FESTSCHRIFT - Zum hundertjährigen Bestehen des Hauses der Demokratie und Menschenrechte in der Greifswalder Straße zu Berlin

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„Wir sollten viel mehr miteinander, miteinander, MITEINANDER, miteinander …“

Author

Richard Herding

 

Verlesen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin, Flurtreffen des I. Stocks, 1101-1110. Geplant auch als Dank und Abschied für Nadine Baumann, einst bei der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, heute bei der „Tibet-Initiative“ im Haus tätig, am 19. Dezember 2006. Der Raum-Nachfolger Peter Krüger von der „Gesellschaft für osteuropäische Kultur“, ebenso die noch bis Ende 2006 als Nachfolgerin bei der GfbV tätige Anja Hotopp, waren dabei. Das Büro der GfbV ist in das Palais am Festungsgraben umgezogen.

In dem folgenden historischen Text sind alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Organisationen rein zufällig.

 

Aus der

 

FESTSCHRIFT

zum hundertjährigen Bestehen des Hauses der Demokratie und Menschenrechte in der Greifswalder Straße zu Berlin

(gelegentlich auch scherzhaft als „Haus der Demographie und Rentnerrechte“ bezeichnet),

erschienen im Jahr 2099.


Im Haus der Demokratie und Menschenrechte hatten sie auf einem Flur gesessen, vor nahezu hundert Jahren: Frau Brunnenkresse und Herr Koriander. Fragt mich nicht, was genau an der Tür stand, bei ihr ungefähr „Verein für alle Völker, die sich nichts gefallen lassen“, bei ihm etwa „Komitee fürs Zur-Sau-Machen der Lügen in den Medien“, aber es gab auch kürzere Namen wie „Die Frauen“, „Die Irren“, „Die Freien“, „Die Grauen“, „Die Nichtraucher“ usw.

Von einem Tag zum andern war Frau Brunnenkresse weg, vielleicht hatte eine hochdemokratische Chefin sie weggemault, darüber wurde selten gesprochen zu jener Zeit. Ihr müsst wissen, so genannte NGO’s (Non-Government Organisations, Nicht-Regierungs-Organisationen) waren damals erst seit etwa zehn, zwanzig Jahren so richtig anerkannt, und glaubten noch recht naiv, was an demokratischen Schwüren in ihren Satzungen stand.

„Wir machen wenigstens mal ’nen Abschieds-Kaffee mit Dir“, schlug Koriander vor. „Oh ja, wir arbeiten hier nebeneinander und wissen so wenig übereinander, haben keinen Einblick gegenseitig …“ Koriander unterbrach sie: „… und sollten viel mehr miteinander machen, nicht immer nur jeder das Seine“.

Sie wiederholten damit einen Chor, der im Haus täglich zu hören war, meistens freundlich, aber nicht allzu selten auch gereizt: Könnten die nicht ein einziges Mal auch zu unserer Veranstaltung kommen? … wenn da nur sieben Gestalten den Saal zu füllen versuchen …

Diese Art Konversation erstarb aber jäh auf den Lippen, wenn die andere Seite die eine Seite zurückfragte, wann sie denn zum letzten Mal bei einer Veranstaltung der anderen, also der eigenen, Ihr versteht: ich meine jetzt die andere Seite, die eben die eigene ist, also wann sie da gewesen war.

Die Geschichte würde jetzt zu weit führen, ich mache sie kurz. Etwa zweieinhalb Jahre wurde nach einem Termin für das Abschiedstreffen gesucht, einer gefunden, wieder verworfen, und doch zum Schluss einer gefunden. „Du bist scheinbar der einzige, der sich dafür interessiert“, wurde Koriander halb anerkennend, halb vorwurfsvoll angesprochen. Kleine stumme Pause. Bis es wieder durch die Gänge hallte: „Wir sollten viel mehr miteinander, miteinander, MITEINANDER, miteinander …“ Schluss.

(Und wie Ihr seht, Frau Brunnenkresses Stuhl, Kaffeetasse, Kuchenteller, Sektglas blieben hier und heute leer. Ein wichtiger Termin war dazwischengekommen, sie hatte auch nicht Bescheid sagen können …)

 

Richard Herding,
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(red. 11.1.07)