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STICHWORTE ZU RASSISMUS / SOZIALDARWINISMUS am Beispiel der rechtsextremistischen Aggressionen gegen schwarze Deutsche

Vom 5. Juni 2005. Autor Richard Herding

 

1) „Rasse“ als historisch–sozial kontext-abhängiger Begriff:

so wichtig die Ablehnung als (Nonsens)-Konstrukt, so wichtig ist dennoch, dass auch Argumente benutzt werden.

Die Diskussion um den Rassenbegriff in der Moderne hat, thesenhaft zusammengefasst, drei Ergebnisse gehabt:

Erstens, es gibt keine ernstzunehmenden Zusammenhänge zwischen den zugeschriebenen quasi-biologischen Eigenschaften der Haut“farbe“ –genauer gesagt: der Haut“pigmentierung“- und den erworbenen Eigenschaften wie Intelligenz, kulturelles und soziales und sexuelles usw. Verhalten. Nichts, was an Vermutungen durch die Weltgeschichte geistert, hält einer seriösen Überprüfung stand, wenn sie denn mit gleichen Bedingungen arbeitet. Die biologisch wahrnehmbaren Differenzen sind im Kontinuum

quantitativ zu- und abnehmend sowie in unendlich viele Richtungen vermischt, keine qualitativ kohärenten Differenzen lassen sich plausibel machen.
Also: nehmen wir an, in New Jersey gibt es eine Korrelation von 80 % zwischen schwarzer Hautfarbe, mangelndem Hauptschulabschluss und hohen Basketball-Leistungen. (Wohlgemerkt: ein rein fiktives Beispiel, ich habe keine Zahlen zur Hand, weil ich gleich darlegen will, dass es unsinnig wäre, damit zu arbeiten.) Ebendiese Korrelation schrumpft aber gegen Null, wenn man Unterschiede des Familieneinkommens, der Familien-Sozialisation und der kindlichen Vorbilderfahrungen in Rechnung stellt. In anderen Worten: das gleiche „schwarze“ Kind, in einer Silicon-Valley-Familie adoptiert, interessiert sich für Homer oder Linux, macht Hochglanz-Uni-Examen, kümmert sich wenig um Sport. Es gibt praktisch nur die eine gemeinsame, folgenreiche Eigenschaft der Menschen mit schwarzer Hautfarbe: sie haben fast immer, fast alle, fast überall die Erfahrung von Diskriminierung durchmachen müssen.

Zweitens, die Vereinten Nationen haben vor Jahrzehnten erklärt, dass der Begriff Rasse nutzlos ist, wissenschaftlich zweifelhaft bleibt, nicht aus der Definitionswillkür zu retten ist, keinen sozialen oder politischen Wert hat, in der übergroßen Mehrheit der Fälle zur Diskriminierung benutzt wird, - und daher nicht gebraucht werden sollte.

Drittens aber: nicht nur die expliziten, dogmatisch-ideologisch überzeugten bzw. fanatisierten Rassisten kümmert beide Ergebnisse überhaupt nicht. Sondern das ist auch bei weit wichtigere Gruppen so:

Zum einen bei den “Ungebildeten“, den „Naiven“ unter den Rassisten – wobei es legitimerweise als zweifelhaft gelten kann, hier von Rassismus zu sprechen. Aber das Problem kann nicht einfach ignoriert werden. (Anekdotisches Beispiel: die Großtante, die noch nie einen „schwarzen“ Menschen gesehen hatte, als sie 18jährig im Jahr 1912 in New York im Hotelaufzug zum ersten Mal mit einem Mann schwarzer Hautfarbe, nämlich dem 2 m großen Lift“boy“, in der Aufzugskabine steckte. Das löste die bekannten Ketten von Assoziationen durch Zuschreibung von Eigenschaften aus: stark, sexuell potent, bedrohlich, lieb, kindlich/kindisch, naturnah, usw.). Das Problem ist: Wahrnehmbarer Rassismus weist eine starke Korrelation mit mangelndem Zugang zu (Aus-)Bildungschancen auf. (S. auch Ursula Jaerisch, Sind Arbeiter autoritär ?, Reihe des Instituts für Sozialforschung Frankfurt am Main).

Zum andern produzieren Gebildete und Ungebildete aus den „Opfergruppen“ häufig genug im Sinne von Stolz und Selbstachtung einen „positiven“ Rassismus: in den U.S.A. war zu Lebzeiten Martin Luther King’s der Begriff „Colored people“, dann „black people“, dann „people of Color“, später dann „Afro-American“ gängig und akzeptiert. Am stärksten selbstverständlich bei den „Black Panthers“: “Black is beautiful“. Auch wenn diese Rhethoriken anecken, weil sie so verstanden werden können, als sähen sie die Hautpigmentierung als namensgebendes, quasi identitätsstiftendes Merkmal an. Noch befremdlicher für "bildungsprivilegierte Ohren": die Mexican Americans mit ihrem Begriff „La raza“. Ähnlich manche hochkompetente demokratisch-emanzipatorische Vertreter der heutigen Sinti und Roma, wenn sie eine Gleichheit erblicher Eigenschaften behaupten.

Der Rassenbegriff wird hier terminologisch gestärkt durch „affirmative action“, also Kompensationspolitik gegen Diskriminierungsfolgen („Wiedergutmachung“).
Der immense Fortschritt, den die tendenzielle Streichung des Rassenbegriffs bedeutet, ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Weg gekommen. Bert Brecht dichtete im „Solidaritätslied“:

Schwarzer, Weißer, Brauner, Gelber ! / Endet ihre Schlächterei’n ! / Reden erst die Völker selber / werden sie schnell einig sein.

