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Begegnungen mit unbekannten Fremden Mein Aufeneinandertreffen mit Günter Grass und Martin Walser

Begegnungen mit bekannten Fremden

Mein Aufeinandertreffen mit Günter Grass und Martin Walser

von Sven Bremer im Mai 2013

 

Weinkonsum wurde zu allen Zeiten der Menschen, von der Antike bis zur Gegenwart, in einem eigenen Literaturgenre, den Trinkliedern besungen. Nach dem griechischen Mythos spendete ein Gott namens Dionysos den Menschen dieses Getränk. Er brachte einen Schlauch Wein in das Haus des Pflanzenzüchters Ikarios, den er daraufhin dann in den Rebbau einweihte. Die Anakreontik ist eine literarische Strömung, in der der Wein, sein Gott Dionysos und das Feiern mit Wein, in lyrischer Form geehrt werden. Wein konnte schon immer verantwortlich für Kunst und Kultur sein. So wurde das Getränk in zahlreichen Erzählungen erwähnt. Wie zum Beispiel im griechischen Heldenepos der Odyssee. Der Held Odysseus gerät auf seiner hindernisreichen Heimfahrt von Troja in die Höhle eines Zyklopen. Seine Lage scheint aussichtslos, hätte er da nicht einige Schläuche voller Wein dabei, die er dem Ungeheuer anbietet. Der Riese versinkt im Weinrausch und Odysseus kann sich mit seinen Gefährten retten. Auch im alten Testament finden sich zahlreiche Belege für Rebbau und den Weinkonsum. Gott selbst stiftete den Menschen nach der Sinflut den Weinstock und Noach baute ihn an. Seine Söhne entdeckten den Vater betrunken. Sogar in den sorgsam bereinigten Märchen der Gebrüder Grimm bringt Rotkäppchen ihrer Großmutter „Kuchen und Wein“. In der Neuzeit setzen Dichter wie Friedrich Hölderlin in seiner Elegie „Brot und Wein“ dem Wein ein Denkmal, als Gabe des Himmlischen. Ich habe Grass und Walser nicht ohne Wein erlebt. Aber wie ein alter gereifter Wein, sind sie vorsichtig zu genießen. Besonders wenn sie ihren Zenit schon lange erreicht haben und immer noch nicht geleert sind. Sicherlich streiten sich noch mehr Autoren der Gegenwart um das Amt des Bacchus in der deutschen Literatur, aber ihr Wort geht nicht unter im Stimmgewirr der vielen anderen, sondern wird gehört. Im Land der Dichter und Denker sind wichtige Autoren oft sehr mit der eigenen Landesgeschichte verbunden. Durch das persönliche Schicksal, durch ihren Lebensweg oder durch die Themen mit denen sie national und international beachtet werden. Die deutschen Erfahrungen zwischen dem 2. Weltkrieg und der Wende züchteten eine spezielle Art Schriftsteller. Der Autor der Nachkriegszeit, beeinflusst von der Zeit der Studentenunruhen und des kalten Krieges, der sich dann doch etabliert hat und den Mauerfall als Glücksfall der Geschichte erlebte, diese Gruppe Schriftsteller ist im aussterben inbegriffen. Er würde heute nicht mehr nur in dieser Form so nicht mehr entstehen, sondern die letzten noch Verbliebenen Autoren, dieser Generation werden zunehmend missverstanden oder überhaupt nicht verstanden wenn sie versuchen, von Moral oder den ewigen Lehren der Vergangenheit zu sprechen. Das alte Spiegel irgendwann den neuen weichen müssen ist nur natürlich. Entweder sind sie zu beschädigt, kaputt gegangen oder einfach nicht mehr modern. Auch können sie mit der Zeit ausbleichen und die Wirklichkeit nicht mehr genau genug wiedergeben. Dennoch können die Einzelschicksale der Autoren dieser so wichtigen und bewegten Zeit, an ihrem jeweiligen Lebensabend sehr unterschiedlich sein und verraten damit, das nicht immer die Zeit oder eine Gesellschaft Schuld ist wie weit es für einen gekommen ist, sondern auch das eigene Bestreben sich aus solchen Entwicklungen zu befreien zu wollen. Die nachfolgende Generation von Autoren ist deshalb nicht besser oder schlechter geworden. Sie haben ihre Schwerpunkte selbstverständlich anders gesetzt und viele wollen nur noch reine Unterhaltung bieten. Jede Erneuerung verbirgt auch einen Irrtum