Solidarität International

Winfried Wolf(Lunapark) zu Griechenland

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http://www.perspektive.nostate.net/files/griechenland_2015_winfried_wolf.mp3

Author

Winfried Wolf

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Die Nutzung strategischer Organisationsanalyse zum Zwecke der internationalen Solidarität

Anläßlich der Lage der Griechen habe ich eine Analyse strukureller und damit auch politischer Macht "ausgegraben", von der ich mir erlaube zu meinen, dass diese Überlegungen gerade auch für die Arbeiterklasse im politischen Raum nützlich sein können, insoweit sie sich gemeinschaftlich über nationale Grenzen hinweg strategisch bedeutsame Räume aneignet, um sich Macht anzueignen und für ein gutes Leben zu nutzen.

 

Strategische Organisationsanalyse

 

Michel Crozier/ Erhard Friedberg, "Macht in Organisationen"

 

 

Entstehung:

 

Das Buch von Crozier/Friedberg entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Wissenschaftszentrum Berlin (West) mit dem Centre Sociologie de Organisation Paris. Erhard Friedberg hat seinen Beitrag im Rahmen seiner Mitarbeit im Forschungsbereich "Politik und Verwaltung" des Wissenschaftszentrums Berlin erarbeitet. Das Buch erschien zuerst in Frankreich, 1979 dann auch in Deutschland.

 

Die Methode:

 

Die Forscher haben die induktive Methode ausgewählt, d.h. die Methode des Schließens vom Besonderen auf das Allgemeine. " Will die strategische Analyse der nicht aus der Welt zu schaffenden Kontingenz des zu untersuchenden Phänomens Rechnung tragen, so muß sie den Weg des hypothetischen induktiven Vorgehens einschlagen, das durch die Beobachtung, den systematischen Vergleich und die Interpretation der vielfältigen, in dem zu untersuchenden Handlungssystem ablaufenden Interaktions- und Tauschprozesses seinen Forschungsgegenstand nach und nach erstellt und immer genauer erfasst. Alles in allem ein Verfahren also, das sich der gelebten Erfahrung der Beteiligten bedient, um immer allgemeinere Hypothesen über die Merkmale des Ganzen aufzustellen und zu verifizieren." (S.241)

 

Der Forscher hat die bewerteten Praktiken nicht zu bewerten, sondern zu verstehen.(S:92) das Ziel seiner Arbeit ist es ja gerade, hinter dem scheinbaren Sinn oder Unsinn der beobachteten Phänomene deren tieferen Sinn zu suchen und zu finden, d.h. die besonderen Zwänge aufzudecken, die scheinbar "irrationalen" Verhaltensweisen und Reaktionen ihre Rationalität wiedergeben.

 

Im 1. Schritt hat er sich eine Position der kritischen Distanz geschaffen, um seine Autonomie und seinen kritischen Blick auf das untersuchte Feld zu wahren.

 

Im 2. Schritt muss der Forscher in das Feld "einsteigen", um sich an die Stelle der Verschiedenen Akteure zu versetzen und die Logik der verschiedenen Situationen für sich selbst nachzuvollziehen.

 

Im 3. Schritt muss er die vielfältigen, von ihm beobachteten Rationalitäten oder Strategien miteinander konfrontieren und vergleichen, um so nach und nach zu den Merkmalen und Regeln der impliziten, das beobachtete Feld strukturiernde Spiele zu gelangen.

 

Zum 4. muss er das aussondern, woraus er Aufschluss über die Wirklichkeit der Machtbeziehungen zwischen den Akteuren und ihrer Interaktion steuernden Regeln gewinnt, sein Verfahren kann auch Nachdenken über Abweichungen genannt werden.

5. Dem Erleben der Beteiligten wird eine entscheidende Rolle zugeschrieben. Daher wird die Technik des Interviews privilegiert.

 

6. Der Rückgriff auf das Erleben der Beteiligten ist zwingend für die ernsthafte Kenntnis des Feldes.

 

Für Crozier/Friedberg sind Organisationen der Austragungsort ausgeklügelter Spiele.

Spiele sind hier im Sinne von "games" zu verstehen. Es geht darum zu gewinnen und die Organisation als ganzes aufrecht zu erhalten.

