2009: Eine neue Integrationsstudie- Zwischen „erschreckender“ Bilanz und Befeuerung negativer Ressentiments

Teaser

Im Januar 2009 veröffentlichte das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ eine Studie mit dem Titel “Ungenutzte Potentiale, Zur Lage der Integration in Deutschland“ [Studie zum Download, Besuch 9.10.09].  Zu den am häufigsten von den Medien zitierten Ergebnissen zählte die „Erkenntnis“, dass die TürkInnen die mit Abstand am schlechtesten integrierte MigrantInnengruppe Deutschlands seien. Nicht so sehr die Studie selbst als vielmehr das darauf folgende oft undifferenzierte Medienecho schürten Ressentiments, v.a. gegenüber türkischen und arabischen MigrantInnen und ermöglichte so ein mediales TürkInnen-Bashing.

Author

Daniela Kalex

Das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“

Wurde im Jahr 2000 gegründet und verfolgt das Ziel, die Wahrnehmung der weltweiten demographischen Entwicklung zu verändern. Der Fokus dieser gemeinnützigen, deutschlandweiten Stiftung liegt auf der Aufarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die private Förderung vorheriger Studien ist auf der Interseite des Institutes einzusehen. Die Frage, wer die 2009 veröffentlichte Studie zur Integration bezahlt hat, bleibt offen - was kritisch zu beurteilen ist.

 

Kurze Anmerkung des Redakteurs (R.S.): Ich verwende im Folgenden ganz "politisch korrekt" die „gegenderte“ Version bei Personenbezeichnungen wie MigrantInnen, AussiedlerInnen etc. "Frauen sind der Rede wert..."

 

Die Studie: Kriterien und zentrale Ergebnisse

Integration wird in der Studie anhand von 20 Kriterien (Erwerb deutscher Staatsbürgerschaft, Ehen mit Deutschen, Bildungsniveau, Hausfrauenquote etc.) auf Basis des Mikrozensus von 2005 mit 800 000 Befragten gemessen. Laut Studie haben beispielsweise 30 Prozent der türkischstämmigen MigrantInnen keinen Schulabschluss, lediglich 14 Prozent das Abitur. Die zugewanderten Menschen aus anderen Kulturkreisen schnitten in der Regel deutlich besser ab und somit seien die TürkInnen die mit Abstand am schlechtesten integrierte Einwanderungsgruppe Deutschlands.

 

Die Studie: Das ressentimentgeladene Medienecho

Sowohl das Gros der Print- als auch der Rundfunkmedien zeigten sich von ihrer schlechtesten Seite und hoben in der darauf folgenden öffentlichen Debatte das schlechte Abschneiden der TürkInnen hervor und vermittelten dadurch den Eindruck, dass die Herkunft ursächlich für das Abschneiden der MigrantInnen sei. Es geht aus ihrer Sicht also primär um ethnische und kulturelle, nicht um soziale Probleme und Fragen.

Auch für zahlreiche Politiker und öffentliche Personen waren die Befunde erkenntnis- und lehrreich, obwohl sie eigentlich alte Vorurteile gegenüber MigrantInnen neu belebten und Ressentiments schürten [Auf einige rühmliche mediale Gegenbeispiele, die sich auch mit methodischen Fehlern der Studie auseinandersetzen,  wird am Ende des Beitrages verwiesen] .  

Nur wenigen kritisierten die Studie wie der Islamwissenschaftler Bekir Alboga, der meinte: „Solche Aussagen zu formulieren fällt häufig leichter, als sie dann tatsächlich auch an wissenschaftlichen Standards gemessen zu verifizieren" ("Welt" Artikel vom 26.01.09; Besuch 7.10.09)

 

Die Studie: Wie Kernaussagen der Propaganda dienen

Das Neue an dieser Studie liegt in der Aufspaltung der ZuwanderInnen in einzelne Herkunftsgruppen.  Leider wurde jedoch aus diesen neuen Informationen kein Nutzen gezogen, sondern es entbrannte eine neue Debatte über die Lage der Integration in Deutschland, welche in der türkischstämmigen Bevölkerung den Sündenbock für jahrzehntelange politische Versäumnisse fand.

