Wohnraumvernichtung, Hausbesetzungen, ökologische Wende und Skyline: öffentlicher Lernprozess in Frankfurt am Main

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DER FRANKFURTER WESTEND-KONFLIKT UND DIE MEDIENÖFFENTLICHKEIT: Die exemplarischen Häuserkämpfe der deutschen Nachkriegsgeschichte als praktischer Lernprozeß voller Überraschungen - Stadtplanung, Ökologie, Sozialpolitik, Polizeiführung, Ästhetik überschnitten sich produktiv, aber die antisemitischen Elemente wurden nicht ausreichend bearbeitet.

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Richard Herding

 

DER FRANKFURTER WESTEND-KONFLIKT UND DIE MEDIENÖFFENTLICHKEIT:



Die exemplarischen Häuserkämpfe der deutschen Nachkriegsgeschichte als praktischer Lernprozeß voller Überraschungen - Stadtplanung, Ökologie, Sozialpolitik, Polizeiführung, Ästhetik überschnitten sich produktiv, aber die antisemitischen Elemente wurden nicht ausreichend bearbeitet.

Erscheint im August 2000 im Campus-Verlag, in der Gedenkschrift für Hans Kampffmeyer, den Planungsdezernenten der Stadt Frankfurt am Main 1956 bis 1972. Dieser sozialdemokratische Politiker, der von der Gartenstadt-Bewegung kam und bei der Wohnraumvernichtung der Innenstadt landete, verkörpert wie wenige andere die Situation, in der Hausbesetzungen ein Kampfmittel der Protestbewegungen waren. Wenig institutionalisiert, wenig militarnt und schon gar nicht militärisch - das bessere Leben vorwegnehmen und praktizieren: die entscheidende Aktionsform einer ökologisch aufgeklärten Linken. Der hier vorgelegte Text wurde auch im Hinblick auf die Idee eines Dokumentarfilms über Hausbesetzungen, im Vergleich der Städte Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main u.a., im europäischen Maßstab auch Amsterdam, Kopenhagen, Paris formuliert. Nicht zuletzt deswegen bitten wir die Heerscharen der RezensentInnen um massenhafte Befassung mit dem Buch, dessen stark institutioneller Zuschnitt normalerweise sein völliges Unbekanntbleiben garantiert.

Erhaltung und Entwicklung statt Zerstörung und Geschwindigkeit: der umfassende Konsens im Westend an der Schwelle zum ökologischen Denken.

Die entscheidende Kehrtwende von Kahlschlag-Modernisierung zur nachhaltigen Stadterhaltung und -erneuerung traf alle Akteure des Westend-Konflikts in den Jahren 1969 bis 1974 (und in der Fortsetzung bis in die 1990er), die sozialdemokratisch dominierte Stadtverwaltung wie auch die "Sponti"-Gruppen der studentischen Protestbewegung, unvorbereitet. Die Medien spielten eine Bilderbuchrolle des mühsamen, auch von (Selbst-) Zensur im Sinne der Mächtigen nicht immer freien, Lernens im lokalen Milieu. (Aufschlussreich der Kontrast zu Berlin: dort hatte der" die Mieten niedrig zu halten, bei gleichzeitigem Verzicht auf Wohnkomfort, eine Bedeutung, die in Frankfurt praktisch (nicht rhetorisch sozialpolitische Impetus, durch "Instandbesetzung) gering war.)

Der Kern des Konflikts schmückte ein Flugblatt des Häuserrats und anderer spontaneistischer Gruppen vom November 1973 ("Städte sterben im Namen des Volkes") interessanterweise als Zitat von durchaus konservativer Seite:

"Der organisierte Städteabriß, den man in der Bundesrepublik Sanierung nennt, hat bis heute erschreckende Ausmaße erreicht. Es gibt kaum noch eine Altstadt, deren Garaus von Banken, Baufirmen, Kaufhäusern und Behörden nicht emsig geplant würde. Die durch Gesetzeskraft legalisierte Vernichtung von Wohngebieten übertrifft bereits die Zerstörungen des Krieges" (Zitiert aus Deutsche Zeitung (Christ und Welt), 2. Nov. 1973).

Alle Gegner der Westend-Sanierung, sowohl die Aktionsgemeinschaft Westend wie die HausbesetzerInnen, hatten das Bewusstsein, sich in einem massenhaften gesellschaftlichen Konsens zu finden, der auch konservative Teile der Bevölkerung umfasste. Kampffmeyer galt als austauschbare "Charaktermaske" von Kapital & Politik:

"Zerstört wird immer weiter. Was der Frankfurter Baudezernent im Ruhestand Kampffmeyer begonnen hat, wird nun von Arndt, Berg und Adrian (also Oberbürgermeister, Bürgermeister und Bau-/Planungsdezernent, RH) mit allen legalen und illegalen Tricks versucht, fortzusetzen. Tricks muß man deshalb anwenden, weil die Bevölkerung heute sich nicht mehr so leicht verplanen lässt wie früher.

Deshalb sagt die SPD heute: DER KAMPFFMEYER IST AN ALLEM SCHULD, er ist derjenige gewesen, der die Interessen der Banken, Konzerne und Spekulanten wichtiger nahm als die der Bevölkerun - und das hat der jetzige Baudezernent ADRIAN auszubaden. Der sagt: Sind die berühmten 'Leichen im Keller' erst einmal bewältigt, dann wird alles anders, dann wird man sich auch einmal um die Interessen der Bevölkerung kümmern können.

So verkündet's der Magistrat auch der Presse und im Anschluß daran begibt sich der Vorstand unserer Stadt Arndt, Berg und Co. unter's 'Volk'! Berg z.B. zum Aufsichtsrat der Wohnheim GmbH oder zu dem der ABG (= städtische "Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen", RH) und Hellerhof AG, um die nächste Mieterhöhung zu planen, Arndt z.B. auf die Sitzung des Aufsichtsrates der Bodenkreditbank, einer 100%igen Tochter der Hessischen Landesbank (Stichwort: Projekt Sonnenring), um über ein Bauvorhaben in der BOCKENHEIMER LANDSTRASSE 107 zu beraten. Die 107 ist zur Zeit ein noch bestens erhaltenes Wohnhaus, doch kürzlich hat die Bodenkreditbank es gekauft und seitdem haben die Mieter nur noch befristete Mietverträge.

Steht erst einmal das Hochhaus an der Ecke Bockenheimer Ldstr./Schumannstr., so kann man doch nichts gegen eines an der Bockenheimer 107 haben.

So ungefähr wird's weitergehen. Die Interessen von 'diesem Volk' liegen den Herren im Magistrat schließlich mehr am Herzen oder besser auf dem Geldbeutel als die der Bevölkerung. Denn von irgendetwas muß man ja schließlich leben, z.B. von Aufsichtsratsgeldern. Wovon sonst sollten sie die Villa im Taunus und die Sozialwohnung in Frankfurt bezahlen." (Kettenhofweg 51 - Häuserkämpfe in Frankfurt, Dokumentation des Häuserrats und des AStA der Universität Frankfurt (shb-sf), o.J. (1973))

Der Westend-Konflikt führte das wohnungspolitische sozialreformerische oder -revolutionäre Ethos zum ersten Mal in brisanter, explosiver Weise aus dem traditionellen linken Areal der Wohnungsbau-Förderung heraus und mit dem konservativen Ethos der Erhaltung des städtebaulichen Erbes zusammen. Über die Köpfe aller Beteiligten hinweg -oder durch sie hindurch ?- steht er für den Paradigma-Wechsel von der Wachstums- und Erneuerungs- zur Nachhaltigkeits- und Erhaltungsgesellschaft. Der Lernprozeß war so faszinierend, weil er keinem der Akteure bewusst war. Es gab kein ausdrückliches ökologisches Bewußtsein von Wohnungsbau und Stadtplanung zu dieser Zeit.

