DIGITAL DIVIDE BEI MANUEL CASTELLS: kritische Öffentlichkeit als Privileg?

Teaser

Seminar: „Politische Analyse der Internet-Öffentlichkeit“ am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität, Berlin (Wintersemester 2006/7)
Diejenigen, die keinen oder nur begrenzten Zugang zum Internet haben, werden marginalisiert (aktuell würde es hierzulande heißen: sie werden zur „digitalen Unterschicht“ degradiert), weil das Internet im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben eine zentrale Rolle spielt. Das technische Medium Internet, bedeutend wie etwa das technische Medium Elektrizität, ist ein Mittel von Freiheit, Produktivität und Kommunikation (!).

Author

Richard Herding

 

DIGITAL DIVIDE bei Manuel Castells: kritische Öffentlichkeit als Privileg wissenschaftlich-technisch avancierter Gesellschaften mit Bohème-Bourgeoisien ?



In dem dreibändigen "Informationszeitalter" des spanisch-französisch-u.s.-amerikanisch/kalifornischen Sozialwissenschaftlers Castells ebenso wie in seiner "Internet-Galaxie" ist die "Digitale Teilung" von zentraler Bedeutung.

 

Methodische Vorbemerkungen: die neuesten statistischen Angaben bei Castells sind inzwischen 5 bis 6 Jahre alt, ein kleines Zeitalter für Internet-Technologie-Wandels-Geschwindigkeit; im Einzelfall muss eventuell nicht nur die Zahl aktualisiert werden, sondern auch überprüft werden, ob die zu messende Qualität noch sinnvoll definiert ist. Und: Wir folgen hier zwar der Betrachtung des Mediums Internet insgesamt, aber mit dem Ziel der Untersuchung von Internet-ÖFFENTLICHKEIT: also allgemein bedeutsame Themen in zeit- und ortsbezogener informierender, kommentierender oder kulturell aussagekräftiger Absicht; im Gegensatz zu E-Bay, e-Business, Online Banking, Chats, Flirts etc. pp.

 

 

Diejenigen, die keinen oder nur begrenzten Zugang zum Internet haben, werden marginalisiert (aktuell würde es hierzulande heißen: sie werden zur „digitalen Unterschicht“ degradiert), weil das Internet im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben eine zentrale Rolle spielt. Das technische Medium Internet, bedeutend wie etwa das technische Medium Elektrizität, ist ein Mittel von Freiheit, Produktivität und Kommunikation (!) (Internet-Galaxie, S. 261).

Am besten machen wir uns zunächst einmal das Paradox der digitalen Teilung klar, die nämlich keineswegs selbstverständlich ist in Bezug auf Öffentlichkeit. Denn sie bedeutet zunächst einmal, dass von einem geographisch universalen und auch gesellschaftlich universalen, und insofern basisdemokratischen Anspruch der Internet-Öffentlichkeit ausgegangen wird. Das ist keineswegs selbstverständlich:

Als in der frühen Neuzeit der Buchdruck eingeführt wurde, war klar, dass das eine immense technische Erleichterung sein würde, die für gigantisch vergrößerte Kommunikationsmöglichkeiten sorgen würde, aber eben nur für die 10 bis 20 % der Bevölkerung, die lesen und schreiben konnten. Analphabeten würden im Prinzip genauso ausgeschlossen sein wie bisher, und zwar sowohl vom aktiven Teilnehmen als schreibende Vertreter von Meinungen oder Informationen, als auch vom lesenden Rezipieren. Jahrhunderte später, bei der Einführung des Radios, machte sich Bertolt Brecht dafür stark, dass aus jedem Empfänger auch ein Sender werden sollte. Gemeint war damit zunächst das, was als "Original-Ton" bekannt wurde: Reporter interviewen Arbeiter über ihre Lohnforderungen, oder Arbeitslose über ihre Lebensbedingungen. Allmählich griff auch die viel stärkere Interpretation Bahn: eigene Sender, freie Radios ! Beim Fernsehen war der Impuls allgemeiner Teilhabe schon so stark, dass in den U.S.A. und Canada "public access channels" propagiert wurden und seit Jahrzehnten überdauert haben: technisch einfache, aus der Ökonomie (in Europa auch aus der Staatsregulierung) der Sender ausgeklammerte Programme, die laienhaft gemacht, nicht in Programmen organisiert, und in der Regel nur vom lokalen oder geselligen Umfeld der MacherInnen konsumiert wurden. Das ist auch hier in Deutschland von den "Offenen Kanälen" bekannt und hat sich in absolut erstaunlicher Weise über Jahrzehnte erhalten. Verstehbar ist es allenfalls als konstant-minimalistischer Abwehrmechanismus der großen Sender, und zwar gleich ob öffentlich-rechtlich oder privat, gegen Demokratisierungs-Ansprüche irgendwelcher Art.

