DAS GOEBBELS EXPERIMENT Rezensionen zur Berlinale 2005

Teaser

Lutz Hachmeister und Michael Kloft lassen uns das Tagebuch hören, das der Nazi-Minister für „Volksaufklärung und Propaganda“ lange Jahre, nämlich seit 1924, geführt hat und in dem er sich ausführlich inszeniert (Dokumentarisch im Saur Verlag, Publikumsausgabe bei Piper, 2000, beide München). Nur ein paar Seiten zu Kapitulation und Selbstmord 1945 fehlen. Dazu werden Filmaufnahmen, meist aus Tagesschauen, über das wirkliche Geschehen gezeigt. Kommentiert wird nicht.

Author

Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !



Titel: Das Goebbels-Experiment
Land: Deutschland
Jahr: 2004
Buch: Lutz Hachmeister, Michael Kloft
Dokumentarfilm
Produktionsleitung: Thorsten Pollfuß; HMR Produktion
Kamera: Hajo Schomerus
Musik: Hubert Bittman
Sprecher: Udo Samel
Dauer: 107 Min.; Farbe und Schwarzweiß
Kinostart:
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, http://www.rezension.net/

 

 

 

Ein sehr moderner Nazi

 

Joseph Goebbels’ Tagebuch beweist: Dummheit ist nicht unbedingt eine Nazi-Eigenschaft, und Propaganda & Public Relations verdienen Misstrauen, egal wofür sie eingesetzt werden


Lutz Hachmeister und Michael Kloft lassen uns das Tagebuch hören, das der Nazi-Minister für „Volksaufklärung und Propaganda“ lange Jahre, nämlich seit 1924, geführt hat und in dem er sich ausführlich inszeniert (Dokumentarisch im Saur Verlag, Publikumsausgabe bei Piper, 2000, beide München). Nur ein paar Seiten zu Kapitulation und Selbstmord 1945 fehlen. Dazu werden Filmaufnahmen, meist aus Tagesschauen, über das wirkliche Geschehen gezeigt. Kommentiert wird nicht. Ein „sehr intelligentes Publikum“, so Hachmeister über die Voraussetzung dieses Films, kann und soll sich sein eigenes Bild machen. Umso mehr, als Goebbels nicht als Militarist und Polizist, sondern als Propagandist agiert, er steht –Lüge vorausgesetzt- mehr für Raffinement als für Brutalität. Wenn heute einem Mitglied der politischen Klasse vorgeworfen wird, er rede wie Goebbels, dann ist hochsuggestive, wirkungsvolle Reklame für teuflische Ziele gemeint. Und das in starker Allianz mit der Technik. Das ziemlich neue Medium Radio nutzte Goebbels mit Bravour, das Fernsehen schien ihm 1933 nur noch eine Frage von Monaten ! Leute wie Jörg Haider in Österreich, Silvio Berlusconi in Italien machen auch deshalb Angst oder Beklemmung, weil sie wie seine modernen Wiedergänger wirken.

Wer sich von dem Film ein „rundes“ Bild von Goebbels im Rahmen der Nazizeit erwartet, wird enttäuscht werden. Die nicht-komplettierende, nicht-kommentierende Methode ist eben auch ein Angriff auf unsere Bildschirm- oder Kino-Sehgewohnheiten; die (vielleicht etwas zu stark auf Pädagogik setzenden ?) Filmemacher zwingen uns mit sanfter Gewalt, eigene Ergänzungen und Erklärungen zu finden, statt sie von der Leinwand zu erwarten. Gleich am Anfang –Goebbels wurde 1897 geboren, das Tagebuch startet 1924- hätte ich zum Beispiel mehr über seinen gelähmten Fuß erwartet, denn die Behinderung machte ja Goebbels nicht nur zur Ausnahme als nicht-soldatischer Naziführer. Sie bot sich auch für den beliebten Volksspott der Nazizeit an, statt des Sprichworts „Lügen haben kurze Beine“ hinter vorgehaltener Hand zu raunen: „Die Lüge hat ein kurzes Bein“. Und ich hätte brennend gerne etwas über die katholischen Anfänge, über die Jesuiten-Nähe des späteren germanischen Heiden erfahren, seine Schulzeit am Jesuiten-Seminar in den Niederlanden, seinen Wunsch Priester zu werden … Noch eines: er hat doch in Germanistik seinen Doktor gebaut, 1921 wohl an der Universität Heidelberg (die Quellen sind da unklar). Das Thema: die deutsche Romantik, die Betreuer: jüdische Professoren. Was hat er geschrieben – tausende von Phrasen-Seiten ? Allzuviele politische Nazi-Größen mit Dr. phil. gibt es ja wohl nicht.

