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Fuck The Army: Das Archiv Soldatenrechte in Berlin

Vom 26. August 2010. Autor Markus Schlotterbecvk

  

  Fuck The Army: Das Archiv Soldatenrechte in Berlin

 

Der Anlass für diesen Vortrag über das Archiv Soldatenrechte ist der Tod von Dieter Brünn im April 2010. Dieter war der letzte Archivar des Bestands und brachte diesen in seiner Privatwohnung unter.

 

Das Archiv Soldatenrechte verfolgt das Ziel, Materialien zur Lage von aktiv dienenden SoldatInnen und deren Bemühungen um die Verwirklichung von Bürgerrechten und Selbstorganisation in den Militärapparaten zu archivieren und dokumentieren. „Das Archiv soll“, so schrieb Dieter vor einigen Jahren, „eine Lücke schließen, da dieses Thema bis heute von Schriftstellern und Historikern fast ausschließlich vom Standpunkt der Herrschenden, selten von denen der Betroffenen, behandelt worden ist“. Im Lauf der Jahrzehnte wurden so mehr als 200 Regalmeter an Büchern, Zeitschriften, Flugblättern und Postern über das Soldatenwesen gesammelt und eine Reihe von Büchern mit Titeln wie „Widerstand in der US-Armee“, „Soldiers in Revolt“ oder „Left Face“ veröffentlicht.

 

Manche dieser Bücher hat Dieter mit seinem eigenen Verlag herausgebracht, dem Harald Kater-Verlag, benannt nach seinem Spitznamen: der "Kater". Mit Katers Tod verliert die Sammlung nicht nur ihren jetzigen Standort, sondern – was noch schwerwiegender ist – auch viel Wissen um ihre Ordnung und ihren Gebrauch. Wer zum ersten mal das Archiv betritt, wähnt sich mehr auf einem unaufgeräumten Speicher denn in einer Bibliothek. Dieter, der mit seinen Büchern aß und schlief, hatte eben sein eigenes System.

 

Zum Bestand des Archivs gehört auch eine Reihe von Untergrundzeitungen, die von SoldatInnen selbst herausgegeben wurden wie z.B. „RITA“ (Resistance Inside The Army) oder „The Bond“. Zwei der Urgesteine des Archivs, Dave Harris und Max Watts, waren am Erscheinen derartiger Zeitschriften in Europa zur Zeit des Vietnamkriegs (1964 - 1973) maßgeblich beteiligt. Dave ist 2006 gestorben. Der ehemalige GI [Government Issue = Eigentum des Staats] war der Initiator mehrerer Soldatenzeitschriften und gründete 1974 in Berlin das „GI-Counselling-Center“ nach dem Vorbild der GI-Cafés in den USA. Max lebt heute in Australien. Schon Jahrgang 1929, ist er immer noch ein streitbarer Journalist. Auf Daves und Max' Rolle als Untergrundaktivisten zur Zeit des Vietnamkriegs werde ich im weiteren Verlauf des Vortrags zurückkommen.

 

bla Flugblätter aus dem Vietnamkrieg

 

 

Noch bis September 2010 wird die Sammlung an ihren jetzigen Ort in Kreuzberg sein, dann wird  sie voraussichtlich vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam [Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis] übernommen werden wird. Das bedeutet viel Arbeit für die Unterstützer des Archivs: das "Dieter-System" muss neu geordnet werden, ehe der Bestand seine Reise in die Niederlande antreten kann. Die Wochen seit dem Tod Dieters waren für alle am Archiv Beteiligten eine hektische, unsichere und nicht reibungslose Zeit. Max, der mit seinem ganzen Herzblut an der Sammlung hängt, suchte zunächst lautstark vom anderen Ende der Welt einen – wie er es nannte – „zweiten Dieter“, damit die Arbeit des Archivs im selben Maß wie bisher hier in Berlin fortgeführt werden könne. Und dann gab es noch den Vorschlag von James Lewis vom "GI Papers Preservation Project" in Philadelphia, einen Teil der Dokumente dorthin in die USA zu schicken.

 

Im Bestand lassen sich neben der Fülle an Material über den Vietnamkrieg auch Soldatenzeitschriften aus Frankreich, Spanien, Italien, den Niederlanden, Schweden, der Schweiz und Österreich finden. Die Interessen des Archivs sind nicht auf einzelne Kriege beschränkt, sondern liegen auf unterschiedlichsten Fragen zum Soldatenwesen weltweit. Max ist nach wie vor ein aufmerksamer Berichterstatter über Kriegsdienstverweigerung im israelischen Militär und eines der letzten Projekte von Dieter befasste sich mit den Misshandlungen junger Rekruten in den Armeen der ehemaligen Ostblockstaaten. Da aber der Ursprung des Archivs vor allem in Max' und Daves Einsatz für die Belange von US-Soldaten in den 60er und 70er Jahren liegt, werde ich mich im Folgenden vor allem auf die Soldatenbewegung während des Kriegs in Vietnam beziehen.

