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SOPHIE SCHOLL - DIE LETZTEN TAGE Rezensionen zur Berlinale 2005 [Widerstand, München]

Vom 13. Februar 2005. Autor Richard Herding

 

(Rezension.net: 19.2.05)

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !



Titel: Sophie Scholl – die letzten Tage
Land: Deutschland
Jahr: 2005
Regie und Buch: Marc Rothemund
Mit: Julia Jentsch, Fabian Hinrichs, Alexander Held, u. a.
Produktionsleitung:Tibor Dimény
Kamera: Martin Langer
Musik: Johnny Klimek, Reinhold Heil
Dauer: 120 Min.; Farbe
Kinostart: 2005
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, www.rezension.net

 

Aufrechter Gang unter das Fallbeil:

 

Der Widerstand der „Weißen Rose“ war „normal-national“. Und von Juden-Vernichtungs-Lagern hatten die Ostfrontler auch mal erzählt … Julia Jentsch’s sehr lakonische Darstellung der Stärke einiger - Deutscher


„Schulfunk wird das“, sagte Marc Rothemund, sei seine erste, abwehrende Reaktion gewesen, als ihm zum ersten Mal die Idee angetragen wurde, einen Film über die Münchener Studi-Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ zu machen. Und irgendwie ist es auch Schulfunk geworden, als er es dann trotzdem verwirklichte. Danke – ich kann’s mir kaum anders vorstellen. Bestimmt nicht heroisch, emotional, hymnisch. Denn so war es nicht gewesen, trotz Schiller und Schubert. Hollywood schafft alles, aber dies wäre nicht leicht: es kann nicht so richtig ans Herz gehen, denn so war die deutsche Geschichte: Krieg anfangen, na-ja-reden-wir-nicht-davon. Diesen Krieg verlieren: NEIN !

Es ist wohl hauptsächlich das Verdienst der schmucklos-nüchtern spielenden Darstellerin von Sophie Scholl. Ein bisschen früher aufstehen als die KommilitonInnen, einen schmucklosen Haufen Flugblätter, DIN-A-4-Format, schwarz-weiß, zusammen mit dem Bruder Hans Scholl in der Münchener Universität auslegen. Als es niemand bemerkt, ein bisschen weniger vorsichtig: dem Stapel oben auf der Balustrade des Lichthofs unauffällig einen Schubs geben, so fallen die Flugis nach unten, werden von den StudentInnen aufgehoben. Auf dem Rückweg kommen ihnen schon einige entgegen mit den Blättern in der Hand, nur nichts merken lassen. „Die Uni wird heute brennen“, hatte Sophie oben gesagt, sie war sich klar über das, was sie tat.

Der Hausmeister, als eine Art Blockwart, merkt was passiert ist, hält sie fest, lässt Polizei kommen, brüllt über den Inhalt – „Schmähschrift !“, er zitiert: „Unser Volk von Verlusten erschüttert“, „Soll das der Widerstand gegen das großdeutsche Reich sein – das ganz Europa im Griff hat ?!“, was einige Tage nach Stalingrad nicht mehr ganz zu stimmen schien-, und es wird noch draufgesetzt: ach ja, das schwache Geschlecht. Hochverrat. Feindbegünstigung. Die Ausreden hat Sophie parat: mit dem Koffer wollte sie zur Mutter nach Ulm, saubere Wäsche einladen, so war das ja damals. Und BDM-Mitglied war sie, Bund Deutscher Mädels, und verlobt mit einem Soldaten, der an der Ostfront Dienst tat. Doch eins nach dem andern kommt heraus, die Schreibmaschine wird gefunden, Fingerabdrücke, weitere Texte, und eben nicht nur Philosophie und Psychologie fürs Studium.

Was stand da drin ? Eine siegreiche Beendigung des Krieges sei nun aussichtslos – übrigens stand das in den Flugblättern der Weißen Rose nicht erst seit Stalingrad 1943, sondern bereits 1942, als die alliierte Front zusammengefunden hatte, also Sowjetunion, U.S.A., Großbritannien und was vom besiegten Frankreich neu begann. Insofern nicht erst als die Wahrheit schon in Trümmern und Leichen des Nazireichs zu greifen war. Und zweihunderttausend „deutsche Brüder“ würden geopfert. (in den englischen Untertiteln: „Soldiers“ – aber nein, da fehlt das  Pathos !, ähnlich wie an einer späteren Stelle, wo Verbrechen an der deutsch verkitschten Gemeinschaft“ zu solchen an der englisch-nüchternen „Society“, also Gesellschaft, werden.)   Weiter: die Behandlung der besetzten Gebiete und Völker sei ein Gräuel. Beiläufig ist von Lagern die Rede, nach Berichten von der Ostfront, in denen Juden vernichtet würden. Ein wenig mehr kommt auch das Entsetzen über die Nazi-Definition „lebensunwertes Leben“ vor, plausibel bei religiös-konservativen Hitler-Skeptikern, denken wir an den Kardinal von Galen in Münster.

