Wem gehört die Information?

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Das Menschenrecht auf Information ist leicht als Anspruch formuliert, seine Durchsetzung - die noch dazu auf globaler Ebene erfolgen muss - ist aber keineswegs einfach. Beschränkungen der Informationsfreiheit gibt es weltweit - trotz der scheinbar grenzenlosen technischen Möglichkeiten, die beispielsweise das World Wide Web bietet. Nie war so viel Information frei verfügbar wie heute und nie war es doch zugleich so schwierig, ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und aus der Fülle eine Auswahl zu treffen.

Dieser Problematik und der Frage, wem die Information gehört, ging Sabine Kleczewski im Rahmen der Vortragsreihe des Informationsdienstes: für kritische Medienpraxis am 11.9.2008 nicht nur im Wortsinne auf den Grund. Ihr Referat greift wesentlich weiter und sucht nach Ansätzen auf verschiedenen Ebenen.

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Sabine Kleczewski

Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Jahr der Menschenrechte im Haus der Demokratie und Menschenrechte
Von Sabine Kleczewski

Das Menschenrecht auf Informationsfreiheit  - u.a. garantiert in Artikel 21 der UN Charta der Menschenrechte aus dem Jahre 1949 - ist vielschichtig, betrifft unterschiedliche Rechtsansprüche, ist leicht als Anspruch erklärt, aber schwierig universell durchzusetzen. Verbreitung und Zugänglichkeit von Information, Kommunikation und Wissen sind nicht nur abhängig von der Verfügungsgewalt über die notwendigen geeigneten Kommunikationsmittel, sondern ebenso vom Wissen darüber, dass es etwas zu wissen gibt. Dazu braucht es aber auch Eigeninitiative der Menschen, ihr verbrieftes Recht einzufordern.

Es fängt mit der Schulbildung an - und damit, dass es z.B. immer noch Staaten gibt, in denen Mädchen von ihren Eltern der Schule ferngehalten werden, oder aus Armutsgründen Kinder arbeiten müssen, statt Lesen und Schreiben zu lernen.

In der privilegierten ersten Welt, sollte man meinen, sei dies nicht das Thema...
Laut UNESCO gibt es -


Analphabetismus in Deutschland?

Der Anteil von Analphabeten an der Weltbevölkerung macht etwas mehr als 13 % der Gesamtbevölkerung aus. Davon lebt der größte Anteil in Asien, Afrika und Lateinamerika. Dazu kommt in den Industrieländern eine statistisch nur unzureichend erfasste Zahl funktionaler Analphabeten, das sind in Deutschland geschätzte 4 Millionen Erwachsene - was über  6 % der Bevölkerung entspricht. Auf der Website „http://www.schwarz-auf-weiss.org/analphabetismus-neu.htm“ findet sich dazu Folgendes: „Eine erschreckend hohe Zahl von Mitmenschen, die große Probleme mit den steigenden schriftsprachlichen Anforderungen unserer Zeit hat, bei der Bewältigung ihres Alltags, in sozialen Beziehungen, bei der Arbeitsplatzsuche. Analphabetismus ist also nicht nur ein Problem der „Dritten Welt“. Im Vergleich zur „Dritten Welt“ hat der Analphabetismus in Deutschland jedoch einen anderen Hintergrund: Dort ist der fehlende Schulbesuch die Hauptursache - bei uns in Deutschland tritt Analphabetismus nach neun Jahren Schulbesuch auf – weshalb von funktionalem Analphabetismus gesprochen wird. Beunruhigend ist die Vermutung des Bundesverbandes Alphabetisierung e.V., dass die angenommene Größe von 4 Millionen Analphabeten in Deutschland das Problem eher verharmlost als überschätzt.“ Dies nur ein kleiner Verweis auf auch eine Ursache, weswegen Menschen ihr Recht auf Informationsfreiheit nur beschränkt wahrnehmen können.

Laut Amnesty International’s Report 2008 unterdrückten 77 Länder die Freiheit der Meinungsäußerung und der Pressefreiheit. - Wenn wir also von Einschränkungen der Informationsfreiheit sprechen, müssen wir das heute leider immer noch und wieder im Zusammenhang mit Journalismus tun: Behinderung der Arbeit, Bedrohung oder sogar Ermordung sind in zu vielen Ländern an der Tagesordnung. Sei es in einigen islamischen Staaten, in China oder Rußland, und in allen Diktaturen - überall dort, wo der Staat gleichschalten will und dem frei(zügig)en Geist mißtraut, beschneidet er die Rechte seiner Bürger und versucht, nur die Informationen verbreiten zu lassen, die ins Weltbild passen. Dort ist das gewohnte Methode.

