KOSOVO: Kultur- und Medienpräsenz hier "um die Ecke"

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Tausende von Menschen aus dem Kosovo (albanische, serbische, Roma u.a.) leben in Deutschland, in Berlin, in Prenzlauer Berg. Vertreibung, Krieg, Horror "dort hinten, weit weg" soll nicht das Einzige bleiben, was vom Kosovo bekannt ist.

Author

Richard Herding

 
Tausende von Menschen aus dem Kosovo (albanische, serbische, Roma u.a.) leben in Deutschland, in Berlin, in Prenzlauer Berg. Vertreibung, Krieg, Horror "dort hinten, weit weg" soll nicht das Einzige bleiben, was vom Kosovo bekannt ist.
 
Der "Informationsdienst: für kritische Medienpraxis" hat alle Kultur- und Medienschaffenden aus dem Kosovo eingeladen, vorzustellen, was sie hier machen: Radio, Nah- und Fernsehen, Kunst, Theater, Fotografie, Musik, Film, Zeitung, Internet u.a. MITVERANSTALTER: Kulturamt Prenzlauer Berg -Der Kulturladen- KOSOVO IM AUSLAND: MEDIEN UND KULTUR ENGAGIEREN SICH Trauer-Arbeit und neues Leben ? Eine Szene, unerwartet wie ein kleines Wunder, im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin, das von der Bürgerbewegung der einstigen Deutschen Demokratischen Republik stammt. Ein Jahr nach dem Beginn des Kosovo-Kriegs hatte das Journalistenbüro "ID-Medienpraxis" Kultur- und Medienschaffende eingeladen, die sich im Ausland, speziell in Deutschland, für die Vermittlung eines Bildes vom Leben in Kosovo engagieren. Nicht Ideologien und Propaganda, sondern Würde und Alltag der Menschen sollten im Mittelpunkt stehen. Die Überraschung: eine Feindschaft zwischen den Vertretern der serbischen Seite (Evropske Novosti, Belgrad und Frankfurt am Main), der albanischen Seite im Kosovo (Sender Freies Berlin/Radio Multikulti in albanischer Sprache) und der deutschen Seite (Deutsch.-Serbische Begegnung, Berlin) war kaum festzustellen. Eher vertrat das deutsche Publikum die erstarrten Positionen; da war vom Hass der Volksgruppen aufeinander mehr die Rede als bei den Betroffenen. Eine Erfahrung, die hoffen lässt: nicht auf multikulturelle Erneuerung, doch immerhin auf ein Nebeneinander ohne Krieg. Die Menschen im Kosovo, die so viele mörderische Erfahrungen zwischen den Fronten gemacht haben, können heute wohl noch überfordert sein - die im Ausland Lebenden, die mehr friedliche Erfahrungen teilen, nicht unbedingt. Milazim Villasalija, ursprünglich Elektro-Ingenieur in Pristina, macht seit einigen Jahren eine halbstündige Radio-Sendung pro Woche, auf die sich die etwa zwanzigtausnd albanischsprechenden Bewohnerinnen und Bewohner von Berlin und Umgebung freuen können - sehr selten in der deutschen Medienlandschaft. Berichte der Korrespondenten in Pristina und Tirana wechseln ab mit Interviews und heimatlicher Musik. "Ich habe viele lange Gespräche aufgezeichnet, die wichtige Schätze der Zeitgeschichte wurden - einfach weil die Menschen bald darauf umgebracht wurden", sagt der Journalist traurig. Er sieht in der albanisch-sprachigen Sendung kein Signal für groß-albanischen Nationalismus. Mit den Kolleginnen und Kollegen, die bosnische, serbische, kroatische, makedonische Sendungen machen, hat er sich sogar während des Krieges mehr einig gefühlt als gestritten. Milorad Zivojnov ist Redakteur der Europa-Ausgabe der Belgrader "Novosti", die in der Nähe von Frankfurt gedruckt wird - in einer türkischen Druckerei, wo auch albanische Veröffentlichungen herauskommen, und seit einiger Zeit nach juristischen Auseinandersetzungen und finanzieller Umstrukturierung weitgehend selbstständig ist. "Ich bitte um Vergebung für die Grausamkeiten, die nicht von allen Serben, aber im serbischen Namen am albanischen Volk begangen worden sind" - diese Aussage verschlug allen den Atem. Auch wenn sich aus dem deutschsprachigen Publikum eine Stimme fand, die davon kein Wort glauben mochte. Dagegen meinte der kosovo-albanische Kollege, wenn mehr Serben so wären, sähe es im Kosovo anders aus ... Zivojnov erinnerte an die Verbindung verschiedener Kulturen und Ethnien bis zum heutigen Tag, mit vielen scheinbaren Widersprüchen, etwa serbischen Angehörigen des Militärpersonals in Pristina ! Die Absonderung der äusserst energischen und lebenstüchtigen Region Kosovo von Serbien sei wohl irreversibel, aber die Menschen würden sich auch ohne Multikultur verstehen. Siegfried Burmester von der Deutsch-Serbischen Begegnung gehörte zu der Generation, die noch den