EDELWEIßPIRATEN Rezensionen zur Berlinale 2005 [Widerstand, Köln]

Teaser

Von der U.S.-Army werden sie aus dem Gefängnis der Gestapo (Geheime Staats-Polizei) befreit, sehen die früheren Bewacher und Misshändler an sich vorüberziehen. Auf der Treppe bittet der eine Gestapo-Bulle, ein Wort für ihn einzulegen, aber Edelweißpirat Karl Ripke brüllt: Nein ! Hätte der Bulle, wie versprochen, Karl und seinen Bruder Peter vor dem Galgen gerettet, ja dann, aber so nicht – denn „Edelweißpiraten sind treu“. Nun hatte Peter aber seine Haut gar nicht retten wollen, war beim Gestapo-Verhör stur geblieben. Ist Karl ein Schwein ? Jedenfalls verstehen wir seine Gefühle. Hollywood: viel Herz in der Brust; viele Gefühle, die alle überall jederzeit verstehen können.

Author

Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !

 

(Rezension.net: 4.3.05)

 

Titel: EDELWEISSPIRATEN
Land: Deutschland
Jahr: 2004
Regie: Niko von Glasow
Buch: Kiki von Glasow
Mit: Ivan Stebunov, Bela B. Felsenheimer, Jochen Nickel, Anna Thalbach, Jan Decleir, Simon Taal, Jean Jülich, Florian Wilken, Dominik Bromma, Johannes Schaller, Pavel Metyanin, Volker Röhlich, Svetlana Gajtan, Wolfgang Michael, Susanne Bredehöft, Sergej Bekhterev, Olga Vassilieva
Produktionsleitung: Niko von Glasow, Antje Paul
Kamera: Jolanta Dylewska
Musik: Andreas Schilling
Dauer: 95 Min.; Farbe
Kinostart:
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, http://www.rezension.net/

 

 

 

Liebe, Eifersucht, Gewalt, Treue, Widerstand, Verrat

 

Ein echt „kölscher“ Film über Nazizeit, Rettung vor dem KZ und –vielleicht- vor dem Holocaust, Antifa-Punks von damals. Hollywood-Qualität, in Sibirien gedreht

 

Von der U.S.-Army werden sie aus dem Gefängnis der Gestapo (Geheime Staats-Polizei) befreit, sehen die früheren Bewacher und Misshändler an sich vorüberziehen. Auf der Treppe bittet der eine Gestapo-Bulle, ein Wort für ihn einzulegen, aber Edelweißpirat Karl Ripke brüllt: Nein ! Hätte der Bulle, wie versprochen, Karl und seinen Bruder Peter vor dem Galgen gerettet, ja dann, aber so nicht – denn „Edelweißpiraten sind treu“. Nun hatte Peter aber seine Haut gar nicht retten wollen, war beim Gestapo-Verhör stur geblieben. Ist Karl ein Schwein ? Jedenfalls verstehen wir seine Gefühle. Hollywood: viel Herz in der Brust; viele Gefühle, die alle überall jederzeit verstehen können.

Der Anfang des Films ist also das Ende. März 1945, der Zweite Weltkrieg und das Nazireich sind beinahe vorbei, die Stadt Köln liegt in Trümmern und das schon seit die alliierten Luft-Bombardements begannen. Überall in der Heimatstadt können Leichen liegen und der Armee-Bote berichtet den Witwen von Leichen an den Fronten. (Seine Nachrichten sind nicht immer wahr, der kecke schwarze Humor des Films will es, dass er manchmal die Todesnachricht nur vorgibt, um zum Trost mit der vermeintlichen Witwe, kölsch gesagt, zu „poppen“.) Die Gestapo versucht bis zum letzten Moment die Disziplin einzufordern, ist dafür mit Folter und Todes“strafe“ schnell bei der Hand. Und das Grüppchen, das sie gefangen hält, gehört zu den „Edelweißpiraten“.

