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FEUERWEHRGASSE 25 / TÜZOLTÓ UTCA 25 Rezensionen zur Berlinale 2005 [Juden-Vernichtung, Ungarn]

Vom 11. Februar 2005. Autor Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der echtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !




Originaltitel: TÜZOLTÓ UTCA 25
Deutscher Titel: Feuerwehrgasse 25
Land: Ungarn
Jahr: 1973
Regie und Buch: István Szabó
Mit: Lucyna Winnicka, András Balint, Rita Békés, Károly Kovács, Margit Makay, Ági Mészáros, Erwin Geschonneck und vielen anderen
Produktionsleitung: Tibor Dimény
Kamera: Sándor Sára
Musik: Zdenkó Tamássy
Dauer: 97 Min.; Farbe
(Kinostart: 28. Mai 1976, Deutsche Demokratische Republik)
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, www.rezension.net

 

 

Schlaflose Nacht in Budapest:

 

Die lange Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in einem märchenhaften Film


Tüzoltó Utca 25 heißt István Szabós Film von 1973, übersetzt „Feuerwehrgasse 25“, doch wer spricht schon Ungarisch außerhalb des kleinen Landes. Nur – der Film ist weder synchronisiert noch untertitelt, sondern 97 Minuten lang spricht ein lebendiger Übersetzer den deutschen Text, live. Höchst korrekt bietet ihn das Berlinale-Programm 2005 auch nicht mit deutschem, sondern mit ungarischem Originaltitel an, sodass es Glückssache ist, ihn zu finden. Zumal er in der “Retrospektive Production Design + Film“ läuft, also wegen der vielen schönen Nebensachen, der liebevollen Dekoration mit all dem Nippes, der dem –sagen wir’s schon:- Kleinbürgertum heilig war, ist, und ewiglich bleiben wird.

Wer den Film gefunden hat, kann sich glücklich schätzen, denn Schlafenkönnen Aufwachenmüssen Träumeerleben Ängstedurchschwitzen Glückerschlummern sind letztlich doch tröstliche Weisen des Durchlebens und –leidens der eigenen Geschichte, einer Geschichte von – Heimat. Hier geht es um ein Haus im schönen Budapest, aus kaiserlich-königlichen habsburgischen Zeiten, das irgendwann in der Nachkriegszeit abgerissen wird, wohl dem „sozialistischen Aufbau“ weichen muss. Mit dem Abriss beginnt der Film. Dann träumen die Menschen, die sich dort seit Jahrzehnten und Generationen kennen, ihre Dreißiger und Vierziger Jahre. Ungarn hatte ja ein eigenes faschistischen „Gewächs“, die Pfeilkreuzler, hatte den Horthy-faschistischen Staat, brauchte keine hitlerdeutsche Besetzung, um Demokratie zu vernichten und Antisemitismus zu nähren. Zumal die katholische Kirche mit dahinter stand. ABER Ungarn verfügte über Selbstheilungskräfte von der revolutionären Periode 1918-1920 bis zum antistalinistischen Aufstand von 1956.

Das ist die „große“ Geschichte, aber Szabó erzählt sie konsequent und liebevoll als „kleine“ Geschichte, in der Alltags-Dimension: von Menschen, von Liebesbeziehungen, eben von  HEIMAT. Zwei Frauen, Mária, die ältere und Gaskóyné, die jüngere, wunderbar gespielt von Lucyna Winnicka und Rita Békés, sind die Protagonistinnen. Schnelle Schnitte lassen uns oft nur ahnen, dass geheiratet oder von Heirat geträumt wird, dass der Verehrer die Angebetete in voller nackter Schönheit unter der Dusche bewundert oder die Mutter sich dazugesellt und komischste sexy Konkurrenz zelebriert, dass falsche Nachbarn und Eindringlinge verhauen oder letzten Endes doch aus dem Haus trotz aller Umbrüche ferngehalten werden.

Gibt es eine größere Schwierigkeit für eine „heimatliche“ Darstellung des „Jahrhunderts der Extreme“ als den Zwangs-Abtransport der Jüdischen Kinder, Frauen und Männer zum industriellen Massenmord des Holocaust ? Selbstverständlich geht das nicht „heimatlich“. Aber in der Budapester Feuerwehrgasse 25 sprechen die jüdischen Opfer mit den Nachbarn, vertrauen ihnen Möbel, Kleidung, Bücher an – „falls ich nicht wiederkomme, behalten Sie‘s selbstverständlich“. Und sie kommen wieder (Tage, Monate, Jahre später ? - in der Heimat zählt ja nur, dass sie überhaupt, lebend, wiederkommen), und sie kriegen ihre Sachen höchst selbstverständlich zurück („nur das lange Winterkleid hab‘ ich mal angezogen“ ...). Die Prozedur des nach Männern und Frauen getrennten Nackt-Ausziehens und Desinfizierens wird im Film gezeigt, uns als deutschem Publikum von 2005, „60 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz“, stockt der Atem. Die Erinnerung an die Vernichtung ist klar, aber ebenso klar ist der kleine Sonderweg Ungarns, Raoul Wallenbergs Freikaufs-Deal-Versuch aus der schwedischen Neutralität heraus ist hier zu erwähnen: nicht alle ungarischen Juden wurden deportiert, und nicht alle, die deportiert wurden, wurden ermordet. Ich könnte nicht widersprechen, wenn jemand Szabó an diesem Punkt Schönfärberei vorwürfe. Und ich könnte nicht widersprechen, wenn jemand seine Darstellung als genial getroffen bezeichnete. Geschichte neu zu lernen, als von Menschen gemacht und nicht von Mächten, fällt schwer.