Zweiten Weltkrieg mitmachen musste. Sein Initiative hat in Ausstellungen und Veröffentlichungen auf die kriminellen Gewalttaten der Nazis im späteren Jugoslawien und anderen Balkanländern hingewiesen. Im früheren Ostdeutschland gab es mehr Echo als im Westen, bedauerte er: dort wollte man einfach nicht gestört werden. Den Einklang der deutschen Medien mit der NATO-Intervention und der Ermunterung separatistischer Nationalitäten Südosteuropas, die nicht lebensfähig seien, erinnerte ihn an die Nazi-Propaganda von Goebbels, nur heute auf freiwilliger Grundlage. Auf der "Pilgerreise" der Initiative nach Kosovo-Metahija stehen Gespräche mit allen Konfliktparteien auf dem Programm. Für den Balkan müsse Reintegration angestrebt werden. Musa Mulaj vom Offenen Kanal Berlin, einem für alle Bürgerinnen und Bürger offenen, selbstgemachten Fernsehprogramm, war verhindert zu kommen, nicht erstaunlich angesichts der Versuche, den Sendeplatz dieses Programms zugunsten kommerzieller Konkurrenz wegzunehmen. Auch er macht eine Sendung pro Woche in albanischer Sprache, wobei in diesem "Nahsehen" keine Redaktion die Sendungen betreut und keine Zählung der Zuschauerquote erfolgt. Dass die Deutsch-Serbische Gsellschaft fehlte, kann an den Ängsten mancher Mitglieder wegen schlechter Erfahrungen liegen: Albanische Flüchtlinge aus dem Kosovo, so wird erzählt, hätten serbische Volkstänze schon einmal als chauvinistisch empfunden. Dabei habe der Verein nur auf Geheiß staatlicher Stellen in Deutschland das "Jugoslawisch" im Namen durch "Serbisch" ersetzt. Die Aktivitäten reichen vom Folklore-Tanz über Schach bis zum Computer als Hobby. Noch heute, so erzählt man sich schmunzelnd bei den Treffen, ist man blind gegen die neuerwachten Separatismen: als die Zeichen schon auf Krieg standen, sei jemand mit moslemisch klingendem Namen etwas schüchtern zum Verein gekommen und habe sich nach dessen Leistungen erkundigt, offenbar mit der Befürchtung, es könne ihm Wichtiges versagt werden, wenn er seine ethnische Zugehörigkeit bekanntgäbe. Weit gefehlt: der Kosovo-Albaner trägt heute mit Stolz seinen bei dem "serbischen" Verein erworbenen Angelschein zu den Fisch-Gewässern um Berlin ... Markus Knudsen von der Rom + Cinti Union, Hamburg, konnte seine Internet-WebSite www.romnews.com nur am Bildschirm vorstellen. Da kann man eine eigene Abteilung für Roma aus dem Kosovo anklicken - eine ethnische Gruppe, gegen die viele Gewalttaten verübt wurden, und die von albanischer wie von serbischer Seite in dieser Diskussion unschuldig genannt wurde. Die WebSite versucht, über aktuelle Repressalien gegen Roma und ihre Flucht aus dem Kosovo zu berichten. Leider, wie oft bei WebSites, denen es an Geld und technischem Backup fehlt, war das neueste angegebene Update nicht verfügbar. Und bei den Sprachen, die per Mausklick als Übersetzungen angefordert werden konnten, war von Spanisch bis Englisch alles Wichtige dabei - nur das Romanes selbst fehlte ! Gewiss auch eine Folge der "Unfertigkeit" als Schriftsprache, aber in Berlin, wo Rajko Djuric als Schriftsteller in Romanes veröffentlicht, eine herbe Enttäuschung. Die Frage der Kriegsverbrechen und ihrer gerichtlichen Verfolgung war auch auf dieser Diskussion hart umkämpft. Ob Kriegsverbrechen in allen Armeen und Guerillaverbänden etwa gleichmäßig vorkamen oder die serbische Seite einen makabren ersten Platz beanspruchen kann, war auch zwischen diesen Diskussions-Teilnehmern hart umstritten. Doch selbst derjenige, der an Goebbels erinnert und von Siegerjustiz gesprochen hatte, hielt eine faire übernationale Verifizierung und Justiz letzten Endes nicht nur für wünschenswert, sondern auch für möglich. Auch das war zum Staunen. "Der Hass ist eine große Lüge", und: "Alle auf dem Balkan müssen heraus aus der Spirale der Gewalt" - das waren keine bloßen gutgemeinten Phrasen bei dieser Begegnung. Produktive, mit Kultur und Medien alle Sinne ansprechende Dialoge der Volksgruppen aus dem Kosovo sollen jedenfalls in Deutschland weitergeführt werden, das war ein Resümee des Abends. Vielleicht springt der Funke einer aufgeklärten Versöhnung auch in den Kosovo über. Und damit es nicht vergessen wird: die Religionsgemeinschaften haben im Kosovo-Streit eine große Verantwortung; bisher haben sie diese Verantwortung, milde gesagt, nicht ausreichend wahrgenommen.
 
* Autor: © Richard Herding
Update: Berlin, Fr., 11.07.2000