GESCHICHTSPOLITIK UNGARN 1956: Das Terrormuseum in Budapest und seine block-lager-platte antikommunistische Rhetorik

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Budapest hat eine Gedenkstätte für die repressive Staats- und Alltags-Situation 1948 bis 1990, wie sie Deutschland für die stalinistische Repression in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren Deutschen Demokratischen Republik nicht aufweist.

Author

Richard Herding

 

VIELEN DANK AN GABOR ALTORJAY, der 2006 seinen sechzigsten Geburtstag feierte, für den Hinweis auf das „House of Terror“. Gabor, der aus Ungarn stammt und Filme macht, war seit Beginn des „Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“ in Frankfurt am Main (erschien wöchentlich 1973-1981) mit diesem verbunden. Die Wertungen in dem folgenden Beitrag sind jedoch ausschließlich meine: R.H.

 

Beitrag zur Ungarn-Diskussion des Arbeitskreises Geschichte sozialer Bewegungen von unten / Ost und West im Oktober 2006


Budapests Gedenkstätte für die Repression 1948 bis 1990 - so etwas das hat Deutschland für die stalinistische Repression in der SBZ und späteren DDR nicht:

  • Ein historisch-authentisches Gebäude von zentraler praktischer Bedeutung.
  • Ein Vollständigkeits-Anspruch von Geschichte im „Großen“ wie im „Kleinen“, von „oben“ wie von „unten“.
  • Eine anschauliche Verbindung von Bild, Text und Print in mehreren Sprachen, museumsdidaktisch hervorragend gemacht.


Das „Museum des Terrors“ in der Andrássy út war sowohl Hauptquartier der staatlichen Geheimpolizei wie auch Verhör-Knast für Gefangene, sogar für längere Zeiten. Ich hebe hier nur wenige Problempunkte hervor, die für Ungarn als exemplarischen Aufstand im Ostblock für Räte-Sozialismus und Selbst-Bestimmung der Basis inklusive nationaler Gleichberechtigung, aber auch für andere Länder bedeutsam sind. (Ich bitte um Nachsicht, dass die Eindrücke absichtlich in der spontanen Sichtweise des ausländischen, der Hauptsprache nicht mächtigen Besuchers belassen wurden.)

 

  • Die Diktatur der Kommunistischen Partei Ungarns wird selbstverständlich als antidemokratisch angeprangert, dabei die Begründung: sie habe eine jahrzehntelange Tradition demokratisch gewählter Regierungen abgelöst.
  • Hier wird der Wahlsieg von Horty und den Pfeilkreuzlern, also der ungarischen Faschisten, nicht problematisiert. Als demokratischen Konsens können wir aber heute international das Recht bezeichnen, dass Regierungen, die systematisch krasse Menschenrechts-Verletzungen begehen, auch dann und gegebenenfalls gewaltsam abgesetzt werden können, wenn sie demokratisch gewählt waren (so selbstverständlich die NSDAP-Regierung Hitlers in Deutschland seit 1933).
  • Umgekehrt wäre es denkbar, dass ein Regime als antifaschistisch und kriegsvermeidend legitimiert ist, auch wenn es jedenfalls zum Zeitpunkt des Beginns keine Bevölkerungs- oder Wählermehrheit hinter sich bringt: die antifaschistischen von den Besatzungsmächten eingesetzten, provisorischen Regierungen 1945 in Deutschland waren legitim.
  • Imre Nagy wird als neuer, von den Aufständischen eingesetzter Ministerpräsident dargestellt, ohne dass er als Mitglied der ungarischen KP bezeichnet wird. Zumindest für ausländische und/oder jüngere MuseumsbesucherInnen ist das nicht selbstverständlich oder banal. Es geht um eine entscheidende Qualität des Kommunismus als einer zwar diktatorischen, aber nicht rassistischen historischen Formation –selbst in der De-Formation des Stalinismus-:
  • die Fähigkeit zur –wenigstens partiellen- Selbst-Korrektur. Titos jugoslawischer Sonderweg, Chruschtschows Rede über den Stalinschen Personenkult, Entstalinisierung, Tauwetter, Gomulkas Regierungsübernahme in Polen 1956 kurz vor dem Ungarn-Aufstand, der Sozialismus mit menschlichem Gesicht im Prager Frühling 1968, später Perestroika und Glasnost durch Gorbatschow, die Berliner Maueröffnung 1989 noch durch SED-Regierungspersonal.
  • Dagegen kamen faschistische Regimes in aller Regel durch bewaffnete Aufstände von innen oder/und bewaffnete Interventionen von außen zu Fall. Daran geht das Terror-Museum vorbei. Ungarn ist auch das Land der Konzeption des Dialektischen Materialismus von György Lukács, einer betont humanen Variante des Sozialismus/Kommunismus, hat also partiell entschieden demokratische Wurzeln seines Weges innerhalb des Ostblocks. Im Terror-Museum kommt das nicht vor.
  • Die Gefahr des Dritten Weltkriegs, potentiell atomar, durch Nagy’s Hilferuf nach einer –auch militärischen- Hilfe des Westens wird in der Ausstellung nicht erwähnt. Die Logik der „gewaltfreien“, „samtenen“ Revolutionen des Ostblocks war es jedoch immer, diese Gefahr ernst zu nehmen. Es gibt neben den Menschenrechten noch soziale Rechte, und das Recht auf Frieden. Darüber bestand Konsens nicht zuletzt etwa zwischen westdeutschen Linken und DDR-Opposition (konzentriert etwa in beispielgebenden politischen Figuren wie Petra Kelly).
  • Selbstverständlich schließe ich mit einem überraschenden und versöhnlichen Punkt: es gibt in diesem Terror-Museum einen Raum, in dem nichts steht als ein Fahrrad. Ich habe auf die Bedeutung des Fahrrads als nicht-militärischem Werkzeug der Kommunikation unter Aufständischen auch beim 17.Juni 1953 in der DDR hingewiesen. Hier war ich überrascht, weil ich in der Geschichte des Aufstands von Ungarn 1956 noch nicht davon gehört hatte – aber keineswegs verwundert.


Immerhin hat das Museum insoweit einen Blick nach „unten“, es geht am Alltag nicht vorbei. - The Revolution will not be motorized, steht in Silicon Valley, Kalifornien, an einem Werkstor mit Fahrradständern. Digitale Revolution, ist doch klar.

 

Als der platte Antikommunismus des „House of Terror“ viel Kritik erntete, wurde auch ein Holocaust-Museum in Budapest eingerichtet, das zu sehen ich leider noch keine Gelegenheit hatte. Zumindest bei der Einweihung widmete es laut „ZEIT“-Dossier gerade mal einen von 25 Räumen den ungarischen Pfeilkreuzler-Faschisten und deren Teilnahme am Judenmord.