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KOREA UND DIE DEUTSCH-DEUTSCHEN ERFAHRUNGEN: Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, von Politikberatung bis DDR-Erfahrenen

Vom 27. Juni 2006. Autor Richard Herding

 

Leider, leider kann Johannes Klausa aus Krankheitsgründen seine Thesen aus der Arbeit „Annäherungsversuche in einem geteilten Land: die koreanische ‚Sonnenscheinpolitik’ der Regierung Kim Dae Jung im Vergleich zur ‚Neuen Ostpolitik’ im Deutschland der Regierung Brandt“ (Freie Universität Berlin, Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften, Otto-Suhr-Institut: Dipl.arb., 2005) nicht selbst vorstellen. Ich wünsche ihm an dieser Stelle die beste und baldigste Gesundheit – und ich bin überzeugt, dass alle in diesem Kreis dieselben dringenden Gesundheitswünsche für ihn hegen. Jetzt also – so habe ich Klausa’s Argumentation verstanden und kurz zusammengefasst:

 

 

Geteilte Länder: Stärke, Magnetismus, oder Annäherung ?

 

Drei Strategien, um in einem geteilten Land die Zusammenführung zu erreichen, sind geläufig, nämlich

  • Politik der Stärke, also: der eine Landesteil macht sich übermächtig gegenüber dem anderen, unterdrückt ihn eventuell, jedenfalls schluckt er ihn am Ende;
  • Magnettheorie, also: ein Landesteil entwickelt sich unschlagbar stärker, vorteilhaft, eventuell auch vorbildlich, eben anziehender als der andere, bis der „zurückgebliebene“ sich anschließt;
  • Wandel durch Annäherung, also: ein Landesteil erkennt bei allen Differenzen den anderen an und erzielt so einen tendenziellen Konsens, einen langfristigen Zusammenschluss.

Von diesen drei Möglichkeiten hat sich nach Klausa die dritte, Wandel durch Annäherung, in Deutschland bewährt. Sie empfiehlt sich auch für Korea. Allerdings übersieht er nicht, dass die Unterschiede in Bezug auf Menschenrechte, Kriegsgefahr, ideologische Abschottung und ökonomische Differenz gigantisch sind im Vergleich zwischen Deutschland 1989/90 und Korea 2006. Konsequenz daraus: die Zeit-Dimension ist unübersehbar, sozusagen bis zu unendlich.

Ich kann die detaillierte Analyse der Parallelen zwischen der „Neuen Ostpolitik“ von Willy Brandt und Egon Bahr seit 1969 und der „Sonnenscheinpolitik“ — also eine Politik „friedlicher Koexistenz . . . und Versöhnung“ (Klausa, S. 81) des südkoreanischen Ministerpräsidenten KIM Dae-Jung seit 1999 nur sehr zum Nachlesen in Klausa’s Arbeit empfehlen, die hoffentlich bald erscheinen wird. (Für erste Begegnungen mit dem Thema Korea: Der Nachname steht am Anfang, praktikablerweise hier großgeschrieben. Und der Name „KIM“ ist nur zufällig identisch; KIM Dae-Jung in Südkorea und KIM Il Sung & Sohn KIM Jong Il im Norden sind „nicht verwandt oder verschwägert“, wie’s auf juristisch heißt.) Mit einem Zusammenbruch Nordkoreas aufgrund der enormen ökonomischen Probleme sei nicht zu rechnen: Die Kombination von repressiver innerer Abschottung, humanitärer Hilfe von außen, erste kapitalistische Tendenzen wie in China oder Vietnam würden das verhindern. Dazu kommt — trotz allem — eine gewisse fortdauernde Massenloyalität. (Im europäischen und nordamerikanischen Diskurs wird diese Massenloyalität häufig mit „asiatischer Mentalität“ bezeichnet, wo für meinen Geschmack ein bisschen Ignoranz oder Rassismus mitschwingt.)

