MÄNNER, HELDEN UND SCHWULE NAZIS Rezensionen zur Berlinale 2005 [Homosexualität & Rechtsextremismus]

Teaser

Ein unerwartetes Erlebnis. „Der“ schwule Filmemacher des Landes bringt in Wort und Bild (und Podium) zusammen: einen früheren Skinhead-Aktivisten, Andre; Bernd Ewald Althaus, einst im Knast als „Auschwitz-Lüge“-Lügner und „Lebender Beweis dafür, dass Hitler wieder kommen kann“; Alexander Schlesinger, so heißt es: aus einer ungenannten rechtsextremen Partei; Jörg Fischer, Ex-Neonazi und heute im Bund der AntifaschistInnen; Soziologieprofessor Rüdiger Lautmann; Internet-Journalist Rainer Fromm. Sich mit einem heutigen bekennenden Neonazi in eine Reihe stellen ? In diesem Avantgarde-Projekt machte das Sinn, und Praunheim konnte es plausibel darstellen ...

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Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !

 

(Rezension.net: 4.3.05)

 

Titel: MÄNNER, HELDEN UND SCHWULE NAZIS
Land: Deutschland
Jahr: 2004
Regie und Buch: Rosa von Praunheim
Produktionsleitung: Rosa von Praunheim
Kamera: Lorenz Haarmann
Dauer: 90 Min.; Farbe
Kinostart:
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, www.rezension.net

 

 

 

Richtige Männer:

 

Rosa von Praunheim bricht mutig ein Tabu, das eigentlich keines ist: schwul und rechts außen, das gab es schon immer (War Hitler . . . ?) Es gibt aber auch Lernen, Humor und Kritik

 

Ein unerwartetes Erlebnis. „Der“ schwule Filmemacher des Landes bringt in Wort und Bild (und Podium) zusammen: einen früheren Skinhead-Aktivisten, Andre; Bernd Ewald Althaus, einst im Knast als „Auschwitz-Lüge“-Lügner und „Lebender Beweis dafür, dass Hitler wieder kommen kann“; Alexander Schlesinger, so heißt es: aus einer ungenannten rechtsextremen Partei; Jörg Fischer, Ex-Neonazi und heute im Bund der AntifaschistInnen; Soziologieprofessor Rüdiger Lautmann; Internet-Journalist Rainer Fromm. Sich mit einem heutigen bekennenden Neonazi in eine Reihe stellen ? In diesem Avantgarde-Projekt machte das Sinn, und Praunheim konnte es plausibel darstellen - auch als der heutige Antifaschist Jörg nach „politisch korrekter“ und auch ohne Zwangsgefühl nachvollziehbarer Sitte das Podium verließ, weil er eben in solch einer Reihe nicht stehen mochte.

Praunheims Anliegen war: das Recht auf sexuelle Orientierung ist und bleibt ein Menschenrecht, das nicht dadurch verloren geht, dass jemand inhumane Gedanken oder Aktivitäten verfolgt. Sehr, sehr wichtig, weil Menschenrechte für ALLE dem üblichen Lager-Denken entgegengesetzt werden müssen. Wir kennen doch die „Krieg-dem-Kriege“-Rhetorik, die aber selbstverständlich Befreiungs-Kriege ganz anders sieht, die „FrauenPower“-Parole, die aber eine Thatcher gerne durch Linksradikale beliebigen Geschlechts abserviert hätte, und die Sprechchöre „Freiheit für alle Gefangenen“, die aber bei Rudolf Heß stumm blieben.

Aber schwierig in die Praxis umzusetzen – will man sich nicht eben in einer Reihe mit jemand finden, der vielleicht für die Schwulen eintritt, aber gegen die Juden ?! Entscheidend ist, den inneren Widerspruch auszunutzen, der den Rechtsextremismus glücklicherweise immer und überall schwächt: darwinistisch gedacht, müssen bestimmte Gruppen eben immer mit dem „Recht des Stärkeren“ ausgestattet werden, so dass ein universalistisches Bündnis der Nationen, der Geschlechter, der Religionen, der Nasenformen, der Hautfarben etc. pp. bei Rechtsextremisten nicht so recht glücken will. Daher die Hoffnung, wenn man gemeinsam mit ihnen für das Menschenrecht einer Gruppe eintritt: dabei wird es nicht bleiben, entweder sie bleiben darwinistisch, oder sie tun den Schritt zu den Menschenrechten für alle. Und genau so geht Rosa von Praunheims Film auch vor.

