WELTWEITE NATION UND NATIONALE MINDERHEIT: Sinti und Roma als Probe auf die Verträglichkeit des vereinigten Deutschland

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Hintergrund der aktuellen Arbeit über Sinti- und Roma-Diskriminierung war die Bremer Situation nach der deutsch-deutschen Vereinigung, die sich in dem Band "Sinti und Roma in Deutschland" 1995 (Peter Lang Verlag, herausgegeben von Joachim. S. Hohmann) niederschlug. Hier eine Kostprobe...

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Richard Herding

 

Hintergrund der aktuellen Arbeit über Sinti- und Roma-Diskriminierung war die Bremer Situation nach der deutsch-deutschen Vereinigung, die sich in dem Band "Sinti und Roma in Deutschland" 1995 (Peter Lang Verlag, herausgegeben von Joachim. S. Hohmann) niederschlug. Hier eine Kostprobe...

Von Michael Frost, Simone Heimannsberg, Richard Herding, Anke Libbert, Claudia Plass-Fiedler

 

Gerade in der Zeit kurz vor der Auflösung des ostdeutschen Staates in das westliche Deutschland und in den Jahren seither hat sich die Lage zwischen Sinti und Roma einerseits, Deutschland als Staat und Mehrheitsbevölkerung andererseits, dramatisch zugespitzt.

In einer nie vorher dagewesenen Verstärkung der Bürgerrechtsbewegung von zwei Seiten, nämlich von den Flüchtlingen -vor allem aus dem ehemaligen Ostblock- und von den Sinti und Roma mit deutscher Staatsbürgerschaft fordern die sogenannten Zigeuner mit der Stimme der Flüchtlinge Welt-Bürger-Rechte und Anerkennung als "nicht-territoriales Volk", mit der Stimme der Eingesessenen die Anerkennung als "nationale Mk, Vertreter der Internationalen Roma-Union bei den Vereinten Nationen. "Unter Indira Gandhi konnten alle Roma, die dies wünschten, die indische Staatsbürgerschaft erhalten, was Angehörigen aninderheit". In beiden Richtungen verfallen die Roma nicht dem grassierenden Wahn vom ethnisch homogenen Nationalstaat. Für ihre weltweite Einheit setzen sich, historisch analog dem Vorbild der Black Panthers in den U.S.A., hauptsächlich Abkömmlinge der Sklaverei ein, für den Schutz vorhandener staatsbürgerlichen Rechte vor allem diejenigen, die den Roma-Holocaust überlebten, und ihre Nachkommen.

Das "Thema Nation" ist nicht nur in dem Sonderfall Deutschland, wo materielles Selbstbestimmungsrecht sich wegen des formalrechtlich jedenfalls einseitig verbürgten Einheits-Postulats von Deutschland-West und Deutschland-Ost nach dem Ende des "Kalten Krieges" relativ leicht durchsetzen konnte, auf die Spitze der politischen Tagesordnung gerückt. Weltweit gilt das auch für die andere Variante der nationalen Frage -Freies Kurdistan, unabhängiges Palästina- in der Form von Selbstbestimmungskämpfen von Völkern der "Dritten" Welt, sowie -etwa beim selbständigen Bosnien oder den baltischen Ländern- für die dritte, nämlich die Kämpfe um die Nachfolge-Identitäten von einstigen "real-sozialistischen" Ländern. Deutschland hat jedoch eine Schlüsselfunktion insofern, als es nicht nur die Einheit des eigenen Nationalstaats nach außen zu realisieren, sondern auch das Problem des multikulturelle Zusammenleben nach innen zu lösen beanspruchte, und das auf einem weltweit hohen Niveau wirtschaftlicher Entwicklung. In allen drei Formen bringen Kämpfe gegen nationale Unterdrückung die Frage auf, wie sich denn die Selbstbestimmungsrechte verschiedener Völker miteinander vertragen. Chauvinistische Verblödung, Bevölkerungs"austausch" und Massenvertreibung oder lang andauernder Bürgerkrieg scheinen die notwendigen Konsequenzen aus der Tatsache, daß die Völker nicht in "ethnisch reinen" Territorien leben, sondern gründlich durcheinander, vor allem in städtischen Gemengelagen.