 

 

 

Die Aussagen von „amnesty international“:

(ebenfalls kurz zusammengefasst)

Die Situation der Menschenrechte in Nordkorea ist laut amnesty katastrophal, die Zahl der in ‚Arbeitslagern’ eingesperrten BürgerInnen wird auf bis 200 000 geschätzt (amnesty international, Menschenrechte in Nordkorea, Bonn 1995, basierend auf den ai-Dokumenten ASA 240394 u. 240594 (engl.); amnesty international, Menschenrechte und Meinungsfreiheit in Nord- und Südkorea, Flyer, Bonn 2005). Die Einbeziehung von Familienangehörigen und das Vorgehen gegen Frauen und Kinder (auch ungeborene) — nicht zuletzt geht es um die Vermeidung von Zeuginnen und Zeugen — beides wird als unvorstellbar brutal geschildert.

Die Angaben müssen, wie immer bei „ai“, von der Londoner Zentrale überprüft werden, wodurch strenge Maßstäbe angelegt werden: gerichtstauglich müssen sie sein — das heißt, wenn im Jahresbericht nur „wahrscheinlich“ oder „dem Vernehmen nach“ gesagt wird, hat das eine Bedeutung, die die Aussagen der meisten hochkarätigen Solidaritäts-Komitees für ihre „Schutzbefohlenen“ klar übersteigt. (Vielen bekanntes Beispiel: Mumia Abu-Jamal, U.S.A., bei dem das Aktionsbündnis total die „Unschuld“ propagiert, amnesty dagegen: faires Gerichtsverfahren !) Diese Nachprüfbarkeit ist wegen der Abschottung Nordkoreas (z.B. kein Internet, nur Intranet des eigenen Landes, komplett staatskontrolliert; keine sonstigen ausländischen oder selbständigen Medien) deutlich geringer als bei den meisten anderen Ländern, wo ai sich engagiert ... Landkarten mit Konzentrationslagern, die auch so genannt werden, habe ich nicht bei amnesty im Netz gefunden, wohl dagegen bei „Human Rights Without Frontiers International“ (HRWF) (Besuch 15.5.06).

Daher liegt es nahe, dass ai-AktivistInnen schlecht auf die noch (?) in Deutschland vorhandenen ParteigängerInnen des nordkoreanischen Regimes zu sprechen sind. Andererseits müssen die Korea-Engagierten in Kauf nehmen, dass die Organisation als Ganzes ein Land, und das gilt auch für Nordkorea, nur dann zum Schwerpunkt ihrer Aktivitäten ausruft, wenn sie faktisch ein Mindestmaß an Erfolg erwarten kann. Dadurch kann sich die paradoxe Situation ergeben, dass Nordkorea absolut an der Spitze der Repression marschiert, aber gleichzeitig in den „urgent actions“, also beim dringlichen Handlungsbedarf, relativ weit unten bleibt. (Zumal bei den dringlichen Appellen, die unter „Korea“ zusammengefasst werden, noch zu berücksichtigen ist, dass auch in Südkorea trotz Aufweichung und Abschaffung der Militärdiktatur von Amnesty Menschenrechtsverletzungen zu bekämpfen sind. Jedenfalls war bei allen urgent actions 2006 keine einzige zu Nordkorea dabei (Besuch 15.5.06).

Nicht anders als bei der „neuen Ostpolitik“ in Deutschland kann ai mit Recht die Sorge geltend machen, dass das Ausland aus Furcht vor einem Krieg bei der stalinistischen Diktatur über Menschenrechtsverletzungen hinwegsieht. Damit würde die innere demokratische Opposition eingeschüchtert oder ihr Entstehen überhaupt verhindert. (Petra Kelly und Gert Bastian hatten im Fall Deutschlands das große Verdienst, glaubwürdig sowohl für Kriegsvermeidung/Friedenspolitik wie auch für die Menschenrechte einzutreten — und sie hatten damit Erfolg: die Bürgerrechtsbewegung war gleichzeitig friedenspolitisch geprägt.)