Davon weicht das Internet prinzipiell ab. Es ist als Medium sowohl von Privatpersonen wie auch von Unternehmen/Organisationen/Institutionen nutzbar. In den Suchmaschinen tauchen Dateien von Individuen ebenso wie von Kollektiven auf. Der Form nach sind alle NutzerInnen gleich. Der Zugang ist lediglich von der minimalen technischen Ausstattung, dem Computer mit entsprechender Ausrüstung, und der Adresse abhängig. Beides dient sowohl dem Senden wie dem Empfangen, und darf in fast allen Ländern der Welt unter fast allen Bedingungen, sofern bezahlt, nicht legal und offiziell verweigert werden. Castells stellt dieser legalen Fiktion die Realität gegenüber, indem er mit Statistiken und anhand von Schaubildern die faktische Ungleichheit darstellt: von sehr hohen Prozentsätzen der Bevölkerung mit Internet-Zugang wie in

  • Skandinavien,
  • Deutschland (mit Großbritannien und Niederlande ca. 30 %; Europa insgesamt 33 %),
  • Nordamerika (44 %),
  • Indien „trotz alle des Rummels“ 0,16 % (ich glaube, heute würde er die Ausgewanderten vielleicht mitzählen, nicht die Lachnummer Deutsche Green Card lohnt sich zu zählen, sondern Silicon Valley, wo es seit langem Straßenschilder in asiatischen Einwanderungssprachen gibt ),
  • Japan –besser gesagt: Tokyo oder
  • New York-, über mittlere Werte wie in
  • Russland oder
  • Südeuropa, zu extrem niedriger Beteiligung in
  • Afrika –die statistischen 0,6 Prozent User werden noch verringert durch den weit überproportionalen Anteil Südafrikas sowie durch Großfamilien, die sich einen Computer teilen- oder in
  • Südamerika.


Die Statistiken zeigen niedrigere Einkommen, schlechtere Bildungsniveaus, Alter, soziale Schicht, Stadt oder Land, Behinderung (Gehen und/oder Sehen) und Gender -Frauen gegenüber Männern- als Variablen der Benachteiligung in der digitalen Teilhabe. Die meisten dieser Abstände verringern sich, vor allem derjenige zwischen Frauen und Männern in den hoch-digitalisierten Ländern: die Frauen haben so gut wie gleichgezogen – ABER NICHT die ethnische Kluft: in den U.S.A. sind nach wie vor, sogar im Verlauf der Jahre stärker, die Afro- und Hispanic-AmerikanerInnen benachteiligt. Bei diesen Einwohnern der U.S.A. mildert öffentlicher Zugang -etwa in Schulen, Bibliotheken, Gemeindezentren etc.- die Digital Divide; nebenbei interessant, dass Internet-Cafés gar nicht erwähnt werden.

Gerade die ethnische Divide gegenüber Spanisch-amerikanischen Nutzern ist wichtig: die Sprach-Differenz bleibt ein Problem, 87 % aller Websites sind englisch ! Für die Zukunft sieht Castells zweisprachige Websites als normalen Standard. Aber wann ?