Daß nicht ein Recht das andere ausschließt, daß universelles Zusammenleben möglich ist, ohne daß darum die Nation zum bloßen geschichtlich obsoleten Firlefanz degradiert wird, zeigt das weltweite Konzept der Roma. Sie versuchen, als Nation anerkannt zu werden, ohne ein Heimatland, ein "Romanistan" anzustreben, das andere ausgrenzt. Als zum Wandern gezwungenes Volk hätten sie selbst von einer Separation den größten Schaden. Mit ihrer Idee von der "tragbaren Heimat" betreten sie Neuland, setzen sich nach außen wie nach innen größten Schwierigkeiten und Kontroversen aus. Die Öffentlichkeit in Deutschland täte gut daran, den Roma als Hoffnungsträgern eines Nationalbewußtseins, das nicht ausgrenzt, alle Aufmerksamkeit zu schenken. Stattdessen ist ausgerechnet in diesen Jahren der steigenden Bedeutung des Themas keine entsprechende Intensivierung der kritischen und gründlichen Bearbeitung von Sinti- und Roma-Themen zu verzeichnen gewesen. Der Band hat unter anderem die Aufgabe, hier weitere Anregungen, Anstöße, Widersprüche auszulösen.

 

 

Roma-Kultur als "Heimat, die wir mit uns tragen"


Daß die Roma keinen Platz auf der Erde als eigenes, ursprüngliches Territorium haben, ist bekanntlich das Ergebnis einer grauenhaften Vertreibungsgeschichte. Bereits die Auswanderung aus ihrem wahrscheinlichen Herkunftsland Indien, vermutlich ums Jahr 900, war nach heutiger Einsicht eher eine Zwangsverschleppung. Daß die Roma aus Indien weggezogen seien, um als Musiker und Kesselschmiede anderswo ihr Glück zu versuchen, sei etwa so treffend wie "wenn jemand von den Schwarzen sagen würde, sie seien aus Afrika ausgewandert, um in Amerika als Fußballspieler und Jazzmusikanten zu leben", sagt der Sprachhistoriker Yaron Matras (Die Herkunft der Roma -Eine Wissenschaft kämpft mit ihren Vorurteilen-, Hamburg: Rom & Cinti Union, Manuskript, 1991).

 

 

Schutzmacht Indien


Die historische Verbindung zu Indien, speziell zum Pandschab, hat sich bis heute gehalten. Indien, das eine rituelle "Schirmherrschaft" über die Roma ausübt, "könnte durchaus eine größere Rolle spielen", sagt Ian Hancocderer Nationen verwehrt war. Diese Zeit ist vorbei, sie sollte auch nicht romantisch verklärt werden" (Interview, Hamburg, März 1992, vgl. Frost/Heimannsberg/Herding, Nation:ja. Staat: nein, in: die tageszeitung, Berlin, 9. Mai 1992). Die Bedeutung der historisch angestammten Heimat, wie sie Israel für die Juden hat, ist im Falle Indiens für die Roma fast ganz verblaßt.

 

 

"Postnationale" und "pränationale" Mentalitäten


Kein Territorium der Herkunft und realistischen Hoffnung zu haben, ist für die Roma ein Handicap. Ihre Mentalität kann nicht "postnational" in dem Sinn sein, daß sie den Nationalstaat durchlebt hätten und als historisch überlebt empfänden, wie dies bei den Generationen seit dem Zweiten Weltkrieg und den rebellischen 60er Jahren in Westeuropa und den U.S.A. vielfach der Fall ist. Sondern die Roma äußern sich mindestens ebensosehr "pränational" in dem Sinn, daß sie die Vereinheitlichung als Nation noch vor sich haben. Vielleicht trägt die Erfahrung dessen, was ihnen machtvolle Staaten im Namen des Nationalen angetan haben, dazu bei, daß sie den Weg der territorialen Nation im herkömmlichen Sinne nicht gehen wollen und das Handicap auch als Chance sehen. "Wir haben alle möglichen Probleme, aber das Problem des Territoriums bleibt uns erspart", sagt Hancock in einer bedenkenswerten Formulierung (Frost u.a., Nation: ja...). Auch in den Dreißiger Jahren blieb der Vorschlag , im heutigen Äthiopien ein Roma-Land zu gründen, seinerzeit orientiert am Zionismus, nur eine kurze Episode, ebenso wie später immer wieder aufflackernde Versuche in Osteuropa.