 

Die Akteure organisieren Integrationsformen, die die notwendige Zusammenarbeit zwischen Akteuren ermöglichen, ohne deren Freiheiten, d. h. deren Möglichkeiten widersprüchliche Ziele zu verfolgen, zum Verschwinden zu bringen. (S.42)

 

"Diese Konstrukte wirken indirekt und bestimmen nicht direkt das Verhalten der Akteure. Sie richten mehr oder weniger lose, mehr oder weniger bewusst strukturierte Spiele ein, deren Beschaffenheit und Regeln eine Reihe von möglichen Gewinnstrategien aufzeigen. Die Akteure können und müssen zwischen den Strategien wählen." (S:121)

 

Reichen die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen, können die Akteure gegen diese Spiele spielen. Sie können eine Strategie einnehmen, die kurzfristig Verluste bringt, in der Hoffnung oder mit dem Ziel, dass das Spiel/die Spiele sich zu ihren Gunsten umkehren werden. Die Spiele bleiben offen und ihr Zwang bleibt indirekt. Ein Akteur muss eine der möglichen Gewinnstrategien einnehmen, solange er das

Spiel fortsetzen und sicherstellen will, dass seine Teilhabe am Spiel ihm Vorteile bringt. Durch dieses Tun trägt er unabhängig von seinem Willen zur Erreichung der Gesamtziele bei.

 

Kollektives Handeln ist allerdings nie grundlos, sondern immer ein Bündnis der Menschen gegen die Natur, mit dem Ziel materielle Probleme zu lösen.

Die zu diesem Zweck geschaffenen Konstrukte strukturieren die Probleme zwar um, können aber von deren wichtigstem Element der Ungewissheit nicht abstrahiert werden.

 

Jedes Problem beinhaltet eine gewisse Ungewissheit im Hinblick auf die Lösungsmöglichkeiten. Dies stellt die grundlegende Ressource in jeder Verhandlungsbeziehung dar.

 

Vorhandene Ungewissheit wird von den zur Kontrolle fähigen Akteuren in ihren Verhandlungen mit den davon abhängigen Akteuren benützt.

 

Ungewissheit vom Blickpunkt der Probleme ist Macht vom Blickpunkt der Akteure:

Die Beziehung der Akteure, sowie die Beziehung zu den sie betreffenden Problemen schreiben sich also in ein egalitäres Handlungsfeld ein, das durch Macht und Abhängigkeitsverhältnisse strukturiert wird. (S.13)

 

Die Akteure sind gegenüber den relevanten Ungewissheiten des Problems nicht gleichgestellt.

 

Diejenigen, die dazu fähig sind (Ressourcen, Situation, Fähigkeiten) diese Ungewissheiten zu kontrollieren, werden ihre Macht dazu benützen, um ihren Standpunkt anderen aufzuzwingen.

 

Ein Problem als solches existiert im übrigen nicht.

 

Um abgearbeitet und gelöst werden zu können, muss es immer umdefiniert werden, entweder um es den Merkmalen der schon bestehenden Spiele anzupassen oder um die Schaffung diese "künstlichen" Ungewissheiten zu ermöglichen, ohne die es keine Verhandlung, kein Spiel geben kann.

 

Die autonome Vermittlung der Konstrukte kollektiven Handelns, die ihre eigene Logik entwickeln und ihre eigenen Anforderungen haben, schiebt sich zwischen das Problem und seine Lösung. Da man nur das wahrnimmt, was man lösen kann, was im Rahmen der schon bestehenden Konstrukte behandelbar ist, ist die Schlussfolgerung klar:

 

Als Instrumente und Mittel sind die Konstrukte kollektiven Handelns zugleich auch Zwänge für die Art und Weise dieser Lösungen, wenn sie sie nicht vollständig verhindern.

"Jede Struktur kollektiven Handelns stellt sich als Machtsystem dar. Sie ist ein Machtphänomen, das als solches zugleich Auswirkung und Ausübung von Macht beinhaltet."(S.14) Jede ernstzunehmende Analyse kollektiven Handelns muss also Macht in das Zentrum der Überlegungen stellen, den kollektives Handeln ist im Grunde nichts anderes als tagtägliche Politik. Macht ist ihr Rohstoff. (S.14)

 

Macht ist eine unausweichliche nicht aus der Welt zu schaffende Dimension des Werdenden wie des Bestehenden, der Bewegung wie der Stabilität, mit einem Wort des sozialen Handelns überhaupt. (S.15) im Grunde ist Macht eine Beziehung," die als spezifische und autonome Vermittlung der widersprüchlichen Ziele der Akteure immer an eine Spielstruktur gebunden ist: diese Struktur umschreibt und definiert die Relevanz der "natürlichen" und "künstlichen" Ungewissheitsquellen, die diese kontrollieren können. Macht ist grundlegende und unausweichliche Dimension jeder Sozialen Beziehung, die sich immer als ein Verhandlung und Integration beinhaltendes Embryon kollektiven Handelns analysieren lässt. (S.17) Macht stellt einen täglichen Mechanismus unserer Existenz dar. Wir verwenden sie ständig in unseren Beziehungen. Unsere Beziehungen mit anderen sind Machtbeziehungen in dem Maße wie wir existieren wollen, statt einfaches Mittel zu werden, relativ autonomer Akteur werden wollen.