 

 

 

FTA - Vom Werbespruch "Fun Travel Adeventure" zu "Fuck The Army"

Der GI-Widerstand der 60er und 70er Jahre gehört zu den Stiefkindern der Geschichtsschreibung der Bürgerrechtsbewegung. Dies hat seine Ursachen zum einen wohl in dem auch noch lange nach dem Vietnamkrieg negativ besetzten Bild des Deserteurs in der us-amerikanischen Gesellschaft, zum anderen in den politischen Bemühungen der 80er Jahre, die sozialen Konflikte aus den 60ern und 70ern zu versöhnen. Während der Reagan-Ära verbreitete sich eine amerikanische Dolchstoßlegende, nach der die Armee in Vietnam ordentlich gekämpft und den Krieg hätte gewinnen können, wenn sie von der Gesellschaft zu hause nur genügend unterstützt worden wäre.

 

Immerhin, in Bezug auf GI-Protest und Widerstand in Europa wird im Oktober 2010 das Buch „A Breath of Freedom“ von Maria Höhn und Martin Klimke erscheinen, die für ihre Recherche auch auf Material aus dem Soldatenarchiv zurückgegriffen haben. Das Werk geht der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Militärdienst von in Deutschland stationierten afroamerikanischen Soldaten und der Entwicklung der Bürgerrechtsbewegung in den USA nach. Und ein Berliner Historiker benutzt das Archiv gegenwärtig für seine Dissertation über die transnationalen Verflechtungen des soldatischen Widerstands im Vietnamkrieg.

 

 

 

Die Untergrundbahn

Folgen wir den Aufzeichnungen von Max, beginnt die Geschichte der konkreten Unterstützung protestierender und desertierender GI's durch die organisierte antimilitaristische Bewegung in Europa im Winter 1966/67. Kurz vor Weihnachten 66 wurde der Soldat Gregory Graham von einem französischen Sozialisten zu einer von in Paris lebenden Amerikanern gegründeten Vereinigung gebracht, dem „Paris American Comitee to Stop War“, der auch Max angehörte. Vielleicht hat es Max zu diesem Zeitpunkt schon geahnt, dass der Weg, den Gregory gekommen war – von seinem Stützpunkt in Deutschland über Amsterdam nach Paris – die Vorlage abgeben sollte für die spätere Fluchtroute vieler in Deutschland stationierter US-Soldaten. Dass sich entlang dieser Route eine Art „Untergundbahn“ für Deserteure entwickelte, hat mehrere Ursachen:

 

Erstens waren die Niederland aufgrund des dort im Vergleich zu Deutschland liberalen Lebensstils bereits zu Beginn des Vietnamkriegs ein äußerst beliebtes Ausflugsziel für die in der Bundesrepublik stationierten GI's.

 

Zweitens war das Verhältnis zwischen der anarchistischen Jugendbewegung in Holland – den Provos – und den amerikanischen Soldaten wesentlich entspannter und von weitaus größerer gegenseitiger Sympathie getragen als die Beziehungen zwischen den GI's und den deutschen und französischen Linken. Denn große Teile der Linken in Deutschland und Frankreich betrachteten den einzelnen US-Soldaten als einen unmittelbaren Repräsentanten des US-Imperialismus, während die meisten GI's gegenüber der Linken aus ihrer antikommunistischen Haltung keinen Hehl machten und den ideologischen und moralischen Argumenten linker Kriegsgegner eher pragmatische Gründe für ihren Protest und Desertion entgegensetzten.

 

Drittens schließlich war Frankreich Mitte und Ende der 60er Jahre eine sichere Anlaufstelle für US-Soldaten, weil die französische Justiz unter der amerika- und NATO-skeptischen Regierung de Gaulles amerikanische Deserteure nicht verfolgte und ihnen ab Mai 1967 sogar eine Arbeitserlaubnis gewährte.

 

 

 

Die Rolle von Max

Auch das Wirken von Max hat einen Beitrag zum Erfolg der Deserteurs-Untergrundbahn Deutschland-Holland-Frankreich geleistet. Was Max innerhalb der organisierten europäischen Antikriegsbewegung dieser Zeit auszeichnete, war sein feines Gespür für die Unterschiede in den sozialen Hintergründen und Motiven aller Beteiligten. Max war ein pragmatisches Organisationstalent, das zwischen so unterschiedlichen Gruppen wie holländischen anarchistischen Jugendlichen, amerikanischen linksliberalen Intellektuellen und französischen untergrunderfahrenen Kommunisten zu vermitteln verstand. Ihm war klar, was die amerikanischen Intellektuellen, die den Kriegsdienst verweigert hatten und die GI's, die von ihren Stützpunkten in Deutschland desertierten, in ihrer sozialen Herkunft, ihren Strategien und ihren Zielen trennte: Die Kriegsdienstgegner entstammten überwiegend dem linksliberalen, wohlhabenden und gebildeten Milieu; ihre Verweigerungen wurden vor zivilen Gerichten behandelt. Die Deserteure hingegen kamen überwiegend aus den unteren und mittleren Schichten; ihre Verweigerungen waren ein Fall für die Militärgerichte.