 

 

Europäische Roma- und Sinti-Geschichte: Sklaverei im Osten, Genozid im Westen


Um die unterschiedlichen Ansätze "nichtterritoriale Nation bzw. nationale Minderheit" zu verstehen, müssen die getrennten Entwicklungen in Europa, das die Roma vor dem 14. Jahrhundert erreichten, kurz rekapituliert werden. In den Balkanländern waren sie als Arbeitskräfte verpflichtet worden, weil es daran wegen der Kreuzzüge fehlte, und wurden immer mehr in Leibeigenschaft und schließlich in Sklaverei gehalten. Sie wurden regelrecht auf Sklavenmärkten zum Kauf angeboten, allen Brutalitäten ausgeliefert, die wir sonst nur aus der afro-amerikanischen Geschichte kennen. Im heutigen Rumänien wurde die Roma-Sklaverei erst um 1862 abgeschafft, die Roma wurden "unsere Neger" genannt. In den mittel- und westeuropäischen Ländern waren die Roma zwar formal frei, aber ständig verfolgt, als Heiden, türkische Spione, ewig büßende schuldbeladene Nomaden - welche Gestalt der "Zigeuner"-Mythos auch annahm, sie dienten als Sündenböcke und Freiwild für die Ausgrenzungswut der Gesellschaft. Im Nazi Völkermord wurde etwa eine halbe Million Roma fließbandmäßig ermordet. Im Teufelskreis des "Zigeuner"mythos und dessen Spiegelbild, der "Zigeuner"romantik überleben Ächtung und Kriminalisierung der Roma bis heute. Daß "mit der Romantik Schluß sein muß", ist Ian Hancocks zentrale Botschaft, etwa in "Die Wurzeln der Ungerechtigkeit -Die kulturellen Rechte der Roma in ihrem historischen und sozialen Kontext-, Manuskript, Universität von Leiden, Sept. 1990, Übersetzung von M. Frost).

 

 

Das Erbe der Sklaverei


Mittlerweile haben die meisten Roma die Staatsbürgerschaft der Länder bekommen, in denen sie sich gerade aufhielten. Die seit etwa 600 Jahren in Deutschland lebenden Sinti, die zum Volk der Roma im weiteren Sinn (als Oberbegriff) gehören, haben -soweit sie die Nazis überlebten- zum größten Teil deutsche Pässe. Die großen Roma-Bevölkerungen etwa in Rumänien, Serbien, Bosnien-Herzegowina und dem früher jugoslawischen Makedonien besitzen formell Staatsbürgerrechte der betreffenden Länder. Insgesamt sprechen etwa zehn Millionen Menschen in Europa Romanes. Zwar sind die Roma in Westeuropa auch nach der Nazizeit noch verfolgt wurden und bis heute nicht wirklich anerkannt und frei von Diskriminierung, aber in den östlichen Ländern mit der Roma-Sklaverei-"Tradition" gilt der Paß in aller Regel nur pro forma: weit weniger als im Westen sind die Roma dort Bürgerinnen und Bürger "ihres" jeweiligen Staates geworden. In Rumänien wurden ihnen noch in den 90er Jahren auch formal die Rechte vorenthalten, die den zahlenmäßig eher kleineren deutschen und ungarischen Minderheiten zustanden. In der Tschechoslowakei ging die Zwangssterilisation von Roma-Frauen vermutlich nach dem Ende des spätstalinistischen Regimes weiter, möglicherweise ist das heute noch so. Jugoslawien hatte den Roma seinerzeit nicht einmal soviel Autonomie eingeräumt, wie sie die Kosovo-Albaner zeitweise genossen. Im Volksgruppenkrieg nach der Auflösung des jugoslawischen Bundesstaates zählten Roma zu den ersten, gleichsam beiläufigen Angriffszielen unterschiedlicher Kriegsparteien. Südosteuropäische Roma leben typischerweise am Rande der Großstädte in Slums, ohne Schulbildung und Arbeitsplätze, oft ohne festes Obdach. Aus dem Teufelskreis von Vorurteilen, gewaltsamen Übergriffen und katastrophaler Versorgung, für die sie auch noch als Sündenböcke herhalten, suchen viele den gleichen Ausweg wie in früheren Jahrhunderten: die Flucht.

