"Frühling für Hitler"

Teaser

(Kein Film über den Holocaust, auch kein europäischer. Sondern ein Musical aus den U.S.A.,  in der Stadt, wo der Holocaust geplant und von der aus er organisiert wurde. Aber eine Erfahrung, die dazu gehört!)

 

Ob Sie’s mit dem Rücken zur Bühne und den Augen zum Publikum gesehen haben, oder umgekehrt – es war eine faszinierende Erfahrung: ein paar hundert Meter von der Stelle entfernt, wo ein Herr Hitler sich im Jahr 1945 Gift nahm und anschließend eine Kugel erfolgreich in den Kopf gejagt bekam, lief  mit großem Erfolg im Juni/Juli 2009 das Broadway-Musical von Mel Brooks, „The Producers – Frühling für Hitler“. Verbilligung gab es für Leute bis 28 Jahre, wenn auf der Bestellung „Jungvolk“ vermerkt war, der Ausdruck für die Hitler-Jugend im Dritten Reich.  Also: voller Geschmack, von Anfang an.

Author

Brigitte Heimannsberg

Für BREMER, Text vom  7. Juli 2009

 

HEIL MIR! ruft der Führer

Das unglaubliche Musical „The Producers – Frühling für Hitler“ im Berliner Admiralspalast

 

(Kein Film über den Holocaust, auch kein europäischer. Sondern ein Musical aus den U.S.A.,  in der Stadt, wo der Holocaust geplant und von der aus er organisiert wurde. Aber eine Erfahrung, die dazu gehört!)

 

Ob Sie’s mit dem Rücken zur Bühne und den Augen zum Publikum gesehen haben, oder umgekehrt – es war eine faszinierende Erfahrung: ein paar hundert Meter von der Stelle entfernt, wo ein Herr Hitler sich im Jahr 1945 Gift nahm und anschließend eine Kugel erfolgreich in den Kopf gejagt bekam, lief  mit großem Erfolg im Juni/Juli 2009 das Broadway-Musical von Mel Brooks, „The Producers – Frühling für Hitler“.

Von wann wohl, das provokant-verrückte Stück? Von 1968!

Verbilligung gab es für Leute bis 28 Jahre, wenn auf der Bestellung „Jungvolk“ vermerkt war, der Ausdruck für die Hitler-Jugend im Dritten Reich.  Also: voller Geschmack, von Anfang an.

Die Geschichte ist einfach eine gute - freche – konsequent auf den Kopf gestellte: Max Bialystock (gespielt von Cornelius Obonya) ist als Produzent von Broadway-Musicals abgesackt, und in dieser Situation trifft er in seinem Steuerbüro den Leo Bloom (Andreas Bieber), der nur allzu gerne auch Broadway-Musicals-Produzent wäre, sich aber bislang nicht traute. Der gibt ihm den Tipp:

Mach’s genau umgekehrt, sorge für die Finanzierung durch die üblichen Sponsoren, stell’ dann aber einen erstklassigen Mist auf die Bühne, einen absoluten Flop, so dass du am Ende ein nettes Sümmchen Dollars, sagen wir mal: siebenstellig, übrig hast. Darf eben nur niemand reingehen, in das Stück! Und so respektlos gegenüber allen Themen, Ebenen, Tonlagen geht es weiter. Ein idiotischer bayerisch-gestylter, stahlhelmtragender Alt-und-Neo-Nazi, Franz Liebkind (Herbert Steinböck) bietet sein Drehbuch an, „Hitler wie wir ihn alle lieben“, und darin singt er und tanzt er mit seinen hakenkreuzgeschmückten Jungs und Mädels. Eine Schwedin, Blondine (was sonst?) räumt im Büro auf und sorgt für Liebesabenteuerchen. Aber auch ’ne Seniorinnen-Heimbesatzung tanzt lustig und beinahe halsbrecherisch mit ihren mechanischen Gehhilfen. Und am Schluss schwingt ebenso erfrischend - das Gericht, das dem älteren Produzenten sein Recht gegen den jungen verschaffen soll, der mit zwei Millionen Dollar an den Strand ausgebüxt war.

 

Brillant, ausnahmslos in allen Szenen, dazu frech und respektlos gegen alles und jedes, was das Leben und die schönen Künste an Traditionen und Überlieferungen nahe legen. Außer – na klar, nachdem eine „Neo Nazi“ Show angekündigt ist, rennt Hitler herum, mit seiner hakenkreuztragenden Gefolgschaft (sonst haben sie’s durch eine Art schwarz-weiß-rote Bretzel ersetzt), „so wie wir ihn  alle lieb haben“ – und manchen im Publikum wird’s so allmählich speiübel. „Mir kommt das Kotzen“, in ehrlicher Berliner Schnauze, ist da genauso ehrlich und aufrichtig und verständlich wie superspontanes Teenagerlachen. Vielleicht kam ja Hitler bei den Teenagern bisher nur im Schulunterricht vor, vielleicht war der auch noch langweilig oder streng, vielleicht hatte sie noch nie eine Nazi-Szene das Fürchten gelehrt.

 

Sicher ist es gut für Deutschland, wenn die Verurteilung alten oder neuen Nazi-Wahnsinns nicht mehr starr und pseudo-religiös „politisch korrekt“ vor sich geht. Sicher können wir über Hitler lachen, was die Welt meist von jüdischen Satirikern und Filmemachern gelernt hat – lachen ebenso wie hysterisch heulen, an den Öfen von Auschwitz. Manche kichern, manche kotzen, das ist Deutschland heute, Nähe Führerbunker.

 

Gut möglich auch, dass schwule Besucher sich blöde angemacht fühlen durch die Figur des Regisseurs im Musical, Roger de Bris (gespielt von Martin Sommerlatte). Aber das ist eben der rote Faden der „Producers“, ganz im Sinne der kabarettistischen Tradition eines Matthias Beltz, wonach aber auch jedes einzelne Vorurteil, jeder Sinn und jeder Unsinn, jede Ober- und Unterseite der Geschichte respekt- und geschmacklos aufs Korn genommen gehört. Dass wir noch nicht überall so weit sind, zeigt ja eben der Führerbunker, heute grüner Rasen unweit des Admiralspalastes: kein Wort, kein Zeichen für die Erinnerung. Mel Brooks – ja ja, der kann so frech, bodenlos. 

 

Brigitte Heimannsberg