Einige Kernaussagen aus der Studie: 

 

„Türkische MigrantInnen haben den höchsten Nachholbedarf“

„Bildung ist der Schlüssel zur Integration“
„AussiedlerInnen erfolgreicher als ihr Ruf“
„Hoch gebildete MigrantInnen bleiben unter Wert beschäftigt“
„Die Hälfte aller MigrantInnen besitzt deutschen Pass“

 

Folgen der verzerrten medialen Darstellung

Ein über einen längeren Zeitraum und von vielen Medienvertretern geteiltes

Negativbild von ethnischen Minderheiten (die oft thematisierten „bedrohlichen und kriminellen Ausländer“) hat maßgeblichen Einfluss auf „unser“ Bild von ethnischen Minderheiten in Deutschland (Vgl. Sonja Weber-Menges: Die Wirkungen der Präsentation ethnischer Minderheiten in deutschen Medien. In: Geißler, Rainer/Pöttker, Horst (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Bielefeld: transcript, S. 174) . Diese oftmals „negativ verzerrte Darstellung“ verstärkt einerseits „bereits bestehende negative ethnozentrische oder ausländerfeindliche Einstellungen“. Sie führt andererseits „auch zur Entstehung eines Negativbildes, von Ressentiments, Misstrauen und mangelnder Akzeptanz, diskriminierendem oder gar feindlichem Verhalten“ (Vgl. Sonja Weber-Menges: Die Wirkungen der Präsentation ethnischer Minderheiten in deutschen Medien. In: Geißler, Rainer/Pöttker, Horst (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Bielefeld: transcript, S. 139f.) .

 

Die Lösung: Multikulturalismus oder Assimilation  !?  (gute Begriffs(er)klärungen bei Wikipedia: 1 2)

Die Berichterstattung über die Studie tendiert dazu, die Schuld bei den EinwanderInnen selbst zu sehen. Die Verweigerung einer so genannten „Leitkultur“ führe zur sozialen Ausgrenzung. Statt den Multikulturalismus zu fördern, wird oftmals die Assimilation, das heißt die uneingeschränkte Anpassung an die dominierende Gesellschaftsordnung, gefordert. Dies führt fatalerweise zur sozialen Segregation (ebd.3), wobei in der vorliegenden Debatte die eingewanderte türkischstämmige Bevölkerung diskriminiert und ausgrenzt wird.

 

Alarmierende Bevölkerungsumfragen als Reaktion auf die Studie

Umfragen in der Gesellschaft [In Anlehnung an die Umfragezahlen aus: "Welt Online" vom 24.02.2009] ergeben, dass das Problem der Integration zu großen Teilen ignoriert wird. Zusätzlich bieten die Medien Anreiz zu dem Glauben, dass Integration ein einseitiges Engagement seitens der zugewanderten Bevölkerung verlange. Auf die Frage, wie Integration gelingen könne, antworteten 48% der Befragten, dass sich die MigrantInnen mehr integrieren müssen. 32% sagten, Integration sei gar nicht möglich und lediglich 17% meinten, dass  "Wir“ die MigrantInnen mehr einbeziehen müssen. 3% der Befragten sind überzeugt, dass doch alles gut läuft.

 

 Deutschland: Vom Zuwanderungs- zum Einwanderungsland

Seit 2007 ist Deutschland offiziell ein „Einwanderungsland“. Aus den „ZuwanderInnen“ sollen seit den 1990er Jahren „EinwanderInnen“ werden. Laut Statistischem Bundesamt leben in Deutschland derzeit ca. 8,2% (=6,7 Millionen) AusländerInnen, denen das Recht auf Einbürgerung und damit das Recht auf politische Teilhabe und Teilnahme zum größten Teil verwehrt bleibt. Von diesen 8,2% bilden die türkischstämmigen Menschen mit ca.1,7 Millionen die größte Gruppe [Zahlen vom Statistischen Bundesamt aus dem Jahr 2008, hier zu finden 1 2).

 

 Wiedergutmachung seitens der Politik

Vor dem Hintergrund der politischen Versäumnisse der letzten 50 Jahre in Bezug auf die Integration steht Deutschland als Einwanderungsland vor großen Schwierigkeiten. So plädiert die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), für ein noch stärkeres Engagement bei der Integration. "Wir kämpfen heute mit den Versäumnissen der Vergangenheit" [im ZDF-„Morgenmagazin vom 23.02.2009].