 

 

Roma Power wie Black Power


Aber aus den osteuropäischen Ländern mit dem Erbe der Sklaverei kam gegen Ende des "realen Sozialismus" auch eine neue nationale Einheitsbewegung der Roma. Hancock, der mit seinem Buch "The Pariah Syndrome" (Ann Arbor, Michigan: Kenoma, 1983; eine deutsche Übersetzung von Anke Libbert für die vorliegende Reihe ist in Arbeit) die erste kompakte Darstellung dieser Sklavengeschichte geliefert hat, vergleicht die Bewegung mit den Black Panthers in den U.S.A. seit den Sechziger Jahren. Die meisten Roma-Politiker der letzten Jahrzehnte seien aus dieser Sklavenrebellen-Tradition gekommen - bis hin zu Rudko Kawczynski, dem Sprecher der Rom & Cinti Union in Deutschland, die von den meisten Roma-Flüchtlingen aus Osteuropa als ihre Vertretung gesehen wird.

 

 

Unsichtbare Roma-"Nation", definiert durch die Geschichte


Was macht eine Nation aus, fragt Hancock in seinem Vortrag "Das neue Nationalbewußtsein der Roma" (Manuskript, Amerikanische Gesellschaft für Slavistik, Honolulu, Hawaii, 1988; deutsche Übersetzung von Richard Herding)- und antwortet: nichts als das Bewußtsein, eine Nation zu sein; die Verfügung über Land gehöre nicht immer und nicht notwendig dazu. Wichtigster Faktor fürs Roma-Nationalbewußtsein sei ihre Aufteilung der Welt in Roma und Gadz‚ (sprich Gadsche), womit die anderen Völker insgesamt gemeint sind. "Weil es kein politisches Heimatland gibt und die Bevölkerung über die ganze Welt verstreut ist, kann die Romanip‚ (Roma-Kultur, d.Übs.) als 'tragbares Heimatland' der Roma angesehen werden". Wichtig ist sicher auch die Sprache, Romanes, die zeitweise vor den "Gadz‚" geheimgehalten wurde, und die jetzt allmählich zur Schriftsprache wird. Der Romani PEN Club bemüht sich um die sprachliche Standardisierung, es gibt bereits eine große und wachsende Anzahl von Publikationen in Romanes, aber wie bei anderen lange Zeit unterdrückten und gehemmten Sprachen ist der Stand anderer Schriftsprachen noch nicht erreicht.

 

 

Probleme zwischen Flüchtlingen und Staatsbürgern


Den Roma sind gerade in den westeuropäischen Ländern, wo sie so lange verfolgt und während der Naziherrschaft zur Vernichtung ausgesondert wurden, Staatsbürgerrechte wichtig, die nicht nur auf dem Papier stehen. Die Folge sind Kontroversen unter den Organisationen der Roma und Sinti über das Schicksal der Roma-Flüchtlinge, deren Asylanträge abgelehnt wurden. Im Sommer 1991, vielleicht auf dem bisherigen Höhepunkt der Fluchtbewegung, wurde die Zahl der von Abschiebung bedrohten Roma-Flüchtlinge auf zehn- bis zwölftausend geschützt. Die lautstarke öffentliche Diskussion um den Zuzug von Roma aus Südosteuropa gefährdet, so fürchten manche Sinti, ihren in Jahrzehnten erkämpften akzeptierten Status. Einen "Skandal" hat Alfred Erdölli von der "Rom-Union" in Berlin die Haltung derjenigen Sinti in Deutschland genannt, die nicht klipp und klar ein Bleiberecht für die Flüchtlinge fordern. Hancock auf die Frage, ob da von Rassismus die Rede sein könne: "Rassistisch würde ich diese Haltung nicht nennen... Es ist eine Klassen-Haltung, eine Snob-Haltung. Es gibt sie nicht nur in Deutschland, und nicht nur bei den Roma. Die seit langem in den U.S.A. lebenden Chinesen zum Beispiel sind voller Mißtrauen gegen die heutigen Flüchtlinge aus China" (in Frost u.a., Nation: ja...).