In den USA , in Europa, in allen Demokratien, greift der Staat in Einzelfällen aus Gründen der äußeren oder inneren Sicherheit zu Zensur oder stellt bei unbequemen Themen Unbequemlichkeiten in den Weg. Information im Journalismus muß immer ganz schnell gehen, und ehe ich beim Recherchieren fünf Anläufe übers Eck nehmen muß, um etwas zu erfahren, verschiebe ich die Sache, oder lasse sie gleich fallen.

An Ausweichthemen mangelt es ja nicht. Seriösen JournalistInnen ist wohl zu Gute halten, wenn sie lieber nicht als unzureichend recherchiert berichten. Themen werden also oft ausgelassen, weil keine Zeit ist (oder zu wenig MitarbeiterInnen zur Verfügung stehen) und nicht, weil sie heiße Eisen sind. Da könnte man meinen, dies sei eine gute Marktlücke, die alternative JournalistInnen ausfüllen könnten! Hin und wieder funktioniert das auch. Prominent etablierter Außenseiter Günther Wallraff schreibt nicht nur Bücher, sondern kommt mit seinem Undercover-Enthüllungs-Journalismus auch ins Fernsehen.

In der sogenannten westlichen (oder erweitern wir es auf die kapitalistische) Welt leiden wir eher unter Überinformation: jeder kann „alles“ erfahren - das Problem ist, das „Wissen“ einzuordnen, das Wichtige herauszufiltern. Und dann: Was ist jetzt und hier wofür für wen die wichtige Information - die aufklärt, hilft, sich zurecht zu finden, vielleicht ermöglicht, sich zu wehren, usw. ...

Das Recht „... auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“ - was nützt es mir, wenn ich die Quelle der Information nicht einschätzen kann, oder vielleicht gar nicht mehr zurückverfolgen... Wenn mir jeder jede Lüge xmal vervielfältigt verWEBT als Wahrheit um die Ohren hauen kann?! Das WWW macht es möglich, weltweit ziemlich unzensiert überinformiert zu sein - zumindest für die Menschen, die sich einen Zugang zum Netz finanziell leisten können, die Lesen und eventuell Englisch (als internationale Übersetzungssprache) verstehen  können, und denen ihr Staat nicht die Antenne kappt oder die Verbreiter der Nachricht in Landessprache (die im Lande arbeitenden Journalisten) umbringt. Menschen in den armen Staaten haben vielleicht sogar gelernt, mit den neuen Medien umzugehen, aber sie stehen ihnen nicht ausreichend zur Verfügung.

Provokante These: Wir haben nicht zu wenig, sondern zu viel Information(en)!

Provokante Tatsache: „Überall“ auf der Welt werden Reporter bei ihrer Arbeit behindert, um zu verhindern, dass (bestimmte) Informationen die allgemeine Öffentlichkeit erreichen. Je nach den politischen Rahmenbedingungen der herrschenden Staatsform reichen die Mittel zur Manipulation oder Verhinderung von Informationsverbreitung von Einmischung und Machtausübung durch Interessenvertreter, zu staatlich legitimierter Zensur bis zu kriminellen Akten wie Bestechung, Erpressung oder gar Mord.

Aktuelles Beispiel vom 31. August 08 betreffend Rußland, Kaukasusregion: Der Förderverein für Osteuropäische Kultur veröffentlichte aufgrund einer Meldung der Russischen Agentur Interfax den Fall von Magomed Evloev, Gründer und Besitzer der oppositionellen Website INGUSHETIA.ru und Kritiker der Politik des durch Wladimir Putin eingesetzten FSB-Generals Murat Sjasikov als „Präsident der Republik Inguschetien. „Evloev starb Sonntag an einer Schusswunde im Kopf. Er befand sich in Polizei-Gewahrsam, berichtet Interfax und zitiert Staatsanwälte. Evloevs Website Ingushetiya.ru war eine wichtige freie Informationsquelle in der Nordkaukasischen Region. Evloev wurde in einem Polizei-Auto auf der Fahrt vom Flughafen in Magas nach Nasran erschossen. Der Sprecher der inguschetischen Staatsanwaltschaft Vladimir Markin sagte: „Nach einem Vorfall“ -  Evloev soll sich im Auto gewehrt haben -  „schoss ihm ein Polizist seitlich in den Kopf.“
(Quelle bzw. Kontakt: Förderverein für Osteuropäische Kultur, peterkrug@mail.ru)

Ein Beispiel für die Umsetzung des Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention. In diesem Fall aus dem Jahr 2006 geht es um die Informationspflicht von Behörden bzw. den Zugang zu solchen. „Tatort“ Tschechische Republik. Fazit: Recht ja, aber keine Berechtigung...