Das war wohl ziemlich genau der Stand dessen, was die Menschen, auch die Nazi-GegnerInnen, wussten, oder was sie wissen wollten. „Normaler“ Nationalismus, eventuell durchaus vereinbar mit „normalem Antisemitismus“, so war der deutsche Widerstand aus dem Bildungs-Bürgertum. Kleine Fußnote: demokratisch und vor allem auch „föderativ“ sollte das künftige Deutschland sein, also mehr Luft für die Bayern und Schwaben, ein anti-preußischer Akkord.

Als Sophie feststellen muss, dass sie selbst, vielleicht,  ihre Haut retten könnte, aber nur auf Kosten ihres Bruders und des Mitkämpfers Christoph Probst -der als Vater um Milde und Gnade bittet-, dass zudem den Eltern Sippenhaft droht, da schwenkt sie ganz nüchtern um und geht auf Geständnis-Kurs. Retten was zu retten ist –es ist nicht viel-, und den Bekenntnis-Erfolg erzielen, den ein Geständnis haben kann, im Untergrund der Öffentlichkeit. Plötzlich war sie „schuldig“. „JA- UND ICH BIN STOLZ DARAUF. Wir sind euer böses Gewissen.“ Julia Jentsch können wir die sachlich-nüchterne Darstellung der soldatischen Widerstands-Ehre gut abnehmen: aus ihrer eigenen Biographie sagt die Schauspielerin, Kind der 1970er Jahre,  wie unglaublich sie es gefunden habe, dass damals auf Flugblattverteilen die Todesstrafe stand ! Im Film-Ablauf wird es nicht so ganz deutlich, dass es bei Sophie Scholl genauso ablief wie es bei Frontsoldaten – im Normalfall aller Kriege, aller Länder- abläuft: für Ideale und Schwüre gehst du nicht wirklich in den Tod, sondern du versuchst dich zu retten. Nur deinen „Kumpel“ lässt du nicht hängen. Ein wenig wird suggeriert, heiliger Idealismus habe Sophie Scholl direkt zur Märtyrerin gemacht. Aber eben nur ein wenig …

In der Zellengenossin, die auch Dienste für die Nazis macht –Kleiderkammer und dergleichen, „gute Führung“, was eben Not tut im Knast- findet Sophie ein Gegenstück: als Kommunistin hat sie es ein bisschen einfacher, ihre Organisation und Bewegung ist unabhängiger von Individuen, was stalinistisch-grauenhafte Folgen haben kann, aber auch kollektiv-entlastend wirkt. Sie kennt Regeln für die Gefangenschaft, sie weiß Bescheid: für den schlimmsten Fall, Todesstrafe, hast du noch 99 Tage zu leben. Dass diese Regel in dem „besonders schweren“ Fall der Weißen Rose aufgehoben wird, wusste die Kommunistin nicht: eine der wenigen Tränen, die Sophie Scholl im Film vergießt.

Der Vernehmungs-Beamte ist einer, der den Schein des gnadenlosen Nazis selbstverständlich wahrt, aber ganz langsam seinen Rest Vernunft und Lernfähigkeit wachsen lässt – es nützt ihm nicht viel, denn für Sophie Scholl gibt es in der Situation keine Kompromisse mehr. Schauspielerisch gibt er den Lernprozess ganz hervorragend. Der Volksgerichtshof-Boss Freisler, der von Berlin extra angereist kommt, ist ebenfalls exzellent: als Schaum-vor-dem-Mund-brüllender Nazi-Fanatiker. Er hakt die juristischen Regeln allenfalls pro forma noch ab, exerziert aber ansonsten vor den Nazi-uniformierten Zuschauern im Saal nur noch ideologisches Zur-Sau-Machen durch. Eine gewichtige Rolle spielt dabei die „privilegierte Situation“ derer, die während des Krieges studieren dürfen. Diese Nummer zieht nicht so ganz, weil die WiderständlerInnen diverse Kriegs- und Notdienste aufweisen können, und die Richter und Zuhörer ja auch nicht gerade  im Schützengraben hocken. Freisler schafft es nicht, den dreien die Würde zu nehmen, auch nicht dem um Gnade bittenden Vater von drei jungen Kindern. Das Publikum atmet auf. Ach übrigens, der Pfarrer im Todestrakt der NS-Henker wird als anständiger Mensch dargestellt: „Niemand hat größere Liebe als wer sein Leben hingibt für seine Freunde“ – ein couragiertes Abschiedswort.

Als dann das Fallbeil des Schafotts fällt über Sophie Scholl, kann sich niemand im Saal gegen Tränen wehren. In einem Film, der keinen Herzens-Kitsch zulässt.

Respekt, Sophie Scholl.

Soviel „deutsche Tugenden“ könnten sogar die einen oder anderen Linksradikalen anerkennen, die sich, abstrakt den Austritt aus der Geschichte fordernd, „Antideutsche“ nennen. Dass Sophies Augen leuchten, als sie durch das Todes-Knast-Fenster die alliierten Bombenangriffe auf ihre Stadt bemerkt, ist schon der Rede wert. Aber es ist keine Geschichtsphilosophie.

 

 

Richard Herding
13.02.2005