 

 

Sinti/Roma-Politik in Deutschland


Aktionen wie die Besetzung des ehemaligen KZ Neuengamme bei Hamburg 1989, der "Bettelmarsch" einiger Hundert Roma von Bremen nach Bonn 1990, das Zeltlager vor dem Düsseldorfer Landtag, der Marsch südwestdeutscher Sinti und Roma nach Baden-Baden und zur KZ-Gedenkstätte Dachau 1993 wurden hauptsächlich von der Hamburger "Rom & Cinti Union" begleitet. Diese Organisation vertritt auch die Forderung nach Anerkennung als nichtterritoriale Nation. Die andere der beiden oben genannten Strategien wird vom Heidelberger "Zentralrat Deutscher Sinti und Roma", verfolgt. Sein Vorsitzender Romani Rose äußerte sich auf dem Evangelischen Kirchentag 1991 so: "Unsinnig und diskriminierend sind die Behauptungen..., wir seien ein 'heimatloses, nichtterritoriales Volk...'. Dieser Unsinn gilt weder für Deutschland noch für die anderen acht Millionen Roma, die... zum überwiegenden Teil...in Osteuropa wohnen und ihr jeweiliges Land auch als ihre Heimat empfinden." Zu der Frage, ob Roma in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden dürfen oder nicht, wurde nur insofern eine klare Stellung bezogen, als mit dem Außenministerium vereinbart wurde, daß eine Abschiebung in Bürgerkriegsregionen ausgeschlossen sein sollte.

 

 

Roma wie Dänen, Sorben, Friesen ?


Für die Strategie der mit einigermaßen verläßlichen Staatsbürgerrechten Ausgestatteten gilt Roses Wort: "Wir 70.000 deutschen Sinti und Roma wollen mit unserer Identität als eine deutsche Volksgruppe akzeptiert werden. Eine solche eigene Volksgruppenidentität haben in Deutschland auch die deutschen Sorben im Osten..., die deutschen Dänen in Südschleswig und die deutschen Friesen im Nordwesten der Republik." So betonte der Zentralrat auch seine Bemühungen, die Roma-Lebensbedingungen in den Flüchtlings-Herkunftsländern Rumänien und den ex-jugoslawischen Nachfolgeländern zu verbessern, und unterstützte zum Teil das Programm der nordrhein-westfälischen Landesregierung, Flüchtlinge nach Skopje in Makedonien zurückzuführen. Die Hamburger RCU dagegen betont die Forderung nach Bleiberecht für die heimatlosen Roma, deren Staatsbürgerschaften mehr oder weniger zufällig seien, im jeweiligen Aufenthaltsland: "Durch die Entwicklungen im Europa der Nationalstaaten wurden...die heimatlosen Roma faktisch gezwungen, Staatsangehörigkeiten anzunehmen, zu ihrem eigenen Schutz". Doch habe dieser formelle Status nicht zur Gleichberechtigung geführt. Die Roma könnten zum Beispiel nicht nach Skopje, im ex-jugoslawischen Makedonien, "reintegriert" werden, weil sie dort nie integriert gewesen seien.

 

 

Internationale Regelungen: besondere Bedrohung erfordert besonderen Schutz


"Das Problem der entwurzelten Roma", so die Rom & Cinti Union in ihrem Positionspapier "Roma in Europa" (Hamburg 1991), "kann auch auf lange Sicht, und nicht nur vorübergehend, nur durch Gewährung von Aufenthalts- und Bürgerrechten in den jeweiligen Gesellschaften, in denen sie leben, gelöst werden... Die Forderung nach einem Bleiberecht für heimatlose Roma-Flüchtlinge ist eine Forderung nach einem besonderen Schutz für eine besonders bedrohte Minderheit...Roma sind keine Armuts-Flüchtlinge". Mehrere Erklärungen des Europäischen Parlaments, des Europarats und der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa deuten immerhin auf eine Tendenz zur Anerkennung der Roma als transnationaler Minderheit ohne starre Rücksicht auf Staatsbürgerschaft hin. So die Genfer Expertenkonferenz der KSZE über nationale Minderheiten vom Juli 1991: "Die Teilnehmerstaaten...bekräftigen erneut, daß sie die besonderen Probleme der Roma (Zigeuner) anerkennen. Sie sind bereit, wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um die volle Chancengleichheit zwischen Angehörigen der Roma mit gewöhnlichem Aufenthalt in ihrem Staat (Hervorhebung v.d. Verf.) und der übrigen dort ansässigen Bevölkerung herzustellen."