Heute ist eine grundlegende Behauptung der sogenannten intelligenten Rechtsextremismus-Varianten, die sich wegen der biologisch-kulturellen Identitäten der einzelnen Ethnien oder „Rassen“ gegen Vermischung wehren, sie gingen von der Gleichberechtigung bzw. Gleichwertigkeit aller „Rassen“ und Hautfarben aus. Allerdings dürften sich diese gerade um der Wahrung ihres bio-kulturellen Reichtums willen nicht mit anderen vermischen. Daher die bekannte These vom „Völkermord am deutschen Volk“ als Resultat der Einwanderungs- bzw. der multikulturellen / interkulturellen Gesellschaft.
Aber auch die Mehrheit der durchschnittlich gebildeten Bevölkerung dürfte an die Existenz von bedeutungsvollen Rassen und kulturell identitätsbestimmenden Hautfarben glauben – im Gegensatz zu den Nazis allerdings mit weniger bestimmten Abwehrhaltungen zur „Mischung“.

 

2) Die Internet-Darstellung der „Schwarzen Deutschen“:  Anti-Diskriminierung, Humor, Offensive

In den Websites der „Schwarzen Deutschen“ wird keine systematische Abrechnung mit dem Rassenbegriff versucht. Es fehlt auch der „stolze“ Rückblick auf Menschen mit ähnlicher Hautfärbung und ihre Leistungen. Beides würde in die gemeinschaftliche „positive“ Diskussion gehören, die durchaus möglich ist, wenn die „Rasse“ nur als Diskriminierungs-Konstrukt aufgefasst wird. Es gibt aber eine Abrechnung mit der Diskriminierung, also die „negative“ Diskussion. Da wird gefragt, warum nicht „weißer deutscher Elektriker ersticht Kumpel im Suff“ geBILDtextet wird – wohl aber Hautfarben erwähnt werden, wenn sie nicht weiß sind (dagegen stehen übrigens die Bestimmungen des Presserats). Da wird auch offensiv darauf angespielt: „Die braunen Horden“ heißt eine Website von und für Menschen mit dunkler Hautfarbe in Deutschland.
Und es gibt nicht-antagonistische Mittel der Konfliktaustragung, allen voran der Witz. Sitzen zwei Männer am Hotel-Swimmingpool, einer schwarz, einer weiß. Sie lassen ihr wertvolles Gerät hinein; aha, sagt der Weiße: 18 Grad; ja, sagt der Schwarze, stimmt, und 69 cm tief. Das nimmt sich auf die Schippe und überreizt satirisch das Klischee schwarz=sexuelle Potenz, und dazu gehört selbstverständlich machismo. Anderes Beispiel, nicht aus dieser Quelle: Staatsbesuch in einem Land südlich der Sahara, gerne von Ex-Bundespräsident Lübke, dem ja die Begrüßungsansprache „Guten Tag, meine Damen und Herren, liebe Neger“ zugeschrieben wird. Also: Deutscher Bundespräsident sitzt beim Bankett neben dem Staatsgast, einem Präsidenten aus Afrika. Nach den Horsd’oeuvre wendet er sich ihm zu: „Ham-ham gut?“ „Ja.“ Nach dem Begrüßungsschluck: „Gluck-gluck gut?“ „Ja.“ Dann erhebt sich der afrikanische Politiker, hält seine Rede in fließendem Deutsch, zitiert auswendig und ausgiebig Goethe und Schiller, setzt sich wieder und fragt den Deutschen: „Bla-bla gut?“.
Eine gut rezipierbare, vernünftige Internet-Präsenz zielt sowohl auf die Zielgruppe „ansprechbare Jugendliche und junge Erwachsene im Umfeld des Rechtsextremismus“ wie auch –und wohl vor allem- auf die eigene -von Nazis angegriffene- Gruppe. Diese kann die gerade auch im aktuell angesagten Medium Internet eine selbst-bewusste Selbst-Darstellung brauchen. Nach der gründlichen argumentativ untermauerten Ablehnung der Diskriminierung kann die „Farbenblindheit“ auf neuer Ebene "aufgehoben" werden, kann Buntheit als ästhetischer Reiz, ihre Rolle spielen, ebenso wie Eigenheiten aus der diskriminierungs-bestimmten Kulturgeschichte der Gruppen. Dabei ist die terminologische Souveränität der jeweils betroffenen Gruppe sprachpolitisch wichtig, d.h. die Eigenbezeichnung hat Vorrang. Und bei der Behandlung von Hintergrundswissen und Sprachgebrauch muss das Bildungsprivileg problematisiert werden.
Nicht zu wissen, dass „man nicht mehr Neger sagt“, macht den Azubi in Rathenow noch nicht zum Rassisten.

 

Zum historischen Hintergrund:

Ulrich Herding, Sozialdarwinistische Strömungen im wissenschaftlichen Diskurs zur Zeit des deutschen Kaiserreiches 1871 – 1918. Politische Tendenzen und pädagogische Implikationen. Frankfurt aM: Universität, Fachbereich Erziehungswissenschaften, M.A.-Arbeit 1994;

Zissis Papadimitriou, Aristoteles-Universität Thessaloniki, Racism (Manuskript, Angaben ggfs.über den Autor, Universität Thessaloniki, Griechenland);

Fatima El-Tayeb, Schwarze Deutsche – Der Diskurs um „Rasse“ und nationale Identität 1890–1933, Frankfurt aM / New York: Campus, 2001;

Zum rassistischen Diskurs heute:
Alex Demirovic, Manuela Bojadzijev (Hg.), Konjunkturen des Rassismus, Münster: Westfälisches Dampfboot, 2002