Andre berichtete von der „Männlichkeitskultur“ in der „Oi-Skin„-Szene (für Neulinge: betont deutsch wird zu „doitsch“, die Glatze zum Symbol der Radikalität), von verschwiegener Homo-Toleranz auch in der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, NPD. Althaus verwies auf die Ablehnungs-Reihe „Schwule, Juden, Zigeuner …“ als Einheit rassischer und sexueller Minderwertigkeit für Nazis. Schlesinger erledigte seine Aufgabe als intelligenter Unhold mit Geschick: fragst du beim Schwulen Überfalltelefon Berlin an, so wirst du aufgeklärt, dass Türken und Marokkaner Schwule angreifen, von Rechtsextremisten hörst du kaum. (Später kommt das Schwule Opfer-Telefon nochmals zu Wort, und nun heißt es, dass immer mehr Skinheads Schwule zusammenschlagen.) Fischer berichtete von stillschweigender „Toleranz“ –seine schwule Orientierung hatte sogar in seiner Nazi-Ära begonnen, auch in NPD-Funktionäre kann mann sich offenbar verlieben-, wo kraftstrotzende Männlichkeit nach außen mit Familienvater-Image zusammenging, aber nur „hinter verschlossenen Türen“ Schwule was miteinander hatten. Alles untermalt von Szene-Bildern ungefähr seit den 1980ern, auch mit Erinnerungen der in der DDR Aufgewachsenen. 

Wichtig und befreiend die Passagen, in denen Schwule –in deren Kultur ja Showtalent und Witz eine große Rolle spielt- ironisch mit der eigenen Männlichkeit, und zwar sowohl mit der „soften“, „tuntigen“ Seite wie auch mit der harten, nazi-benachbarten Seite umgehen. Das männliche Glied ist ja mehrerer Dinge mächtig – also gibt es einen Weitpinkel-Wettbewerb, so richtig mit Entfernung messen und Siegertreppchen. „Fetisch-Nazis“, angefangen von erotischer Begeisterung über einen einzigen NPD-Ausweis (!) bis zum Herumturnen in Uniformen und selbst gestylten „Kampfgruppen“, wirken merkwürdig auf Außenstehende. Aber mit Leder-Szene, friedlich anerkanntem Sado-Masochismus etc. pp. pflegen sie einfach einen Grenzgänger-Stil unter vielen – „Sperma-Rutsche“ (mit Spuckhelm) eingeschlossen. Sie sind keine Wehrsportgruppen, sie verarschen sie. (Übrigens ist dabei alles polizeilich angemeldet, nicht aus Untertanengeist, sondern um Ärger und Trittbrettfahrer zu vermeiden.)

Die Hauptrolle spielen in den Dokumentationen des Films aber die „wirklichen“ schwulen Nazis. Da singt ein Liedermacher, dass „Judenblut spritzt“ (1992), da wird das Begräbnis von Neonazi-Anführer Michael Kühnen in Kassel 1991 gezeigt, der für seine Nazi-Szene weder „homo“ sein noch an AIDS gestorben sein durfte. („Zum Sterben wurde er weggeschickt“ – und die Urne geklaut.) Entsprechende Gegendarstellungen wurden veröffentlicht, so im „Hamburg Journal“: er sei nicht homosexuell gewesen. (In der gleichen Stadt wurde ein junger Neonazi ermordet, weil er schwul war.) Bei Kühnen fehlt nichts: angedeutete Hakenkreuzflagge (juristisch abgesichert), „zionistischer Einfluss in Deutschland“…, und eben auch: im Schützengraben seien die Homosexuellen die besseren, weil sie keiner Familie, sondern den Kameraden die Treue hielten. Schon das alte Sparta wusste, dass die Schwulen das bessere „Kanonenfutter“ waren (Jörg Fischer, heute Journalist). In den 1990er Jahren war der frühere „sozialistische“ Teil Deutschlands bevorzugtes Auftrittsgebiet für „nationalpolitische“ Arbeit, etwa Hoyerswerda (Winfried Bonengel, „Beruf Neonazi“, 1993); Praunheims Film hat „den Osten“ mit im Blick, ohne westliche Überheblichkeit.

