FATELESS Rezensionen zur Berlinale 2005 [KZ Geschichte nach Kertesz]

Teaser

„Fateless“ bringt die besondere, weitgehend auch im Lande selbst gegründete Brutalität des Vorgehens gegen die ungarischen Juden zur Sprache, ein –zufälliges- Gegenstück zur „Feuerwehrgasse 25“, wo es „eher schlampig“ mit dem Holocaust zuging. Zum Glück kann beides einen Teil der historischen Wahrheit für sich beanspruchen. Auch „philosophisch“ haben beide Filme etwas gemeinsam: die geschichtlichen Blöcke sind nicht uniform, sie bestehen aus individuellen Menschen mit Widersprüchen

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Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !

 

(Rezension.net: 4.3.05)


Titel: Fateless
Land: Ungarn, Deutschland, Großbritannien
Jahr: 2004
Regie: Lájos Koltai
Buch: Imre Kertész, nach „Schritt für Schritt“ und „Roman eines Schicksallosen“
Mit: Marcel  Nagy, Miklós B. Székely, Zoltán Bezerédy, Péter Vall, Áron Dimény, András M. Kerskés, Jószef Gyabronka
Produktionsleitung: Bernd Hellthaler, Sorstalansag
Kamera: Gyla Pados
Musik: Ennio Moricone
Dauer: 130 Min.; Farbe
Kinostart: 1. Januar 2005
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, http://www.rezension.net/

 

 

 

Überleben im KZ: Wasser und Selbstachtung. - Glück.

 

Die Abschaffung des Schicksals, nach Imre Kertész

 

In letzter Minute holte Dieter Kosslik, der Direktor der Berliner Filmfestspiele, „Fateless“ in den Berlinale-Wettbewerb, der eigentlich vorgesehene Film „Heights“ wurde abgesagt, weil sich zu wenig Star-Rummel abzeichnete. Ich hatte eher gedacht, es sollte ein bisschen „mehr Niveau“ gestrickt werden. Denn einen Show-Star für den Roten Teppich hatte „Fateless“ nicht aufzuweisen, Imre Kertész’ Literatur-Nobelpreis ist ja wohl bei solchen Wünschen nicht gemeint.

Wie auch immer das gelaufen ist: „Fateless“ bringt die besondere, weitgehend auch im Lande selbst gegründete Brutalität des Vorgehens gegen die ungarischen Juden zur Sprache, ein –zufälliges- Gegenstück zur „Feuerwehrgasse 25“, wo es „eher schlampig“ mit dem Holocaust zuging. Zum Glück kann beides einen Teil der historischen Wahrheit für sich beanspruchen. Auch „philosophisch“ haben beide Filme etwas gemeinsam: die geschichtlichen Blöcke sind nicht uniform, sie bestehen aus individuellen Menschen mit Widersprüchen, und so findet weniger „Schicksal“ statt. Imre Kertész hatte seinen „Roman eines Schicksallosen“ anfänglich nicht selbst verfilmen wollen, dann doch mit „Schritt für Schritt“ eine neue literarische Vorlage geschaffen, in die er weitere eigene Erlebnisse einbezogen hatte, und sich zu diesem Film entschlossen.

Gyurka Koves ist vierzehneinhalb, als die Judensterne eingeführt werden, der Vater zum „Arbeitsdienst“ abgeholt wurde („Auf bald ! Wiedersehen, Chef !“), und er eigentlich als großer Junge die Verantwortung für die Patchwork-Familie übernehmen müsste. Er wird zu Maurerarbeiten eingesetzt. Man erfährt auch, dass die Lage der Nazideutschen an den Fronten hoffnungslos ist, es kann also wohl nicht lange dauern. Er guckt noch der jungen Nachbarsfrau hinterher, bekommt guten Rat von den Nachbarn: Niemals die Angst verlieren !  Und er soll bei der Ziehmutter bleiben, sich nicht von der eigentlichen Mutter weglocken lassen.

