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für kritische Medienpraxis


Freie Radios in Deutschland - ihre Probleme im Vergleich zu den "Offenen Kanälen", auch und gerade im Internet-Age

Vom 30. August 2000. Autor Richard Herding

 

Partizipation --- Kompetenz: Beschwichtigungsformeln oder medienpolitischer Neuanfang ?
(Zu ergänzen: Partizipation ...

oder

mit

und

statt

für

ohne

durch

...Kompetenz)

 

 

Das folgende Referat wurde auf der Tagung "Macht Markt Meinungsfreiheit - BürgerInnenfunk als dritte Säule in der Rundfunklandschaft ?" der Evangelischen Akademie Loccum, organisiert mit den Nichtkommerziellen Lokalradios Niedersachsen, am 19. März 1999 diskutiert. Formuliert wurde es von Richard Herding, praktisch ist es aus der jahrelangen Medien-Arbeit im Informationsdienst -Projekt Alltag-, Frankfurt am Main, entstanden. Daran beteiligt waren Sibylle Bartscher, Karl-Heinz Bender, Helmut-Gerhard Müller, Dörthe Krohn, Fátima Mendes-Kreikebaum, Karl Duncker, und viele andere. Möglicherweise liegt der Text inzwischen als Teil der "Loccumer Protokolle" vor.

Die spektakuläre Entwicklung des Internet sollte nicht von den anderen Medien, deren Inhalte und Darstellungsformen das Netz ja mit-transportiert, ablenken - vor allem nicht von den Freien Radios. In den Piratenradios und später den nichtkommerziellen Lokalradios, also in höchst unterschiedlichen Formen des Freien Radios, haben sich die neuen sozialen Bewegungen am stärksten präsentiert.


 

Wer immer das Thema formuliert hat - im Verdacht habe ich Thomas Muntschick von der Interessengemeinchaft niedersächsischer nichtkommerzieller Lokalradios-, tat sehr recht daran, zwischen Partizipation und Kompetenz einen langen gedankenstrich zu setzen, den wir dann probeweise mit sieben Variationen: oder, mit, und, statt, für, ohne, durch ausgestattet haben. So ordinär es klingt: bei diesdem Thema gehen Gedanken auf den Strich, wenn Sie das mal am sakralen Ort durchgehen lassen, und die Liebe, jedenfalls in ihrer medial aufgetakelten Form, ist hier käuflich, also: Gedanken-Strich. Uns allen ist das geläufig aus der Kritik an Arabella Kiesbauers TalkShow-Auftritten, an süßlich-peinlichen Momenten in "Verzeih mir" oder "Traumhochzeit" oder solchen Gräßlichkeiten, bei denen das junge Publikum zum Mitmachen aufgerufen ist, wie der Mini-Playback-Show.

Allzuoft kommt an dieser Stelle der Begriff "Privatsender", und diejenigen unter uns mit traditionell korrektem Weltbild mögen sich beruhigt zurücklehnen: was gebührenfinanziert ist -formal ein bißchen freiwillig, real eine Art Fenstersteuer-, also der öffentlich-rechtliche Rundfunk bietet ernstzunehmende Partizipation. Wirklich ? Wir müssen doch am Anspruch messen, nicht am Vergleich mit Schrott, der sich immerhin schon selbst auf die schippe nimmt ("Late Show"), und beim Vergleich mit dem Anspruch, nämlich: Öffentlichkeit nicht nur als Konsumartikel, sondern als demokratischer Gestaltungsprozeß, gehen uns die Augen auf: Partizipation im öffentlich-rechtlichen Rundfunk enttarnt sich oft genug als bloße Staffage zum höheren Ruhm der RedakteurInnen, ModeratorInnen und EinschaltquotInnen. Mit Markt (auf dem sich ja alle Rundfunkarten befinden, nicht nur die kommerziellen) hat das viel zu tun, mit Meinungsfreiheit ein wenig, und mit Macht, mit Teilhabe an medialer Definitionsmacht, meist gar nichts.

Leute mit der Haltung des ID-Umkreises, also der ersten deutschsprachigen überregionalen Alternativ"zeitung" von 1973, mit dem listigen, närrischen und graswurzeligen Namen "Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten" sind bei der Diskussion um Partizipation und Kompetenz für eines gut: einem Zorn Ausdruck zu geben, der nicht nur sowohl privatrechtlichen wie öffentlich-rechtlichen Rundfunk differenziert unter die Lupe nimmt, sondern auch die Hoffnungsträger, nicht nur Offene Kanäle und Internet, sondern eben auch die Elemente von Laissez-faire und Arroganz kritisiert, die sich in den nichtkommerzeillen Lokalradios möglicherweise einschleihen könnten.

