt. Die ausgewanderten, dagebliebenen und immer wieder zurückkehrenden Jüdinnen und Juden aus Odessa erzählen aus ihren Lebensgeschichten - wen wundert’s, dass viele Biografien aus der Welt von Bühne und Gesang dabei sind, wovon die älter gewordenen Ladies and Gentlemen höchst charmante Proben geben. Das geht schon mal bis ins kaiserlich-königliche österreichisch-ungarische Zeitalter der Habsburger-Monarchie zurück, aber auch die stalinistische Ära kommt nicht zu kurz.

Das Geschichtsbild der Juden aus Odessa ist für Deutsche im Jahr 2005 nicht ganz leicht zu verstehen: immer wieder kommen Radio- oder Wochenschau-Nachrichten vom Angriff der nazi-deutschen Truppen auf Moskau, und von ihrer Kapitulation, in den Film. Die Vernichtung ungeheuer vieler Juden aus Belarus (Weißrussland, Kiew) und der Ukraine, schrecklich bekannt aus Artur Brauner’s Film „Babij Jar“ (2003), kommt in „Odessa, Odessa …“ nur gelegentlich vor, wenn von Abtransporten in die Lager erzählt wird. Die besondere Situation –aber davon lässt die Regisseurin, Michale Boganim, im Film selbst nicht viel erzählen- bestand für Odessa aus der Evakuierung in den Ural, auf Stalins Anweisung. So hebt die eine Frau im Film Stalin als Messias in den Himmel – er war es, der das Böse, Hitler, besiegt und so mit dem russischen Volk, mit allen sowjetischen Völkern, auch das jüdische von diesem Satan befreit hat. Die andere redet dagegen; auch die antisemitischen Tendenzen Stalins, etwa die „Säuberungen“ bei den Ärzten, werden angeklagt. Doch im Großen und Ganzen ist der Kampf für die Sowjetunion, der Kampf der Roten Armee, auch der Kampf der Juden von Odessa, da gibt es wenig Zwiespalt. Gerne werden die alten Orden und Uniformen herausgeholt und vorgezeigt.

Zweiter Weltkrieg und Holocaust-Geschichte sind hier eine Geschichte, die siegreich endet. Auch darum strahlt der Film nicht so stark die schreckliche Atmosphäre aus, die wir von einer Geschichte der Juden in der Ukraine im allgemeinen zu erwarten hätten.

Zauber und Komik des „Heimat“-Films kommen in „Odessa, Odessa“ zu solchen Höhen, dass auch geschworene Folklore-Verächter, die allenfalls Edgar Reitz’ „Heimat“-Serie genießen können, ihren Frieden damit schließen mögen. Allein die alten Fotos in den warmen sepia-braunen Tönen, mit denen einer der Protagonisten „sein Jahrhundert“ an die Wand pinnt, faszinieren. Die Volkslieder sind nicht so leicht zu vermitteln, aber die Satire ! Da zieht im glühend heißen Israel, in Ashdod, zur (europäisch-„christlichen“) Weihnachtszeit der Nikolaus stilecht mit roten Wams, Knecht-Ruprecht-Rute und Sack auf dem Rücken von Tür zu Tür. Die schon lange in Israel ansässige Bevölkerungs-Mehrheit sieht nun so ganz und gar nicht den Sinn der Sache ein, und die Odessa-Leute sind darüber stinksauer – köstlich. Im „Brot“- oder „Tages“beruf hat Querulant Nikolaus sein Auskommen als ortsüblich bezahlter Straßenfeger, doch kaum fällt der Besen, ist sein „Feierabend“-Beruf als Weihnachtsmann das weitaus wichtigere in seinem Leben.