Edelweißpiraten ? der Name ist aus Versatzstücken jugendlicher Romantik zusammengesetzt, die Teilnehmer meist junge Männer, nennen wir sie „proletarisch“ oder „plebejisch“, denn mit  Partei-Ideologie oder Partei-Buch etwa der Kommunisten hatten sie wenig im Sinn. Das Flugblatt der „Volksfront“ an die „Arbeiter und Soldaten“: „Keine Stunde für den Krieg“ war nicht ganz typisch für sie. Eher „kloppten“ sie sich mit der Hitlerjugend, und zu der Zeit auch schon mal mit Schusswaffen. An die Wände malten sie Parolen gegen den Hitlerkrieg: „Wahnsinn“. Während des Bombenalarms gingen sie nicht in die Bunker, „dort sterben doch die meisten“. Sie halfen Zwangsarbeitern.

Karl Ripke prügelt sich als Edelweißpirat (einer von fünf; es gab wohl ein paar hundert) mit der HJ, sein jüngerer Bruder Peter gehört zu diesem Verein, so wird sich zu Hause übers Radio gestritten, ob das Horst-Wessel-Lied erklingen soll, „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen“, oder Churchills Ansprache an die Deutschen aus dem „Feind“sender. (Dass Hitler das Attentat vom 20. Juli 1944 lebend überstanden hat, interessiert sie beide …) Wenn sie sich draußen begegnen, schauen sie weg: sie vermeiden Gewalt unter Brüdern. In der Wohnung ist sonst niemand: die Mutter starb im „human bombing“, der Vater ist Soldat an der Front, der älteste Bruder, Otto, ist gefallen. Otto’s „Witwe“ Cilly (sie waren verlobt) hat zwei Kinder, die sie irgendwie durchzubringen versucht; Karl hilft der Schwägerin dabei.

Bei Cilly –am wenigsten verdächtig, weil kein Mann in der Wohnung- verstecken die Edelweißpiraten einen geflohenen KZ-Häftling, Hans Steinbrück, und pflegen seine Verletzungen. Cilly –schließlich sind wir im Kino- verliebt sich in ihn (auch in Kellern und Trümmern zeigt der Film Liebesszenen), aber sie verliebt sich nicht gleich über beide Ohren, und schon gar nicht ist Hans für Cilly der „Feldherr“. Als die Nachricht kommt, der Vater des Brüderpaars sei im Krieg gefallen, und unzensiert durchgekommene Briefe deutlich machen, dass er den Krieg verabscheut und die Nazis gehasst hatte, wechselt Peter unter Tränen die Seiten. Auch er macht nun, statt bei der HJ, bei den Edelweißpiraten mit; zum Geburtstag wird er mit dem Edelweiß-Abzeichen dekoriert; alles geheim, selbstverständlich. Und er bewundert an Hans auch den Feldherrn: statt sich „nur“ zu prügeln mit der Nazi-Jugend, sollte das nahegelegene Gestapo-Hauptquartier in die Luft gesprengt werden. Hans hat viel Geld besorgt und organisiert den Auto- und Waffenkauf damit. Für Karl ist das eine „zu große“ Aufgabe, ein bisschen geht es zu wie zwischen Sponti-Straßenkampf und Roter Armee-Fraktion: Soldat werden (wenn auch auf der richtigen Seite), Krieg führen: nein danke. Zudem ist er ein bisschen eifersüchtig auf Hans, auch er macht Cilly schöne Augen, gilt ja aber noch nicht als Erwachsener. In einem Moment sieht Hans, wie sich Karl und Cilly küssen, und reißt sie auseinander.

Aber die meisten in der Gruppe stimmen dem vorgeschlagenen großen Anschlag zu. Das Vorhaben kommt heraus, nachdem der Nazi-Ortsgruppenleiter erschossen wurde. Auch der Papierkauf für das Flugblatt hinterließ eine verdächtige Spur. So tritt die Gestapo an zur Razzia auf das Haus. Sie findet im Keller zwei Jüdinnen –mit Papieren-, die Zuflucht gefunden hatten, und einiges an gesammelten Waffen. Die Edelweißpiraten sind zu schwach, um Cilly zu befreien, die von der Gestapo als Geisel festgehalten wird, und die meisten aus der Gruppe werden gefangen genommen.