In einem Urteil vom 10. Juli 2006 „hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zum ersten Mal Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention in einem Fall angewendet, in dem ein Antrag auf Zugang zu Verwaltungsdokumenten von den Behörden abgelehnt worden war. In dem Fall geht es darum, dass einer nichtstaatlichen Umweltschutzorganisation der Zugang zu Dokumenten und Plänen über ein Kernkraftwerk in Temelin in der Tschechischen Republik verweigert worden war. Das Gericht ist zwar der Auffassung, dass kein Verstoß gegen Artikel 10 vorliegt, erkennt aber ausdrücklich an, dass die Weigerung der tschechischen Behörden als Eingriff in das in Artikel 10 der Konvention verankerte Recht auf Empfang von Informationen anzusehen ist. Folglich müsse die Weigerung die in Artikel 10 Absatz 2 festgelegten Voraussetzungen erfüllen.

Im Fall Sdruzeni Jihoceské Matky gegen die Tschechische Republik wiederholt das Gericht seine ständige Rechtsprechung, wenn es betont, dass das Recht auf den Erhalt von Informationen „im Wesentlichen darauf abzielt, dem Staat zu verbieten, jemanden am Empfang von Informationen zu hindern, die andere ihm geben wollen oder bereit wären zu geben“. Zudem ist das Gericht der Auffassung, dass es schwierig sei, aus Artikel 10 ein allgemeines Recht auf Zugang zu behördlichen Dokumenten abzuleiten. Das Gericht erkennt jedoch an, dass die Verweigerung des Zugangs zu Verwaltungsdokumenten, hier über ein Kernkraftwerk, als Eingriff in das Recht des Klägers auf Empfang von Informationen anzusehen ist. Da die tschechischen Behörden die Verweigerung des Zugangs zu besagten Dokumenten nachvollziehbar und ausreichend begründen konnten, ist das Gericht der Auffassung, dass in diesem Fall kein Verstoß gegen Artikel 10 der Konvention vorgelegen hat. Die Weigerung war zum Schutze der Rechte Dritter (Betriebsgeheimnisse), der nationalen Sicherheit (Gefahr terroristischer Angriffe) und der öffentlichen Gesundheit gerechtfertigt. Das Gericht hat auch betont, dass der Antrag auf Zugang zu überwiegend technischen Informationen über das Kernkraftwerk keine Angelegenheit von öffentlichem Interesse darstellte. Aus diesen Gründen sei es offensichtlich, dass kein Verstoß gegen Artikel 10 der Konvention vorlag. Folglich wurde die Klage vom Gericht für unzulässig erklärt.“

So wird dem Gesetz und der Rechtsauffassung gefolgt und dennoch finden sich Wege, das Recht des Bürgers zu unterlaufen.


WAS TUN?! - Aktive Initiativen weltweit

Der ID und die Idee der Mediendemokratie - Seit seiner Gründung in den 70er Jahren setzt sich der ID Medienpraxis für Mediendemokratie ein und arbeitet daran, dass jede/r Gelegenheit und Unterstützung bekommt, um seine wichtigen Themen und Informationen in die Öffentlichkeit zu bringen. Sogenannte „vernachlässigte“ Themen sollen auch von den gängigen Medien berücksichtigt werden, anstatt dass dort allein der Mainstream bedient wird. Dafür stellen wir einzelnen BürgerInnen und Gruppen, die keine Lobby haben, professionelle journalistische Hilfe an die Seite, und das nennen wir „Mediendemokratie“: Information von Unten. Heute sagt man dazu auch „grassroot“ Journalismus. Das allgemeine Recht, sprich Menschenrecht, darauf, frei informiert zu werden und selbst Informationen verbreiten zu können, wollen wir damit umsetzen - auf eine Weise, die von der Öffentlichkeit auch wahrgenommen wird. Ein hoher Anspruch heute, wo wir mit Über- und Desinformation nur so zugeschüttet werden! Fernsehen und vor allem das Internet sind da die Hauptakteure.