Die Gegenseite, aktive pro-schwule Ansätze bei Neonazis: Versuche, Schwulenverbände oder –gruppen innerhalb der nationalsozialistischen Organisationen aufzumachen, sogar international, siehe etwa Michel Caignet mit dem Magazin „Gaie France“, also „Schwules Frankreich“. Ähnlich die „neue Front“ 1990 in Deutschland.

Der Film steigt auch in die Geschichte der „großen“ Nazi-Bewegung der 1930er Jahre zurück. Ernst Röhm, der 1934 ermordete SA-Boss, war damals die Brennpunkt-Figur für die Frage der Homosexualität. Dass er (Jahrgang 1887) einen „guten Freund“ hatte, und „Jünglinge“ zwischen 15 und 20 „zum Runterblasen“ mochte, dass er den Paragraphen 175 (strafrechtliches -!- Verbot der Homosexualität, noch in der Bundesrepublik lang, lang gültig) streichen lassen wollte, wurde von den Nazis zur Stimmungsmache für die Liquidation herausposaunt, andererseits aber begrenzt, damit bloß nicht der Eindruck entstünde, die Partei insgesamt sei schwul „verseucht“. Röhm und ein paar um ihn herum sollten als absolute Ausnahmen hingestellt werden. Sie waren es wohl kaum.

Der Hofgarten der Münchener Residenz barg einen Treffpunkt schwuler Soldaten – heute noch ist dort eine „Klappe“. Bei Hitlers Interesse an Röhm allerdings spielte die Homosexualität eine geringe Rolle. Wichtig war: der SA-Chef legte Waffendepots an. Wochenschauen aus der Zeit vor der Nazi-Machtergreifung zeigten die Rolle, die er für Hitler ausfüllte: eine Waffendrohung wurde für den Staatsstreich benötigt. Röhm selbst, ein „ganzer Mann“, mordet nicht, sondern lässt morden. Der „ganze Kerl“ stockt die SA von 77000 Mann (1931) auf 90000 (1932) auf, innerhalb eines Jahres. Sein Vertrauter Peter Graninger sollte mit der Behauptung erpresst werden, dass er homosexuell sei; das wies die SA als Verleumdung ab, aber ohne es juristisch zu verfolgen. Nicht zu vergessen, dass damals –wie eben bis in die 1970er Jahre hinein- fast das ganze Land die Homosexualität offiziell verurteilte. Damals machte die Sozialdemokratische Partei Deutschlands eine Kampagne gegen den Nazi Röhm, aus diesem Grund ! Karikatur mit nacktem Hintern; päderastisch, dieser braune Sumpf, er verführt unsere deutsche Jugend, undsoweiter.

Röhm ist gewissermaßen Hitlers entscheidender Mann. Von da ist kein weiter Weg zur Frage nach dem Führer selbst. Der Historiker Lothar Machtan („Hitlers Geheimnis –Das Doppelleben eines Diktators-„, ähnlich der Zeitzeuge August Kubizek: „Adolf Hitler, mein Jugendfreund“ - über die Erinnerungen ans gemeinsame Bett mit Adolf im Männerheim) versucht den obersten Nazi als schwul zu outen. Den meisten von uns galt Hitler als fanatisch-mönchisch-single, allenfalls heterosexuell spätberufen: 1937, mit 48 Jahren erst, Kontakte zu Frauen. Aber niemand hat bezeugt, Hitler mit irgendeinem Herrn aktiv im Bett gesehen zu haben. Bewiesen –wenn’s darauf ankommt- ist also nichts; nur Mutmaßungen gibt es, oder amtlich gesprochen: laut Herrn Professor Hergemöller ist kein Sexualkontakt nachweisbar. Machtan, sagen Kritiker, bewege sich in einer Tradition, wonach aus Bösem (Schwulsein) eben Böses (Naziaktivität) kommt. – Doch klar ist, dass die Ängste der Nazi-Führung in diese Richtung gegangen sein müssen: sie wollten auf keinen Fall in den Homo-Ruf geraten.