in sich, ebenso wie jedes Samenkorn schon den Tod in sich programmiert hat. Ich hatte einige Begegnungen mit Kollegen und dieses Kennenlernen oder dieses Aufeinander prallen war oft sehr unterschiedlich. Meine Treffen mit Grass und Walser dienen hier nur als Beispiel und sie waren selbstverständlich oberflächlich. Aber dennoch stehen sie auch für die Entwicklung, die Nähe und den Abstand zwischen der Literatur von gestern und dem Zeitgeist heute. Wie so oft konnte man auch in ihrer Gegenwart beobachten wie sich Vergangenheit und Gegenwart wieder einmal, sich in den alltäglichen Ereignissen manifestieren. Günter Grass traf ich zum ersten mal im Spätsommer 2007. Er hielt eine Lesung im Berliner Ensemble. Der SS-Skandal war noch frisch und das Publikum applaudierte als Unterstützung, als Grass dieses Thema bei seiner Lesung wie zufällig streifte. Er las damals aus „Dummer August“ vor. Eine weitere autobiografische Lyrik von ihm. Hängen blieb bei mir davon nur der Teil über Insel Hiddensee, weil ich die Insel auch kenne und liebe. Grass las im stehen und trank immer mehr Rotwein dazu. Danach signierte er Bücher, aber weigerte sich Widmungen zu schreiben, wie ich beobachten konnte. Ich wechselte in diesen Momenten nicht allzu viel Worte mit ihm. Wie der Zufall es wollte ging er und seine zwei ähnlich alten Begleiterinnen, ebenso wie ich mit meiner Begleiterin zur gleichen Zeit aus dem Gebäude. Draußen waren wir dann für einen Moment von der Masse der anderen Leute entfernt. Grass und seine Begleiterinnen steuerten auf das Brecht Cafe´ zu. Ich sprach ihn nochmal an, ohne groß vorher drüber nachzudenken. Ich stellte mich ihm als Autor vor. Auf meine kurze Erwähnung ich sei Schriftsteller, antwortete er wie im Reflex, das er auch Autor wäre. Dann gab er mir von Kollege zu Kollege noch einen Tipp der mich recht verblüffte. Ich solle bei Lesungen nicht „nuscheln“. Viele Jungautoren nuscheln bei Lesungen, meinte er. Diese literarische Offenbarung war mir bisher unbekannt. Nuschelnd vom Wein, verabschiedete er sich. Zu dieser Zeit und auch in den späteren Jahren war ich aktiv im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin, insbesondere im Informationsdienst für kritische Medienpraxis tätig. Dort kam der Plan auf, Grass doch mal zu einer Lesung in den Robert - Havemann Saal, des Hauses einzuladen. Ich hatte selbst schon einmal in diesem Veranstaltungssaal gelesen und die Veranstaltung sollte für Schüler und Jugendliche sein. Nicht nur für Gymnasiasten, sondern auch für Realschüler oder Hauptschüler. Ich sollte mit Grass Kontakt aufnehmen. So hatte ich in dieser Zeit einigen Kontakt mit Hilke Ohsoling, der Privatsekretärin von Grass. Ich sollte ein Konzept schicken. Es wurden extra Fotos gemacht, Texte geschrieben und alles wurde an das Günter Grass- Haus, in die Lübecker Altstadt gesendet. Frau Ohsoling legte es dann Grass vor, der dort einmal die Woche vorbeischaute um mit ihr aktuelles zu besprechen. Sie teilte mir mit das er für eine Lesung ca. 5000,00 EUR haben wollte. Das Haus der Demokratie und Menschenrechte hatte allerdings Schwierigkeiten soviel Geld für eine Lesung aufzutreiben. Obwohl ich später von der Chefin des Literatursalons Greifswald viel höhere Summen hörte, die Grass wohl für Lesungen genommen hat. Frau Ohsoling signalisierte, das man mit Grass bei gewissen Veranstaltungen auch mit weniger Geld sich einig werden kann. Gerade die Veranstaltungen im Haus der Demokratie waren sehr sozial angelegt und sollten nicht all zu viel Eintritt kosten. Im Saal passen ca. 100 Leute hinein, wenn jeder 10, - EUR bezahlt, hat das Haus 1000, - EUR für Grass zusammen. Letztendlich lehnte Günter Grass trotzdem ab. Dafür kaufte Hilke Ohsoling Jahre später den Druck eines Portraits, was ich von Grass gezeichnet hatte. Sie wollte mir aber nicht mitteilen zu welchen Zweck sie es gekauft hatte.