A propos: bei Google führt der Begriff „Mediendemokratie“ auf einen ganz anderen „Pfad“! - Zu einem Begriff, der Ende der 90er aufkam. Er bezeichnet das Phänomen, dass Politik stellvertretend in den Medien stattfindet - nicht mehr auf der Straße... Und - Politiker setzen nicht mehr das um, was ihrem Volksauftrag entspricht, sondern was medienwirksam ist, bzw. in den Medien gut rüber kommt. Beispiel der kritischen Würdigung ist da oft und gern Gerhard Schröder als der „Medienkanzler“.

Aber zurück zu unserer Interpretation und dem Internet: immer mehr Informationen sind abrufbar, finden Verbreitung. Selbst für Fachleute, eben die Journalisten, wird es immer schwieriger, die Quelle einer Nachricht zu verifizieren, ihre Glaubwürdigkeit einzuschätzen. Hieß es früher bei Radio und Fernsehen als Trost bei Mißgeschicken: „Das versendet sich!“, soll heißen, einmal über den Äther geschickt, gehört oder gesehen und verpufft! - „versendet“ sich heute im World Wide Web absolut nichts mehr! Jeder Schwachsinn, irgendwo ins Netz gespeist zirkuliert dort „auf immer und ewig“ und wird schon von irgend jemandem möglicherweise rein zufällig gefunden und eventuell erneut über andere Kanäle in Umlauf gesetzt. Schon haben wir eine weitere „Quelle“ für denselben Unfug.


DIE FRAGE WÖRTLICH GENOMMEN: „Wem gehört die Information?“

Nur ganz kurz angerissen: Der über  4 Jahre laufende UN-Gipfel zur Informationsgesellschaft befasst sich genau damit. Er hatte zwei Kongresse, 2003 in Genf und 2005 in Tunis. Die Macher klagten im übrigen, dass das Thema in der Öffentlichkeit wenig Interesse und Echo gefunden habe... 

Zwei Auszüge aus dem Originaltext „UN-Gipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) - Ein Gipfel neuen Typs“ von Ralf Fücks (Vorstand der Heinrich Böll Stiftung) und Olga Drossou (Referentin der Heinrich Böll Stiftung für Neue Medien):

Internet Governance: alle Gewinner?

Wer ist legitimiert, das Internet zu kontrollieren? Der Streit über diese Frage hat die zweite Phase des Gipfels weitgehend überschattet. Dabei geht es um keine Kleinigkeit. Wenn, wie der Gipfel bekräftigt hat, bis zum Jahr 2015 die Hälfte der Menschheit Zugang zum  Netz haben soll, wird es um so wichtiger, wer die Regeln für den Zugang und Netzkommunikation festlegt. Davon sind wirtschaftliche, politische und nicht zuletzt militärische Interessen berührt. Wer das Internet kontrolliert, besitzt deshalb einen entscheidenden strategischen Vorteil.

Seit 1998 nimmt ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), eine private Firma nach kalifornischem Recht, die Verwaltung der Kernressourcen des Internet wahr. Unterstellt ist ICANN dem amerikanischen Handelsministerium, das darüber wacht, dass die Privatwirtschaft (und nicht die Regierungen) im freien Spiel der Kräfte die Regeln der Internetkommunikation unter sich aushandelt. ICANN soll die dazu passende Infrastruktur bereitstellen.

Dieses Modell räumt der US-Regierung eine Vormachtstellung ein. Theoretisch hat sie die Möglichkeit, ein ganzes Land aus dem Internet „auszuschalten“ oder den Email-Verkehr zu blockieren. Missbraucht hat sie diese Macht bisher nicht. Das würde auch ihrer erklärten Politik der Privatisierung des Internet und seiner Unabhängigkeit von politischem Einfluss widersprechen. Einfluss sollen nach dieser Devise nur die privaten Unternehmen haben – und das waren zunächst vor allem amerikanische und europäische Firmen -, allerdings unter Oberaufsicht der US-Administration.