Ein erstes Dutzend Wutausbrüche können wir uns an dieser Stelle schenken: es betrifft die pseudo-partizipatorischen Inszenierungen, die typisch für Privatsender sind, gleich ob im Hörfunk oder im fernsehen. Nehmen wir eine der lobenswertesten Veranstaltungen aus dem Bereich Service und beratung in mediengerechter Aufmachung, also: No Sex Please, sondern herzhafte Verteidigung von VerbraucherInnen-Interessen: "Wie bitte " bei RTL. Wir hatten dort einen eigenen Beschwerdefall dargestellt, als Kontoinhaber Gemeinnütziger Verein; kurios genug: wenn Sie etwas überweisen, "liest" ja ein Scanner, für wen das ist, und sorgt für Gutschrift auf dem entsprechenden Konto. So hatte eine Spenderin unserem Medienprojekt 2000 Mark überwiesen und als Empfänger "ID" eingetragen. Die Spende wurde gutgeschrieben, aber aus wohl-niemals-aufklärbaren Gründen las ein zweiter, ein Kontroll-Scanner den Empfänger als "Strich D", als "/D" oder "1D". Ergebnis: nicht existent, gibt es nicht, kennen wir nicht, also wieder abgebucht und zurück an die Spenderin. Diese ist sich keines fehlers bewußt, hält Rücksrache mit ihrer Bank, spendet also in gleicher Weise ein zweites Mal, das gleiche absurde Theater wiederholt sich, obwohl auch wir bei unserer Bakn Einsicht und Besserung gefordert hatten. Schließlich, beim dritten Mal, kommt das Geld erschöpft aber glücklich bei uns an. Wir schicken die Schilderung des wahnwitzigen Computer-Banking-Alltags an "wie bitte". Nichts tut sich. Ein zweites und drittes Mal, jetzt mit allerlei verständnisvollem Raunen, wie überlastet sie doch wohl seien mit solchen Anfragen, und ob sie über sich und ihre Verfahrensweisen Schriftliches oder Videotisches hätten. Am Ende kommt unser Material "zur Entlastung zurück", wie is auf Bürokratisch heißt; sorry, sie könnten's nicht verwenden.

 

Publikumsbeteiligung ? Gedankenstrich: Publikumsverhöhnung.


Wie gesagt, hier soll keine Rede von dem sein, was auf der Hand liegt: Gemeinheiten und Demütigungen, zumindest Weckung fataler Erwartungen bei Talkshow-Liebespaaren, die für öffentliche Tränen mit einem blöden Gutschein abgespeist werden. (Nur nebenbei: spätestens in einem feministischen Zeitalter kann die Kritik an solcher Art Partizipation nicht sein, daß Privates privat bleiben müsse. Da sei "Emma" vor. Das Wie ist die frage. Gegen Patriarchat und gegen Lustfeindlichkeit ist noch manche Schmonzette durchaus zu verteidigen.

Gehen wir zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. "Eine Minute für Sie !", thematisch wenig oder gar nicht zugespitzt; lässig-herablassend moderiert. Keinerlei Nachfrage, gar kritischer oder konfrontativer Art, gegenüber dem gerade erst erwachten Untertan, der sich da einzuschalten gewagt hatte - wenngleich eingeladen, blieb es doh ein Wagnis. Wir müssen ja bedenken, daß die starken Worte Brechts und Benjamins, daß die "kleinen" Leute, die auf der Straße, im Medium Radio zu Wort kommen sollten oder könnten, zunächst bedeutete: als Thema kommen sie zu Wort, von ihren proletarischen AvantgardekünstlerInnen inszeniert, später dann auch mit Originalton ("Eiune Arbeiterfrau. Thema: die Hölle", apokalyptisch phantasierte Medienzukunft), aber alles mit zugewiesenem Platz in der Feature-Welt der JournalistInnen. Selbst gestaltet von den eliebig wie im Hyde Park, Spekers Corner, zugelaufenen Menschen - das ist bis heute entweder ein leeres Versprechen geblieben - hier ist dein Sandkasten, bau deine Burg, wenn sie zusammenfällt, ist's dein Problem - oder aber, in seltenen Fällen, ein kommunikatives Kunstwerk ersten Ranges und -meistens unbeachtet- mehrheitlich weiblich. Carmen Thomas, Ulrike Holler, wer nennt die Namen. Sie schaffen Kjunstwerke dessen, was als "Soziokultur" mit Recht deswegen einen schlechten Ruf bekam, weil es mit Geselligkeit, Kaffee plus small talk mißverstanden wurde und als Ergänzung der Sozialämter gehandelt wurde. Worum es geht:
- Gleichberechtigung, nicht Gnade gegenüber Untertanen vor dem Thron. Geschickt und ohne pädagogischen Zeigefinger die professionellen Kenntnisse und Erfahrungen zur Verfügung stellen,ohne die sogenannten "einfachen" Hörerinnen und Hörer auf die nächste Journalistenschule zu schicken. (Das kann auch angebracht sein, zB für bestimmte offensichtlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen, etwa die Sinti und Roma in Deutschland.)
- Brückenschlagen zur realen Handlung in der nichtmedialen Welt !

 

Autor: Richard Herding
Quelle: © ID Berlin, Vortrag in der Evangelischen Akademie Loccum
Update: Do., 31.08.2000