Die überreichen Assoziationen der nationalen Männerbünde mit Homoerotik sind bekannt,  im Film werden sie noch einmal eindrucksvoll dargestellt. Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess beim Eidschwur „Ich schwöre Adolf Hitler unverbrüchliche Treue“ (fehlt nur noch der Ring, oder ?). Dazu „Skin Flick“-Musik, auch als Masturbations-Video, muskulöse braungebrannte Männer, die Hände aufreizend im Schritt, na ja. Männerbünde waren immer attraktiv für Schwule, viele von ihnen fielen unter der Hakenkreuzflagge. Bildbände über die Waffen-SS, mit Nackt- oder Halbnackt-Fotos beim Duschen oder in Tracht. Oder das Bratwurstglöckl in München, mit einem viel sagenden Gästebuch aus den 1920er/1930er-Jahren. Oder der schwule Breslauer Polizeipräsident Edmund Heines, der sich für sadistische Zwecke privat Gefangene hielt.

Dementsprechend wurde nach dem blutigen Bruch mit Röhm’s SA von 1934 die Schwulen-Hetze der Nazis schlimmer. In den KZ’s wurde „Umerziehung“ von Homo- auf Heterosexualität durch Hungerkost und harte Arbeit angestrebt. Die Richtung bis heute: Massen-Schwulen-Vergasung. “Nach dem Ende der Juden-Vernichtung wäre die der Schwulen das nächste Ziel gewesen.“  (Rosa von Praunheim geht hier übrigens nicht den Weg einer „Opfer-Konkurrenz“, wie sie gelegentlich bei den Mahnmal-Diskussionen unterstellt wird.) Hunderttausende von Schwulen, die schwulen Juden und Roma eingeschlossen, wurden von den Nazis liquidiert; im KZ Dachau ging es besonders brutal zu: den Schwulen wurden Hände und Füße hinter dem Rücken zusammengefesselt. Pierre Seel berichtet, wie ein 19jähriger schwuler Häftling im KZ Vorbrück-Schirmeck (Elsass) lebendig von Hunden gefressen wurde.

Ein Gedenkstein in München erinnert heute daran, dass die Schwulen-Verfolgung durch die Nazis noch in den 1950er Jahren vom Bundesverfassungsgericht nicht als politische Verfolgung gewertet – und damit, so die Kritik des Films und der Schwulen-Bewegung, gerechtfertigt wurde. Überhaupt, die Fortsetzung der Homophobie: sie sei bei anderen heutigen Parteien kaum wesentlich geringer als bei den „nationalen“ Gruppierungen. Zur Bekräftigung ein Blick auf Pim Fortuyn’s Tod in den Niederlanden, und nach Österreich, wo Jörg Haider’s gerichtlich dagegen vorging, dass er schwul genannt wurde.

Sprung durch die Jahrzehnte: Berlin hat einen schwulen Bürgermeister ? „Verdient vergast zu werden …“ Und die NPD betrachtet Schwulsein wohl überwiegend als Privatsache, die jedem einzelnen überlassen ist - doch lebt sich’s als schwules NPD-Mitglied nicht unbedingt sicher, sagt einer, der es wissen muss.

„Totgeschlagen, totgeschwiegen“: die Gedenktafel im KZ Sachsenhausen.

- Eine der spannendsten, absurdesten, erschreckendsten Passagen des Films war für mich die die Reise nach Auschwitz, wo die Nazi-Reisegruppe sich wehren wollte gegen die „Irreführung Deutschlands“. Die Aussagen über Todestechnik und –statistik waren leicht als Zweck-Behauptungen zu erkennen. Aber: ein schwuler Neonazi „führt“ durch Auschwitz, das bleibt hängen. -