 

 

Bundesregierung: "Keine Roma-Minderheit"


1992 mußte jedenfalls für Deutschland ein geradezu blamabler Rückschritt auf diesem Weg konstatiert werden. Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen nahm eine Entschließung "zum Schutz und zur Sicherheit der Roma als Minderheit" an, und Deutschland stimmte als einziges EG-Land (unter "allgemeinem Gelächter im Konferenzsaal", wie die "Frankfurter Rundschau" meldete) nicht dafür. Die Roma seien in Deutschland keine Minderheit, hieß es von staatlicher Seite; auch wolle die Bundesregierung nicht für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Die deutsche Diplomatie fürchtete wahrscheinlich, förderhin könne man die Sozialhilfe- und Wiedergutmachungsansprüche der Roma nicht mehr verweigern, wenn die Regierung nicht weiterhin Roma ausweisen könne. "Das ist dieselbe Haltung wie in den 50er und 60er Jahren zur Entschädigungsfrage", empörte sich UN-Vertreter Hancock: "Damals hieß es, wir haben die Roma ja nicht als Rasse getötet, sondern als Kriminelle. Heute heißt es, sie seien keine Minderheit (in Frost u.a., Nation: ja...)".

 

 

Modelle ethnisch nichthomogener Staaten ?


Trotz der Differenzen zwischen westlichen StaatsbürgerInnen und östlichen Heimatlosen, die aus der unterschiedlichen Interessenlage erklärbar sind, berühren sich die Konzepte der Roma-Organisationen in dem zentralen Punkt: eine differenziertere Lösung der Nationalitätenprobleme als bisher verfügbar ist notwendig - eine Lösung, die ohne "saubere" Abgrenzung von Territorien auskommt. Werden die Roma als nichtterritoriales Volk mit Bleiberecht in Europa akzeptiert, werden parallel dazu die Roma und Sinti mit realen Staatsbürgerschaften als nationale Minderheiten anerkannt, so stecken darin vielleicht auch Modelle für andere Nationalitäten.

Dies ist im übrigen nicht nur Zukunftsvision. Auch bisher waren die Roma nicht immer und überall nur gleichmäßig Opfer und Verfolgte. Zum Beispiel geht in den Nachrichten von nationalen Stückelungs-Exzessen aus Bosnien-Herzegowina zuweilen unter, daß vor dem Krieg die Roma dort noch am ehesten in ganz Jugoslawien in einem multiethnischen Gebiet "in relativer Ruhe" (Hancock, in Frost u.a., Nation: ja...) hatten leben können.

Um noch einmal Hancock zu zitieren (der übrigens seine Roma-Vertretung bei den Vereinten Nationen von Texas aus wahrnimmt, wo er als Universitätsprofessor -also "in der Tradition der Entertainer-Sklaven", heißt es im Vorwort zum 'Pariah Syndrome'- Sprachwissenschaften lehrt): "Unser Heimatland Romanistan ist die Summe unserer Kultur und unserer Ideen. Die neuen Chauvinismen sind ja sehr stark ans Territorium gebunden, was für uns Roma nie der Fall war. Die anderen Völker sollten mehr auf die Roma schauen" (in Frost u.a., Nation: ja...).

1994 hatte die Verfassungskommission zur Änderung des Grundgesetzes dem Bundestagsplenum als erstem Parlament des vereinigten Deutschlands einen Änderungsvorschlag vorgelegt, der die Anerkennung und Förderung der Minderheiten durch den Staat vorsah, worunter -im Sinne des Konzepts des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma- auch die Sinti und Roma verstanden wurden. Daß die Parlamentsmehrheit letztlich den Vorschlag ablehnte, der sich in der Kommission auf einer parteienübergreifende Mehrheit stützte, kann mehr auf das Mißtrauen gegenüber Ansprüchen der Sinti und Roma als auf Animositäten gegenüber anderen Minderheiten, etwa der TürkInnen, zurückgeführt werden.

Diese Ablehnung des Minderheitenstatus ist eine sehr genaue Parallele zu der oben geschilderten politischen Niederlage der Roma (und der langfristig-moralischen Niederlage des deutschen Staatsapparats !) in der Frage des europäischen Minderheitenschutzes. In beiden Fällen hatte das vereinigte Deutschland eine Chance zur Verbriefung seiner verträglichen Haltung nach außen und nach innen -im Fall der Bundestags-Verfassungskommission sogar das mit einem selbst entwickelten Konzept-, und in beiden Fällen wurde die Chance vertan. Vor dem Hintergrund vieler massiven gewaltsamen Angriffe gegen Roma, von denen das brennende Flüchtlingsheim in Rostock-Lichtenhagen 1992 am meisten Aufsehen erregt hat, kann von einem willentlich und wissentlich begangenen Rückfall in die Ideologie des ethnisch homogenen Nationalstaats mit aktuellen barbarischen Auswirkungen gesprochen werden. Denn die Sinti und Roma waren nicht zufällig die ersten Ziele der rechtsextremistischen Gewalt.