So wäre alles weitergelaufen – wenn es nicht irgendeinem  Polizisten eingefallen wäre, Gyurka’s Arbeitsausweis zu ignorieren und ihn mit einer auf diese Weise im Straßengraben gesammelten Gruppe ins KZ zu liefern. Irgendeine Quote zu erfüllen ? ein Racheakt ? Wir erfahren es nicht. Jedenfalls kommt Gyurka, der nach seiner Altersangabe nicht mehr als Kind gilt, so in die drei Konzentrationslager Zeitz, Auschwitz-Birkenau, und Buchenwald. Mit einem Dreieck „U“ für Ungar auf der Kleidung (verbreiteter Witz: das „U“ steht für „unschuldig“), und der Häftlingsnummer 64921, die ab sofort auswendig gelernt sein muss und seinen Namen ersetzt.

Gyurka geht mit seltsamer Unbefangenheit durch die KZ’s, es ist ja auch nur ein „Versehen“. Einmal sucht er vergeblich nach „Duschbad oder Krematorium“, austauschbar sozusagen, wie es ja auch die tödliche Realität war. Um sich herum nur Freunde, die ihn fragen: Wie kommst du hierher ? und die Geschichte von Busfahrer und Polizist zu hören bekommen. Er lernt das grüne Dreieck des Lager-Ältesten kennen, das den Träger als Nichtjuden und als Kriminellen ausweist; er erfährt, wie Schwule, Finnen, Orthodoxe zu erkennen sind. Er übt zum Appell anzutreten und Trümmer abzuladen. „Wir Budapester können das“ – eine unverständliche Normalität.

Sein selbsternannter Kumpel, ja Beschützer, trichtert Gyurka ein: Selbst-Achtung ! Selbstachtung sei ein so wichtiges Lebensmittel im Lager wie Kaffee und Brot. Dazu lernt er, wie man an Glimmstengel kommt. Und weitere Selbstverständlichkeiten des KZ: ein Junge lässt sein Werkzeug fallen, zeigt die blutigen Hände vor, mit denen er es nicht mehr halten kann. Er wird angehalten weiter zu schaufeln. Solange er mit Erfolg so tut als ob, und dabei nicht umfällt, bleibt er am Leben. Brutalität ist hier formal-bürokratisch organisiert. Wieder der Schutzengel: Waschen ! Waschen sei das wichtigste im KZ, weil man sonst die Krätze kriegt.

Und die undefinierte besondere Stunde zwischen Rückkehr aus Fabrik oder Ziegelei und Abendappell. Da können sich Leute treffen, so verlieren sie sich nicht aus den Augen. Da wird das „Lied aus der Ukraine“ gesungen, vom Aufseher, der in seiner Heimat ein gefragter Anwalt war. Schließlich das Essen, die Rübensuppe, die auch mal richtig dick ist. Und ein richtiges Stück Fleisch kommt vor, sie geben es dem Jungen, es ist wie ein Gottesgeschenk. Träume und Erzählungen: Budapest um diese Zeit, Lichter, Frauen kommen zum Rendezvous, dieser bestimmte Platz, und genau jene Straße. - Ausbruchsversuch dreier Insassen aus Lettland. Sie werden eingefangen, sachlich kommentiert einer im Flüsterton, anderen Letten wäre das schon gelungen. „Hurrah ich bin wieder da“, tönt es; der Galgen wartet auf sie; alle Gefangenen müssen die ganze Nacht über zur Strafe stehen bleiben, wer umfällt, ist des Todes. Nach der Hinrichtung: ein hebräisches Gebet.

Das alles unter einem sehr ansprechenden, oliven-grünen herbstlich-erdigen Farbton, und mit der lebendigen Musik von Moricone. Manche kritisieren den Film deshalb, werfen ihm Beschönigung vor. Aber es trifft wohl die Widersprüchlichkeit des Schicksallosen: dass du willenlos in alles hineingezwungen wirst, und doch aus Zufall, Menschlichkeit und Geschick eine Art Geborgenheit zustandekommt.