- Professor Machtans „Hitler=schwul“-Buch ist, so war in der Diskussion nach dem Film zu erfahren, in zehn Sprechen erschienen. Er habe ein Tabu brechen wollen und sei schockiert, dass das Werk homophob oder sensationalistisch genant worden sei. Ob nun „mit“ Hitler oder nicht: laut Rainer Fromm ist die rechtsextreme Szene von heute nach wie vor höchst gefährlich für Schwule. Es gibt Femegerichte, es wird mit Internierungslagern und eben mit Vergasung gedroht. Auch für Schlesinger sei es fahrlässig, ja lebensgefährlich: Mann geht nicht durch Fernsehshows, um –für Geld !- Leute schlecht zu machen, mit denen mann zusammen war. Genauso übrigens bei der Partei des Demokratischen Sozialismus … Aber Schlesinger wirkt offenbar doch nicht in einer ungenannten Rechtsaußenpartei mit, wie es anfangs geheißen hatte; der Protest-Abgang des jetzigen VVN/BdA-Aktivisten Jörg Fischer hätte sich so im Nachhinein als unnötig erwiesen. Aber vielleicht ist Praunheim bei seinem Eintreten für die Schwulen-Rechte auch von Neonazis so konsequent, dass er in dieser Szene gar nicht für Frieden sorgen mochte. -
 
Zum Schluss stellte Rosa von Praunheim, 64 Jahre und ungebremst energisch, den Film noch einmal in den Zusammenhang seiner Sicht der Lage für die Schwulen-Emanzipation: die Zeit der aktiven Linken sei vorbei, dies sei eine Zeit der aktiven Rechten, und es gab immer schon rechtsextreme Bewegungen innerhalb der Homosexuellen. Für die schwule Befreiung müssten wir also auch auf die konservativen und rechtsextremen Schwulen schauen. „We are in all shades“, also: der Regenbogen mit allen politischen Farben ist gefordert. Wobei es –hier ein wenig Beruhigung- eher auf die konservativen und die unpolitischen Schwulen ankomme als auf den rechtsextremistischen Flügel.

Ein irrsinnig schwieriger Prozess, meint Ex-Nazi Althaus: „Grandma I like licking ass“, das sei nun mal unmöglich zu vermitteln. Und von der anderen Seite her warnte Fromm, die Neonazi-Szene hochzuspielen. Als die Presse den damaligen Holocaust-Leugner Althaus mit seinen zwanzig Leuten den „gefährlichsten Nazi in Deutschland“ nannte, sei das die tollste Werbung für sie gewesen, unbezahlbar …

Ein harter Film, eine Diskussion an der Grenze des Todesstreifens. Die Nazis, Nationalen, Konservativen in jeder Schattierung als mögliche Verbündete für das Menschenrecht auf sexuelle Orientierung anerkennen: ist das Leichtsinn oder Optimismus oder Sinn für die Realität ? Einerseits ist die Welt reif für sexuelle Selbstbestimmungsrechte, sogar George W. Bush muss mit der Homo-Ehe rechnen (für ihn ein Gräuel, die libertären Schwulen mögen mir verzeihen, für sie ist die Homo-Ehe andersherum ein Gräuel, weil sie einzig die freie Liebe hoch halten). Und andererseits ist Homophobie, bis zur Vergasungs-Drohung, nicht im Schwinden.

Jedenfalls höchster Respekt für Praunheim und seine Crew: die Dokumentation ist dicht ineinander gewebt, die Widersprüche und Zeitfolgen sorgen für hohe Aufmerksamkeit, die Kamera ist lebendig (Dokumentarfilm, na und ?). Bei allem akzeptierenden Blick auf die Menschen bis hin zur extremen Rechten kann niemand behaupten, es werde irgendetwas von der darwinistischen antischwulen Nazi-Ideologie und -Politik verharmlost. Auch wird der Horror des Holocaust nicht banalisiert durch den Hinweis auf eine voraussagbar nachfolgende Schwulen-Vernichtung. Im Gegenteil: der Film lebt vom Schrecken des Holocaust gerade wo er  überdeutlich macht, dass im Nazi-Szenario nach wie vor das Potential der Schwulen-Vernichtung angelegt ist.

Doch wer für Menschenrechte eintritt, darf die Menschen niemals aufgeben, und diese Botschaft bringt der Film rüber.

 

Richard Herding
16.02.2005