Die große Bedeutung von amnesty liegt darin, im Fall Nordkoreas darauf bereits zu einer Zeit hinzuweisen, wo die Kriegsdrohung — ganz anders als bei der DDR in den 1970er/1980er Jahren — unberechenbar, potentiell irrational und suizidal ist. Dazu nuklear, und zwar aus eigenem Potential (nicht von einem „großen Bruder“ Russland oder China). Und außerdem ist kaum eine artikulierte demokratische Opposition sichtbar. Beides könnte dazu führen, die Menschenrechts-Frage zu vernachlässigen.

 

 

 

Die derzeitigen Positionen der Stiftung Wissenschaft und Politik:

 

Die SWP mit dem angegliederten „Deutschen Institut für internationale Politik und Sicherheit“ ist die hauptsächliche wissenschaftliche Politikberatungs-Einrichtung für Bundesregierung und Parlament. (Dazu kommen die parteinahen Stiftungen, also Konrad-Adenauer- & Hanns-Seidel-, Friedrich-Ebert-, Friedrich Naumann-, Heinrich Böll-, Rosa Luxemburg-Stiftung, sowie das Hamburger Institut für Asienkunde, und — eher kirchlich-humanitär orientiert — das AsienHaus Essen.)

„Normalbürger/innen“ können sich also vorstellen, dass Außenminister Steinmeier dort anfragt, um sich zu vergewissern, ob Nordkorea zu einem atomaren Erstschlag ausgerüstet und bereit ist. Vorausgesetzt, er will sich nicht ausschließlich auf die Aussagen der Geheimdienste und der verbündeten U.S.A. verlassen. Der „Think Tank“ SWP hat, um das Beispiel weiterzuverfolgen, die atomaren Möglichkeiten des nordkoreanischen Regimes als durchaus real bezeichnet, er bestreitet auch die Möglichkeit einer irrationalen selbstmörderischen Attacke des Regimes nicht – vor allem falls dieses Regime in einer konkreten Situation meint, es könne nur zwischen dem eigenen Untergang und dem gemeinsamen Untergang mit einem großen Teil des eigenen Volkes wählen. (Dazu Hanns Günther Hilpert, in Zus.arb. m. Kay Möller, Falschgeld, Drogen, Menschenrechte: Sechs Parteien in der Sackgasse ? Nach der Ausweitung der amerikanischen Nordkorea-Agenda, SWP-Aktuell, Dez. 2005. Dabei täuscht das Institut nicht mehr Urteilssicherheit vor als da ist, zum Beispiel listet das Diskussionspapier „Der nordkoreanische Atomkonflikt: eine Chronologie“, März 2006, auf der WebSite [Besuch 15.5.06] die Einzel-Informationen zur nuklearen Aufrüstung chronologisch auf, ohne zu einem Schluss zu kommen. Selbstverständlich kommen die AutorInnen in der Regel zu Konsequenzen. Genannt seien nur: Nordkorea vor ökonomischem Zusammenbruch, April 2003, von Hilpert, und Nordkorea – der verschleppte Konflikt, von Möller, Sept. 2003.)

Die Position zu Korea ist wie in der „neuen Ostpolitik“ Brandts (s. auch Kay Möller, Sonnenschein über Pjöngjang, in: Das Parlament, Beilage „Aus Politik und Zeitgeschichte“, 15.Dez. 2000): Das Institut befürwortet klar eine Priorität für Kriegsvermeidung, gegen Wettrüsten, also auch gegen die Implikationen der „Schurkenstaats“-Polemik der U.S.-Regierung unter George W. Bush jr. (vgl. z.B. Oliver Thränert, Die Verbreitung von Raketen und Marschflugkörpern: Stand – Tendenzen - Gegenmaßnahmen, SWP-Studie (Berlin), Juli 2005).