Heute leben wir in einer anderen Welt. Die Internetkommunikation durchdringt alle Wirtschaftszweige. Die Interessen sind heterogener geworden, der Regelungsbedarf ist komplexer. Es ist fraglich, ob private sector leadership noch diesen veränderten Umständen gerecht werden kann. Das Internet ist nicht mehr allein die Domäne der westlichen Industriestaaten. Die Regierungen machtbewusster Schwellenländer wie Brasilien, Indien oder China wollen die Regeln der globalen Internetkommunikation nicht der US-Regierung oder der IT-Industrie des Westens überlassen, und autoritäre Regimes streben die politische Kontrolle über die Internet-Kommunikation an. Ein weiterer Punkt: Mit weltweit mehr als einer Milliarde Internetnutzern sind auch zahllose Kriminelle, Pädophile und Hassprediger auf den Plan getreten. Diese „Vergiftung“ des Internet macht eine Verständigung nicht nur über Handelsregeln, sondern auch über Normen und Werte erforderlich, die im world wide web gelten sollen. Zudem spielen seit „nine-eleven“ Fragen der Sicherheit der Kommunikationsinfrastruktur eine völlig neue Rolle. Und schließlich ist mit der organisierten Zivilgesellschaft noch ein weiterer Spieler neben Firmen und Regierungen getreten, der die Partizipationsmöglichkeiten, die das Internet bietet, auch für dessen Regulierung in Anspruch nimmt.

Unter diesen Voraussetzungen ist die „Regierung“ des Internet heute höchst politisch geworden. Das Aufsichtsmonopol der USA trifft auf zunehmenden Widerstand. Drohungen werden laut, die eine Fragmentierung des Internet und seinen Zerfall in Einzelnetze heraufbeschwören, sollten sich die USA weigern, andere an der Macht über das Internet zu beteiligen.

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Dreiklang aus Menschenrechten, Entwicklung und Partizipation

Der Ertrag des vierjährigen Gipfelprozesses erschöpft sich jedoch nicht in den offiziellen Abschlussdokumenten und den oft vagen Verabredungen für die Zukunft. Er liegt vor allem im Lernprozess, den alle Beteiligten, die UN, Regierungen, Unternehmen und auch die Nichtregierungsorganisationen durchlaufen haben. Der Gipfelprozess hat zu einem besseren Verständnis der „digitalen Möglichkeiten“ geführt: Es sind nicht – jedenfalls nicht ausschließlich - die teuren Festnetze der großen IuK-Unternehmen und deren (lizenzpflichtige) Softwareanwendungen und Dienste, die den „Zugang für alle“ eröffnen werden. Große Hoffnungen für die Zukunft machen vielmehr die nicht-propriäteren Alternativen und die auf ihnen basierenden neuen Geschäftsmodelle. Diese haben bereits vielerorts neue erschwingliche Zugänge eröffnet mit niedrigschwelligen Lösungen, die flexibel an örtliche Gegebenheiten und Nutzerbedürfnisse angepasst werden können.
 
Bleibt zu hoffen, dass die gewonnenen Einsichten im Nachfolgeprozess nicht wieder  vergessen werden. Die wichtigste lautet: die globale Entwicklung der Wissensgesellschaft ist untrennbar mit dem Dreiklang von Entwicklung, Menschenrechten und Partizipation verbunden.

(Quelle: www.worldsummit2005.de)

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Die digitale Medienwelt bietet aber noch ganz andere Möglichkeiten der Manipulation, Verschleierung oder schlichter Lüge. Retusche um Meinung zu machen gibt es seit den Anfängen der Fotografie. Im digitalen Zeitalter nimmt das aber ganz andere Ausmaße an, setzt der Kreativität quasi keine Grenzen. Und das auch bei bewegten Bildern. Jüngstes Beispiel zeigte das ARD-Magazin Plusminus zur Chinesischen Olympiaübertragung. Erst die übereinander geblendeten Szenen aus Live-Aufnahme und digitaler Bastelkiste ergeben das Bild, das China der Welt von sich übermitteln wollte.

INFOTAINMENT STATT INFORMATION MIT HINTERGRUND?

Dem Thema Olympische und Berichterstattung hat sich in diesem Jahr die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche angenommen und ihren Negativpreis „Verschlossene Auster“  2008 dem IOC zuerkannt! Dazu Auszüge aus der Presseinformation von Netzwerk Recherche:

Hamburg/Wiesbaden. Die Verschlossene Auster, der Kritik-Preis des Netzwerks Recherche für den „Informationsblockierer des Jahres“, geht 2008 an das Internationale Olympische Komitee (IOC) und stellvertretend an Thomas Bach, den langjährigen Vizepräsidenten des IOC. Das IOC duldet seit vielen Jahren Korruption und Interessenskonflikte bei der Vergabe der Spiele. Es versucht sich zu reformieren, aber tut zu wenig, um Hinweisen und Indizien für solche Vorfälle nachzugehen und sie aufzuklären. Genehme Journalisten werden von einzelnen Verantwortlichen bevorzugt bedient.