Aufmerksamkeit für diese fremdenfeindlichen Entwicklungen zu wecken, Widerstand gegen sie bei Nicht-Roma zu stärken, vor allem aber die neu erwachten Konzepte, Visionen, Organisationen und Aktionsformen der Sinti und Roma in Deutschland -mitsamt ihren Widersprüchen und Schwierigkeiten- bewußt und bekannt zu machen, ist der Sinn dieser Bestandsaufnahme. Das Buch ist entstanden aus einem "Call for papers" des Herausgebers Joachim S. Hohmann.

Hartmut Brombach richtet zunächst das historische Augenmerk auf die Wirtschaftsweise der Roma, und im geographisch weitgespannten Bogen seiner Darstellung werden sowohl praktische Schwierigkeiten der Vereinbarkeit mit der vorherrschenden kapitalistischen Marktwirtschaft, wie auch Möglichkeiten sichtbar, alternative Verhaltensweisen -auch wenn sie keine Chance mehr haben- wenigstens zu erinnern. Rajko Djuric zeigt an der weltweiten Romageschichte den Einfluß der indischen Herkunft auf Denken und Kultur und gibt von dieser Warte aus einen internationalen Überblick über den Stand der Roma-Selbstorganisation und -politik. Der "Roma National Congress" analysiert in aller gebotenen Schärfe die pogromartigen Überfälle, vor allem auf Roma-Flüchtlinge, nach der Vereinigung als neue deutsche "Zigeuner"verfolgung. Nicht als "Prinzip Hoffnung", eher als Sysiphusarbeit schildert Andreas Vetter demgegenüber die Kölner Erfahrung, wie aus den Erbschaften von Verfolgung und Flucht für die Roma ein friedliches Zusammenleben mit der Mehrheitsbevölkerung in einer deutschen Großstadt gefördert wurde - immerhin mit kleinen Erfolgen über einen langen Zeitraum von Geduld und Rückschlägen.

Um der Frage näherzukommen, welche pathologischen Bewußtseinsformen dem romafeindlichen deutschen Alltag zugrundeliegen, leitet uns der Beitrag von Gerd Mutz auf den produktiven Umweg einer Rekonstruktion des -öffentlichen- Diskurses, der überhaupt erst einmal die Fremdheit der Roma für die Nicht-Roma konstituiert. Aus der schulischen Praxis in Form von Aufsätzen und Befragungen steuert Joachim S. Hohmann zwei differenzierte Analysen der in der Mehrheitsbevölkerung verbreiteten Vorurteile gegen Sinti und Roma bei: trotz allem können sich Roma-Feinde, kann sich fremdenfeindliche Politik nicht immer und überall bruchlos auf "die Leute", berufen, jedenfalls nicht auf die jungen. Wie staatliche Maßnahmen, in diesem Fall Versuche des Rückfalls in die "Anti-Bettelei"-Gesetzgebung der frühkapitalistischen Ära, Vorurteile gegen Sinti und Roma von "oben" her stützen, zeigt der Beitrag der Sinti/Roma-Arbeitsgruppe beim Bremer Informationsdienst (ID) über die "frechen Bettler(innen)". Die ID-Arbeitsgruppe versucht dann, die Romafeindlichkeit in fremdenfreundlichen Milieus -ein Phänomen, das sicherlich keine Brandbomben, aber umso mehr Erschrecken produziert hat zu entschlüsseln. Schließlich dokumentiert die gleiche AutorInnengruppe die Geschichte eines Fernsehspiels mit romafeindlichen Untertönen trotz aufklärerischer Intention. Daran wird deutlich, welche Schwierigkeiten für ein elementares Erfordernis emanzipatorischer Politik, nämlich kritische Öffentlichkeit, zwischen Sinti und Roma und aufklärungswilligen Intellektuellen noch bestehen.

Reimar Gilsenbachs erfrischender Aufruf, die "Gadsche", sprich Nicht-Roma, mögen doch ihre Vision von "Multikultur" an der gelebten Geschichte der Roma orientieren, ist eine Antwort darauf - Rajko Djuric's Vorschlag für ein Forschungszentrum auf, das sich endlich mit Antiziganismus, also Romafeindlichkeit, beschäftigen soll, eine andere. Schließlich klagen die Forderungen des Roma National Congress die Erfüllung wenigstens der international vorgegebenen Standards für Humanität und Selbstbestimmung für Sinti und Roma im vereinigten Deutschland ein.