 

 

 

Das Berliner Missionswerk der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg:

 

(mit vollem Namen: Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, also Görlitz/Hoyerswerda, in Sachsen, nicht zu vergessen; in Berlin Zusammenarbeit mit dem Amt für kirchliche Dienste / Evangelisches Bildungswerk) würde, heute gegründet, wahrscheinlich „Projekt für internationale ökumenische Solidarität“ o.ä. heißen (ebenso wie sein Stuttgarter Pendant, „Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS)“). (.) Es arbeitet praktisch mit der Koreanischen Presbyterianischen Kirche zusammen (Presbyterianische Kirche in der Republik Korea, PROK), also einer protestantischen, nicht sektenförmigen Freikirche. (Dazu zum Beispiel Jörg Baruth, Blickwechsel – Die Kirche und die Außenseiter in Korea, in: mission (Berlin), Dez. 2005, S. 20 ff.; zum Wiedervereinigungs-Engagement s. Gerd Decke, Heilung und Versöhnung in Korea und Deutschland auf dem ÖKT [= Ökumenischer Kirchentag], in: mission (Berlin), Dez. 2003, S. 28 f. und Ders., Moderation der Abschlussdiskussion der Korea-Tagung, Asien-Pazifik-Wochen, „Korea auf dem Weg zur Einheit – die Rolle von Kirchen, Politik und Zivilgesellschaft“ (Berlin), 2.10.2005) Anders als bei amnesty international und bei Stiftung Wissenschaft und Politik geht es dabei nicht um appellatorisch-aktivistische Tätigkeiten oder Ansätze zur Beratung von Politik bzw. Diplomatie, sondern um personenbezogene Unterstützung: Flüchtlingen helfen, internationalen Austausch ermöglichen, Familienkontakte erleichtern, alles im kirchlichen Rahmen, der caritatives Engagement erleichtert. Auch die koreanischen Diaspora-Exil-Gemeinden in Deutschland gehören zum Arbeitsbereich des Missionswerks. (Vgl. Gerd Decke, Ekkehard Zipser, Nicht in einer Zuschauerhaltung bleiben, in: Mission (Berlin), Sonderausgabe 2001/02, S. 23 ff.; BERLINER MISSIONSWERK mit Referat Korea, Korea –Wege aus der Gewalt-, Berlin o.J. (2006))

Daher setzen die kirchlichen Projekte auch in der großen Frage der zwei Koreas auf die Chancen des Nahbereichs. Familienbegegnungen, auch wenn nur drei Tage hinter Stacheldraht; Flüchtlingsanerkennung statt Zurücklieferung, auch wenn etwa durch die U.S.A. erst nach zehn Jahren (China übrigens liefert nach wie vor zurück; wer es bis Beijing geschafft hat, muss dort in eine Botschaft zu flüchten versuchen); erste Erfahrungen mit dem anderen Wirtschaftssystem, auch wenn nur als Leiharbeit in Sonderwirtschaftszonen – alles sind erste Schritte, nicht pure Enttäuschungen. Umgekehrt: als ziemlich wertlos angesehen wird, was mit persönlich-politischer Energie beschleunigt wird, doch es fehlt an geduldiger Distanz, das wird als ziemlich wertlos angesehen. (Ganz persönlich und nur am Rande: Urteil eines kirchlichen Aktivisten über „Dear Pyongyang“ – das ist ein sensationeller Film, Japan 2005, von der Filmemacherin YANG Yong-hi, produziert bei CHEON (Tokio), auf der Berlinale 2006 gezeigt, in dem die Tochter eines in Japan lebenden Nordkorea-Flüchtling, glühender Anhänger des nordkoreanischen Urdiktators KIM Il Sung, der seine Söhne weggeschickt hat, um dort zu leben, und der selbst seinen 70. Geburtstag mit Huldigungen an den „Führer“ im Norden feiert, aus dem greisen Vater die wahren Motive der Kim-Treue buchstäblich herauszukitzeln versucht. Für den Ökumene-Engagierten hat das einfach keine Substanz, weil der alte Vater das nicht wirklich wollte: Für den engagierten Christen ist es Manipulation - und das gilt nicht !) Eingestellt sein auf eine sehr lange Zeitspanne, ohnehin charakteristisch für kirchliche Arbeit, bedeutet: es werden Summen kleiner und kleinster Veränderungen, eben der zitierte „Wandel durch Annäherung“, aber viel geringer und langsamer damals bei DDR und Westdeutschland, registriert und herausgestellt. Diese Version des „Prinzips Hoffnung“ entspricht weitgehend der Verzweiflung oder depressiven Stimmung anderer politischer Akteure, weil der Zeithorizont politischer Entwicklungen, wie wir sie gewöhnlich kennen, wesentlich kürzer ist. Hier kommen auch das vielgenannte „asiatische Weltbild“ und der Konfuzianismus in den Blick: deutlich langsamere Veränderungen, deutlich dauerhaft hingenommene, selten hinterfragte Zugehörigkeiten. (So etwa Jörg Baruth, Evangelischer Fürsorger für nordkoreanische Flüchtlinge und MigrantInnen in Südkorea, auf der Veranstaltung „Blühende Landschaften ? –Traum und Gefahren einer koreanischen Widervereinigung“ [sic ! nicht „Wieder…“] von amnesty international und Haus der Demokratie & Menschenrechte, Berlin, 10. März 2006)