 

In erster Linie hat die Politik Nachholbedarf und nicht die Einwanderer

Es ist in den Medien die Rede von einer Gefahr von Ausschreitungen „à la parisienne“. Wo die Politik sich längst zu eigenen Fehltaten bekennt, suchen die Medien weiterhin die Schuld bei der zugewanderten Bevölkerung selbst. Soziale Ungleichheiten werden jedoch durch die Politik verursacht und demzufolge muss die politische Gleichstellung durch Gesetze reguliert werden. Mit der Zuwanderung von AussiedlerInnen Anfang der 1990er Jahre musste sich die Integrationspolitik ändern. „Nachholende Integrationspolitik“ soll seitdem EinwanderInnen durch aktives politisches Eingreifen die Integration erleichtern [Siehe: die Tageszeitung (Berliner Ausgabe) vom 9.02.2009: „Es mangelt an einem solidarischen Wir“, Interview mit Klaus J. Bade].

 

Die Trias der Integrationspolitik: Präventive, begleitende und nachholende Interventionen nach Klaus J. Bade, Migrationsforscher der Universität Osnabrück. [Siehe Klaus J. Bade: Die Trias der Integrationspolitik: Präventive, begleitende und nachholende Interventionen. PDF zum Download (Besuch 9.10.09)].

(1) "Präventive Maßnahmen" bedürfen deutscher Hilfe vor Ort: Beispielsweise in Gestalt einer Vorfeldverlagerung von Sprach-, Integrationskursen und darüber hinausgehenden Maßnahmen zur Integrationsvorbereitung (Nutzung bzw. Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen im Einwanderungsland). (2) "Begleitende Integrationspolitik" zielt auf die fördernde Unterstützung des eigendynamischen Kultur- und Sozialprozesses der Integration. (3) "Nachholende Integrationspolitik" ist orientiert an dem Ziel der – hier verspäteten – Eröffnung von Chancen zu einer möglichst gleichberechtigten Partizipation an zentralen gesellschaftlichen Teilbereichen (und somit sprachliche, soziale, ökonomische und kulturelle Integration) und ist eine späte Antwort auf Versäumnisse der Vergangenheit.

 

Kausalität der sozialen Ausgrenzung

Die Ergebnisse der Gegenüberstellung von MigrantInnen aus EU-Mitgliedstaaten, AussiedlerInnen und türkisch-stämmigen Einwanderern schockieren die Öffentlichkeit. Dass es einen Zusammenhang von sozialer Teilhabe, Bildung und Erwerbstätigkeit gibt, scheint eindeutig. Jedoch geht es entscheidend um die Frage der Kausalität.

Oftmals spricht man in den Medien von „Ghettoisierung“. Dies beschreibt eine soziale und räumlichen Abgrenzung oder auch „soziale Segregation“ einer Bevölkerungsgruppe im Bezug auf die Mehrheitsgesellschaft.

Assimilation steht hierbei im engen Zusammenhang mit Kenntnissen der deutschen Sprache als Voraussetzung für die politische Kommunikation. Den TürkInnen wird vorgeworfen, sich dem Spracherwerb zu verweigern. Die seit 2005 eingeführten Integrationskurse sollen demnach dem Spracherwerb dienen. Ursache mangelnder Bildung bei Jugendlichen der 2. und 3. Generation türkischer EinwanderInnen ist oftmals die mangelnde Bildung der Elterngeneration. Vor diesem Hintergrund verschließt sich der türkischstämmigen Bevölkerung oftmals der Zugang zum Arbeitsmarkt. Des Weiteren werden oftmals Abschlüsse und Zeugnisse von zugewanderten Menschen in Deutschland nicht anerkannt. Wieder sind diskriminierend wirkende politische Entscheidungen Grund für die soziale Segregation.

 

 

Soziale Ausgrenzung im Vergleich

 

 

EU-25 (=Mitgliedsstaaten 2005)

AussiedlerInnen (=Ehemalige Russlanddeutsche mit Recht auf Soforteinbürgerung in Deutschland)

TürkInnen

Assimilation

70

65

25

Bildung

70

42

13

Erwerbstätigkeit[I1] 

62

50

17


[I1]Hierbei ist die vergleichsweise hohe Hausfrauenquote der türkischen Frauen zu beachten und für einen Vergleich zu berücksichtigen. Zahlen aus: Ungenutzte Potenziale, Zur Lage der Integration in Deutschland

 

Kam die Studie zu früh?