Doch durch den Klumpfuß und die enttäuschte erste Liebe des als untauglich abgelehnten Kriegsfreiwilligen im Ersten Weltkrieg, so erfahren wir im Tagebuch, ist er ein einsamer junger Mann, als er mit Null-Gehalt zur Inflationszeit anfängt die Juden zu hassen und sich nach Bayern zu orientieren, wo Adolf Hitler seine Agitation treibt. Goebbels lernt schnell, 1926 hält er seine erste Rede im Münchner Hofbräuhaus.

Von der Machtergreifung der Nazis ab wird jede größere politische Aktion durch Goebbels-Reden vorbereitet oder triumphierend kommentiert. Die ersten Juden-Boykott-Aktionen 1933 –was passieren soll und wann, möge der Führer entscheiden !-, ebenso die Verbrennung von „Schmutz- und Schundbüchern“ im Mai des gleichen Jahres. Dazwischen ein Triumphzug in seine Geburtsstadt Rheydt bei Krefeld (Niederrhein) zum Haus seiner Mutter. Eitelkeit steht auf allen seinen Zügen, allerdings ist er Triebtäter genug, um sie nicht mit Edelklamotten  oder Zier-Degen darzustellen wie etwa der von ihm anfangs geheim, dann offen verachtete „Reichsmarschall“ Göring. Zu der Zeit –hier setzt der Film das Goebbels-Porträt aus einem U.S.-Propagandafilm von 1943 ein- machte sich der einstige Jesuiten-Schüler auch dafür stark, dass die Kruzifixe aus den Schulräumen verschwanden und stattdessen Hakenkreuze aufgehängt wurden. Ebenfalls 1933 besuchte er den Völkerbund in Genf mit dem Außenminister Neurath. „Deprimierend“, „Totenversammlung“, „Ohne Würde, ohne Stil“, „Wir Deutschen haushoch überlegen“ vermerkte er im Tagebuch. Aber selbstverständlich musste dort offiziell ein großes Plädoyer gegen den Krieg und für den Frieden gehalten werden. 1935 lässt er sich über Kulturpolitik aus: alles sei charakterlos, „von Goethe bis Strauß: weg damit“. Leni Riefenstahl’s „Triumph des Willens“ (Verklärung des Nürnberger Reichsparteitags der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, NSDAP) dagegen sei wirklich schöpferische Propaganda.

1936 findet sich eines von Goebbels’ seltenen „leiseren“, professionelleren Stücken über Medien: mit einem Aufruf habe er die Presse aufgewirbelt, aber eigentlich sei sie zu bedauern - die Presseleute seien die Prügelknaben aller Instanzen. Und zu den Olympischen Spielen dieses Jahres bringt er die auch noch innerhalb des Rassismus extra-peinliche Sicht, dass Max Schmeling „den Neger“ k.o. geschlagen hat, die Weißen also über den Schwarzen stehen, „und der Weiße war Deutscher“. Aber die schnellsten Läufer, Jesse Owen und Ralph Metcalfe, dunkelhäutig, Ursachen verdammter Verlegenheit für Hitler, wie hat Goebbels die kommentiert ? Oder wie hat er sich herausgetrickst ? Vielleicht machen ja Hachmeister und Kloft doch noch einen Goebbels-Film mit eigenen Zutaten ?! Aber sie streben an, dass wir alle auf eigene Faust nachfragen und nachforschen, daher der Name „Experiment“ (und bei mir jedenfalls hat’s geklappt).

1937 findet er im Tagebuch die Kinder süß, „palavern,  spielen, machen Quatsch“. Ein entspannendes Talent dafür traut man ihm durchaus zu – gespenstisch kommen die Totenhemdchen der „Selbst-gemordeten“ 1945 vor die Augen, aus dem Film „Der Untergang“. In Lida Baarova, die mit Willy Fritsch im Film auftritt, verliebt sich Goebbels - die Ehekrise schlichtet ausgerechnet ein Herr Hitler. Dazu ist immerhin ein U.S.-Filmdokument zugelassen, „Enemy of Women“ von 1944, mit Goebbels als „Paul“. An dieser Stelle gibt es auch noch eine normal-menschliche Tagebuch-Notiz: unglücklich über seine Frau Magda, „hart und grausam“, „habe niemand der mir hilft“, „schwerste Zeit meines Lebens“. Zurück im Gleichschritt, es kommt 1938: Richard Wagners 125. Geburtstag mit der gebührenden Begeisterung; Tausende von Sudetendeutschen rufen nach dem Führer -  und die „Demonstrationen“ gegen die Juden in der Reichspogromnacht, wo wir Details über die Steuerung der Gewalttaten durch demonstrativen Polizeiabzug erfahren. Die häufige Goebbels’sche Autosuggestion fehlt auch hier nicht: die Deutschen in Paris (wo vom Rath gestorben war, vorgeblicher Anlass der Pogrome) hätten die Aktionen begeistert begrüßt !