 

 

 

DDR-Erfahrene über Nordkorea:

 

Bei Interviews mit DDR-Erfahrenen ist mir zunächst vor allem die Faszination über die Perfektion des „Potemkinismus“, die Vollkommenheit der Täuschung der Bevölkerung und der ausländischen Kontaktpersonen (zum Beispiel Delegationsmitglieder der Freien Deutschen Jugend, FDJ) aufgefallen. Ganze Innenstädte so herzurichten, als seien sie von Geschäften putzmunter belebt, bis der Besucher bei den Weltjugendfestspielen von Pjöngjang 1989 nach ein paar Tagen entdeckt, dass überall kleine Schilder „Wegen Urlaub geschlossen“ steckten, das alles war also Farce – in der DDR wäre so etwas nicht möglich gewesen. Der erste Impuls, ein wenig zynisch: das, was wir selbst kannten — oder: auch mitgemacht hatten !, also selbstkritisch bis systemkritisch —, wird hier maßlos überschritten. Bald fällt das Wort „Sekte“. Man grenzt sich ab; das ist nur noch sehr, sehr bedingt ein Teil des einst gemeinsamen Blocks. Und doch tauchen Gegenbeispiele auf:

  • plötzlich kommt ein jüngerer Mensch auf den verdutzten älteren Noch-FDJler zu und platzt in perfektem Berlinerischem Akzent mit „Oberschule Nr. X, Berlin Mitte“ heraus; lebt jetzt in Nordkorea, gehört irgendwie zur Nomenklatura-Kaste, - aber wie könnten wir ihn und Leute wie ihn heute finden, und wären sie Weggefährten einer Vereinigung, vielleicht derart wie sie die Modrow (Deutschland einig Vaterland)-Gysi-Fraktion des DDR-Etablishments damals für noch so eben akzeptabel hielten ?
  • zu einem der „gewendeten“, aber im Umkreis der Links.partei verbliebenen Printmedien gehört heute als Journalist für die Stadt-Berlin-Themen einer, der vor Jahren u.a. für Nordkorea zuständig war, und der eine Anzahl von Kontakten aktivieren könnte, wenn ja wenn er das für sinnvoll erachtete;
  •  … und außerdem gibt es ja noch den Pyöngyang-Besucher von damals, der nach der Wende aus der „Massenorganisation“ entschwand und seither bis heute erfolgreich Geschäfte praktisch-kapitalistischer Art mit Nordkorea betreibt. …Die Ökonomie wird’s richten, meint dieser ernüchterte Bürger beider Welten laut Aussage seiner einstigen Genossen, und setzt auf die Sonderwirtschaftszonen. …