Solche Erlebnisse der „Normalität“ im Angesicht der Todesbedrohung gehen weiter. Mal beschimpft Gyurka seinen Beschützer wie es ein Teenager tut: „Wer hat dich gebeten, auf mich aufzupassen ?“, dann fällt er beim Zählappell vor Schwäche um, und der Beschützer hebt ihn auf: „Verrückt geworden ? die schlagen uns tot“. Dann stirbt der junge Mann neben ihm, Gyurka tut, als merke er es nicht, und bemächtigt sich heimlich seiner lebenswichtigen Portion Rübensuppe. Oder: Einer wird als tot abtransportiert, liegt da: „Ich protestiere !“, hat aber keine Chance mehr, wird auf der Karre abgeschoben, und dann ist er auch tot.

Ein Häftling mit Funktion fragt Gyurka auf Russisch, Polnisch und Deutsch nach Namen und Nationalität, schreibt dann –wer kann schon ungarisch- alles so auf, wie’s für ihn klingt, also orthographisch alles falsch auf, lacht ihn an … Danach: Durchsage „Fliegeralarm“, Kommando „Lager sofort verlassen“. Und die Welt dreht sich um. Ein u.s.-amerikanischer Soldat ist plötzlich an der Seite des Jungen in seinen grau-weißen Knastklamotten, drückt ihm die Zeitschrift LIFE in die Hand, auf dem Titelbild ein Platz im befreiten Budapest, und dazu „I am Jewish“. Gyurka -der von sich sagt: ich bin weder jüdisch noch nicht-jüdisch, ich bin gar nicht- freut sich vage, aber das Traum-Angebot „Go to Switzerland or U.S.“ lehnt er entschieden ab. Thank you. Gyurka will nach Hause.

Über Dresden kommt er zurück nach Budapest. Melancholisch –glücklich ?- sucht er die alten Adressen auf. Zum Teil wohnen neue Leute dort: „Kommen Sie in ein paar Tagen wieder“ – da müssen Identitäten und Eigentumsverhältnisse geklärt werden. Der Straßenbahnschaffner fragt nach dem Fahrschein, Gyurka hat kein Geld, einen zu kaufen. Ist es „natürlich“, wieder zu Hause zu sein ? Die Zeit ist sowieso nicht „natürlich“. Hat er Furchtbares erlebt, spürt nur noch Hass ? Gyurka spürt –auch ?:- Glück. Der Vater ? Tot, im Lager Mauthausen. Die –getrennt lebende- Mutter ? gesund. Die Stiefmutter ? hat geheiratet. Das Vermögen ? ist gerettet. Ach ja, man knüpft an das unterbrochene letzte Gespräch an, als wäre es vorgestern gewesen vor: Geht es nach Auschwitz per Bus oder Bahn ?, darüber hatten wir gestritten. Wir konnten ja nicht wissen, dass es die Hölle war. „Aber die Hölle gibt es nicht, die Lager wohl.“ „Wir hatten keine Wahl.“ Gyurka: „Wir - waren frei. Und Zeit war immer da.“ „Was hätten wir tun können ? Mutter wartet“.

Er trifft die junge Frau, die er einst zur Freundin begehrte. „War es furchtbar ?“ „Nein.“ Damals war ich Jude, was bin ich jetzt ? Es bleibt offen, aber Gyurka spricht von Glück. Es ist nicht einfach das Glück des Entkommenseins. Uns Zuschauer schaudert’s: welches Glück kann er meinen ? der Schicksallose hat diese Erfahrung nur für sich selbst.

Die Sicht der Vernichtung von innen, von eigenem Erleben her: „Fateless“ meistert die schwierige Aufgabe meisterhaft, still, eindringlich, und ohne Klischees zu verfallen.

 

Richard Herding
15.02.2005