Jetzt sind wir schon beim dritten Heimatland. Doch der Reihe nach: die Ausreise aus dem Odessa der (spät- bzw. post-)stalinistischen Sowjetunion erfolgte, wenn’s eben möglich war, meist nicht nach Palästina bzw. Israel, sondern nach den Vereinigten Staaten von Amerika, nach New York Genauer gesagt: Zweites Heimatland nach der Ukraine wurde Brighton Beach in New York’s Stadtteil Brooklyn, und natürlich am Strand. Der Atlantik sollte ersetzen, was in der Heimat das Schwarze Meer bot. Und selbstverständlich wollten die Menschen ihre heimische Küche genießen, ihre heimischen Feste feiern, ihre heimische Musik machen, und ihre heimische Sprache sprechen. Vergessen wir die Reden über „Parallelgesellschaften“ hierzulande, wo viel ängstlicher Unsinn dabei ist: Sie finden in Brighton Beach die Reklamen der Geschäfte mit kyrillischer Schrift verwunderlich ? Wetten, dass Sie schnell gewahr werden: im selbstbestimmten Tempo –wo eben nach Generationen gezählt wird- findet der vielbeschworene „Integrations“prozess vielleicht nicht allzuschnell, aber mit umso stärkerer Identifikation statt. Denn die alten Heimaten sind in der neuen selbstverständlich willkommen.

Drittes Heimatland wurde durch die starken Anstrengungen Israels eben Israel, speziell Ashdod bei Tel Aviv, und natürlich auch  - am Meer. (Ein bemerkenswerter Film der Berlinale 2005, „Va, vis, et deviens“, also „Geh, sieh, und werde“ beschreibt diesen weltweiten Einwanderungsprozess am Beispiel äthiopischer Juden, „noch dazu (!)“ mit dunkler Hautfarbe …) Dort, in Israel, fühlen sich die meisten von den Senioren-Figuren des Films nicht so recht aufgehoben. Kein Wunder: die jüdische Identität trägt nicht so ganz; sie werden etwas despektierlich als „Russen“ angesehen. Eine schnelle und überragende Identifikation mit dem jüdischen Staat –mit etwas Selbstverleugnung, so sieht es für sie aus- wird ihnen abverlangt. Mit den eher intellektuellen Zionismus-Skeptikern aus kosmopolitischen Bohème- und Intellektuellen-Kreisen kommen die Odessa-Emigranten nicht so viel in Berührung. Von Israel aus gehen die fantasierten Sehnsüchte selbstverständlich stärker denn je nach Odessa, auch weil das romantischere Verkehrsmittel, das Schiff, vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer - zumal mit Auswanderers Hab und Gut- nicht ganz so unrealistisch ist wie von New York aus. Und der Film lässt keine Gelegenheit aus, genüsslich in Bildern von diesen Schiffen der Sehnsucht zu schwelgen. Aber Odessa bietet wirtschaftlich noch kein Ziel, bleibt schwierig, des alte Viertel will sich nicht so recht beleben. So besuchen es seine Alten; die Bilder eines improvisierten Gottesdienstes an längst aufgegebener Stätte sind rührend. Aber zurückkehren würden sie am liebsten ins lebendige und prosperierende Brighton Beach …

„Unsere Kinder und Enkel sind (oder werden) Israelis“: darüber besteht Einigkeit. Und die Hoffnung lebt in überstarken Bildern, in Erinnerungen und Musik, dass die Wurzeln in Odessa beileibe nicht dadurch abgeschnitten werden.

Ein Heimatfilm, ja, doch stark im Sinne einer weltweiten, „mitnehmbaren“ Heimat. Aber tragbare Heimat ist für die Juden aus Odessa nicht nur irreal, schon gar nicht ein Phantom. Sondern sie „gründen“ ihre Heimat von neuem, wo auch immer sie sind.

Richard Herding
13.02.2005

 

Nachbemerkung zum Nachdenken: das heute halbverlassene jüdische Odessa des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wird, glaube ich, allen heute unvergleichlich schöner erscheinen, einfach als Stadtbild,  zum Genießen, verglichen mit Brighton Beach oder Ashdod (oder selbstverständlich auch Berlin, Düsseldorf, Rosenheim und und und). Müssen wir es einfach hinnehmen, dass seit dem 20. Jahrhundert Städte nicht mehr schön sein können, wollen, dürfen ? Vielleicht keine so wichtige Frage wie Holocaust, Krieg, Toleranz, Frieden. Aber auch nicht einfach beiseite zu wischen. Die Menschen in „Odessa, Odessa …“ leben auch von diesem Stadtbild.