Ich sollte Grass aber noch ein weiteres mal begegnen. Das war im Dezember 2011. Es war auf der Gedenkveranstaltung zum Tod von Christa Wolf. Die Veranstaltung fand in der Akademie der Künste statt. Grass nutzte den Abschied für eine Generalabrechnung mit westdeutschen Kritikern der Presse. Später sollte ich über diesen Abend lesen, das Grass mit seiner Rede dort den erbitterten „Literaturstreit“ wieder wach gerufen hatte, der vor mehr als zwanzig Jahren für Verletzungen auf allen Seiten sorgte. Nach dem Fall der Mauer, protestierte Grass leidenschaftlich in seiner Anklage, sei Christa Wolf im Westen behandelt worden, „als wollte man eine öffentliche Hinrichtung zelebrieren“. Der sonst im Alter zerbrechlich wirkende Mann, reagierte zornig in den Erinnerungen an Christa Wolf. „Was ihr im eigenen, trotz allem geliebten Land von Staats wegen zugefügt worden war, wurde nun in ähnlicher Praxis fortgesetzt, sozusagen gesamtdeutsch und unterm Schutzschild Meinungsfreiheit“, sagte er voller Wut, „Verleumdungen, verfälschte Zitate, der immer wieder versuchte Rufmord.“ Grass erinnerte auch an die Zeit, als 1990 ihr Buch „Was bleibt“ erschien – ein Bericht, wie sie und ihre Familie von der Stasi überwacht wurden. Die führenden Blätter „Zeit“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hätten Wolf damals vorgeworfen, sie sei zu „feige“ gewesen, das schon zehn Jahre zuvor entstandene Buch noch in der DDR zu veröffentlichen, erinnert der heute 84-Jährige Grass. „So schäbig ging es im Jahr der deutschen Einheit zu.“ Warum er in dem „Morast des Veröffentlichungsjahres“ verharrt, so fragt er sich selbst. Doch diese Frage bleibt an diesem Abend eine rein rhetorische Äußerung. Als ich mich später im nach hinein zu dieser Veranstaltung informierte, las ich das sich die FAZ am nächsten Tag zu den Äußerungen des Literaturnobelpreisträgers nicht äußern wollte. „Das spricht für sich.“, kam nur von

