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für kritische Medienpraxis


Protokoll Christoph Spehr

Vom 6. November 2015. Autor UWPL. Dieser Artikel ist im Archiv zu finden
Werte Teilnehmende des Spehr-Koop-Lesetreffs (Petra leite bitte an Richard weiter), was folgt ist das Rudiment eines hoechst subjektiven Ergebnisprotokolls der heutigen Lesung durch mich, Ullus.  Die Beitraege Einzelner sind gekennzeichnet mit Primzahlen. Jede und jeder Anwesende hat sich heute eine ausgesucht und hoffentlich gemerkt. Wenn mehrere von uns aufs Gleiche hinauslaufende Aussagen getaetigt haben, dann sind diese zusammengefasst unter der Zahl, die als Produkt entsteht, wenn die Primzahlen der jeweils Gleichmeinenden mit einander multipliziert werden.  Alsdann,  Wohlsein,  Ullus   STATTGEFUNDEN 2015-11-05 (19.30..22.00)   VERAENDERUNG DES VORGEHENS: Jeder weitere Termin beginnt um 18.00 Uhr!   Nachdem ich die Lyrik "Die Uhr von Lund" vorgetragen habe (die der Einleitung auf der vorigen Seite vorangeht), um nachzuliefern worauf Spehr am Ende der Einleitung noch mal Bezug nimmt (das Nicht-Verbeugen vor Autoritaeten/Institutionen), gings tief rein ins Rousseau-Zitat, das Spehr der Einleitungsueberschrift folgen laesst und dem ganzen Einleitungstext (Baerenfamilie) voranstellt:    "   Und welcher Art sollten die Ketten der Abhängigkeit unter Menschen sein, die nichts besitzen? Wenn man mich von einem Baum wegjagt, so steht es mir frei, zu einem an- deren zu gehen; wenn man mich an dem einen Ort misshandelt, wer will mich hin- dern, anderswohin zu gehen?   "   Jean-Jacques Rousseau: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, Stuttgart 1998, S. 70 f.   ERGEBNIS - 13: Antwort an den Buerger Rouesseau: Na eben anderer Art als materiell.  -> Es gibt sie! Auch nach der Befreiung auf oekonomischem Gebiet werden einzelne gehindert sein, einfach den naechsten Baum aufzusuchen, naemlich weil ihre psychosozial eingebaute Wegfahrsperre greift, eine wiederkehrend profitabel erneuerbare Zurichtung zu nichtmaterieller Abhaengigkeit und Laehmung.   Bei der Arbeit an diesen zwo/drei Saetzen Rousseau merkten wir, dass so etwas ganz schoen Zeit schinden kann und klaerten schnell, dass wir am Spehr-Eigentext nicht Satz-fuer-Satz Exegese betreiben werden. (Die Startzitate seiner Kapitel hingegegen muessen zumindest hin zu einem gemeinsamen Verstaendnis geklaert werden, was schon beim Einleitungs-Rouesseau deutlich wurde.) Ich gebe hier wieder, welche einzelnen Motivationen dem zu Grunde liegen bzw der urspruenglichen Absicht, Satz-fuer-Satz vorzugehen. Zu letzterem, der Wunsch nach Arbeit am Vollzitat (die in Auswahlfaellen gegen Ende doch noch zu ihrem Recht kam!) wurde wie folgt begruendet.   13: Nach Lesen der Einleitung starkes Beduerfnis nach Theorie, wie das Unfreie in Kooperationen hinein kommt und gerechtfertigt wird, denn dass beides geschieht ist unangenehm allgegenwaertig auch da, wo es anders zu erhoffen war.   Dem gegenueber,  das Bezugnehmen auf den gesamten Textabschnitt anhand eigener Erfahrung, unter Vernachlaessigung aller Textstellen, die keinen Aha-Effekt erzeugten, als vorrangige Methode, begruendet sich wie folgt.   429: Hoffnung auf Praxis-Anwendbarkeit unserer Spehr-Lese-Erkenntnisgewinne in Kooperationen. (7: hat noch nichts gelesen, bitte Motivation nachliefern, gilt auch fuer ausnahmsweise Abwesende - denn nur wenn wir die Beweggruende gegenseitig kennen, koennen wir auch versuchen, Demotivation zu vermeiden und stattdessen vielleicht sogar Einzelinteressen zu bedienen!)  Einzelinteressen (hier ohne Wiedergebe erklaerender Schluesselerlebnisse!)  11: Anwendbarkeit in freien und erzwungenen Kooperationen der Gegenwart und Zukunft, um erstere gegen letztere zu staerken und letztere in Richtung ersterer zu bringen bzw zu schwaechen/sprengen (so weit das eine Option ist!).  13: Anwendbarkeit fuer freie Kooperation gegenseitiger Hilfe, insbesondere Abwendbarkeit von Grundlagen erzwungener Kooperation.  3: Lernen zu unterscheiden was frei bzw unfrei an einer Kooperation ist - da es ja keine Reinform gibt, die Mischung sich nicht vermeiden laesst, sowie fallweise Klaerung der Frage: Wo laesst sich Spehr anwenden und wo nicht?  (7: siehe oben!)   Nachdem wir das mal geklaert hatten, wandten wir uns den 3 Baeren zu und dem Problem, ob das Problem einer von ihnen sei. Wieder wurde jede Menge individueller Erfahrungen angefuehrt, die wir als zu Erziehende gemacht haben bzw die uns zugefuegt worden waren. Der Zumutungen gab es bei allen reichlich! Denen wurde auch reichlich selbstbewusst entgegengetreten. Im Rueckblick gab es vorgefasste Regelungen, die mal schaedlich, mal nuetzlich, oft beides waren - und den Kampf dagegen, der demgemaess mal sinnvoll und mal scheinbar verschwendet und oft unvermeidlich war. Betreuen vs Erziehen, Grenzen aufzeigen vs setzen, Antipaedagogik vs antiautoritaere Provokation elterlicherseits liessen sich durch uns Exkinder immer herausarbeiten.   Je mehr ich mich involviert habe, desto weniger dachte ich ans Protokollieren und unterliess es schliesslich ganz. Daher bitte ich um Versendung der zum Schluss behandelten (etwa drei?) Vollzitate aus Spehrs Eigentext (Einleitung, mit Ortsangabe), damit sich Abwesende wie auch Anwesende mit ihnen (teils erneut, teils erstmals) auseinandersetzen koennen.   PROTOKOLLIERT 5/6. NOVEMBER BIS 2:15 Das sind die von uns andiskutierten Spehrstellen, in der PDF Datei auf Seite 18/19Sie zeigt alle Muster