Im Gegensatz zu den früheren Medien von Print (also Buch, Zeitung, Zeitschrift) bis zum Rundfunk (Radio und Fernsehen) bedeutet nun laut Castells die Internet-Dominanz in der gegenwärtigen Gesellschaft als Wissens-Gesellschaft: die Bereiche Bildung (inclusive Medienpartizipation) und Arbeit sind nicht mehr wie früher prinzipiell getrennt, sondern unmittelbar ineinander verzahnt. In immer mehr Bereichen stellen die Menschen Dienstleistungen oder Produkte her, die Wissen in sich tragen, immer seltener Massenproduktion von exakt gleichförmigen Artikeln, sondern technisch-informativ differenzierte Produkte. Das reicht von navigierbaren Autos zu Online-banking, von durch Roboter-Melkmaschinen gewonnener Milch zur computergesteuert angepassten Produktion von Kleidungsstücken. Wer arbeitet, muss damit rechnen, mit Computern zu tun zu haben, und mit der Kommunikation mit anderen Computern ebenfalls, also ist Internet-Kompetenz in der Regel eine Voraussetzung. Umgekehrt ist ins Arbeitsprodukt mehr und mehr Wissen integriert, „intelligente“ Häuser, Maschinen, Kleidungsstücke etc. pp.

Das digitale Instrumentarium muss als Mittel und Ziel verfügbar sein für diejenigen, die am Arbeitsprozess teilhaben. Das unterscheidet die „Internet Galaxie“ von früheren Arbeits- und von früheren Bildungs-Gesellschaften.

Der digitale Imperativ betont die Unterschiede zwischen Regionen, Kulturen, Schichten, Geschlechtern, ABER der Schwerpunkt kann nicht auf einer statisch gedachten Exklusivität liegen, es gibt keine bleibende, statische Trennung. Das digitale Instrumentarium, das Medium Internet ist überall als Norm präsent, als Ziel, das es so schnell wie möglich zu erreichen gilt. Und dieses „so schnell wie möglich“ ist  eine Rekord-Geschwindigkeit der Durchsetzung im historischen Vergleich zu allen bisherigen Medien. Es vereint die Attraktivität des materiellen Alltags-Vorteils mit der quasi-religiösen Aura des Schöpferischen. Insofern beherrscht das Kapital mehr als je zuvor, bis in die kreativen Details, bis in die eigenen kommunikativen Fähigkeiten und Wünsche, die Arbeitskraft: die Produktivität als „Hype“, schon mehr Kult als nur Mode, macht die Träger der Arbeitskraft zum „Humankapital“.

Darin haben die Kritiker dieser „kalifornischen Ideologie“, des Kults von „Apple“, einen richtigen Punkt getroffen: das Kapital beherrscht ideologisch und strategisch das Internet und seine Akteure. Aber das Kapital als Abstraktion der Arbeitskraft, als gleichmacherische gleichgültige entfremdende Struktur, verschwindet gleichzeitig und macht der individuell-differenzierten Arbeitskraft Platz, die eine Kultur des Schenkens und Teilens im Netz entwickelt. Castells sieht insofern überwiegend eine historisch fortschrittliche Tendenz im Internet-Kapitalismus. Marx und später Schumpeter sahen in der Erfindung, in der technisch-wissenschaftlichen Innovation auf der Basis des Einzelnen als Erfinder oder Erfinderin etwas Fortschrittliches, das aber immer mehr der Kapital-Abstraktion zum Opfer fiel. Castells sieht heute umgekehrt die individuelle Kreativität und den Erfindungsreichtum wachsen und die entfremdete Gleichheit im Rückgang begriffen. Ich vermute, dass die –so blöd das klingt- „optimistische“ Version von Castells zutreffender ist als die pessimistische der Netzkritiker: der heutige Erfindungsreichtum, mit Hacker-Ethik, mit Individualismus auf Massenbasis, mit der Koketterie mit Devianz –also Hacker-Ethik oder Schwarztelefonieren im Sinne von Apple-Gründer Steve Wosniak, mit der antimonopolistischen Front gegen Microsoft, und eben heute mit den kleinen WebSites und Blogs gegen die Kriege; schließlich auch mit der  „sozialdemokratisch“ zu nennenden Tendenz zur Standardisierung, zur Verlangsamung der Innovationen im Sinne besserer Kompatibilität – und zur gewerkschaftlichen Organisierung derer in der Computer-Szene, die sich nicht als Wissens“unternehmer“ verstehen.