Feuilletonchef Patrick Bahners gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Dagegen nannte der von Grass direkt angesprochene frühere Feuilletonchef der „Zeit“, Ulrich Greiner, den Vorwurf einer Kampagne haltlos. Er meinte, in seinem Blatt habe es zu der Wolf-Erzählung einen Pro-und einen Kontra-Artikel gegeben. Bei diesem Format sei es üblich, jeweils nur die positiven beziehungsweise die negativen Argumente zu bringen. Mein Eindruck war das Grass wieder Wellen angeschlagen hatte. Zwischen dem SS-Skandal und der Mediendiskusion über sein Gedicht „Was gesagt werden muss“, in dem er Israel kritisierte, hatte man den Eindruck, das Grass von einer Schlacht zur anderen zog und fortwährend die moralischen Horizonte Deutschlands frei zu sprengen versuchte.Christa Wolf war eine wichtige Schriftstellerin und wir hatten einen gemeinsamen Freund, der auch mit Familie Wolf gemeinsame Projekte realisiert hatte. Zudem war Christa Wolf zusammen mit ihrem Mann im selben Kunstverein Pankow e.V. wie ich. Allein deshalb war die Veranstaltung für mich schon ein Pflichtbesuch. Mit anderen Besuchern wie zum Beispiel Dr. Gesine Lötzsch, die damals noch die Parteivorsitzende der Linke war oder Matthias Platzeck, den Ministerpräsidenten von Brandenburg hörte man die verschiedenen Wegbegleiter Wolfs. Klaus Wowereit trug als erstes seinen Redebeitrag vor und verschwand dann noch während der laufenden Veranstaltung. Günther Grass hielt gegen Ende seinen provokanten Vortrag. Nach der Veranstaltung drückte ich Gerhard Wolf mein Beileid aus und sprach danach auch wieder mit Grass. Ich meinte zu ihm das mich seine Ausführungen zu den Medien, insbesondere seine Kritik stark daran erinnert haben wie die Medien ihn behandelt haben, aus seiner Sicht. Er meinte dann lachend: „Das ist wieder ein ganz anderes Thema!“. Ich nehme die beiden wichtigsten lebenden deutschen Schriftsteller als Beispiel für die Entwicklung der literarischen Zeit und für die das veränderte Deutschland, das seine Dichter und Denker erst würdigt und dann als Antisemiten beschimpft. Nachdem jemand seine größten Erfolge gefeiert hat, ist er eben noch gut für die größten Skandale. Und Deutschland nimmt den Begriff des Antisemiten gern zur Hand. Doch Nationalisten sind beide, jeder auf seine Weise. Jeder der beiden Autoren ist fest mit seinem Leben und der deutschen Historie verwachsen. Meine Begegnungen mit ihnen, hätte wahrscheinlich jeder Literatur-Begeisterte so erleben können. Doch so banal meine Treffen mit ihnen auch abliefen, so banal kann auch das Ende eines großen Lebens sein. Wie eine einstmals glühende Sonne die sich am Ende ihrer Existenz aufbläht und dann zu einem Weißen Zwerg zusammenfällt. Grass und Walser unterscheidet dennoch einiges. Grass seiner Meinung, muss man sein. Walser seiner Meinung, möchte man sein. Grass ist unsere moralische Anstandsdame, ungeliebt aber dennoch notwendig. Walser dagegen züchtet seinen Charme aus seinem Kampf mit den Rechtfertigungen. Das Recht zu fertigen ist ein Ansatz vergangener Generationen und somit aus unserem Gesellschaftlichen Fokus entschwunden. Was verschwunden ist suchen wir um es irgendwie zu finden, ob nun gut oder schlecht zu finden ist dabei fast egal. Beide haben jetzt schon mit ihren Geschichten Geschichte geschrieben. So wie einst Goethe und Schiller oder Thomas und Klaus Mann haben sie schon ihren Platz im Himmel der deutschen Literatur sicher. Auch wenn die Geschichte sie auf der Erde schon längst überholt hat. Auf der Erde, auf den Boden der Tatsachen ist Fiktion nicht viel wert. Die Prominenz ihrer Person überschattet jeden Lichtblick in ihren neuen Veröffentlichungen. Martin Walser traf ich im Mai 2012 im Nikolaisaal in Potsdam. Es war ein schöner warmer Frühlingstag den man leicht mit einem Augenblick im Sommer verwechseln konnte. Walser probte seine Lesung, dann durften die etwa 100 bis 150 Besucher reinkommen. Auffällig war das durchschnittliche Alter der Gäste mit über 50 Jahren. Später kamen auch einige junge Besucher dazu. Walser ließ sich nicht blicken bis alles soweit war. Sein junger Manager und seine junge Moderatorin umkreisten ihn. Nach der Anmoderation kam er von der ersten Reihe aufs Podium und hielt eine Lesung aus seinem Buch: „Meine Lebensreisen“. Das dauerte ungefähr 45 Minuten. Höchst routiniert, aber professionell wurde er zum alten Mann der sich selbst gern mal zurück nahm, oder es brachen seine Worte überraschend kraftvoll in schwungvollen Gestiken aus ihm hervor. Er war auch spontan und nicht wortkarg in seinen Kommentaren. Einmal verrutschte sein