(Nur als Anmerkung können vergleichende Hinweise auf andere Städte wie Hamburg und Berlin hier angedeutet werden. Die Vermittlung zwischen neuen und alten Wohnformen, die Entwicklung kooperativer Lösungen, und die urbane Ästhetik der Skyline lassen sich als wichtige Defizite der Medienöffentlichkeit im Frankfurter Westend-Konflikt benennen. Im Vergleich zu Berlin blieb der soziale Rahmen des Westend-Konflikts zu sehr bürgerlich begrenzt, im Vergleich zu Hamburg fehlte es gerade umgekehrt an groß(!)bürgerlicher Vermittlung. Die Beschränkung auf den "heimatlichen" Horizont war den Akteuren gemeinsam, der Medienöffentlichkeit ist sie kaum anzulasten: andere Städte lernten aus von den frühen Frankfurter Erfahrungen, umgekehrt war da wenig. Die Berliner Hausbesetzungsbewegung basierte auf der gleichen Grundlage -Kahlschlags-Sanierung seit etwa 1963, vom sozialdemokratischen Bausenator Harry Ristock nach 1975 zugunsten einer "behutsamen Stadtreparatur" zurückgenommen-, aber war sozial weit engagierter: die Verhinderung von Wohnraumvernichtung wie in Frankfurt genügte nicht, sondern es kam viel stärker auf die Erhaltung einfachen Wohnraums zu erschwinglichen Mieten an. Auch hier war gerade durch den breiten Konsens mit der Bevölkerung die Bereitschaft zur gewaltsamen, immer als defensiv definierten Auseinandersetzung groß, aber auch der Zwang für die Stadtregierung, wenigstens durch "Modell-Projekte" als Ersatzwohnraum Kompromisse anzubieten (vgl. etwa "Krieg in Kreuzberg", stern (Hamburg), 23. Dezember 1980))

 

Die agitatorische Öffentlichkeit von Bürgerinitiative und Hausbesetzungen


Die kämpferische öffentliche Aktivität erst der Bürgerinititive AG Westend, dann in deutlich anderem Stil die agitatorische Öffentlichkeit der Hausbesetzungen -Flugblätter, Presseerklärungen, unregelmäßige Wand- und Verteilzeitungen, vereinzelte Filme, vor allem auch Versammlungen (die hier nicht behandelt werden können), diese Öffentlichkeit betont die "feindliche Übernahme" des Stadtteils. "BÜROSTADT WESTEND" als typische Flugblattüberschrift, dann Polemik gegen Wohnungsvernichtung und Spekulation (als nur verbal benanntes, nicht beschriebenes Fehlverhalten). Der Hochhausbau wird implizit kritisiert, aber bei den HausbesetzerInnen findet sich vor allem der klassische Satz dieser romantischen Epoche der Protestbewegung: "Wir wollen nicht wieder isoliert in Wohnheimen oder als Untermieter wohnen" (BÜROSTADT WESTEND, Flugblatt vermutlich von den BewohnerInnen des Walter-Kolb-Studierendenhauses am Beethovenplatz, o.J. (1972)). Soweit der breite Konsens und der besondere Akzent der Besetzungsszene.

Aber überschattet, ja "erschlagen" wird der Konflikt nahezu von Anfang an durch die sogenannte Gewaltfrage. Ein geradezu rührendes Beispiel ist das Flugblatt "STRAFANZEIGE" von 1973, das der Polizei Verleumdungen vorwirft und sich dagegen wehrt. Unter "Lügen" wird Klage geführt:

Vorige Woche zum Beispiel hat die Polizei behauptet, der Häuserrat habe am Kettenhofweg 51 in aller Herrgottsfrühe einen Brötchenfahrer überfallen, und ihm seine Brötchen geklaut. Davon ist nachweislich kein Wort wahr. Der Fahrer, Herr ..., hat die Diffamierung zurückgewiesen; der Häuserrat hat die Brötchen gekauft, von Überfall keine Spur

Hat dies noch anekdotischen Wert, so geht doch die Unterstellung weiter: so hätten die BewohnerInnen des besetzten Hauses große Mengen explosiver Stoffe gelagert. Gewaltbehauptungen, aber auch eine Rhetorik von Gegengewaltphantasien, spielten eine große Rolle. Die Diskussion verlagerte sich "immer allzu schnell auf die paramilitärische Ebene der Verteidigung, die zu verlassen einige Anstrengungen kostete", klagt schon die genannte Dokumentation zum Kettenhofweg 51 (Politische Aktivitäten, S. 7). Immerhin wurde gelegentlich versucht, Eskalationen abzubauen und nicht nur aus der permanent gegebenen "moralischen Großwetterlage" heraus die Polizei zu beschuldigen. So gibt nach drei Tagen der Straßenkämpfe die BewohnerInnenschaft des besetzten Hauses Kettenhofweg 51 eine Presseerklärung mit dem Satz heraus:

"Wir zeigen jedenfalls, daß es nicht auf paramilitärische Verteidigung ankommt. Wir bauen unsere Barrikaden ab ! - Hauskollektiv Kettenhofweg 51" (Kettenhofweg 51, S. 18),

und die Mainzer anarchistische Gruppe "Venceremos" nahm defensiv Stellung zu ihrem auffällig heftigen Demonstrationsverhalten - immerhin.

Aber in der weit größeren und weit mehr von Konfrontationen mit der Polizei gekennzeichneten Auseinandersetzung um den Block Bockenheimer Landstraße/Schumannstraße gilt das Übergewicht des paramilitärischen Aspekts noch stärker. Hier schrumpft, ja verschwindet die öffentliche Debatte tendenziell - Gewalt, auch Gegengewalt, gehört bekanntlich zur "Arkansphäre" (Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied u. Berlin 1962) aller politisch Handelnden: diese Aktivitäten leben in der Regel davon, dass sie nur in hermetischer Abschottung diskutiert werden.

In der marxistischen Hoch-Zeit der Studierenden- und Protestbewegung der Siebziger Jahre unvermeidlich, und auch typisch für die theorie-orientierte Bewegung in Frankfurt, waren veröffentlichte Analysen der politischen Ökonomie der Städtebau- und Wohnungspolitik, die allerdings über ein sehr allgemeines Niveau nicht hinauskamen. Meistens rituell wurde das Verwertungsinteresse des Kapitals speziell in den Innenstädten, das den Wohnungsbau bzw. die Nutzung der Gebäude zu Wohnzwecken unrentabel mache, kritisch analysiert, und die Zusammenarbeit zwischen Kapitalisten bzw. Spekulanten und staatlichen bzw. kommunalen Institutionen und PolitikerInnen als Defizit kapitalistischer Demokratie attackiert. Bei aller Anerkennung der Aneignungsmühen empirisch nutzbarer marxistischer Erkenntnisse, mag doch ein Zitat genügen, das für viele solcher ebenso unbestreitbarer wie gebetsmühlenhaft ablaufender Analyse-Rituale steht:

Die Transformation des Westends vom bourgeoisen Wohn- in ein kapitalstrukturiertes Geschäftsviertel (in dem, der Optik wegen, noch einige Reservate für Luxusappartements entstehen sollen) vollzieht sich konkret in vier Stufen: 1. Aufkauf einzelner Häuser und ganzer Straßenzüge; deutsche Mieter raus 2. Ausländerfamilien rein - am besten ganz viele ganz eng zusammen; keine Reparaturen mehr, Verslumung 3. Ausländer raus; Zerstörung der leeren Wohnungen; Abriß der leeren Häuser 4. Neubau. Dieser Prozess läuft beileibe ncht mehr anarchisch ab. Die Stadt hat im Gegenteil die Zerstörung der Innenstadt und des Westends systematisch gefördert - so wie sie in Zukunft noch die Zerstörung anderer citynaher Stadtteile fördern wird, wenn auch sicher um einiges eleganter.(...) Dies alles deutet nur die notwendig-beschissene Wohnsituation in einer "Handelsmetropole'. Denn genau das soll Frankfurt werden: Ballungszentrum des internationalen Finanzkapitals." (Kettenhofweg 51)

Antisemitische Vorurteile oder die Diskussion darüber -das unselige und sachlich sinnlose Thema der jüdischen Volks und/oder Gemeindezugehörigkeit vieler Akteure der Immobilienszene, irrelevant weil austauschbar mit anderen nichtberuflichen Bindungen in vergleichbaren Geschäftszweigen oder Städten- spielte zumindest in den ersten Jahren des Westendkonflikts in dieser Öffentlichkeit praktisch keine Rolle. Erstaunlich, weil vermutlich die "Stammtisch-Öffentlichkeit" im Frankfurter Kleinbürgertum voll davon war. Erst Rainer Werner Faßbinder in seinem Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" griff das Thema Ende der Siebziger Jahre in höchst problematischer und kontroverser Manier auf. Ein großes Thema, auch in der bitteren Auseinandersetzung ein beachtenswerter Lernprozeß, der hier nicht ausgeführt werden kann. (Dazu: Deutsch-jüdische Normalität ... FASSBINDERS SPRENGSÄTZE, Pflasterstrand Flugschrift I, Frankfurt am Main: Pflasterstrand, 1985, hg. von Elisabeth Kiderlen, darin als Problembeispiel Christoph Kremer, Jüdische Spekulation - Spekulation mit den Juden ?, und andererseits Michael Brumlik, Warum ich mit Ignatz Bubis solidarisch bin; sowie Henryk M. Broder, Fassbinder war kein Antisemit, in: die tageszeitung (Berlin), 4. Juni 1992.)