Im Jahre 2007 wurden Integrationskurse eingeführt, die sowohl Sprach- als auch Orientierungskurse beinhalten. Die Teilnahmepflicht für diese Kurse resultierte aus der Einsicht, dass die Sprache Voraussetzung für (erfolgreiche) Kommunikation wäre. Kommunikation im öffentlichen Bereich wiederum garantiere gesellschaftliche Integration als Voraussetzung  gleicher Teilnahme und Teilhabe aller im Land lebenden Menschen. Wie auch die Integration sollte die Kommunikation auf einem gegenseitigen Prozess basieren. Hierbei soll der kulturelle Reichtum der Einwanderersprachen nicht dem Prinzip der Assimilation geopfert werden.

Bedauerlich ist, dass sich die vorliegende Studie auf empirischen Erhebungen von 2005 – also vor Einführung integrationsfördernder Maßnahmen - stützt. Die hiesige Debatte um die mangelnde Integration der TürkInnen wird somit den aktuellen Maßnahmen und Fortschritten nicht gerecht. Der Zeitpunkt der empirischen Studien wird in den Medien außer Acht gelassen. Dies kann als Ausdruck mangelnden Interesses an der Studie interpretiert werden und führte dazu, dass die (Mehrzahl der) Medien unbekümmert ihre türkenfeindliche Propaganda produzieren konnten.

 

Einbürgerung als Voraussetzung gelungenen Integration

Um den demographischen Wandel darzustellen, wird in der Studie die zugewanderte Bevölkerung in verschiedene Herkunftsgruppen unterteilt, um letztendlich Aufschluss über Einzelergebnisse zu geben. Dies führte zur Erkenntnis, dass türkische ZuwanderInnen schlechter integriert sind als andere.

Die Studie zeigt jedoch, dass die türkischstämmige Bevölkerung mit deutscher Staatsbürgerschaft erheblich bessere Bildungschancen und somit Arbeitschancen haben als nichteingebürgerte TürkInnen. Dies beweist, dass die Einbürgerung als Teil der politischen Teilhabe zum Erfolg bei der Integration führt. Anstatt dieses Argument zum Ansatzpunkt der Debatte zu machen, wird es in der Studie wenig aussagekräftig dargestellt.

So sind nur 18,1% der türkischstämmigen Bevölkerung eingebürgert im Gegensatz zu 100% der Aussiedler (die so genannten „Volksdeutschen“; Wikipedia zum Thema, Besuch 9.10.09) und wie bereits erwähnt haben eingebürgerte TürkInnen bessere Integrationschancen als türkische MigrantInnen ohne deutsche Staatsbürgerschaft.

 

Zahlen in Anlehnung an: Ungenutzte Potenziale, Zur Lage der Integration in Deutschland

 

 Ausblick

 Wir brauchen Euch, um gegen Euch vorgehen zu können…

Anekdote: „Kleiner, als die Polizei erlaubt“ [Siehe: die Tageszeitung (Ausgabe Berlin) vom 14.02.2009: „Kleiner, als die Polizei erlaubt“ von Marina Mai. Hier einzusehen ]

„Die Polizei braucht mehr MigrantInnen in den eigenen Reihen, die Türkisch, Arabisch und Chinesisch sprechen. Doch die sind oft klein und haben nicht die vorgeschriebene Mindestgröße“. Die Mindestgröße liegt für Frauen bei 1,60m, für Männer bei 1,65m. Somit sind einige Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer physischen Voraussetzungen vom Polizeidienst ausgeschlossen.

Gesetzliche Regelungen der Vergangenheit werden der Realität zum Verhängnis: Der demographische Wandel und die Versäumnisse der Politik in Hinblick auf die Integration werden zum Problem für die Kommunikation innerhalb der Gesellschaft. Es werden nun MigrantInnen gebraucht, denen man zuvor per Gesetz einen Sonderstatus eingeräumt hat. Das Beispiel der Polizei ist exemplarisch für die deutsche Misere in der Frage der Integration.

