Tätigkeitsbericht 2001

Teaser

Nazi-Judenmorde im europäischen Film / Anregungen - Beratung - Recherche / Beurteilung der Protestbewegung von 1968 / „Querulanten“ / Probleme der Balkan-Länder im früheren Jugoslawien / Gewalt, Rechtextremismus und Fußball-eigener Männlichkeitswahn / Westend-Konflikt der 1960/70er Jahre / „Sinti und Roma“ in Kosova und die Sklaverei-Geschichte der sogenannten Zigeuner auf dem Balkan / „Ground zero“ und die „Terrorismus“-, „Guerilla-“ bzw. „Partisanen-“Diskussion / Frachtschiff-Touristik und die Entdeckung der Langsamkeit / „Gefangene“ - Biografie eines jungen Insassen der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel / Beratungsarbeit

Author

Ursula Bub-Hielscher / Richard Herding / Manfred Windecker

 

Themen, Veranstaltungen, Publikationen

 

Beim „Informationsdienst: für kritische Medienpraxis“ (ID) ging das publizistische Engagement für die Bearbeitung des Nazi-Judenmordes im europäischen Film auch in diesem Jahr weiter. In der Zeitschrift des Filmhauses Frankfurt am Main, „GRIP“, erschien ein ausführlicher ID-Artikel darüber. Die betreffenden Berlinale-Filme, darunter u.a. „The Optimists“ über die Sondersituation Bulgariens, wurden im Netz-Magazin „Rezension.net“ besprochen. Auch der Stalingrad-Film „Duell – Enemy at the Gates“ wurde hinzugenommen, um die Erinnerung an den Holocaust mit der über den Zweiten Weltkrieg zusammen zu diskutieren.

Zur aktuellen Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus regte der ID beim Haus der Demokratie und Menschenrechte eine Untersuchung an. Brigitte Heimannsberg, frühere Redaktionsleiterin der „Stimme – Zeitschrift für In- und Ausländer/innen im Lande Bremen“ untersuchte die Internet-Öffentlichkeit der fremden- und behindertenfeindlichen Gruppierungen und die Gegenpositionen der angegriffenen Gruppen im Netz. Der ausführliche Bericht erschien in der Internet-Zeitung „Kalaschnikow“ [Name irreführend, keinerlei militärischen Intentionen !], die sich gesellschaftskritischen Diskussionen widmet. Der ID beriet die Autorin konzeptionell und unterstützte ihre Recherchen. Im Offenen Kanal-Radio äußerte sich der ID mit anderen Projekten des „Hauses der Demokratie und Menschenrechte“ zum Thema „Rassendiskriminierung – mit uns nicht !“.

Im Hausverein des Hauses der Demokratie und Menschenrechte unterstützte der ID die Vorbereitungen für die Veranstaltungsreihe zum 50. Jahrestag des DDR-Aufstands vom 17. Juni 1953. Insbesondere die Öffentlichkeit und Medienpräsenz der Aufständischen in westlicher wie östlicher Wahrnehmung sollte unser Thema sein. In den Rahmen der „deutsch-deutschen“ Auseinandersetzung gehörte auch die Berlinale-Rezension des Films „Berlin is in Germany“.

Die vielen „NGO’s“ / „zivilgesellschaftlichen Projekte“ / „Bürgerinitiativen“, die im Haus der Demokratie und Menschenrechte versammelt sind, wurden durch den ID intensiv unterstützt. Mit unserer Hilfe kam ein regelmäßiges Treffen der Mediengruppen des Hauses in Gang, NGO-Fernsehen wurde debattiert, ein regelmäßiger Rundbrief –„hauspost“- nahm Gestalt an. Ein Konzept für die Weiterqualifikation und den Erfahrungsaustausch der Projekte wurde vorgelegt: Umgang mit Geld (Spendenbeschaffung / FundRaising, Anträge stellen usw.), Gruppendynamik (Ehrenamtliche und Hauptamtliche; idealistische Überforderung) und Presse- & Öffentlichkeitsarbeit sind die wichtigsten Themen. Auch im Alltagsbetrieb engagierte sich der ID, etwa als ein Projekt im Haus wegen Mietschulden mit dem Gerichtsvollzieher konfrontiert wurde, obwohl noch nicht alle sonstigen Möglichkeiten ausgeschöpft waren.

Der Streit um die Beurteilung der Protestbewegung von 1968 und speziell die Rolle des jetzigen Politikers Joschka Fischer führte zu dem Artikel „Das Lob gebührt der Straße“ in der Berliner „tageszeitung“. Auch eine dokumentarische Recherche zum Thema wurde, in Zusammenarbeit mit dem ID-Archiv im Internationalen Institut für Sozialgeschichte Amsterdam, für die Regionalredaktion der „taz“ in Frankfurt am Main durchgeführt.

Oft ging es im ID-Alltag um Einzelpersonen mit Beschwerden in der Öffentlichkeit, vielfach –aber nicht immer zu Recht- abwertend „Querulanten“ genannt. Helmut Höge erwähnte den ID in der „Frankfurter Rundschau“ wegen seines Engagements für solche Quer-Engagierte. Mit der Filmfirma „Ohne Gepäck“, die z.B. für das arte-Fernsehen produziert hatte, wurde ein Film-Konzept dazu entwickelt: „Sich fügen heißt lügen, oder: Querulanten – die Erben des Michael Kohlhaas“.