Die Ästhetik dieser agitatorischen Öffenlichkeit, mit Stil-Elementen aus den italienischen Mietstreiks und Hausbesetzungen ("Unione Inquilini") ist bemerkenswert und innovativ. (Die Ausstellung "50 Jahre Bundesrepublik" des Deutschen Historischen Museums in Berlin 1999 widmete den Hausbesetzungen, darunter denen im Frankfurter Westend, eine illustrative Darstellung, in der die Ästhetik etwa der Plakate und Wandzeitungen gut nachvollziehbar ist.) Daneben soll an die große Rolle der "Öffentlichkeit unter Anwesenden" (Alexander Kluge), also der großen Versammlungen, immer wieder erinnert werden. Dabei ging es nicht nur um Demonstrationen und Kundgebungen, also monologische Öffentlichkeit, sondern vor allem auch um Treffen, zu denen wenn auch nicht die Gegenseite, so doch Vermittlungspersonen (etwa der sozialdemokratische Stadtverordnete Berkemeyer, der für Wohnungspolitik zuständig war) erschienen und für kontroverse Dialoge sorgten.

Die agitatorische Öffentlichkeit der Hausbesetzungen hatte in dem antizipatorischen Akt des Sich-Nehmens, des experimentellen Realisierens der Forderung, eine Dramatik und Bildhaftigkeit, die der Bürgerinitiative "Aktionsgemeinschaft Westend" in ihrer Öffentlichkeitsdarstellung abging. Hier dominierte die Flugblattöffentlichkeit als aktuelle "Eingabe" an Institutionen, die direkte Einflussnahme durch das Erscheinen bei Ausschuss- oder Parlamentssitzungen bzw. durch Besuche bei politischen Akteuren; die Demonstrationen hatten noch den Stil der Fünfziger oder frühen Sechziger-Jahre: sie erinnerten an Prozessionen oder Trauermärsche. Doch darf nicht übersehen werden, daß sich Bürgerinitiative und spontaneistische Bewegung, gerade weil sie sich nicht arbeitsteilig absprachen, sehr erfolgreich ergänzten. Die Erhaltung des extrem hohen Maßes an Legitimität aller Gegner der Hochhauspolitik im Frankfurter Westend war nicht zuletzt auf dieses nichtorganisierte Zusammenspiel zurückzuführen.

Die Bewegungs-Öffentlichkeit der Häuserkämpfe im Westend war auch eines der ersten Beispiele multikultureller Öffentlichkeit außerhalb der Betriebe. Flugblätter und Wandzeitungen etwa wurden auch in italienischer, spanischer, türkischer Sprache verbreitet. Es würde sich lohnen, darauf näher einzugehen; bekannter geworden sind bislang die internationalen Parallelen beim "Squatting" in Amsterdam, Kopenhagen, Paris und in anderen Städten.

Im Zuge der Radikalisierung der Auseinandersetzung änderte sich auch die Sprache der Aktionsgemeinschaft Westend, also der eher traditonellen Bürgerinitiative. In der von ihr verantworteten gemeinsamen Presseerklärung zum Abriss des "Blocks" Schumannstraße / Bockenheimer Landstraße" am 21. Februar 1974 (mit Aktionsgemeinschaft Innenstadt, Arbeitskreis Bockenheim und Bürgerinitiative Bleichstraße) heißt es unter dem Stichwort "Wohnraumzerstörung":

"Bei Erkenntnis der Unsinnigkeit des Geschehens überkommt den Bürger ein Gefühl des Erschreckens und der Ohnmacht: gute erhaltener und preiswerten Wohnraum - in Citynähe dringend benötigt - wird vernichtet. Dafür soll Büroraum in Form eines massigen Turmes (der die Schumannstr. städtebaulich ruiniert) geschaffen werden, der nicht benötigt wird, da in Frankfurt ohnehin 300000 qm Büroflächen leerstehen.

Die Stadt duldet und genehmigt das Bauvorhaben, obwohl sie schon im Jahre 1971 erkannt haben müsste, dass die ganze Entwicklung im Westend verhängnisvoll war

Unter "Rechtsstaat - Instrument der Ausbeutung ?" wird zum Bauherrn des "Block"-Grundstücks Stellung genommen:

"Anscheinend ist der Rechtsstaat Herrn Bubis völlig egal

Wo er seine Interessen allein durchsetzen kann, wie im Falle Altkönigstr. 12, scheut er sich nicht, zur Selbstjustiz zu greifen. Wenn er aber dazu nicht in der Lage ist, wie im Falle Bockenheimer Landstr./Ecke Schumannstr. beruft er sich auf den Rechtsstaat und holt die Polizei zu Hilfe. Auch hier zeigt sich, dass das Recht als Instrument der Ausbeutung missbraucht und der vielzitierte Rechtsstaat auch noch hierfür eingespannt wird. Von der Verwirklichung der Sozialbindung des Eigentums an Grund und Boden sind wir offenbar noch weit entfernt. ...

Der Schluss erinnert an moderne "Heimatliebe" im besten Sinne; solche Formulierungen würden sich in der Häuserrats-Rhetorik kaum finden, lassen aber an die Häuser-Abbruch-Sequenzen des "Blocks" in Alexander Kluges Film "In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod" denken:

"Empörung bei der Räumung und dem Abbruch der Häuser zeigte sich nicht nur bei den Sympathisanten des Häuserrates, sondern bei fast allen Bevölkerungsgruppen. Dem nächtlichen Betrachter erschien der Abriss der Häuser fast wie eine öffentliche Hinrichtung mit der entsprechenden Polizeiabsperrung, wobei er sich des Gefühls nicht erwehren konnte, dass ein Unschuldiger hingerichtet wird." (Sozialistischer Studentenbund Deutschlands (SDS) Hannover, Extrablatt ZUM HÄUSERKAMPF !, März 1974, S. 34)

Umgekehrt hat sich viel später, 1990, die öffentliche Darstellung erprobter Verteidiger der Hausbesetzungsszene der 1970er stark der Sprache angenähert, die wir von der gemäßigten Bürgerinitiative kennen. Im PflasterStrand-Interview mit dem Anwalt Christoph Kremer steht "Staatliche Kontrolle über den Wohnungsmarkt" mit dem Instrumentarium der Steuerpolitik im Vordergrund; über die von der Stadt inzwischen initiierten Maßnahmen wie Zweckentfremdungs- und Leerstandsverbot sowie Stadtteil-Erhaltungs-Satzung geht vor allem das vorgeschlagene Instrument einer "Milieuschutz-Satzung" hinaus. Nach einer solchen Satzung sollte Modernisierungen die Baugenehmigung verweigert werden, wenn sie "zur Verdrängung (nämlich bestimmter Bevölkerungsschichten, RH) führen kann" (April 1990, S. 18).

