ALLES AUF ZUCKER Rezensionen zur Berlinale 2005 [Normalisierung, Satire, Juden in Deutschland heute]

Teaser

Es fängt im Krankenhaus an. Der männliche Patient (Jaecki „Sugar“ Zucker, gespielt von Henri Hübchen) hat Spaß daran, seine Pfleger zum Narren zu halten: sie glauben, er hört und sieht nichts, quasi im Koma, aber er bekommt sehr gut mit, dass sie schwul sind und einander beglücken, sobald sie sich unbeobachtet fühlen. Der ursprüngliche Jakob Zuckerman ist Kleinunternehmer, vor allem aber Glücksspieler und Säufer dazu, steckt daher schwer in der (Geld-)Klemme. Selbstverständlich will seine Frau Marlene (Hannelore Elsner) raus aus der Patsche, mittels Scheidung.

Author

Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !

 

(Rezension.net: 4.3.05)

 

Titel: ALLES AUF ZUCKER
Land: Deutschland
Jahr: 2004
Regie: Dani Levy
Buch: Dani Levy, Holger Franke
Mit: Henri Hübchen, Hannelore Elsner, Udo Samel, Golda Tencer, Steffen Groth, Anja Franke, Sebastian Blomberg, Elena Uhlig, Rolf Hoppe, Inga Busch, Antonia Adamik, vielen anderen, und als Gast: Klaus Wowereit
Produktionsleitung: Sonja B. Zimmer; Uwe Herpich (Westdeutscher Rundfunk)
Kamera: Carl F. Koschnick
Musik: Niki Reiser
Dauer: 93 Min.; Farbe
Kinostart: 6. Januar 2005
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, http://www.rezension.net/

 

 

 

Jüdische Normalität in Deutschland, es darf gelacht werden

„Alles auf Zucker“:

 

Dani Levy’s Geschichte vom Spieler, der mühsam nachlernt, wie jüdisches Leben geht – und am Schluss doch nicht die ersehnte Kohle absahnt

 

Es fängt im Krankenhaus an. Der männliche Patient (Jaecki „Sugar“ Zucker, gespielt von Henri Hübchen) hat Spaß daran, seine Pfleger zum Narren zu halten: sie glauben, er hört und sieht nichts, quasi im Koma, aber er bekommt sehr gut mit, dass sie schwul sind und einander beglücken, sobald sie sich unbeobachtet fühlen. Der ursprüngliche Jakob Zuckerman ist Kleinunternehmer, vor allem aber Glücksspieler und Säufer dazu, steckt daher schwer in der (Geld-)Klemme. Selbstverständlich will seine Frau Marlene (Hannelore Elsner) raus aus der Patsche, mittels Scheidung.

Da platzt ein Testament dazwischen: Jaeckie’s Mutter Rebecca ist gestorben. Sie hat noch einen älteren Sohn: Samuel (Udo Samel, der übrigens auf der gleichen Berlinale 2005 im „Goebbels-Experiment“ das Nazigroßmaul spricht), und sie hat beiden ihr Vermögen testamentarisch unter einer Bedingung vermacht: dass sie beide nach jüdischem Stil, Gebrauch und Gesetz leben. (Andernfalls sollte das Vermögen der Jüdischen Gemeinde zufallen, da freut sich der Rabbi schon klammheimlich.) Nun war der jüngere Bruder, Jahrgang 1947, aber 1961 beim Mauerbau in der Deutschen Demokratischen Republik verblieben, als Sportreporter, und wollte mit dem „Club“, womit er die jüdische Community meinte, nichts mehr zu tun haben. Mutter und älterer Bruder dagegen waren nach Frankfurt am Main übergesiedelt und lebten jüdisch „comme il faut“, korrekt. Seitdem reden sie nicht mehr miteinander. Jaeckie ist für Samuel der „gottlose Kommunist“

Marlene hält sich nun mit der Scheidung zurück, überzeugt Maeckie von den Vorteilen, das Testament durch jüdisches Als-ob anzunehmen, und los geht’s. Versöhnen sollen sich die Brüder, klar – aber dann noch: sieben Tage strenge Totenwache, Shivah,  nach jüdischem Ritus; allenfalls schwere Krankheit ist als Entschuldigung anerkannt. Und für den leidenschaftlichen Billard-Spieler lockt gerade zur gleichen Zeit das „European Pool Turnier“ mit hunderttausend Euro Hauptgewinn – andernfalls droht ihm Knast wegen Schulden ! Eintreiben soll das Geld im Übrigen der lokale Bankchef, und das ist netterweise niemand anders als der eigene Sohn, Thomas. Also im Notfall schnell ‚nen Herzinfarkt simulieren, beim Krankenhaus Guten Tag sagen – und heimlich still & leise ab zum Billard, aber schnell !