 

“ Auch Frauen stehen ja Gewalttätern gegenüber. Je kleiner die Polizistinnen sind, desto leichter hat es der Verbrecher“  (Polizeichef Guido Busch). 

                               

Den „Mindestnormen“ nicht gerecht werdend sind Einwanderer von vielen öffentlichen Bereichen ausgeschlossen. Gleichzeitig wird von ihnen verlangt, sich den „Normen“ unserer Gesellschaft anzupassen. Problematisch erscheint dies, wenn der Anspruch auf geltendes Recht nicht gewährleistet wird bzw. herrschendes Recht nicht allgemeingültig ist.

Integration findet dort ihre Grenzen, wo im Grundgesetz zwischen Staatsbürgern und Einwanderern beim Zuspruch von Rechten sowie bei der Vergabe von Pflichten unterschieden wird.

 

Kommentar: Wie kann Integration gelingen!? (von R.S.)

Wie bereits am Anfang des Artikels erwähnt, ist die Finanzierung der Studie unklar bzw. unbekannt und lädt zu Spekulationen über die Auftraggeber und die damit verbundene politische Intention ein. Klar ist, dass die Studie das darauf folgende ressentimentgeladene Medienecho zwar nicht zwangsläufig intendiert, zumindest aber mit verursacht hat und eine eindeutige Antwort bzw. Klarstellung des Instituts zu der häufig undifferenzierten Rezeptionen der Studie durch die Medien weiterhin auf sich warten lässt.

Nichtsdestotrotz kann konstatiert werden, dass die deutsche Integrationspolitik aufgrund jahrzehntelanger Versäumnisse vor großen Herausforderungen steht und die Frage nach den Voraussetzungen für eine gelungene Integration – sei es aus humanitären, ökonomischen oder demografischen Gründen - wieder stärker in den Fokus gerückt werden muss.  Dass Integration oder Integrationsbemühungen keine Einbahnstraße sind, scheint evident, doch wie kann es gelingen!?Das Folgende ist nicht als Anleitung, sondern eher als Gedankensammlung zu Voraussetzungen, Herausforderungen und Schwierigkeiten gelungener Integration, zu verstehen.

 

Nicht nur einseitiges, sondern beidseitiges Interesse!

Unabdingbar ist sowohl auf Seiten der MigrantInnen als auch der Aufnahmegesellschaft ein höheres Maß an Toleranz, Akzeptanz und (wirklichem) Interesse an anderen Kulturen, Sichtweisen, Lebensentwürfen etc. Migration muss von „uns“ mit all ihren Hintergründen, Formen (Familiennachzug, Arbeits- und Fluchtmigration sowie irreguläre Migration) und Zwängen verstanden, MigrantInnen sollten als Bereicherung und nicht als Belastung oder gar Bedrohung gesehen werden.

 

Teilhabe ermöglichen, auch Spitzenpositionen mit MigrantInnen besetzen!

Wir müssen den MigrantInnen sowohl soziale als auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe ermöglichen - v.a. der chancengleiche und vorurteilsfreie Zugang zu Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen und zum Arbeitsmarkt muss ermöglicht werden. Denn gute Bildung erhöht die Chance auf einen sicheren Arbeitsplatz – und damit verbunden ein festes Einkommen, Sozialprestige, Selbstverwirklichung und soziale Beziehungen - und kann so die Integration beschleunigen. Hierfür muss mehr individuelle Förderung realisiert sowie mehr finanzielle Mittel und ein größerer politischer Wille aufgebracht werden.

Gäbe es für die MigrantInnen mehr positive Vorbilder in Schlüsselpositionen – zu denken sei an PolizistInnen, ErzieherInnen, HochschullehrerInnen, PolitikerInnen etc. – ist eine höhere Motivation zu erwarten à la „Wir können es auch schaffen wie Cem Özdemir bei den Grünen“. Des Weiteren muss die politische Repräsentanz und Interessenvertretung der zugewanderten Bevölkerung gestärkt und verbessert und solche Strukturen aufgebaut werden, die den MigrantInnen mehr Mitsprache, Partizipation und Teilhabe ermöglichen.