Blatt im Buch und einmal stieß er seinen Kopf an seinem Mikrophon. Walser erzählte in Humorvoller Weise von seinen Aufenthalten in der DDR zur Leipziger Buchmesse, seinen Anekdoten in den USA und seine Erinnerungen aus seiner Zeit in Großbritannien. Er lernte Schauspieler Freunde in England kennen und die wollten das er doch zu ihnen ziehe, aber er erzählte ihnen das er daheim noch eine „Chicken Farm“ habe, die ihn braucht. Nach der Lesung gab es eine Diskussion mit viel Weißwein und dem Chefredakteur der Welt Gruppe. Der hatte ihn schon in den 60ziger Jahren einmal als Schüler interviewt. Die Fragen waren zahm und verzierten eher Walsers Antworten. Sie waren reine Stichwortgeber zu Walsers langen Ausführungen. Der Chefredakteur widersprach nicht Walser, sondern Walser widersprach eher ihm. Aber aufgrund einer Idee des Redakteurs hatte Walser seine Lebensreisen überhaupt veröffentlicht. Mit einem neuen Text und vielen alten Reiseberichten die allerdings vorher schon in so dicken Bänden erschienen sind das sie keiner mehr lesen wird, meinte Walser. Seinen Weißwein ließ er sich nach schenken und goß sich auch immer selbst noch was ein. Bis man den Eindruck hatte das er angetrunken sei. Trinken, damit man für seine Worte nicht verantwortlich sei, sagte er dazu und spielte auf eine Aussage in seinem Buch an. Er kritisierte auch Egon Bahr, der als entscheidener Vordenker und Mitgestalter der Ostpolitik der Regierung Brandt gilt, von 1972 bis 1974 Bundesminister für besondere Aufgaben und von 1974 bis 1976 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit war. Bahr soll vor der Wende immer für die Akzeptanz der deutschen Teilung gekämpft haben. Er soll damals wohl vor einen Krieg gewarnt haben, wenn man die Teilung Deutschlands nicht annimmt. Nach der Wende sterilisiert Bahr Brandt und letztendlich auch sich selbst als große Vordenker der Wende. Nach Walser war das jedoch ganz anders. Aber gut, meinte Martin Walser, das sind ja alles Fachmänner. Der Moderator bot dem Publikum an Fragen zu stellen. Es kamen drei Fragen. Von drei eher jungen Gästen. Ich war Fragesteller Nr. 2. Ich fragte ihn warum er bei seinem Roman „Brief an Lord Liszt“ den Protagonisten „Horn“ genannt habe. Für mich klinge das wie eine Disharmonie im Text. Walser hörte mit runzelnder Stirn zu, fragte nochmal nach wie ich das fand, der Moderator nannte wieder meinen Begriff Disharmonie und Walser