„Das IOC betreibt mit seiner Informationspolitik das Gegenteil von ‚fair play’,“ sagte Dr. Thomas Leif, der Vorsitzende von Netzwerk Recherche, anlässlich der Verleihung der Verschlossenen Auster während der Jahreskonferenz der Journalistenvereinigung in Hamburg. „Mit der routinierten Verbreitung von Teilwahrheiten, der systematischen Ausblendung heikler Themen und der gezielten Abschottung von kritischen Sportjournalisten stehen das IOC und seine Top-Funktionäre dieses Jahr auf der Siegertreppe der Informationsblockierer.“ ...
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Der Kritik-Preis wurde in diesem Jahr zum siebten Mal verliehen. Er steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien. Die Preisträger erhalten zur Erinnerung und als Mahnung zur Besserung eine Skulptur des Marburger Künstlers Ulrich Behner.

Immer wieder werden Korruptionsvorwürfe an die Adresse des IOC gerichtet. Dabei kommt der Begriff „Korruption“ in der Olympischen Charta, dem Grundgesetz der Weltorganisation des Sports und den im IOC beteiligten 35 Weltverbänden, nicht vor. Doch es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Nach Bestechungsskandalen reagierte das IOC mit einer Untersuchung und schloss Mitglieder aus. Doch langjährige Beobachter des IOC beklagen weiterhin Gelegenheitskorruption, Ämterverquickung und systematische Einflussnahme über Politiker. Ob bei der Bewerbung und Vergabe der Spiele für Salt Lake City 2002, für Peking 2008, für London und für Sotschi 2012 – statt fragwürdige Begünstigungen und Versprechungen zu unterbinden, akzeptiert das IOC weiterhin Praktiken, die den eigenen Grundsätzen zuwider laufen. Sport ist längst zur Ware geworden, auch weil das Thema Doping von offizieller Seite noch immer unterschätzt und kleingeredet wird.

Kritiker, die diese Mängel aufdecken, waren lange Zeit völlig unerwünscht und wurden behindert und bekämpft und sind bis heute bestenfalls geduldet. ...

Bis vor einigen Jahren wurden die Süddeutsche Zeitung und die Berliner Zeitung ausgegrenzt. Diese Praxis ist heute unter Präsident Jacques Rogge beendet; bei Interessenskonflikten beantworten das IOC und namentlich Thomas Bach nun alle Fragen, allerdings ohne die Vorwürfe vollständig aufzuklären. ...

Das Problem korrupter Machenschaften bei der Vergabe ist bis heute aktuell geblieben. Statt sich in China für Menschenrechte einzusetzen, lässt sich das IOC für chinesische Propaganda einspannen. Zu der Menschenrechtsproblematik in China und den Vorfällen in Tibet hat das IOC lange keine Worte gefunden. Sportler, die angesichts willkürlicher Verhaftungen und Erschießungen in China nicht nur willfährige Staffage sein wollen, werden allein gelassen. „Mündige Sportler“ sollen sie sein, sagt Bach, aber ob Sportler in den Olympischen Sportstätten gegenüber Journalisten ihre Meinung sagen dürfen, ist unklar. ...

(Quelle: http://www.netzwerkrecherche.de/projekte/index.php?pageid=273)


FRAGEN, DIE SICH ERGEBEN, DISKUTIERT WERDEN SOLLTEN - Denkanstoß:

Wie lassen sich das Recht auf Freie Meinungsäußerung und auf Information weltweit durchsetzen?
Wer entscheidet darüber, was wichtig ist, verbreitet zu werden - oder „wichtiger“ in einer Rangfolge?
Ist jede Meinung eine Nachricht?
Wer bezahlt den (unabhängigen) Journalisten als Dienstleister „Medien / Nachrichten Coach“?


FORDERUNGEN, DIE GESTELLT WERDEN SOLLTEN (WELTWEIT):

Bekämpfung des Analphabetismus
Das Lernen des Umgangs mit ALLEN Informationsmedien gehört auf den Stundenplan der Grundschulen
Medienvermittler / -berater als unabhängige Dienstleistung sollen der Bevölkerung zur Verfügung stehen.

 

Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin, den 11.9.2008