 

Die sozial-liberale Öffentlichkeit


Als Kommune war Frankfurt traditionell von der Tageszeitung "Frankfurter Rundschau" und dem öffentlich-rechtlichen Hessischen Rundfunk geprägt. Beide Medien, die zur Sozialdemokratie bzw. zur sozial-liberalen Regierungskoalition neigten, spielten eine inhaltlich fast durchgängig unterstützende Rolle in den städtebaulichen und wohnungspolitischen Fragen des Westend-Konflikts. So zitieren Häuserrat und AStA einen Kommentar des Hessischen Rundfunks zum Polizeieinsatz um das besetzte Haus Kettenhofweg 51:

"Es geht im Westend im Grunde genommen um eine Aufgabe, an der die verschiedensten politischen Gruppierungen, darunter Hausbesetzer und auch Bürgerinitiatven seit Monaten verzweifelt arbeiten, bisher jedoch mit sehr mäßigem Erfolg. Aber diese Aufgabe löste die Frankfurter Polizei heute mit einem einzigen, allerdings sehr lang andauernden und mit aller Härte geführten Einsatz. Nämlich die Bewohner des Frankfurter Westends über die tatsächliche fast aussichtslose Wohnsituation in diesem Stadtteil aufzuklären. Seit heute nachmittag wissen die Anlieger in dem von Bürohochbauten schon fast zerstörten Wohnviertel, dass sich entgegen den Beteuerungen der neuen politischen Führung der Stadt Frankfurt im Grunde genommen im Verlaufe der vergangenen Jahre überhaupt nichts geändert hat. Es ging hier wieder einmal erst um eine Hausbesetzung, deren erste vor gut zweieinhalb Jahren und auch die folgenden den Frankfurter Bürgern eigentlich erstmals die Augen über die Wohnsituation im Westend geöffnet hatten. (...) Fazit der Bewohner..., sie sagen: die Jungs -und gemeint sind die jungen Besetzer des Hauses Kettenhofweg 51, die Jungs haben ja wirklich recht, so geht es nicht weiter im Westend." ("Heute aktuell", 28. März 1973, nach Kettenhofweg 51, S. 11)

Das war keineswegs selbstverständlich angesichts der klaren sozialdemokratischen Meinungsführerschaft, die in diesen Medien redaktionell und institutionell ebenso bestand wie in der Kommunalpolitik. Aber sie behandelten die Fragen der Formen des Zusammenlebens ("Verkehrsformen" im neuromantischen Milieu) folkloristisch-herablassend, sie ignorierten den Antisemitismus ebenfalls - all dies war nicht ihr zentrales Interesse, und wenn es auch wichtige Versäumnisse waren, so wurde doch der zentrale städtebauliche Problemkern konsequent weiterverfolgt.

Die entscheidende Kluft zur Hausbesetzungs-Szene (nicht zur AG Westend) betraf die Fragen der Gewaltanwendung und des Verhältnisses zur Polizei. Hier wurde zwar über die Vorwürfe der BesetzerInnen berichtet, manche Kritik an der exzessiven Gewaltanwendung durch die Polizei auch übernommen - insbesondere aus eigener Demonstrationserfahrung wird wie oben zitiert, gelegentlich frisch gegen die Ordnungshüter polemisiert. Auch die Aktionsform Hausbesetzung als solche wird nicht kriminalisiert. Aber die Vorwürfe an DemonstrantInnen wegen Gewaltanwendung bei Demonstrationen werden in der Regel dann doch aus der polizeilichen Perspektive übernommen. Vorbildliche und teilweise journalistisch nachforschende Veröffentlichungen über Polizei-Brutalität, wie es Häuserrat und AStA von dem Hessischer-Rundfunk-Reporter Peters berichten (Kettenhofweg 51, S. 22) blieben die Ausnahme. Insgesamt gab es hier keine Unschuldsvermutung, kein Fair Play, keine Ausgewogenheit: das langfristige Interesse eines guten Verhältnisses zur Polizei, die ja über das faktische Informationsmonopol in vielen Sachgebieten mit hoher Bedeutung für ein großstädtisches Medium verfügte, setzte sich durch. Enttäuschungen von biographischer Dimension für viele, die aktiv im Westendkonflikt involviert waren. So wird die Frankfurter Rundschau (20. März 1973) vom Häuserrat empört zitiert mit der Überschrift "Gewalt im Römer - Demonstranten erzwingen Unterbrechung der Bauausschusssitzung - Stadtverordnete niedergeschlagen" (Kettenhofweg 51, Dokumentation, S. 8) - eine häufig im Gefolge von Polizeiberichten zu findende Überlappung zwischen bloßer Regelverletzung, also dem Herausnehmen von Rederecht, und physischer Gewaltanwendung (letztere wurde im übrigen vom Häuserrat bestritten).

Frankfurter Rundschau und Hessischer Rundfunk waren nach den Aktionsjahren für die kritisch-aktiven Gruppen der Frankfurter Wohnungspolitik nicht mehr in dem Maß "unsere" Medien wie vorher. "Vor lauter Schreck" über die "Unruhestifter im Wohnbereich" sei die FR "ganz konservativ" geworden, so das obengenannte Flugblatt von Häuserrat und anderen Gruppen ("Städte sterben...", Anfang Nov. 1973).

Nicht zu unterschätzen waren überregionale Medien wie die wöchentlich erscheinenden Magazine "stern" und "SPIEGEL" aus Hamburg. Insbesondere der "stern" brachte in fotografischer Boulevard-Manier die Gewaltszenen bei Demonstrationen betont stark heraus -die auflagensteigernde Effekthascherei steht außer Frage-, doch betont wird die Eskalation in angstbesetzten Situationen, was für beide Seiten -Polizei und Hausbesetzungsszene- gilt, während die soziale Berechtigung des Protests ohnehin ausser Zweifel steht. Letztlich wird, wobei ein Stück Blauäugigkeit vermutet werden kann , die wohlbekannte "outside agitator"-These, dass also die braven "heimischen" Proteste von disziplinlosen "fremden" verdorben würden, zugunsten der Hausbesetzungsseite angewandt:

"Drei Tage später...kam es in der Frankfurter Innenstadt erneut zu Demonstrationen. Der 'Häuserrat' und der Allgemeine Studentenausschuss hatten einen friedlichen Aufmarsch versprochen. Sie hielten sich daran. Dass es dennnoch zu Straßenkämpfen kam, lag an radikalen Gruppen, die von außerhalb in die Stadt gesickert waren" (5. April 1973).

Vom SPIEGEL kam ironische, meist ein wenig besserwisserische bis herablassende Identifikation. Das letzte besetzte Haus der Siebziger Jahre im Westend -bereits vom Abriß (durch fünf Jahre nach der Besetzung erwirkten Denkmalsschutz) gerettet und (durch das Zweckentfremdungs-Verbot, ebenfalls ein Erfolgs-Ergebnis des Westend-Konflikts) vor der Umwandlung in Büroraum bewahrt, nur eben der Luxussanierung überantwortet, sollte 1986 geräumt werden. Zu der -weitgehend als Kompromiß ausgehandelten- Räumung gab der SPIEGEL den ausziehenden BesetzerInnen Sprüche wie "Werdet endlich erwachsen" oder "Wird Zeit, daß ihr regelmäßig die Treppe putzen lernt" mit auf den Weg. Ausgewiesen als Sprüche linker Anwälte oder halbwegs arrivierter Grünen-Politiker, dienten sie doch der Tendenz, die Westend-Kämpfe als Modeerscheinung zu deklarieren. Die gerade in der Siesmayerstraße 6 hervorgetretene Wendung, Zentren kultureller Aktivität in Verbindung mit der Wohnnutzung entstehen zu lassen, wurde nicht herausgestellt, sondern im Nostalgie-Lächeln eher vernebelt (Rainer Weber, "Werdet endlich erwachsen", DER SPIEGEL (Hamburg), 6. Oktober 1986).

Trotz allem katastrophalen Übergewicht des unentwirrten Problemknäuels Gewaltmonopol, Terrorismus, Bürgerkrieg: die eigentlich positiven, wenn auch allemal zu schwachen Ergebnisse desWestend-Lernprozesses, nämlich das Zweckentfremdungsverbot gegen Umwandlung von Wohn- in Büroraum oder Leerstand, sowie die Erhaltungssatzung, wurden von der sozialliberalen Medienöffentlichkeit konsistent, verläßlich und mit Überzeugung gepflegt (vgl. als Beispiele unter vielen: Claudia Michels, Spekulanten, Aufkäufer und Strohmänner sind unterwegs: Handel mit Wohnraum blüht - Im Westend grassiert die Angst - "Das Viertel kippt um", in Frankfurter Rundschau, 16. März 1988; Wolfgang Schubert, Dramatischer Verlust von Wohnraum im Westend - Bauaufsicht: Zweckentfremdung ungeahnten Ausmaßes, FR 24. Januar 1989; Claus-Jürgen Göpfert, Später Schutz für das Westend- Keine neuen Büros mehr, FR 19. Dezember 1989; Claudia Michels, Städtische Mitarbeiter in zäher Kleinarbeit der Wohnraumzweckentfremdung auf der Spur - Mühsamer Kampf für den Wohnraum - Suche nach illegalen Büros, FR 3. April 1990).