antwortete mir ebenso wie den anderen Fragestellern. Seine Antworten auf der Bühne wirkten eher so als würde er die Fragen sehr uninteressant finden, aber dennoch waren seine Antworten spontane Vorträge nach allen Richtungen. Er begann in der Antwort an mich das ja jeder sein eigenes Buch liest und darin die Dinge sieht, die man selber sehen möchte. Er kann nicht sagen warum er ihn damals so genannt hatte. Meine Gedanken dabei waren: Welche Bedeutung steckt hinter dem Namen? Hat er eine Bedeutung? Lord Liszt klingt wie Listig und der Protagonist Krott klingt wie ein verzerrter Gott aus dem Buch „Überlebensgroß Herr Krott“. Aber Walser wollte sich nicht schon wieder rechtfertigen, sagte er und verschwieg einen Kommentar den er gerade noch sagen wollte. Dann nannte er Beispiele wo sich Namen von Figuren in seinen Texten unbewusst entwickelten. Lange Zeit, während des Entstehungsprozesses, hieß der eine so und so und dann plötzlich musste er wieder umbenannt werden. Ich selbst weiß aus meinem schriftstellerischen Handwerk das man stets eine Vorstellung von seinen Helden hat und dabei kann man deren Namen nur schwer willkürlich wählen. Manchmal steckt auch eine kleine Geschichte dahinter. Bei einem so klaren Namen wie Horn, der kein Müller oder Meier ist hätte ich mehr vermutet. Mir kam meine Frage auch sehr aufgesetzt und nebensächlich vor, aber mich interessierte ein flüchtiger Blick in die Werkstatt des sogenannten Meisters. Als nächstes bekam er, von einem anderen Gast, die Frage was für ihn das negativste sei. Er meinte das solle er lieber den Fragesteller fragen. Walser selbst tut sich immer schwer mit Superlativen, meinte er. Er wende sich auch immer mehr den positiven Dingen zu, wenn es schon Superlative sein müssen, da sie ihn mehr reizen. Walser sprach unter anderem auch von seinem neuen Buch: „Das 13. Kapitel“, das im September 2012 erscheinen wird. Dieses Buch bildet den Abschluss einer Trilogie. Ebenso wie Goethe drei Gedichte zu der „Trilogie der Leidenschaften“ zusammengefasst hatte, am Ende seines Lebens, so fasse er auch seine drei letzten Bücher zu einer Trilogie zusammen. Man könnte sie „Trilogie des höheren Scheiterns“ nennen, meinte er. Dann später sagte er noch einmal das er sie wirklich so nennen wird. „Danke Potsdam!“, rief er zum Publikum das ihm applaudierte. Die Lesung hatte ihm einen guten Titel gebracht und das Publikum war live dabei