 

Max war wohl einer der ersten unter den Linken, der den Widerstand der Deserteure aus dessen eigenem Recht zu würdigen wusste und von ihnen keine moralisch und ideologisch unterfütterte Argumentation erwartete. Ihm reichte es, dass Soldaten Befehle verweigerten und das Militär einfach deswegen verließen, weil die Army ihnen gegenüber das, was sie ihnen versprochen hatte, nicht hielt. Weil es hier für sie keine Aufstiegsmöglichkeiten gab und keine berufliche Ausbildung, die sie später im zivilen Leben nutzen konnten; weil sie das Verfahren der Einberufung für unfair hielten und sahen, dass die Army in die besonders gefährdeten Kampfgebiete zuerst die afroamerikanischen und schlecht ausgebildeten Soldaten schickte. Als im Sommer 1967 einige der in Frankreich sich aufhaltenden Deserteure beschlossen, zur Army zurückzukehren und die damit verbundenen Gefängnisstrafen auf sich zu nehmen, um den Widerstand fortan von innen heraus zu organisieren und Gewerkschaften zu gründen, war Max auf ihrer Seite. RITA – Resistance Inside The Army, was viele Zivilisten unter den Kriegsgegnern ablehnten, weil sie alles andere als eine Desertion für einen Verrat an der Sache hielten, begrüßte er als eine notwendige Form innerhalb der antimilitaristischen Bewegung.

 

An dieser Stelle noch eine kurze Anmerkung zum rechtlichen Status der Desertion während des Vietnamkriegs: Im Verzeichnis der Armee wurde jeder Soldat, der sich länger als dreißig Tage unerlaubt von der Truppe entfernt hatte, als Deserteur vermerkt. Juristisch gehört zum Wesen der Desertion aber auch die Absichtserklärung des Soldaten, zur Truppe nicht mehr zurückkehren zu wollen. Während des Vietnamkriegs haben sich mehrere hunderttausend GI's länger als dreißig Tage unerlaubt von der Truppe entfernt. Kehrten sie zu ihrer Einheit zurück, beließ es das Militärgericht in den meisten Fällen bei einer einfachen Gefängnisstrafe. Etwas anderes blieb den Militärs angesichts der desolaten Personallage auch gar nicht übrig.

 

 

 

Das Counselling-Center

Das Engagement von Dave im „GI-Counselling-Center“ war ebenfalls ganz am Konzept von RITA ausgerichtet. Das Center verstand sich als ein für alle Lebensbelange von Soldaten offenstehender Ort, der den GI's sowohl Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung als auch juristische Beratung bieten sollte. Einige Berühmtheit erlangte das Center durch den sogenannten Haarkampf im Sommer 1974, als es zum Treffpunkt von Soldaten wurde, die sich weigerten, sich die Haare schneiden zu lassen. Ein anderer bemerkenswerter Coup gelang Dave und seinen Kumpanen, als sie entdeckten, dass sie vom amerikanischen Militärgeheimdienst überwacht werden. Sie klagten vor einem zivilen Gericht in den USA und bekamen Recht. Nach Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht in den USA 1973 befasste sich das GI-Counselling Center intensiv mit der Frage, wie sich Selbstorganisation und gewerkschaftliche Arbeit in einer Berufsarmee umsetzen lassen. Ende der 70er Jahre jedoch erlahmte diese Diskussion, und 1978 wurde das Conselling Center schließlich aufgelöst.

 

Das "GI-Counselling-Center" 1974

 

Der "Haarkampf"

 

 

Das Archiv Soldatenrechte wird auch an seinem neuen Standort in Amsterdam eine wichtige Quelle für RITA sein. Heute haben Organisationen wie das „Military Counselling Network“, die „Iraq Veterans against the War“ oder „Connection e.V.“ das Erbe von Max und seinen Mitstreitern aus den 60er und 70er Jahren angenommen. In Kanada befinden sich derzeit rund 200 ehemalige US-Militärangehörige, die vor dem Irak-Krieg geflohen sind, in einem unsicheren rechtlichen Status. In Deutschland hat der auf einem US-Stützpunkt in Franken stationierte GI André Shepherd im November 2008 einen Antrag auf Asyl gestellt. [Die Taz hat ihm dafür im September 2010 den Panter-Preis für Helden verliehen]. Den Bescheid der deutschen Behörden erwartet er noch im Sommer 2010. Wie sich eine positive Entscheidung auswirken wird und ob sich Deutschland bald zur Anlaufstelle einer neuen Untergrundbahn entwickeln wird, bleibt eine spannende Frage.