„Allgemeiner Zugang“ zum Medium Internet ist beschränkt durch die Digital Divide  - das ist die negative Nicht-Allgemeinheit, aber es gibt auch eine positive Nicht-Allgemeinheit, , eine Beschränkung, die qualitative Verdienste hat: sozusagen die Selbst-Privilegierung der informellen „Szene“, der Internet „Community“. Die Öffentlichkeit von Abwesenden, -das ist jedes technische Medium vom Buch bis zum Fernsehen und zum Internet- wird zur Öffentlichkeit von Anwesenden. Das widerspricht nicht der Digital Divide, ist aber auch keine Verstärkung durch unfaire Privilegierung: die Selbstreferentialität, dass also die kommunikativen „MacherInnen“ sich selbst gegenseitig befragen und beantworten, ist gerade auch beim Prä-Internet-Journalismus  ein ganz wichtiger Faktor der inneren Absicherung – umso mehr bei den teilprofessionellen Internet-Öffentlichkeits-BetreiberInnen. Mehr: die Communities gibt es auch  So wird auch digitale Teilung gerade durch die „Szenen“ verringert – denken wir etwa an die Frauen in Teheraner Internet-Cafés ! Es gibt also eine interne Privilegierung, es gibt einen fließenden Übergang von „Szenen“ zu „Eliten“: „Die libertäre Tendenz, die das Internet geschaffen hat, (hat) für ein weltweites Netz von Chancen gesorgt“, wenn auch um den Preis eines gewissen kulturellen Dünkels. Über diesen „Dünkel“ verfügen zu können oder nicht, ist selbstverständlich eine Frage des Stolzes. Und Digital Divide in der Dimension Stolz, d.h.: ANERKENNUNG, ist gerade im Bereich der) extrem wichtig. Nicht einmal  die heute aktuellen Demütigungs-Fotos aus Afghanistan zu erwähnen – die Fortsetzung des Karikaturenstreits von Anfang 2006 im Internet  spricht da Bände.

Die Digital Divide hat eine zweite Stufe ja nach dem Grad der Technischen Ausstattung, also Breitband oder nicht, erträgliche Geschwindigkeit zur Übertragung von Bildern und Tönen, usw. Ferner: Anschluss der Schulen ans Internet, aber auch Umstellung des Lehrpersonals und der Lehrpläne. „Die entscheidende Frage: vom Lernen zum Lernen des Lernens zu wechseln“ (Internet-Galaxie, S.272), denn bei dem Gebirge an unverbundenen Informationen, die den Lernenden entgegengoogeln, , ist das, „worum es eigentlich geht, die Fähigkeit zu entscheiden, nach was man suchen soll“ (S. 273). „Jämmerlich unzureichend“ seien die existierenden Schulsysteme, und das ihm aus eigener Erfahrung bestens bekannte französische fördere die(se) geistige Aufgeschlossenheit eben nicht. Die riesigen Unterschiede der Internet-Nutzung seien zum größten Teil Erziehungs-Erfolge – und umgekehrt: das Absinken Afrikas von 0,9 auf 0,6 %, also Vertiefung der Digital Divide durch unterschiedliche Erziehungs-Systeme.

Das Internet, um es kurz zusammenzufassen, ist Hoffnung – die globale Entwicklungspolitik, also insbesondere die Förderung einer sozialen und kulturellen Infrastruktur, deren Mangel über Organisierte Kriminalität zu den „failed states“ führt, ist der Grund dafür, dass es auch Armut und sozialer Exklusion führt. (Wobei selbstverständlich, unter herstellbaren Marktbedingungen, die Unternehmen der Computer-Industrie ein gewaltiges Interesdse haben könnten, der Digital Divide entgegenzuwirken .)

 

26.10.2006
Richard Herding
Informationsdienst: für kritische Medienpraxis