 

In Organisationen ist der Mensch weder nur Hand (Taylor), noch Hand und Herz (Human Relation) sondern vor allem auch Kopf, das heißt Freiheit, er kann manipulieren und berechnen und sich den Gegebenheiten seiner Gegner erfinderisch anpassen.

 

Eine Organisation ist von daher nicht durchsichtige Gesamtheit, sondern ein Reich von Machtbeziehungen, von Einflussnahme, Feilschen und Berechnung. Die Konflikt geladenen Beziehungen lassen sich nicht in ein integriertes logisches Schema einordnen, sie dienen unzähligen Akteuren als Mittel sich, allerdings in sehr ungleichem Ausmaß bemerkbar zu machen und auf das System und ihre Gegenspieler Druck auszuüben.

Menschliches Verhalten ist auf keinen Fall dem mechanistischen Druck des Gehorsams oder des Drucks struktureller Gegebenheiten gleichzusetzen, es ist immer Ausdruck und Verwirklichung einer noch so geringen Wahl.

 

Bei der Untersuchung von Gruppen ist zu unterscheiden zwischen apathischen Gruppen, denen es an Gelegenheit und Fähigkeit fehlt zu agieren, eratischen Gruppen, die über Gelegenheiten verfügen, denen es aber wegen der großen Zahl ihrer Mitglieder und der Art ihrer internen Beziehungen schwer fällt sich in organisierter und kontinuierlicher Zahl zusammen zu tun und konservativen und strategischen Gruppen, die weniger Mitglieder und größere Interventionsfähigkeiten haben. Sie können nicht nur vorhandene Fähigkeiten besser ergreifen, sondern ihnen kann es auch gelingen, sich daraus neue zu schaffen.

(S.31)

 

Unter gewissen Umständen können die eratischen Gruppen das Mittel entdecken, um sich zu organisieren, und so die ihnen offenen Gelegenheiten besser ausnutzen. Die apathischen Gruppen, indem sie eine Fähigkeit entwickeln, Handlungsgelegen-

heiten entwickeln, oder sie können durch Entdeckung einer Gelegenheit kollektive Fähigkeiten ausbilden.

Nichts steht hier im voraus und für alle Zeit fest.

 

Die Akteure treffen die Wahl zwischen mehreren möglichen Optionen.

"Die Handlungsfelder bestehen aus Akteuren, die denken, auch wenn sie nicht alle Fakten besitzen; die Absichten haben, auch wenn es nicht immer gelingt ihre ziele zu erreichen; die fähig sind eine Wahl zu treffen, auch wenn diese nur intuitiv erfolgt; und die sich in intelligenter Weise einer Situation anpassen können oder zumindest der Wahrnehmung, die sie davon haben, und demgemäß ihr Handeln entwickeln".(S.202)

 

Die Strategien, die Akteure entwickeln, müssen weder mit dem Willen des Akteurs identisch noch immer bewusst sein:

 

"Tatsächliches Handeln macht Bewusstsein und Routine, Intuition und explizites Kalkül, Reaktivität und Antizipation zu einem analytisch vielleicht auflösbaren, empirisch aber unentwirrbaren Knäuel.2(S.152)

 

Der Begriff der Strategie deckt hier zum Aufdecken von Strukturen. Die Motive der Akteure werden nicht aufgedeckt. Strategie ist ein Erklärungsbegriff für das Verhalten von Akteuren in einem bestimmten Kontext, "zudem entscheiden die Akteure in einem Kontext begrenzter Rationalität in sequentieller Weise und wählen für jedes zu lösende Problem die erste Lösung, die seiner Meinung nach einer minimalen Befriedigungsschwelle entspricht." (S.33).

 

Da die radikale Umverteilung von Unten nach Oben innerhalb Europas nicht bei den Griechen haltmachen wird, liegt es im Interesse der Arbeitenden und Arbeit suchen-den,wie auch der Erwerbslosen und Marginalisierten, einen Schuldenschnitt für Griechenland durch zu setzen.

Zu diesem Zweck reicht es aus, die wichtigen Zentren der kapitalistischen Ordnung in Europa zu bestreiken, wir z. B. die Rechenzentren der Banken und Konzerne, wichtige Bereiches des Transportes. Das allerdings würde das Machtgefälle zwischen Arbeit und Kapital zugunsten derer verschieben, die nichts zu verkaufen haben, als ihre Arbeitskraft.

 

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