(Wer sich bei E-Bay umschaut, unter nordkorea_Sammeln-Seltenes [Besuch 15.5.06], findet dermaßen viele nordkoreanische Fähnchen und Schwanenbilder, dass es schwer fällt, nicht auf den Gedanken zu kommen: das MÜSSEN doch Souvenirs von „Massenorganisations“-Kontakten, sprich: FDJ-Besuchern, sein ! Statt ersteigern, Adressen besorgen und Erinnerungen an konkrete Menschen aktivieren ! - Im Berliner Robert-Havemann-Archiv der Oppositionsbewegung findet sich nichts über Nordkorea-Kontakte: die bürgerrechtliche Opposition, so scheint es, hat sich damit weder befasst noch dagegen öffentlich wahrnehmbar opponiert. Dort wird aufs Bundesarchiv und auf die Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen –SAPMO- verwiesen.)

Auch hier gibt es Verknüpfungen zu der Rolle religiöser Gemeinschaften. So erzählt ein Interviewpartner, man habe nach Kirchengemeinden gefragt. Die nordkoreanischen Betreuer hätten mit dem Hinweis reagiert, die Religions-Ausübung sei frei, jedoch würden nur sehr wenige davon Gebrauch machen. (An dieser Stelle eine Frage: sowohl das Auswärtige Amt wie auch das Berliner Missionswerk bezeichnen die Zahl der ChristInnen in Nordkorea im Gegensatz zum Süden als „unbedeutend / ohne Bedeutung (Korea –Wege aus der Gewalt, S.43); dazu auch die Erklärung “Verfolgung und Massenflucht nach Südkorea entvölkerten die Kirchen. Vor 1945 hatte es mehr Christen im Norden als im Süden Koreas gegeben“ (ebendort, S. 19). Es ist also eine Folge der Repression, worüber die eine Institution aus diplomatischen Gründen hinweggeht.) Die DDR-Delegation äußerte daraufhin den Wunsch nach einem Besuch. Sie wurden zu einer Art Gartenhaus gebracht, das gerade die etwa sechzig dort versammelten Leute fasste. Es wurde erklärt, dies sei ein buddhistisches Kloster, vom „großen Führer“ KIM Il-Sung den Bewohnern geschenkt. Diese trugen auch entsprechende Kleidung und vollzogen die dazugehörigen Riten (Gebete), aber die DDR-Leute hielten das Ganze überwiegend für eine Vorspiegelung, eben ein Potemkinsches Kloster – ohne aber, bis heute, sicher zu sein …

Wenn jemand Folgerungen ziehen kann, der sich mit einem für ihn ganz neuen Weltproblem in aller Kürze nur aufs notdürftigste vertraut zu machen versucht hat – also mit großen Einschränkungen würde ich folgenden Abschluss wagen:

Zum „Wandel durch Annäherung“ im Vergleich zwei Deutschlands, zwei Koreas — der Vergleich ist nur höchst vorsichtig und begrenzt möglich —, zu diesem Wandel gehören starke fördernde und starke hemmende Eigenarten.

Was hemmt, ist klar: Atombomben, GULAG und Hungersnot machen eine „Annäherung“ an Nordkorea heute extrem schwierig, schließlich hatte die DDR nur indirekt nukleares Potential (und war viel weniger in die organisierte Kriminalität verstrickt), die Schrecken von Bautzen und Stasi waren trotz allem quantitativ und qualitativ deutlich geringer; der Lebensstandard reichte in der Spätzeit an den britischen heran. (Südkorea hatte lange Zeit die Syngman-Rhee-Diktatur, mit der Adenauers BRD-Herrschaft nur in fahrlässiger Rhetorik gleichzusetzen ist, einen ökonomisch-innovativen Aufschwung des Mehr-als-Schwellenland-Kapitalismus ohnegleichen, und nur im U.S.-Bündnis eine militärische Drohgebärde.)