Karl will nun Peter retten, aber Peter will Hans retten, nicht sich selbst. Die Gestapo nutzt jeden gegen jeden, um Geständnisse zu erpressen, und in dieser Zwangslage versucht Karl einen Deal mit der Gestapo abzuschließen, um Peter und Cilly vom Galgen zu retten. Aber er „verrät“ damit den Konkurrenten Hans und damit auch seinen Bruder Peter. Aus Liebe zu Cilly: eine Tücke des verliebten Dreiecks. Hilft der Gestapo das Gegeneinander-Ausspielen nicht, so wird gefoltert. Doch Peter bleibt an der Seite von Hans, den Karl wegen seiner neuen Verwundungen schon aufgegeben hat – „dem können wir nicht mehr helfen“. Jetzt hält Peter, der einstige Hitlerjunge, seinem Bruder, der ihm sagt, er solle nicht den Helden spielen, den Spruch vor: „Edelweißpiraten sind treu“. In einer spannungsgeladenen Szene versucht der Gestapo-Mann dem Jungen den mit deinem Bruder geschlossenen „Deal“ anzudienen. Peter aber kann nicht sicher sein, ob der fürsorglich tuende Nazi ihn nur reinlegen will, und sein Ja zum Galgen ist in diesem Augenblick nicht Romantik, sondern auch der rationalste Weg und der bestmögliche Schutz für die anderen.

Gespenstisch und rührend, wie die „Fürsorge“ als kommunale Behörde noch funktioniert: sie will Cilly’s Kinder –vaterlos- wegen „Verwahrlosung“ ins Kinderheim bringen, und eines Tages werden sie tatsächlich abgeholt. Cilly aber hat sich in der großen Blumenvase eine Pistole zur Seite gelegt, sie geht in die Schule, holt die Kinder mit vorgehaltener Waffe wieder raus; die sind begeistert.

Jean Jülich, Zeitzeuge aus Köln, berichtet diese Geschichte aus dem Herbst 1944. Er hat selbst Jahrzehnte dafür kämpfen müssen, dass die Edelweißpiraten –und damit auch er selbst- anerkannt wurden, wenigstens als „Nicht-Verbrecher“. Nicht mal unbedingt als: Widerstandskämpfer, so weit sind wir wohl nach Jahrzehnten noch nicht, obwohl die Zeitgeschichte ihre Pflicht getan hat und den Sachverhalt belegt. Denn die Edelweißpiraten wurden in Nachkriegsdeutschland erst einmal als gewöhnliche Kriminelle angesehen; dass sie mit der Gestapo Knatsch hatten, na und ? das beweist noch lange nicht, dass es „politisch“ war !! 1984 gab es die erste Ehrung bei den „Gerechten unter den Völkern“ im israelischen Yad Vashem, wo unter anderen auch Schindlers gedacht wird.

Im Abspann darf nicht fehlen – die Augen kugeln mir aus dem Kopf-: „Akademie för us kölsche Sprach“ oder so ähnlich. Jedenfalls heißen die Jungs natürlich anders als in der Besetzungsliste des Films angegeben, ‚nämlisch Dölfes un’ Barthel un’ Bubbes un’ so wat alles’. Heimatlich eben.

Die Entstehung des Films ist ein Drama für sich. Glasow hatte lange und vielfach vergeblich um die Finanzierung gekämpft. „Der Widerstand gegen den Film war groß und lang“, sagt er, und auf Nachfrage nur: das habe mit Sigmund Freud zu tun, die Edelweißpiraten seien eben bis heute nicht anerkannt, es gebe bis heute ein angstvolles Verhältnis zur Nazizeit. Und mit Arbeiterjungen könnten sich die Leute, die Geld haben, nun mal nicht identifizieren. Als zum ersten Mal eine Kölner Schule nach Edelweißpiraten benannt werden sollte, hieß es vom sozialdemokratischen Innenminister, man könne doch eine Schule nicht nach Verbrechern benennen. Ein Gutachten musste her, um zu belegen, dass der Widerstand der Edelweißpiraten „auf ethischer Basis“ geleistet wurde. Das seien eben die Schmuddelkinder des Widerstands, nicht wie die adeligen Offiziers-Herrschaften des 20. Juli 1944, aber auch nicht wie die gewaltfreien BildungsbürgerInnen der Weißen Rose, oder vielleicht auch nicht die Mischung mit Parteisoldaten wie bei der Roten Kapelle. „Aber nach Yad Vashem – soviel Zucker war nie“, erinnert sich Glasow …