 

Die konservative "Law-and-order"-Öffentlichkeit


Die rechts vom sozialliberalen Spektrum angesiedelte Öffentlichkeit war im Westend-Konflikt lokal insofern nicht von großer Bedeutung, als das enge Wechselspiel zur kommunalen Politik in Frankfurt fehlte. Dennoch waren die betreffenden Medien als Sprachrohre der ökonomisch mächtigen Immobilienbranche einerseits, der von den Protestbewegungen entfernteren Bevölkerungsteile andererseits wichtig. Auch hier hat die als zerstörerisch kritisierte Stadtplanung, die Umnutzung von Wohngebäuden und -flächen zu Spekulations- und Büro-Objekten so gut wie keine Legitimität, nur die Sprache ist differenzierter und gemäßigter. Die Fragen des Zusammenlebens spielen kaum eine Rolle, die Antisemitismus-Frage ebenfalls nicht. Alles konzentriert sich auf die Gewalt-Thematik.

Um aus der Sicht der Besetzungsszene drastisch zu beginnen: Die als Flugblatt mit Unterschriftensammlung verbreitete "STRAFANZEIGE" von 1973 (Räumung des Hauses Kettenhofweg 51) bietet als erstes an, Strafanträge gegen den Polizeipräsidenten Knut Müller und den Oberbürgermeister Rudi Arndt zu stellen. Aber unmittelbar darauf folgen, namentlich genannt, ein Berichterstatter der "Frankfurter Neuen Presse", ein Kommentator der (heute nicht mehr erscheinenden) "Abendpost-Nachtausgabe" sowie ohne Namen die "verantwortlichen Journalisten der Frankfurter Redaktion der 'Bild-Zeitung'" wegen "Volksverhetzung, Verleumdung, Beleidigung". Ein Textbeispiel genügt, um die Wahrnehmung von Gewalt, aber auch die weitergehenden Assoziationen zu gewaltförmiger Politik deutlich werden zu lassen:

"Am Mittwoch dieser Woche haben mehr als 1000 Frankfurter auf der Zeil friedlich und spontan gegen die Zerstörung ihrer Stadt demonstriert. Sie haben Sprechchöre gerufen und Lieder gegen das Bündnis von Rathaus und Spekulation gesungen. Diese Demonstration ist von der Polizei ohne Ankündigung brutal aufgelöst worden. Bis in die Telefonzellen der Hauptpost hinein und bis zu den Rolltreppen der Kaufhäuser wurden Demonstranten und Passanten verfolgt und geprügelt. In der Berichterstattung der Verleumder sieht das alles ganz anders aus. Die Bild-Zeitung lügt in fetten Schlagzeilen: 'Hausbesetzer in Uniformjacken und Stahlhelmen zogen randalierend durch die Innenstadt. Überall lagen herausgerissene Pflastersteine und Flaschenscherben. Der Verkehr brach für mehrere Stunden zusammen.' Heuchlerisch polemisieren die Herren gegen den Sitzstreik an der Hauptwache, der die Autofahrer höchstens eine Viertelstunde aufgehalten hat, aber kein Wort sagen sie dazu, dass die Stadt es dem Multimillionär Göbel erlaubt, zum Bau seines Westend-Center-Geldscheffelhauses eine ganze Straße eine Woche lang zu sperren."

Deutlich ist die tendenzielle Ausweitung des Gewaltbegriffs, bei der eher rechtsstehenden Zeitung fällt im Grunde die Ausübung des Demonstrationsrechts generell unter "Gewalt", bei den HausbesetzerInnen der exzessive Gebrauch von Privilegien, die mit Privateigentum an Immobilien verbunden sind. (Nur von den Jungsozialisten in der Sozialdemokratischen Partei -nicht den "Spontis", die sich auf der institutionellen Politikebene kaum bewegten- wurde die Forderung nach staatlicher Reglementierung betont.) Schon von der ersten Hausbesetzung im Frankfurter Westend (Eppsteiner Straße, 1970) hieß es bei den HausbesetzerInnen:

"Funk und Fernsehen klatschten Beifall, lediglich der FAZ war der illegale "Akt nicht geheuer. Sie pochte auf Schutz des Eigentums und Law-and-Order" (Häuserrat und AStA, Kettenhofweg 51)

Noch einmal das anekdoten-geeignete Brötchen-Beispiel; zu beachten ist der Gebrauch des Begriffs "Lösegeld", der üblicherweise bei Großkriminalität angewandt wird, etwa bei Mafia-Delikten:

"Brot und Brötchen als Lösegeld. Mit Brot und Brötchen musste sich am Samstag gegen 6 Uhr ein Bäcker seinen Autoschlüssel zurückkaufen. Wie die Polizei mitteilte, war vor dem Haus Kettenhofweg 51 der Bäcker einer zweihundert Personen starken 'Meute' in die Hände gefallen, die seinen Wagen angehalten und ihm den Autoschlüssel fortgenommen hatte. Erst nachdem er ein Lösegeld in Form von Backwaren entrichet hatte, ließ man ihn weiterfahren.

Die Mitglieder der Ansammlung gehören nach Vermutungen der Polizei zu Sympathisanten des 'Häuserrats', die in der Gegend mehrere Häuser besetzt halten" ( Ausgabe vom 26. März 1973, nach Kettenhofweg 51, S. 9).

Hierin besteht generell der besondere Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Formulierung und Pointierung einer autoritären Lösung, die sich glücklicherweise nicht durchgesetzt hat: das soziale Problem Wohnungspolitik, die Methoden des bürgerlichen Ungehorsams und der begrenzten Regelverletzung, also praktische Alarmsignale und Protestformen, mit denen Demokratien Missstände angehen,für die gewohnte Prozeduren nicht ausreichen - all dies wird kriminalisiert. Vorgeschlagen wird, den gesamten Westend-Konflikt einer Alles-oder-nichts-Lösung unbedingten institutionellen Gehorsams zu unterwerfen. Bei einem Mitglied des erlauchten Herrengremiums, das die FAZ herausgibt, liest sich das so:

"Die besetzten Häuser in Frankfurt sind nicht im ersten Augenblick der Besetzung geräumt worden, sondern erst nach zwei oder drei Jahren. Wenn Unrecht durch Gewohnheit den Anschein eines anderen Rechtes, des unantastbaren politischen Besitzstandes einer Gruppe erhält, dann entstehen diese Grauzonen oder Freiräume des Rechtsstaates mit ihrer fatalen Tendenz, sich auszudehnen. Der Verzicht auf Unterdrückung von Unrecht im erste Augenblick bedeutet in der Regel, dass die ausgesetzte Auseinandersetzung später nachgeholt werden muß, meistens mit größerem Opfer. ... Aber in der Bundesrepublik wurde Law und Order zum Schimpf- und Reizwort..., weil die 'Herrschenden' selbst unsicher waren, was der Schutz der Grundrechte und des Rechtsstaates von ihnen verlangte - die prompte und vollständige Unterdrückung von Gewalt, ehe man sich überhaupt dafür interessiert, unter welcher Fahne sie marschiert. ... Jede 'Zusammenrottung' auf den Straßen wird konsequent unterdrückt werden müssen, sei die Herausforderung gelegen oder ungelegen"

- nicht ohne zu guter Letzt noch die "zeitweilige Schließung ganzer Universitäten" anheimzustellen, da aus deren radikal gewordenen Milieus die Unruhe auf die Straßen gekommen sei ... (Günther Gillessen, in: SDS Hannover, Extrablatt Häuserkampf, März 1974, S. 23) Mit dieser intellektuell ausformulierten Prinzipialisierung der starken Staates, blind gegen alle Inhalte des Protests, nimmt die FAZ eine Sonderstellung in der Medienöffentlichkeit zum Westend-Konflikt ein. Wenn im Kommentar einer anderen FAZ-Feder unter der Überschrift "Hilfe für Frankfurt"gefordert wird, dass "den Terroristen die Anerkennung als 'Demonstranten' entzogen" werden sollte, was in der Rache-Forderung gipfelt

"In Frankfurt wird hoffentlich für geraume Zeit nicht einmal Demonstrieren für schönes Wetter erlaubt werden" (nach SDS Hannover, März 1974, S. 24),

so hält sich das eher im Rahmen scharfgewürzter Polemik, während man bei Gillessen bereits die angewandten Notstandsgesetze am Horizont auftauchen sieht - um nicht von Staatsstreich zu reden.