und das ganze Grauen dieser Propaganda, wie sie heute auf allen Gebieten

üblich ist. Typisch sind, erstens, die Fragen, die nicht gestellt werden: Woher

nehmen die alten Bären das Recht, dem kleinen Bären zu sagen, wann er

ins Bett zu gehen hat und ob er dabei Licht braucht? Wieso werden sie dadurch

zu seinen Untertanen, dass er beim Essen persönliche Geschmacksvorlieben

hat? Wem schadet er, weil er seine Suppe nicht essen will und wieso

freuen sie sich nicht, wenn er sie später doch essen will? Wer stellt mehr Zumutungen

an den anderen: der kleine Bär, dessen Zumutungen immer auffallen,

oder die alten Bären und ihre Welt, die unzählige Regeln, Forderungen,

Normen umfasst und eine einzige, gewaltige, polypenhafte Zumutung an den

kleinen Bären ausspricht: sich einzufügen und sie zu akzeptieren, wie sie ist?

Wieso wird ein Unterschied zwischen diesen Zumutungen gemacht, je nachdem,

in welche Richtung sie gestellt werden; womit wird dieser Unterschied

begründet oder gerechtfertigt? Wer hat eigentlich wirklich die Macht: der kleine

Bär, der in eine Welt nachkommt, die ihm von anderen vorgesetzt wird,

oder die alten Bären, denen diese Welt gehört, die darüber verfügen, die sich

selber Essen machen können und die keine Angst im Dunkeln haben? Was bedeutet

das für die Situation des Konflikts?

Typisch ist, zweitens, dass soziale Kooperation nur als eine Form vorstellbar

ist, wo jemand das Sagen hat. Irgendwer muss das Sagen haben und jemand

anders nicht; das gilt als »Klarheit« und schafft »Ordnung« und »Orientierung

« für alle. Irgendwer hat immer die Krone auf, entweder der kleine Bär,

wo man sie sehen kann, oder die großen Bären, wo man sie nicht sehen kann,

denn die großen Bären haben ja einfach Recht. Konflikt ist schlecht, Streit ist

schlecht, Nicht-zur-Entscheidung-Kommen ist schlecht: Es gilt als Indiz dafür,

dass etwas nicht in Ordnung ist. Natürlich haben gemäß der demokratischen

Propaganda nicht Personen das Sagen, sondern Prinzipien, Regeln, Diskurse,

Formen der Entscheidungsfindung. Aber wer keine solchen Entscheidungen

über sich »finden« lassen will, ist der Feind.

1 Thierry Foucher: Vom Prinzchen, das immer Nein sagt, in: Hoppla – Das Kindermagazin zum Mitmachen,

Mitlachen, Mitlernen, Augsburg, Nr. 115 – 4/99, S. 42-45. Die Tierart wurde geändert: Bei Foucher

sind es drei Affen. Affen geben dem ganzen einen rassistischen Anstrich (die Illustrationen zeigen denn

auch einen afrikanischen Kontext: die in Afrika müssen halt die einfachsten Dinge noch lernen), und

Affen würden sich im Zusammenhang dieser Einleitung nach allzu billiger Polemik anhören. Bären

sind besser.