Was fördert: vor allem das intakte Nationalgefühl. Anders als im deutschen Beispiel, hat hier ein altes Kulturland nicht durch Diktatur, Massenmord und Aggression seine Rechte verspielt, sondern war als Opfer des japanischen Imperialismus berechtigt zur Wiedergutmachung. (Zum Komplex Nationalgefühl s. Klausa, Annäherungsversuche, S. 38-45.) Das Zusammengehören, die „Familiengefühle“ im kleinen wie im großen, ohnehin besonders stark durch das konfuzianische Weltbild, scheinen als Selbstverständlichkeit zu wirken, sodass eigentlich niemand die Wiedervereinigung abgeschrieben hat, so wie verständlicherweise faktisch etwa 1969 bis 1989 in Deutschland. (Und vielleicht sorgt das südkoreanische Filmschaffen für Liberalisierung und Modernisierung des Konfuzianismus?)


Für die westdeutsche linke Tradition wichtig – sonst heute wohl kaum bedeutsam: eine Selbstkritik der heutigen oder früheren ideologischen Stellungnahmen für das KIM-Il-Sung-System von so unterschiedlichen Seiten wie dem Verlag Roter Stern und der Schriftstellerin Luise Rinser wäre sinnvoll. Gewiss, das „Asterix“-Syndrom des Ländchens, das allein gegen den ganzen Rest der Welt inklusive Supermacht U.S.A. steht, dabei mit typischer Loyalität zu traditionellen Autoritäten, muss eine Attraktion (gewesen) sein. Vielleicht geht es wirklich „nur“ um fehlgelaufene Über-Identifikation mit dem Programm eines großmacht-freien Sozialismus für die Dritte Welt – aber die Analyse der unglaublichen Autoritarismus-Blindheit müsste doch tiefer gehen. Gerade bei Vertretern der antiautoritären Neuen Linken, sprich Sozialistischer Deutscher Studentenbund / SDS: da täte eine zeitgeschichtliche Rückschau auf pathologische Erscheinungen gut. Gerade auch weil die libertäre Asterix-Autonomie und die isolationistische „Juche“ (nord-koreanische Ideologie für eiserne Harmonie nach innen bei entschiedener Autarkie nach außen) kaum zusammenzupassen scheinen.


Hier eine persönliche Überlegung: In Deutschland gab es die DDR-Oppositionsbewegung, sie wollte nicht die staatliche Einheit, sondern das bessere Deutschland – eine DDR, die ihre verratenen Ideale wiedergefunden hätte. Ich habe noch den westdeutschen Linksradikalen / Zeithistoriker Karl-Heinz Roth im Ohr, der das ganze „Wir sind EIN Volk“ – statt „Wir sind DAS Volk“-Spektakel tatsächlich mit dem Anschluss Österreichs ans Deutsche (Nazi-) Reich im Jahr 1938 verglich und ein baldiges Ende der Loyalität erwartete. Nun ist nationale Einheit ebenso wie jede Art von Föderalismus oder Separatismus ein selbstverständliches und eher banales Recht aller Menschen, worauf es ankommt, ist die inhaltliche Gestaltung von Staat und Gesellschaft. Woher wäre eine Rettung des Erhaltenswerten an Nordkorea, also des blockfreien Dritte-Welt-Sozialismus in einem kleinen Land, zu erwarten ? Vielleicht von den Intellektuellen, von denen nicht viel bekannt ist, die es aber in solchen Situationen von Engagement, Enttäuschung und Widerspruch sicherlich gibt. Von den Christen, die sich im Kampf gegen die südkoreanische Diktatur hervorgetan haben ? Von den Flüchtlingen aus Nordkorea, die — etwa in Japan ebenfalls diskriminiert — alten Idealen die Treue hielten ? Nur eine Frage, denn was zu sehen ist, schlägt durch die sektiererische Starre die Hoffnung in den Wind.

 

 

Aber zurück zu Klausa. Einer Meldung der Berliner „tageszeitung“ von 2005 zufolge „sollen aufrührerische Flugblätter zirkulieren, Generäle desertieren und Kim Jong-Il-Porträts verschwinden“ (S. 96). Und die Quelle ?

Als Quelle genannt werden: „Gerüchte“ (ebenda).