Die eher kleinbürgerliche, den Christlichen Demokraten nahestehende "Frankfurter Neue Presse" verbreitet mit zustimmendem Tenor die Panik-Propaganda des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Knut Müller, die nach allen bekanntgewordenen Fakten in keinem wesentlichen Punkt Substanz hatte:

Des Bürgerkriegspotentials, das in diesen Häusern steckt, dieser Gruppe von Anarchisten, müssen wir einfach Herr werden. Es sind die Brutstätten der politischen Kriminalität, dort wird ein Klima des Terrors gezüchtet, schwere strafbare Handlungen werden dort begangen, denken Sie nur an die Vergewaltigungen und die Rauschgiftszene in den Häusern Bockenheimer Landstraße 111 und 113 sowie Schumannstraße 67/69. Und denken Sie an die Rote Hilfe, die dort ihr Domizil hat und sich offen zu den Terrorakten der Baader-Meinhof-Bande bekannte" (30. März 1973, nach Kettenhofweg 51, S. 14).

Die ausschließlich auf das Gewaltproblem ausgerichtete, die Polizeisprache noch polemisch überhöhende Berichterstattung steigerte sich aus Anlaß der "großen" Unruhen nach der Räumung "des Blocks", also der vier Häuser Bockenheimer Landstraße / Ecke Schumannstraße exzessiv. "Bild am Sonntag" titelte:

Kriminelle Politrocker und ultralinke Studenten haben gestern in Frankfurt einen Demonstrationszug in einen 'Zug des Schreckens' umfunktioniert" und schrieb

"Bei der bisher blutigsten Straßenschlacht flogen Molotow-Cocktails, wurden Polizeibeamte mit Eisenstangen zusammengeschlagen und mit bleigefüllten Bambusstangen, auf denen Bajonette aufgepflanzt waren, niedergestochen. Mindestens 30 Polizisten wurden verletzt. Fünf von ihnen liegen in Krankenhäusern. Auch zahlreiche Demonstranten wurden in die Hospitäler eingeliefert. Der Sachschaden geht in die Hunderttausende."

Im Interview folgte Polizeipräsident Müller mit polizeistaatlicher Diktion über den konkreten Anlass hinaus:

Muss die Bevölkerung jetzt vor diesen Anarchisten Angst haben ? Nein, nicht wenn sie ständig der Polizei zusammenarbeitet, die Ruhe bewahrt und alle verdächtigen Vorgänge sofort meldet. Was unternimmt die Polizei gegen die Terroristen ? Wir nehmen sie sofort fest... (Nach SDS Hannover, Häuserkampf, März 1974, S. 20)

Zu den kollektiven Wohnformen im Gegensatz zur Familientradition genügt als Beispiel, was die "Frankfurter Neue Presse" nach der Räumung eines besetzten Hauses dankbar von der Polizei entgegennahm: auf die Frage, wo denn die geräumten BesetzerInnen untergekommen seien, nahm das Blatt offenbar zufrieden die Erklärung entgegen "Wir haben sie nach Hause zu den Eltern entlassen, so dass kein Fall von Obdachlosigkeit entsteht" (5. April 1974, nach Kettenhofweg 51, S. 18) - bei erwachsenen Menschen "schon" sechs Jahre nach 1968 blanker Hohn.

 

Defizit der Medienöffentlichkeit: Kollektive Wohnformen & Individualisierung - und Familie


Die neuen Wohnformen waren in eher zufälliger Koinzidenz durch die großen Altbauwohnungen -etwa vier bis fünf Wohngruppen zu je fünf Personen pro Haus, ein "Idealmaß" der Gruppendynamik- gleichzeitig mit der Individualisierung und der Tendenz zur Emanzipation von Untermiet-Status und Kleinfamilie "entdeckt" worden. Als Diskurs-Gegenstand schafften sie nicht den Sprung über die "Szene" hinaus. Allenfalls defensiv konnten die sozialliberalen Medien Bürger-Ängste beschwichtigen, dass den beliebten Idolen "Sex and drugs and rock'n roll" exzessiv, störend, gar kriminell gehuldigt würde, oder dass gruselige Kommune-Verhältnissen etwa bei der Kindererziehung über Hand nähmen. Der neuromantische Sprachduktus in der "Szene" schloss diese Fragen von einer weitergehenden öffentlichen Diskussion aus. Sich als Insider schon sprachlich abzusetzen, gehörte "irgendwie" dazu. Erst von den späteren Siebziger Jahren an bauten alternative Szene-Medien wie der "PflasterStrand" da eine Brücke, häufig mit Ironie und Satire. Wichtig wäre eine öffentliche Diskussion nicht zuletzt auch in praktischer Hinsicht dort gewesen, wo HausbesetzerInnen aus dem Westend Ersatzwohnraum angeboten worde - etwa in Neubauvierteln in Eschersheim. Die -oft empörte bis hohnlachende- Weigerung, dorthinzuziehen, konnte in Bevölkerungsschichten und -milieus schwer vermittelt werden, wo nur mit der Forderung nach bezahlbarem Wohnraum argumentiert und der breiteste Konsens erzielt worden war.

Auf der anderen Seite hätte die sozialdemokratische Seite in diesem Konflikt an eigenen "neuen Wohnformen" anknüpfen können, tat es aber nicht. 1973/74 machten Mietstreiks in den städtischen Wohnungsbaugesellschaften "Aktienbaugesellschaft für Kleine Wohnungen" und "Hellerhof" deutlich, dass die Siedlungs-Tradition noch lebendig war. Neben der "Neuen Heimat" und der "Nassauischen Heimstätte" waren ABG und Hellerhof immerhin so weit intakt, dass lange Wohnzeiten, Generationenfolge von MieterInnen, Eigenarbeit bei Reparatur und Instandhaltung, nachbarliche Kontakte und gesellige Veranstaltungen (Hoffeste) üblich waren - die "neuen Wohnformen" der Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre, in denen die Siedlungen entstanden waren. Innovationen der Außen- und Innenarchitektur (Ernst May ; "Frankfurter Küche") machten die Siedlungen über die Stadt hinaus bemerkenswert. Zur Zeit der Hausbesetzungen hatte sich der soziale Zusammenhalt der Siedlungen durch die unbewältigten Probleme der Migration ("Gastarbeiter"familien) und der Zunahme älterer BewohnerInnen sehr gelockert und war zum Teil problematisch geworden. Die soziale Herkunft -neue Mittelschichten im Westend, Facharbeiter und kleine Angestellte in den städtischen Siedlungen- war sehr unterschiedlich. Vor allem aber baute die Assoziation von "Wohnung" mit "Familie" als unbestrittene Selbstverständlichkeit aller in den städtischen Siedlungen vertretenen Schichten, Generationen und Nationalitäten eine unausgesprochene, dabei sehr wirksame Barriere zu den HäuserkämpferInnen des Westends. So blieb es bei diesem großen Defizit der Öffentlichkeit im Westendkonflikt: der "neue Siedlungsgedanke", heute würde das "Community" und "Erlebniswelt" genannt, blieb wenig thematisiert und nur für die "ingroup" ausgeführt.