 

Sprache als Basis, sonst Rückzug in Schutzraum

Auf der anderen Seite müssen die MigrantInnen bestimmte Kenntnisse- v.a. die Sprache als Basis (gesamt-)gesellschaftlicher Integration– erwerben und den Willen zu einer „Neu-Sozialisation“ nicht nur propagieren sondern auch praktizieren. Denn häufig führt die (gefühlte) Überforderung und soziale Isolation in der neuen Umgebung zu so genannten Parallelgesellschaften, welche als eine Art Schutzraum fungieren.

Um sowohl unterschwelligen als auch offensichtlichen Diskriminierungen entgegenzuwirken, müssen sowohl die Justizbehörden (Justiz, Polizei) als auch „die“ Politik einschreiten und ihren Einsatz bei der Beseitigung von Diskriminierung von MigrantInnen am Arbeitsplatz, im Bildungswesen und im gesellschaftlichen Diskurs intensivieren.

 

Kennen- und Schätzen-Lernen  von Kindesbeinen an

Hilfreich wären u.a. Aufklärungskampagnen und Kurse zur religiösen und kulturellen Vielfalt beispielsweise in Kitas, an Schulen und in Sportvereinen und ein gemeinsames Lernen und Großwerden von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Dies würde zu einem unkomplizierterem Kennen- und Schätzen-Lernen  von Kindesbeinen an führen und ließe viele Vorurteile gar nicht erst entstehen. Angelehnt an das Konzept des Euro-Islams von Bassam Tibi kann und soll es verschiedene Religionen und Ansichten innerhalb unserer Gesellschaft geben, die allerdings auf einigen von allen geteilten Werten (bzw. Kernpunkten) basieren. Sprache und Kultur von Einheimischen und Zugewanderten müssen gleichberechtigt sein: zu denken sei u.a. an die Förderung von türkischem Sprachunterricht oder ein türkisches Goethe-Institut (ein Orhan Pamuk Institut?).

 

"Affirmative Action" und wie blitzschnell der Wertewandel bei "uns" klappte

Eine Möglichkeit der forcierten Gleichberechtigung wäre das aus den USA bekannte Prinzip der affirmative action – einer Art „positiver Diskriminierung“ – um durch sie „einstige und heutige Diskriminierung zu korrigieren, zu kompensieren und in Zukunft zu verhüten" (NZZ Folio 7/95, Interview mit Kathrin Meier-Rust, Artikel hier einzusehen, Besuch 7.10.09). Ein letzter nicht zu vernachlässigender Aspekt in der Integrationsdebatte: Oft wird in deutschen Medien und an Stammtischen von einem archaischen Weltbild der meist muslimischen ZuwanderInnen fabuliert, welches die Gleichberechtigung der Geschlechter und einen Wertewandel unmöglich mache. Dabei wird vergessen, dass die ach so fortschrittliche BRD bis 1957 ihren Frauen nicht zustand, selbst darüber zu entscheiden, (wo und wie) arbeiten zu gehen. Solche Prozesse bedürfen also Zeit und können nicht mit einem Handschlag realisiert werden!

 

 

Autorin: Daniela Kalex

[Die Autorin, ein Musterbeispiel für (europäische) Integration, hat einen B.A./Bachelor in Politikwissenschaft an der ULB (Université Libre de Bruxelles) und einen M.A./Master in „Medien-Kommunikation-Kultur“ an der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder) erworben. Auslandsaufenthalte an den Universitäten St. Kliment Ohridski (Sofia) und Sophia Antipolis (Nizza).]

 

                                                          (überarbeitet von Robert Stengert im Oktober 2009)

 

 

 

Empfehlenswerte mediale Gegenbeispiele (kritische Artikel zum Weiterlesen):

http://www.jurblog.de/2009/02/09/ungenutzte-potenziale-vergleiche-die-hinken/

http://www.jurblog.de/2009/01/28/ungleiche-potenziale-studie-verzerrt-die-lage-der-integration-in-deutschland/

http://www.jurblog.de/2009/01/26/kritik-an-der-integrationsstudie-ungenutze-potenziale/

http://www.migazin.de/2009/04/20/der-teufel-an-der-wand-hat-einen-turkischen-migrationshintergrund/#identifier_3_2454