wie Martin Walser dichtete. Dies alles waren interessante Erfahrungen, aber nicht alle seinen Worte empfand ich als sensibel genug. Er hatte auch einen negativen Ton in seinen Erinnerungen an die DDR eingeschlagen. Er machte sich in seinem neuen Werk lustig über die DDR-Grenzkontrolle, lobte das unbewohnte Land, nannte es brüderlich naiv und sein Moderator meinte wir wären uns ja alle einig das der DDR Staat ein sehr schlechter war. Aber dabei hatte er hoffentlich nur das Regime im Auge, denn in der ehemaligen DDR gab es einen Alltag der nicht nur Unterdrückung oder Konsummangel darstellte. Man wird den Menschen nicht gerecht die in so einem Staat lebten und zuhause waren, wenn man den Staat als gesamtes verteufelt. Sein Blick blieb trotz DDR-Besuche ein Blick von außen und er muss fast aufpassen das dieser Blick nicht von zu großer Höhe gesenkt wird. Nach dem ganzen Trubel konnte ich mich dann etwas besser mit Walser unterhalten. Ich stellte mich ihm vor als derjenige der die Horn Frage gestellt hatte. Er sagte mir dann etwas was er auf der Bühne wohl nicht sagen wollte, oder was ihm da noch nicht zu eingefallen war. Der Franzl Horn seiner Geschichte käme wohl noch in einer anderen Geschichte vor. Ich zeigte ihm das Buch „Brief an Lord Liszt“ und zwar in der 1. Auflage vom Aufbau-Verlag aus der DDR. Es war eine Bibliotheks-Ausgabe von 1984. Sogar noch mit dem Schein von der Bibliothek drin. Walser nahm das Buch verwundert in die Hand und schaute auf den Haupttitel im Buch. Dann meinte er, das habe er noch gar nicht gewusst das der Aufbau-Verlag dieses Werk von ihm veröffentlicht hat. Ich stellte mich ihm als Autor vor. Seine Miene hellte gleich auf und er reichte mir seine Hand und begrüßte mich so gleich erfreut. Ich schenkte ihm das Buch „Strandgut“ von mir und er bedankte sich überrascht. Er meinte dann, er hätte auch schon mal so einen ähnlichen Titel verwendet. Er hätte mal einen Text mit „Strandfest“ betitelt. Ich fragte ob er das Buch auch signiert haben wollte und so kam es das ich auf einer Martin Walser Autogramm Stunde, Martin Walser ein Autogramm von mir gab. Er bedankte sich. Dann erklärte ich ihm kurz den Titel meines Buches, das ja eine Sammlung von Kurzgeschichten sei, die sehr unterschiedlich sind. Strandgut kann auch sehr unterschiedliche Dinge beinhalten, wertvolle oder wertlose, aber Strandgut ist auch etwas chaotisches. Daher die Verbindungen zu meinen Geschichten. Walser hörte wieder mit gerunzelter Stirn zu und ich hatte den Eindruck das er zwar aus Höflichkeit zuhörte, aber keinerlei Meinung dazu hatte. Er überflog auch die einzelnen Titel im Inhaltsverzeichnis. Ich sollte ihm dann auf der letzten Seite im Buch meine Adresse und meine email aufschreiben. Wenn ihn das Buch anspricht und ihn beeindruckt dann würde er sich melden, meinte er zu mir. Aber im Alter wird auch die Kraft und die Zeit immer weniger, sagte er noch. Ich erwiderte das könne ich verstehen. Dann erzählte ich auch noch von meinem Verlag kurz, in dem ja auch der Autor Johannes Jansen veröffentlicht, der ansonsten im Suhrkamp Verlag seine Bücher herausbringt, ebenso wie Walser einmal. Aber ihm war Walser kein Begriff. Wenn ich nicht von ihnen höre, dann lese ich von ihnen, sagte ich zu ihm. Oder ich lese von ihnen, meinte er daraufhin zu mir. Na ich glaube nicht, entgegnete ich wiederum, sie sind ja viel bekannter als ich. Da lachte er. Was soll man miteinander reden wenn man sich nicht wirklich kennt oder auch keine gemeinsamen Erlebnisse hat? Aber redet nicht auch ein Autor ständig zu einem Publikum das er nicht wirklich kennt und vor dem er sich dennoch geistig entblößt? Ich selbst habe einen flüchtigen persönlichen Eindruck von den Autoren gewinnen dürfen, die in der Welt der Literatur soviel beeinflusst haben und mir wurde einmal mehr deutlich, wie stark das Werk eines Autors seiner Biografie widersprechen oder bestätigen kann. Ebenso wie die Literatur die Zeit in der sie entstanden ist widersprechen oder auch wieder bestätigen kann. Der eine fragt nach der Rechtfertigung hinter dem Wort und der andere verschickt Gedichte, wie Firmen ihre Mahnungen. Was wird danach kommen? Und mit dieser Frage könnte meine kleine Geschichte gut enden, wäre da nicht noch der dritte Poet. Der Gott des Weines Bacchus hat Grass und Walser geholfen und er wird auch nachfolgenden Autoren helfen. Wer nach meinen Gedanken zu diesen beiden Autoren nicht doppelt sieht, kann ein Trinkspruch auf Bacchus anstoßen: „Ist das Leben noch so schwer, ist das letzte nette Wort schon lange her, denk dran Wein schmeckt auch sauer, doch mit der Dauer, wird man blauer und schließlich davon schlauer.“

 

Ende

 

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