21

Typisch sind, drittens, die Formen der Denunziation: der Feind, der Aufmüpfige,

der Regelverletzer, der Uneinsichtige und mit Gewalt zur Ordnung

zu Rufende wird als Monarch dargestellt. Seine fehlende Unterordnung wird

als Willkürherrschaft eines absolutistischen Fürsten porträtiert. Seine Weigerung,

nach den für ihn vorgesehenen Normen zu arbeiten, zu leisten, zu funktionieren,

wird als Schmarotzertum, Faulheit, Verweichlichung, Luxussucht

gebrandmarkt – alles Vorwürfe, die wir mit der Lebenshaltung von Adeligen

und Fürsten assoziieren. Dies ist die normale Form der Denunziation im demokratischen

Zeitalter, egal, ob es um die Ansprüche von Kindern, von Sozialhilfe

beziehenden Müttern, von armen Nationen oder wem auch immer

geht. Die in der sozialen Hierarchie Untenstehenden werden als hochnäsige

Müßiggänger im Hermelinpelz gezeichnet, als die eigentlich Dominanten, die

heimlichen Fürsten.

Sie zeigt alle Muster

und das ganze Grauen dieser Propaganda, wie sie heute auf allen Gebieten

üblich ist. Typisch sind, erstens, die Fragen, die nicht gestellt werden: Woher

nehmen die alten Bären das Recht, dem kleinen Bären zu sagen, wann er

ins Bett zu gehen hat und ob er dabei Licht braucht? Wieso werden sie dadurch

zu seinen Untertanen, dass er beim Essen persönliche Geschmacksvorlieben

hat? Wem schadet er, weil er seine Suppe nicht essen will und wieso

freuen sie sich nicht, wenn er sie später doch essen will? Wer stellt mehr Zumutungen

an den anderen: der kleine Bär, dessen Zumutungen immer auffallen,

oder die alten Bären und ihre Welt, die unzählige Regeln, Forderungen,

Normen umfasst und eine einzige, gewaltige, polypenhafte Zumutung an den

kleinen Bären ausspricht: sich einzufügen und sie zu akzeptieren, wie sie ist?

Wieso wird ein Unterschied zwischen diesen Zumutungen gemacht, je nachdem,

in welche Richtung sie gestellt werden; womit wird dieser Unterschied

begründet oder gerechtfertigt? Wer hat eigentlich wirklich die Macht: der kleine

Bär, der in eine Welt nachkommt, die ihm von anderen vorgesetzt wird,

oder die alten Bären, denen diese Welt gehört, die darüber verfügen, die sich

selber Essen machen können und die keine Angst im Dunkeln haben? Was bedeutet

das für die Situation des Konflikts?

Typisch ist, zweitens, dass soziale Kooperation nur als eine Form vorstellbar

ist, wo jemand das Sagen hat. Irgendwer muss das Sagen haben und jemand

anders nicht; das gilt als »Klarheit« und schafft »Ordnung« und »Orientierung

« für alle. Irgendwer hat immer die Krone auf, entweder der kleine Bär,

wo man sie sehen kann, oder die großen Bären, wo man sie nicht sehen kann,

denn die großen Bären haben ja einfach Recht. Konflikt ist schlecht, Streit ist

schlecht, Nicht-zur-Entscheidung-Kommen ist schlecht: Es gilt als Indiz dafür,

dass etwas nicht in Ordnung ist. Natürlich haben gemäß der demokratischen

Propaganda nicht Personen das Sagen, sondern Prinzipien, Regeln, Diskurse,

Formen der Entscheidungsfindung. Aber wer keine solchen Entscheidungen

über sich »finden« lassen will, ist der Feind.

1 Thierry Foucher: Vom Prinzchen, das immer Nein sagt, in: Hoppla – Das Kindermagazin zum Mitmachen,

Mitlachen, Mitlernen, Augsburg, Nr. 115 – 4/99, S. 42-45. Die Tierart wurde geändert: Bei Foucher

sind es drei Affen. Affen geben dem ganzen einen rassistischen Anstrich (die Illustrationen zeigen denn

auch einen afrikanischen Kontext: die in Afrika müssen halt die einfachsten Dinge noch lernen), und

Affen würden sich im Zusammenhang dieser Einleitung nach allzu billiger Polemik anhören. Bären

sind besser.

21

Typisch sind, drittens, die Formen der Denunziation: der Feind, der Aufmüpfige,

der Regelverletzer, der Uneinsichtige und mit Gewalt zur Ordnung

zu Rufende wird als Monarch dargestellt. Seine fehlende Unterordnung wird

als Willkürherrschaft eines absolutistischen Fürsten porträtiert. Seine Weigerung,

nach den für ihn vorgesehenen Normen zu arbeiten, zu leisten, zu funktionieren,

wird als Schmarotzertum, Faulheit, Verweichlichung, Luxussucht

gebrandmarkt – alles Vorwürfe, die wir mit der Lebenshaltung von Adeligen

und Fürsten assoziieren. Dies ist die normale Form der Denunziation im demokratischen

Zeitalter, egal, ob es um die Ansprüche von Kindern, von Sozialhilfe

beziehenden Müttern, von armen Nationen oder wem auch immer

geht. Die in der sozialen Hierarchie Untenstehenden werden als hochnäsige

Müßiggänger im Hermelinpelz gezeichnet, als die eigentlich Dominanten, die

heimlichen Fürsten.