Eine Terminologie, die Barbarei zu vermeiden sucht, wird sich auf den Wunsch der meisten Sinti- und Roma-SprecherInnen einlassen, die unendlich belastete Fremdbezeichnung mit dem Wort "Zigeuner" zu vermeiden und stattdessen in Deutschland die Eigenbezeichnung "Sinti und Roma" (bei Vetter "SintiundRoma" in einem Wort), weltweit als Sammelbegriff auch "Roma", zu verwenden. Manche Autoren versuchen dagegen, den "Zigeuner"begriff mit positiven Besetzung zu "rehabilitieren"; in diesem Fall haben wir -wo immer dies sprachlich praktikabel schien- jedenfalls "Zigeuner" durch Anführungszeichen mit einem angemessenen Vorbehalt gekennzeichnet.

Ein ähnliches Problem betrifft das Wort "Tsiganologie". Immer wieder haben Sinti und Roma und andere BeobachterInnen diese kritisiert (nachzulesen etwa in "pogrom", Göttingen, der Zeitschrift der Gesellschaft für bedrohte Völker). Einige WissenschaftlerInnen versuchen betont, unter dem gleichen Terminus etwas Neues, das den Roma Fairness widerfahren läßt, zu verbreiten und den Anklang an eine "Insektenkunde", die die Roma zu Untersuchungsobjekten ohne Mitsprache macht, zu vermeiden. Wir können nicht erkennen, daß diese Richtung sich durchgesetzt hätte; "Tsiganologie" hat seinen schlechten Klang für Roma bislang nicht verloren. Darum appelliert die ID-AutorInnengruppe an Herausgeber und Verlag: Nehmen Sie Abschied vom schlechten alten Terminus, sprechen Sie von "Sinti- und Roma-Studien" ! "Women Studies" oder "Black Studies" in den U.S.A. könnten als Vorbilder dienen. Wenn sich eine Nähe zur Community der Sinti und Roma ergibt, die selbstverständlich auf gegenseitiger Überzeugung und nicht auf Instrumentalisierung aufzubauen ist - umso besser, und längst überfällig.

 

 

Organisationen, die sich mit Roma- und Sinti-Politik beschäftigen:

  • Eurom (Zusammenschluß von Roma-Interessenverbänden auf europäischer Ebene, c/o Rom & Cinti Union, Simon-von Utrecht-Str. 85, D-20359 Hamburg, Tel. (49)040/310521, 319-4249.
  • Gesellschaft für bedrohte Völker, Postfach 2024, D-37010 Göttingen, Tel. (49)0551/499060, mit der Zeitschrift pogrom.
  • International Romani Union, USA-78652-0822 Manchaca, Texas, Tel. 001-512/282-1268 (nimmt die Vertretung als Nicht-Regierungs-Organisation bei den Vereinten Nationen wahr).
  • ROMANI P.E.N. ZENTRUM IN DEUTSCHLAND, Senftenberger Ring 2, D-13439 Berlin, 415-5454.
  • Rom & Cinti Union, Simon-von-Utrecht-Str. 85, D-20359 Hamburg, Tel. (49)040/310521 oder 319-4249.
  • Rom e.V., Bobstr. 6-8, D-50676 Köln, Tel. (49)0221/242536.
  • Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, Zwingerstr. 18, 69117 Heidelberg, Tel. (49)06221/981101 (mit mehreren regionalen Mitgliedsverbänden).

 

AutorInnen: Michael Frost, Stadtverordneter in Bremerhaven (Bündnis90/DIEGRÜNEN), Simone Heimannsberg, Studentin der Geschichte und Kulturwissenschaften in Bremen und Hamburg ,Dr .Richard Herding, Journalist in Bremen und Frankfurt am Main, Anke Libbert, Übersetzerin in Bremen und Claudia Plass-Fiedler, Studentin der Kulturwissenschaften in Bremen, bilden die Sinti/Roma Arbeitsgruppe beim Informationsdienst: Netzwerk Alternative Publizistik" - Bereich Medienzugang - in Bremen.

Quelle: © "Sinti und Roma in Deutschland" vom Bremer ID, erschienen im Verlag Peter Lang 1995

Update: Do, 13. Februar 2001