Nur diese Idee jedoch, weniger die materiellen Bedürfnisse, konnte die Intensität und Beharrlichkeit der Kämpfe um die besetzten Häuser erklären. Um ein Erlebnis wie "K 51" (= Kettenhofweg 51) oder "den Block" (Schumannstraße/Bockenheimer Landstraße) oder "die Niedenau"als biographische Prägung (wobei die Grausamkeiten der Gruppendynamik keineswegs euphorisch ignoriert werden sollen) mit politischer Überhöhung zu vergleichen, müßte wohl auf die Wiener Arbeiterviertel und den Aufstand von 1934 zurückgegriffen werden. (Das Gleiche galt sicherlich später für die Hamburger Hafenstraße oder die besetzten Häuser in Berlins Haupt-Szeneviertel, Kreuzberg und nach der deutsch-deutschen Vereinigung für die Hausbesetzungen in Berlin-Mitte und -Prenzlauer Berg.)

 

Defizit der Medienöffentlichkeit: Intelligente Lösungsmöglichkeiten


Ein Defizit der Medienöffentlichkeit kann dieser jedenfalls in den letzten Phasen des Westend-Konflikts vorgehalten werden, als in Hamburg und Berlin bereits erste Ansätze nicht nur von friedlichen, sondern auch für die Stadtentwicklung produktiven Lösungsmöglichkeiten -wilden Mischungen von Genossenschaftsgedanken, Bürgerbeteiligung und Mäzenatentum- entwickelt wurden. Solche Ideen tauchen beim Westend-Konflikt wenig auf, wurden nicht genügend gewürdigt - gerade mal am Rande erwähnt der SPIEGEL (6. Okt. 1986: Weber, "Werdet endlich erwachsen") den Vorschlag, eine Stiftung "Nachbarschaftliche Träger" zur Erhaltung des letzten ursprünglich besetzten Hauses ("Dinosaurier") zu schaffen. Der Lernprozeß wurde hier abgebrochen. Hinzu kam, daß die Versuche, vielleicht von Berlin inspiriert, 1980/81 eine neue Welle von Hausbesetzungen ins Leben zu rufen, auf schwer erklärbare "Generations"-Widerstände von seiten der einstigen Hausbesetzungs-Szene traf. (Daß diese inzwischen vielfach bei der Grünen Partei engagiert waren, erklärt die Widerstände allenfalls vordergründig. Stärke wie Schwäche der "Frankfurter Szene" war der starke informelle Zusammenhalt mit generationsspezifischem "Stallgeruch".) Joschka (Fischer) habe das Häuserrats-Revival "kümmerlich" genannt, klagt Fabian (ein Autor, der in Szene-Stil ohne Nachnamen genannt wird) im PflasterStrand vom 31. Januar 1981 und zitiert das gleiche Blatt vom Dezember 1979:

"Vielleicht eine Schwierigkeit des heutigen Häuserkampfs ist immer noch im Niederlagenbewusstsein von 75 begründet: Militärische Ohnmacht angesichts der Räumungen führte zur Erkenntnis: Wir können nicht gewinnen..."

Paradoxerweise fiel diese abweisende Haltung gegenüber der "neuen Generation" ausgerechnet mit dem Beginn institutionalisierter ökologischer Politik durch die Grünen zusammen, die ja Chancen für nicht-"militärische" Lösungen im Sinne der Stadterhaltung geboten hätte. (Siehe auch "Das 'Angebot der Woche' reizt noch immer" über den Versuch einer Besetzung der Siesmayerstr. 4 durch eine Gruppe, die politisch eher den "Autonomen" als den "Spontis" nahestand , im PflasterStrand vom September 1980.) Immerhin ist bei Daniel Cohn-Bendits "Kommunalpolitischen Utopien: Eine Art Regierungserklärung" (PflasterStrand, Sondernummer "Frankfurt. DIE Stadt: Utopien, Idiotien, Langeweile; März 1981) davon die Rede - aber eben auch nur bei Cohn-Bendit.

"Solange es in Frankfurt...leerstehende Häuser, Wohnungen und Fabrikgebäude gibt, bleiben Hausbesetzungen legitim und notwendig", heißt es da in der fiktiven und leicht ironisch gewürzten Antrittsrede einer neuen grün-alternativen Oberbürgermeisterin. Die Stadt wird ab jetzt jede Hausbesetzung unterstützen, juristisch beraten und mit allen Tricks absichern. Und weiter, als Orientierungspunkt der Wohnungspolitik: "- Freistellung von Geldern für 'Instandbesetzer' im weitesten Sinne. Wir wollen, dass die Häuser zunehmend denjenigen gehören, die sie bewohnen. Wir alle müssen allerdings erst lernen, selbst verantwortlich mit Häusern umzugehen, sie als lebendigen Bestandteil unseres Lebens zu begreifen

- Entwicklung von neuen Wohnformen. Viele Fabriken zum Beispiel stehen heute leer, stammen aber aus einer Zeit, wo selbst Fabriken noch 'ein wenig schön waren' (Bockenheim-Depot, Mouson-Fabrik). Warum soll man aus ihnen keinen Wohnraum, keine Kultur- und Begegnungsstätten machen können, in eigener Regie eingerichtet, renoviert, belebt ?"

(Zum Vergleich: In Hamburg, wo 1987 noch von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" die Rede gewesen war, scheiterte 1989 ein erster ziviler Lösungsweg für die besetzte Hafenstraße mit der Lawaetz-Stiftung und dem sozialdemokratischen Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. Die Presse des Axel-Springer-Verlags spielte dabei mit publizistischem Trommelfeuer im nervenaufreibenden "Zermürbungskriegs" zwischen Polizei und BewohnerInnen eine mit Frankfurter Westend-Zuständen kaum vergleichbare, wichtige Rolle: "Von den Zeitungsständern der Kioske brüllt es: 'Tun Sie was, Herr Voscherau!' oder 'Reicht das immer noch nicht ?'" (Axel Kintzinger, Keine Chance für Projekt Hafenstraße: An den ehemals besetzten Häusern der Hamburger Hafenstraße habe sich die Hardliner beider Seiten optimal ergänzt, in: die tageszeitung (Berlin), 21. April 1989. - Voscherau, Dohnanyis Nachfolger , galt als Gegner von dessen Lösungsvorschlägen, RH).

Umso erstaunlicher -und bedenkenswert für den ausgebliebenen Frankfurter Westend-Erfolg-, daß ein zweites "Hamburger Wunder" doch noch, gegen die Front von Sozialdemokraten und Christlichen Demokraten, gelang. (Dazu etwa Karsten Plog, Als herrsche die Pest da draußen am Hafenrand: Bewohner der Hafenstraße suchen bisher vergeblich den Dialog mit den Politikern der Hansestadt, in: Frankfurter Rundschau, 6. April 1994, und Florian Marten, Hamburger Wunder: "Hafen bleibt": Die Hamburger Hafenstraße wird doch nicht geräumt / SPD-Bürgermeister Henning Voscherau vollzieht einen politischen Salto vitale / Aus BesetzerInnen werden ArchitektInnen, in: die tageszeitung (Berlin), 28. Februar 1994.) Ein Reifungsprozeß dessen, was oft vorschnell "Zivilgesellschaft" genannt wird. Die neue Partei der Grünen war eine Voraussetzung, unabhängiges Denken innerhalb der Freien Demokraten ebenfalls, vor allem aber der radikaldemokratisch denkende, kritisch-großbürgerliche Mäzen Jan Philipp Reemtsma. (Hätte das in Frankfurt Ignatz Bubis werden können ? Wohl zu illusionistisch gedacht, wenn wir bedenken, daß er, anders als Reemtsma, mit eigenen Kapitalinteressen am Konflikt beteiligt war. Immerhin hatte Bubis zusammen mit dem Verleger Bernd Lunkewitz in anderem Zusammenhang, nämlich bei dem Vorschlag einer Kombination von Theater-Subventionierung durch privates Sponsoring und Hochhausbau, durchaus solche Allianzen ins Spiel gebracht (Elisabeth Kiderlen, Das Ei des Bubis, PflasterStrand, 31. März 1988.) Was aber die Medienöffentlichkeit betrifft, so kann allenfalls, vielleicht, im Nachhinein das Fehlen öffentlicher Stimmen beklagt werden, die sich zur Aufgabe gemacht hätten, "die Mäzene zu rufen".)