Immerhin, so Jean Jülich, hängt jetzt in Köln-Ehrenfeld eine Gedenktafel – und es gibt eine große Ausstellung „genau in dem Gebäude der Gestapo, das wir in die Luft sprengen wollten“.

Von der Produktionsfirma Palladio Film wurde viel in Russland gedreht, genauer gesagt, in Sibirien, es war sehr hart und sehr kalt. Klar, es ging auch um die Kosten, doch Glasow schildert auch die Zusammenarbeit als eine Freude. Zum Beispiel bei den vielen Stuntmen, die so ein Film braucht. Ein wunderbares Denkmal hat der Film dem russischen Schauspieler Ivan Stebunov in der Rolle des Karl gesetzt: der sprach kein Deutsch, also musste alles synchronisiert werden – aber der endlose, abgründige „Nein“-Schrei gegen den Gestapo-Mann, ganz zum Schluss, der ist Stebunov im Original, und dabei bleibt es.

Wie streitig die deutsche Vergangenheit nach wie vor ist, wie viel stärker Stalingrad im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung die Nazi-Verbrechen verkörpert als der Holocaust –klar und banal, das eine konnten die Nazis nicht verheimlichen, das andere konnten sie weitgehend abschotten-, zeigt die Nachfrage über Edelweißpiraten und Holocaust. Was wussten sie von der Judenvernichtung (nicht „nur“ -verfolgung), was taten sie dagegen ? Niko von Glasow vertritt die Auffassung, dass sie von den Vernichtungslagern wussten. Sie wurden über die Straße getrieben, im Raum Köln allein gab es 150 Lager, und wem das nicht reichte, wusste aus Hitlers „Mein Kampf“: wir machen sie platt. Jean Jülich sieht es anders: Buchenwald war ziemlich neu, Treblinka weit; wir hörten nur Volksempfänger mit Goebbels-Reden; den Tag über hatten wir im Betrieb zu arbeiten, also immer auf der Hetze. Dass sie verfolgt wurden – ja; dass die Gestapo grausam war – wir spürten’s am eigenen Leib. Aber dass sie ermordet wurden, das bekamen wir nicht mit.

Für die praktischen Aktionen des Widerstands der Edelweißpiraten machte das keinen Unterschied: Sie halfen, wo sie konnten, Juden wie anderen; sie bekämpften die Nazis, wegen der Verbrechen gegen die Juden wie allen anderen.

„Edelweißpiraten“, könnte ich mir vorstellen, wird man in einem Atemzug mit Schindlers Liste nennen. Aus der historisch-authentischen Grundlage wurde ein „richtiger“ großer Spielfilm gedreht. Mit kongenialen SchauspielerInnen, mit einer Geschichte, die alle großen wichtigen Gefühle aufruft –übrigens intelligenter, mit mehr Zulassung von Widersprüchen, als Hollywood meistens fertig bringt-, die ans Herz geht, ohne den Verstand gering zu achten. Die eine heimat-nahe Erinnerungsarbeit fördert. - Und dass im fernen kalten Russland gedreht wurde, nicht in den legendären Studios von Hollywood, ist wohl mehr als eine Zufalls-Pointe. Die östlichen Länder mit ihrer Holocaust-Geschichte sind so wichtig in dieser Epoche, und sie haben gerade erst angefangen zu erzählen.

 

Richard Herding
16.02.2005

 

Persönliche Anmerkung des Rezensions-Schreibers: Aus der antifaschistischen Punk-Szene in Westdeutschland wird berichtet, dass die „Edelweißpiraten“ Vorbild waren, dass sich Gruppen nach ihnen benannten. Ich danke Jan Oppermann, Neu-Berliner aus dem Saarland, sehr für diesen Hinweis.