Der Frankfurter Familien-Flügel rückt an, mit gewichtigem (Frau Golda, vow !) und würdig-bürgerlichem Gehabe, wobei Sohn Joshua (Jurastudent, 22 Semester, mit Hund) sogar durch orthodoxe Gewandung auffällt, während Tochter Lilly ein lockeres Image mitbringt. Skeptische Seitenblicke registrieren, dass in Jaeckie’s Haushalt der koschere Unterschied zwischen milchig und fleischig bei den Speisen so wenig festsitzt wie die Kenntnis der Festtage, aber Marlene schafft es noch ganz knapp. Auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee wird Großmama nun begraben, und die Wohnung will auf die Shivah vorbereitet sein. Malerische Brücken aus Berliner Locations verzieren den jüdischen Einkauf. Kleine Unterbrechung durch Klaus Wowereit, den Regierenden Bürgermeister, ganz in echt und persönlich, wie er ein rotes Band durchschneidet, um irgendetwas einzuweihen. Das Schicksal der verstorbenen Rebecca im Nazireich kommt zur Sprache: oben auf dem Schnurboden des Metropol-Theaters war es ihr gelungen, sich versteckt zu halten und zu retten.

Und wie viel mochte ihre Erbschaft nun wert sein ? Alle sind neugierig, man darf aber nur „die Katze im Sack“ wählen, also ja oder nein, die Zahlen dann später, und so kloppt sich die (Zwangs-)Familie erstmal über ältere Rechnungen und Erlebnisse. Samuel hat sich verspekuliert, „Es lebe der Kapitalismus“, und die DDR-Staatssicherheit habe ihn durch dunkle Mittelsmänner noch nach der Wende beim Berliner Hauskauf übers Ohr gehauen, was Jaeckie vehement bestreitet. Jaeckie’s Tochter Sarah (er nennt sie Sandra, was ihren Ärger über den bekloppten Vater verstärkt) ist lesbisch, hat eine Freundin, kennt Samuel als „Onkel Ayatollah“ – und statt Aspirin greift er bei ihr zu einer Ecstasy-Tablette, was ihn mit wunderhübschen Show-Einlagen herumtanzen lässt. Nicht viel besser, bürgerlich gemeint, auf der anderen Seite: eine Frau sollte nicht mehr Männer haben als Finger an der Hand, tadelt Golda ihre Lilly. Was Wunder, dass sich beide auch verlieben, Vetter mit Base, das geht bei den guten Sitten ganz knapp noch durch …

Der mit kunstvoll inszeniertem Infarkt fast ins Grab der Mama gefallene Jaeckie spielt nach erfolgter Krankenhaus-Vortäuschung wacker Billard, macht aber nur den zweiten Platz. Doch er bekommt vom ukrainischen Gegner (und das ausgerechnet im Februar 2005, wo auf Außenminister Joschka Fischer eingedroschen wird, er habe zu viele kriminelle Ukrainer einreisen lassen !) noch eine inoffizielle Chance für später. Sonntag um Mitternacht gewinnen – sonst Montag in den Knast ! Geholfen hatte, dass Jaeckie dem Sportsgegner vorjammerte, er habe die Familie im Holocaust verloren. Die ganze Familie, pardon: Mischpoke, treibt einem neuen Tiefpunkt entgegen, als Joshua meint, das „jüdische Schmierentheater“ durchschaut zu haben, als Jaeckie’s  Herzanfall im Krankenhaus leider leider nicht nachvollzogen werden kann, und der Sportsfreund die Partie grade mal mit 50:50 halb gewonnen sein lässt, weil man sich -bekanntlich !- beim Billard nicht mit beiden Händen abstützen darf.

So glaubt der Rabbi die Hinterlassenschaft schon zu Nutz und Frommen der Gemeinde angelegt, als dann doch noch für „Gnade vor Recht“ entschieden wird: halb den Geschwistern, halb der Gemeinde. Doch die Eröffnung des Testaments, mit Spannung erwartet, ergibt die unwiderstehliche Situation, wo der Rabbiner sagt: das Konto war „im Plus“, na sagen wir mal, vielleicht waren 1,74 € drauf, wie auf dem Girokonto des Rezensenten … Ergebnis: Frieden, Harmonie, Versöhnung, c’est la vie, so spielt das Leben.

Ein erstklassiger Film, Hübchen und Elsner spielen überzeugend ihre Loriot-Ehe-Szenen, Levy sprudelt von schon fast zu vielen Einfällen. Kein Wunder – sein Weg geht vom Jugendtheater „Rote Grütze“ zum „X Filme Creative Pool“.

In Deutschland ist Humor, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung mit jüdischem Witz noch eine Seltenheit, immerhin sind die Marx Brothers und Ephraim Kishon übersetzt. Aber wer, mal abgesehen von „politischer Korrektheit“, nicht will, dass Nazis und Antisemiten überhaupt mit Sprüchen wie „Den Juden geht’s nur um’s Geld - dafür muss auch das Holocaust-Jammern herhalten“ profitieren, könnte der bei dem „Zucker“-Film bedenklich sein ? Dani Levy wischt das weg: mit einer Verbindung von Holocaust und Geldgier habe der Film nun wirklich nichts zu schaffen. Jakob/Jaeckie benutzt den Hinweis, dass die Familie dem Holocaust zum Opfer gefallen sei –was ja der Story nach mit Ausnahme der Mutter durchaus möglich ist- in einer einzigen Situation, wo er existentiell in Not ist, sonst bleibt es außen vor. In der Jüdischen Community sei der Film sehr gut aufgenommen worden.

 

Richard Herding
16.02.2005