In wesentlich geringerem Umfang gelang die "zivile" Lösung bei den Berliner besetzten Häusern Anfang der 80er Jahre, als etwa ein Drittel -von 160 !- in "Selbsthilfehäuser" überführt wurde. Noch die Überschrift eines positiven Rückblicks darauf in einer gewerkschaftlichen Jugendzeitschrift (Eberhard Seidel-Pielen in "ran" (Düsseldorf), April 1989) ist beherrscht von den Schwierigkeiten und Selbstzweifeln der legalisierten Häuserszene: "'Wir wurden schlimmer als die, die wir im Häuserkampf bekämpften", wird ein Bewohner zitiert - er meint damit voller Selbstzweifel die Renaissance von Disziplin und Arbeitsmoral in den Selbsthilfeprojekten, denen die Spielräume der großbürgerlichen Stiftung wie in Hamburg fehlen.)

 

Defizit der Medienöffentlichkeit: Ästhetisch-architektonischer Diskurs zur Skyline


Daß die zum Abriß freigegebenen Bürgerhäuser der Gründerzeit und des Jugendstils dem Stadtviertel Westend außer "Wirtlichkeit" -um mit Alexander Mitscherlichs polemischer These von der "Unwirtlichkeit" der Städte zu spielen- auch und nicht zuletzt Schönheit verliehen, lag auf der Hand und brauchte in der Öffentlichkeit, gleich auf welcher politischen Seite, damals kaum betont zu werden. (Übrigens anders als zur gleichen Zeit in der DDR, wo der Abriß der wilhelminischen Bauepoche auch einen gewissen Widerhall in der Bevölkerung fand.) Deutlich sichtbar und von heute aus, bei einer Revue der Westend-Auseinandersetzung nach bald dreißig Jahren, durchaus erstaunlich ist das Fehlen einer ästhetischen Hochhausdebatte. (Ein Problem, das Frankfurt mit Berlin und Hamburg nicht zu teilen brauchte - Skyline hatte nur "Mainhattan".)

Auch Kampffmeyer selbst mit seiner Dominantentheorie, die ja wenigstens einen Hauch von Stadt-Bild-Bewußtsein verrät, hätte mit dem 1991 erschienenen Buch Ulf Jonaks über die Frankfurter Skyline, das sie immerhin als "kunststück" feiert, nicht viel anfangen können, scheint es. (Erster Herausgeber der Reihe "kunststück" war Klaus Herding,, der zur Ästhetik der besetzten Häuser in Hamburgs Hafenstraße ein wichtiges Gutachten verfaßt hatte.) Die Dominantentheorie war ja defensiv, sie wollte gerade nicht, dass Hochhäuser in einem Ensemble erscheinen, sondern sie nur als Ausnahmen zulassen. Ihre Begründung war eher ökonomisch, wodurch der "Dominanz"-Begriff ironischerweise einen ganz anderen Stellenwert bekäme. Aber auch in der Öffentlichkeit der Gegenseite, sowohl in der bürgerlich-traditionellen Protestform der Aktionsgemeinschaft Westend wie in der spontaneistischen der Hausbesetzungen, wurden Hochhäuser fast ausschließlich als materialisiertes Kapital, kaum je vom sinnlichen Erscheinungsbild her beurteilt Die Vorform ökologischen Nachhaltigkeits-Bewusstseins kam in dem Spruch, dass kein Haus höher sein sollte als ein Baum (noch in Daniel Cohn-Bendits fiktiver Antrittsrede einer grün-alternativen Oberbürgermeistern 1981 findet sich diese Formel: PflasterStrand März 1981, Frankfurt, DIE Stadt, S. 8), romantisch, aber nicht gestaltend zum Ausdruck. Die heutigen anerkennenden Stellungnahmen zur Skyline, mit an erster Stelle aus der Szene der damaligen HausbesetzerInnen, verweisen auf die Notwendigkeit, der Stadtplanung neben der ökonomischen, sozialen und ökologischen Dimension dringend und entscheidend auch die architektonisch-ästhetische wiederzugeben. Wenn kürzlich mit Recht bemerkt wurde, daß auch die Architekten-Szene der Stadt seinerzeit Hochhäuser vorwiegend als Rendite-Objekte sah, der Polemik gegen "Bankfurt" und "Krankfurt") also nichts entgegenzusetzen hatte, die Skyline als "Nebenprodukt" aufkam (Manuel Cuadra, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27. Juni 1999) - wer hätte von dem sozialdemokratischen Politiker Kampffmeyer fordern können, was selbst die Architektur-Öffentlichkeit (die es in Frankfurt, zugespitzt gesagt, vor Dieter Bartetzko kaum gegeben hat) erst allmählich und viel zu spät in Gang gebracht hat ?

In einem Interview für den Fernsehbeitrag "25 Jahre Hausbesetzungen im Frankfurter Westend", den das Dritte Programm des Westdeutschen Fernsehens 1995 ausstrahlte, hatte ich an den Grafen Kropotkin, einen der Urväter anarchistischer Politik im 19. Jahrhundert, erinnert, von dem die Anekdote berichtet, er habe überall, wo irgendetwas abgerissen wurde, seinen Kutscher (!) anhalten lassen und selbst mit Hand angelegt. Der Abriss war das Urbild der Revolution. (Kampffmeyer, ein Anarchist ? Modernisierung einte ja links und rechts, eint sie zum Teil wieder in der Gegenwart ...) Heute, mit der ökologischen Wende, sei die Erhaltung das Urbild der Revolution - und diesen Paradigma-Wechsel hätten die Frankfurter Linken an den Bürgerhäusern des Westends praktisch gelernt. Bei der Auswahl des Materials für den Beitrag fiel dieses Interview der Zeitknappheit zum Opfer, während Matthias Beltz, seinerzeit Aktivist der spontaneistischen Szene im Betrieb und bei den Westend-Hausbesetzungen, zu der Thematik des Antisemitismus zu Wort kam. "So völkisch waren wir eben", faßte er die Tatsache zusammen, daß es keine konsequente Zurückweisung der Stammtisch-Reden vom "reichen Juden" gab, und dass es sie hätte geben müssen. Vom Standpunkt des Jahres 1995 eine richtige Prioritätensetzung in der medialen Öffentlichkeit. Die zum Teil unsachlichen, illegitimes und illegales Verhalten durch einander bringenden Schmähungen gegen Ignatz Bubis nach seinem Tod 1999 (überflüssig zu erwähnen, dass Bubis selbst Kritik und Polemik auch gegen jüdische Akteure im Westend-Konflikt für absolut selbstverständlich hielt), haben das einmal mehr deutlich gemacht.

Zu hoffen wäre, daß die ökologisch sanfte Stadterneuerung einmal so weit durchgesetzt und der Antisemitismus soweit bekämpft ist, daß der Westend-Konflikt im Kernpunkt als Durchbruch im Kampf gegen die Stadtzerstörung erinnert wird. Die Last der Schuld-Geschichte erlaubt es nicht.

Mit Dank hinzuweisen ist auf das Archiv im "Informationsdienst: Zentrum für alternative Medien - Projekt Dokumentation", Frankfurt am Main, und auf das "ID-Archiv im Internationalen Institut für Sozialgeschichte", Amsterdam, wo auch das historische Material des Frankfurter "Rates der besetzten und bestreikten Häuser" eingesehen werden kann. Der "Informationsdienst: für kritische Medienpraxis" im Berliner Haus der Demokratie unterstützt insbesondere den Städtevergleich der Häuserkämpfe.

 

Illustrationen (zZt hier und im Buch nicht verfügbar, aber auf Anforderung in Copie zum Selbstkostenpreis):

1) Besetzt und gerettet als Wohnhaus für die Deutsche Bank: Paradoxer Lernprozess Siesmayerstr. 6 (und 4) - keine "Stiftung Nachbarschaftliche Träger"
2) Wie Zechensterben im Ruhrgebiet: Ordentlicher Protest, Aktionsgemeinschaft Westend
3) Agitatorische Öffentlichkeit im Häuserkampf: gelegentlich "historische Kostüme"
4) Barrikadenbau: "Gewalt" überschattete alle sonstigen Themen im Häuserkampf
5.1), 5.2), Polizei und DemonstrantInnen: Wie Kriegserlebnisse prägend für Lebensgeschichten im Westend



    * Autor: Richard Herding
      Quelle: © ID Berlin / Campus Verlag
      Update: Do., 31.08.2000