Nach Kriegsende kommt der Graf zu der jüdischen Familie, die ihm einst  ihre Sachen zur Aufbewahrung übergeben hatte, und übergibt ihr seinerseits Möbel, Bücher, Kleidungsstücke: jetzt ist er es, der gehen muss, klar - der „Bourgeois-Aristokrat“. Exil ? Knast ? es wird nicht gesagt. Auch spielt zu allen Zeiten die Auswanderung eine Rolle, nach Amerika, nach Australien. Und selbst in Kriegs-, Faschismus-, Stalinismus-Zeiten wird unweigerlich skeptisch gefragt, wieso es denn dort besser sein solle.

Erstaunlich für eine 1973 in Ungarn produzierten Film (Premiere in Karlovy Vary, Tschechien, 1974) ist auch die ungenierte Einbeziehung der Fehler und Grausamkeiten des Stalinismus. So kommt die junge Frau im „sozialistisch“ gewordenen Ungarn an die Schwelle des kleinen Ladens und sagt, die Verstaatlichung sei beschlossen, somit möge man den Schlüssel zum Geschäft sowie die Geschäftsbücher aushändigen. Erstaunte Nachfrage, was das denn solle. Daraufhin: nun ja, „Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist zu Ende …“ Nicht lang danach bittet die junge Frau um Aufnahme auf dem Dachboden, wo die ältere Frau einst Juden und Regime-Feinde versteckt hatte. Nun war die übereifrige Kommunistin selbst in Ungnade gefallen. Nichts geht ewig. „Vor der Kompliziertheit dieser Periode“, der Nachkriegszeit, werde „nicht ausgewichen“ – so formuliert es noch so eben regimefromm das DDR-CDU-Blatt „Neue Zeit“ im Jahr 1976.

Unglaublich die Bilder dieser großen privaten Welt über lange Zeit. Bestimmt ein gutes Dutzend kleine Kinder im Alter von ein bis drei Jahren, über die ein alter, völlig abgerissener Opa wacht. Jede Menge „Halb zog es ihn, halb sank er hin“-Hochzeiten, denn heiraten oder nicht ist die einzige Entscheidung, die dem eigenen Leben Sicherheit zu verleihen verspricht – oder ist es doch nur Trug, weil der Mann vielleicht schon am Tag danach als Partisan erfriert, in Auschwitz landet, oder nach Workuta kommt ? Großartig getanzt wird allemal. „Wie schön ist die Jugend im Tod“, heißt es, als sie einen ganzen Trupp Kindersoldaten auf einmal begraben, in frischen Uniformen. Schließlich beginnt die Nachkriegszeit mit dem Verkauf der nicht mehr benötigten Sachen an den vagabundierenden Gebrauchtwaren-Händler. Der, einmal ermuntert, schnappt sich alles im Haus, was er zu Geld machen kann, bis er schließlich, in einer der komischsten Schluss-Sequenzen des Films, den Leuten die Kleidungsstücke vom Leib zieht.

Das Haus wird abgerissen, „Wir schauen nicht zurück“, heißt es, Alle, alle, tun es trotzdem, und so ziehen die Gesichter noch einmal an uns vorbei. Der schönste, tragischste Ausstattungs-Film ist zu Ende. „Production Design“, welch ein Wort in dem alles überdauernden Budapester Charme. Sagen wir lieber: wenn je von einem Film gesagt werden musste „Was nützen Worte, du MUSST ihn mit eigenen Augen anschauen“, dann von diesem.

 

Richard Herding
11.02.2005

 

Persönliche Anmerkung des Rezensions-Schreibers: Im gleichen Jahr 1973, als in Budapest dieser Film erschien, kam im westdeutschen Frankfurt am Main die erste Nummer des „Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“ heraus. Beim Gründungs-Team waren zwei aus Ungarn: Enikö Balla und Gabor Altorjay. Das alternative Nachrichten-Bulletin wollte die Gegenwart als Alltag, von unten, gegen Repression egal woher, berichten. Zufall, gewiss. Kein Zufall ist mein Dank an die beiden, die den Aufstand von 1956 erlebt hatten.