Die Hoffnungen auf Beiträge zur Korea-Problematik von den Aktiven der ostdeutschen Bürgerbewegung, der Freiheitsbewegung von circa 1986 bis 1990 und darüber hinaus, finde ich nach diesem Überblick, der sicherlich mehr Fragen als Antworten zutage gefördert hat, mehr als berechtigt. In dieser „verfahrenen“ Situation helfen nur Personen, die

  • den Mut haben, Einzelne zu sein (Kierkegaard), also nicht hauptsächlich als AgentInnen oder FunktionärInnen von Parteien, Fraktionen, Sekten, ja auch von Bewegungen oder Nichtregierungsorganisationen aufzutreten (wobei im Fall Korea zur Bedeutung des Individuums unvergleichlich stärker als hierzulande die Bedeutung der Familie hinzutritt),
  • extrem langsame Veränderungen wahrnehmen und schätzen können, also nicht auf die üblichen 4-5-Jahres-Fristen organisierter Wahlpolitik ausgerichtet sind, und
  • den Mut haben, den Lauf der Geschichte mit überraschenden Niederlagen ebenso aufzunehmen wie mit Erfolgen (also: Massaker am Tienanmenplatz in Beijing/Peking ODER Fall der Mauer in Berlin).

Die Oppositionellen aus der Bürgerbewegung können im Fall Korea auch Hinweise geben auf Situationen und Personengruppen, die seinerzeit loyal zum Regime der SED bzw. der nordkoreanischen Führung gestanden haben. Nach Lage der Dinge (es konnte in der Zweidrittel-Welt-Politik der Oppositionsgruppen wenig Focus auf Nordkorea gerichtet werden) wird es sich in der Regel eher um Skeptische als um Oppositionelle handeln. Umso besser, dass sie in der Regel Meister/innen der Differenzierung und der biografischen Einschätzung sind ...

 

Richard Herding
27.06.2006

 

Internet-Quellen (8.Mai 2006):

http://de.wikipedia.org/wiki/nordkoreawww.freenorthkorea.net;   www.embkorea.de;   www.ndrtv.de/Weltspiegel

www.amnesty.de,

http://sammeln.search.ebay.de/nordkorea_Sammeln-Seltenes,   www.hrwf.net,   http://de.groups.yahoo.com,   www.nordkorea-info.de,   www.kdvr.de;

www.swp-berlin.org;

www.ekibb.net;

www.asienhaus.de,   www.koreaverband.de.

(Sachverstand - Verbindlichkeit - Nutzerfreundlichkeit - Propaganda - Aktualität: die Kriterien, an denen demokratische Öffentlichkeit auch im Internet gemessen werden sollte !)

 

 

Kontakte:

amnesty international, 53108 Bonn, 0228/98373-0, www.amnesty.de;

Korea-Koordinationsgruppe, c/o Roland Brauckmann, roland.brauckmann@amnesty.de; auch c/o Dr. Hans Buchner, Georg-Hager-Str. 34, 81369 München, hansbuchner@guru.de

und amnesty international im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4 (Prenzlauer Berg), 10405 Berlin, 030/420248-00;Berliner Missionswerk, Korea Koordinationsgruppe, Berlin, Georgenkirchstr. 70, Evangelisches Zentrum (Friedrichshain), 10249 Berlin, Haus 1, 030/24344-123, c/o Ekkehard Zipser, www.ekibb.net/mission;

Stiftung Wissenschaft und Politik / Institut für internationale Politik und Sicherheit, Postfach 151120, 10673 Berlin, 88067-0, Ludwigkirchplatz 3-4 (Wilmersdorf), zHdv Dr. Hanns Günther Hilpert, www.swp-berlin.org;

Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4 (Prenzlauer Berg), 10405 Berlin, www.hausderdemokratie.de,

im gleichen Haus: amnesty international (s.o.) u.

„Informationsdienst: für kritische Medienpraxis“, 030/20166296, zHdv Dr. Richard Herding, kritik@idmedienpraxis.de;   www.idmedienpraxis.de.