Um die Probleme der Balkan-Länder im früheren Jugoslawien ging es bei Diskussionen im Haus der Demokratie und Menschenrechte mit Nebih Selmani, dem Soziologen und Publizisten aus Kosova [albanische Schreibweise], der im ID-Verein aktiv ist. Mit „PHOENIX“- und SPIEGEL-Fernsehen wurden Kontakte wegen einer größeren öffentlichen Debatte über die gefährliche Lage in Makedonien (Skopje) geknüpft. Leider wurde sie aus organisatorischen Gründen der Sender auf die lange Bank geschoben – keineswegs etwa, weil sich andere Veranstalter des brisanten Themas angenommen hätten.

Auf Anregung des ID lud das Haus der Demokratie und Menschenrechte den Fußball-kritischen Autor und Fan-Betreuer Dieter Bott aus Düsseldorf ein, der in einer Veranstaltung „Ball-Fieber“ mit Engagierten aus der Fan-Szene über Gewalt, Rechtextremismus und Fußball-eigenen Männlichkeitswahn diskutierte.

Beim Club Voltaire in Frankfurt am Main gab es einen ID-Vortrag mit Diskussion über den Westend-Konflikt der 1960/70er Jahre (Bürgerinitiative und Hausbesetzungen gegen Kahlschlag-Modernisierung), der auf reges Interesse von PolitikerInnen und ZeitzeugInnen stieß.

Auch das Thema „Sinti und Roma“ wurde weiterbearbeitet, insbesondere in Bezug auf Kosova und die Sklaverei-Geschichte der sogenannten Zigeuner auf dem Balkan.

Die „Ground zero“-Attacke auf New York und Washington, D.C., am 11. September 2001 führte zu Vorträgen (z.B. Roter Salon, Volksbühne) und entsprechenden Veröffentlichungen („Kommune“, Frankfurt am Main) über die Gefahr der voreiligen Vermischung zwischen „Terrorismus“- und „Guerilla-“ bzw. „Partisanen-“Diskussion.

Ökologie als Thema blieb leider wegen des Gewichts von Politik und Gewalt dieses Jahr im Hintergrund; immerhin reichte es für einen Artikel in „Verträglich reisen“ über Frachtschiff-Touristik und die Entdeckung der Langsamkeit, also Alternativen zum umweltschädlichen Flugverkehr.

Viel zu wenig war auch in diesem Jahr das Thema „Gefangene“ in Medien und politischer Bildungsarbeit präsent. Der ID bemühte sich um die ungewöhnliche Biografie eines jungen Insassen der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel. Außerdem steuerte er eine Rezension des Films über das Frauengefängnis Gotteszell bei.

 

Archiv, Dokumentation, Recherche

Bei der Einrichtung des Medienarchivs im ID, wo Recherche-Interessierte sowohl Zeitungen / Zeitschriften als auch Texte / Sendungen nach Themen geordnet finden können, war Frau Dartsch neben ihrem sonstigen ID-Engagement sehr aktiv. Beim Archiv geht es um Papier ebenso wie um Ton- und Bildträger (Radio, Video / Fernsehen) und Computer-Dateien (Mails / Newsletters / Internet). Nachdem Katrin Janka leider aus dem Verein wegen persönlicher Überlastung aussteigen musste, trat Diana Dartsch glücklicherweise bei.

 

Sonstiges

Zu Beginn des Jahres hatte Richard Herding auf sein 25-jähriges ID-Engagement zurückblicken können, seit 1976 beim „Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“ in Frankfurt am Main. Die –in den meisten Jahren ehrenamtlich geleistete- Tätigkeit wurde im Kreis der MitarbeiterInnen und im Haus der Demokratie und Menschenrechte gebührend gefeiert.

 

Beratungs-Alltag

Ein Kurzbericht kann die Unzahl von alltäglichen Beratungsgesprächen nicht im einzelnen aufzählen, sondern nur ganz allgemein auf sie hinweisen. Wie bringe ich eine Beschwerde über meine Bank wirksam in die Öffentlichkeit ? Wie kann ich meine Diskriminierung als Flüchtling aus einem arabischen Land in den Medien anprangern ? Wie lässt sich ein Streit zwischen zwei Nicht-Regierungs-Organisationen öffentlich so behandeln, dass nicht insgesamt ein Schaden entsteht ? Unzählige Male brauchte es, um ein Gespräch in Gang zu bringen, einen Kaffee oder Tee und oft eine kleine Bewirtung dazu. Hat die erste Aufregung dann konkreten Bestandsaufnahmen Platz gemacht, sind Telefonate zur Herstellung von Kontakten dringlich, oder elektronischer Rat –beispielsweise die E-Mail-Adresse des Europäischen Gerichtshofs. So führt politische Bildung in Bezug auf Medien-Öffentlichkeit  zu den verschiedensten Aspekten des „hochpolitischen“ ebenso wie des „alltäglichen“ Lebens.

 

Ursula Bub-Hielscher / Richard Herding / Manfred Windecker
(Vorstand)