Während des Zweiten Weltkriegs schnurrt das Tagebuch nach dem Schema ab, dass Aktionen zunächst als Überlegung eingebracht werden, dann mit tiefster Befriedigung die entsprechenden Führer-Befehle konstatiert werden. Wenn was schief geht, wird der Presse und dem Radio verantwortungsloser Zweck-Optimismus vorgeworfen, wovor er, Goebbels, immer gewarnt habe – nur: im Tagebuch steht davon nichts. Unfreiwillige Komik, wenn z.B. eine Lagebesprechung 1940 an der Westfront als „stilvoll“ gelobt wird. Zum Heulen ist die leichte Freude über den Sieg gegen Frankreich, mit Revue „Paris die schönste Stadt der Welt“ und gemeinsamem Besuch dort, noch dazu mit Göring, den er hier „fabelhaft“ und einen „lieben Kerl“ nennt. Zu Churchills Appell an das französische Volk vom Oktober 1940 fällt dem Tagebuchschreiber „Widerliches, fettes Viehstück“ ein. Im gleichen Monat gratulieren ihm fünf niedliche Kinder zum Geburtstag, ein neuer Heinz-Rühmann-Film kommt heraus, und allzu martialische Passagen in der Presse findet er „keine gute Propaganda“, pfeift also zurück. Die Nazis auf der Höhe ihres Erfolgs, swingin’ sozusagen, grauenvolle Texte und Bilder, ein Ohm-Krüger-Film aus der Zeit der Burenkriege wird zwecks anti-englischer Propaganda aufgelegt. Immerhin ein Rückschlag durch den England-Flug von Rudolf Hess, der in Goebbels’ Notizen als „geistig verrotteter zweiter Mann nach dem Führer“ beschimpft wird. Doch dann wieder die „große wunderbare Zeit“ des Angriffs auf die Sowjetunion 1941, und im gleichen Jahr leistet er sich die Biennale in der wunderschönen Stadt Venedig. Man sieht die Nazi-Bonzen bereits eine Art genussvoller Weltherrschaft ausüben, der Krieg scheint nicht das tägliche Leben anzugreifen. Sogar die Phantasien über den Ausbau Berlins als Weltherrschafts-Stadt spielen eine Rolle. Doch gleichzeitig werden die „ästhetischen Experimente“ im deutschen Film beseitigt, die Durchhalte-Propaganda wird vorbereitet.

Ende 1941 fängt dann die realistische Sicht  des Krieges an. „Es fehlt alles an der Front“. Und die Propaganda sei zu optimistisch. Er lastet sie dem Reichspressechef  Dietrich an, klagt, dass er, Goebbels, dafür verantwortlich gemacht werde, obwohl er dagegen gearbeitet habe.

1942 Goebbels’ Höhepunkt: die Sportpalast-Rede mit dem Ja-Gebrüll auf sein suggestives „Wollt ihr den totalen Krieg -?“, „totaler und radikaler denn je -?“, und „Nun Volk steh auf und Sturm brich los“. Hier ist die Kombination von Tagebuch und Wochenschau sehr produktiv, die kühlen Überlegungen über das Berliner Publikum, über die wilde Raserei des Volkes und dazu der Massenwahn im vollen Bild geben einen kompletten Eindruck von der Massen-PR-Technik dieses Nazi-Genies.

1943 die Bombenangriffe auf Berlin, Goebbels ist selbst Gauleiter der Stadt. Die katholische Hedwigskirche wird zerstört, auf Bitten der Pfarrer weist Goebbels ihnen neue Gottesdiensträume in staatlichen Gebäuden zu; später wird er auch eigenhändig Zigaretten verteilen … Der Volkssturm muss propagandistisch hochgehoben werden, dazu dient der absolute Durchhalte-Film „Kolberg“ aus preußischen Gloria-Zeiten.

Im Februar 1945 beginnt die eigentliche Stunde der Wahrheit, aber als Techniker der Propaganda hatte Goebbels sich selbst eigentlich kaum belogen. „Dramatische und stürmische Aussprache mit dem Führer“, „offen“ - und „Göring der eitle Geck“. Im März 1945 lässt er vereinzelte Rückeroberungen an der Front feiern. Aber „Kampf ist wie Gottesdienst“: eigentlich wird der rituelle Selbstmord vorbereitet … Goebbels weiß, was er lügt, er geht seinen eigenen Manipulationen nicht etwa „auf den Leim“, er ist ja der Verführer und nicht ein Verführter. Er geht den konsequenten Weg des religiösen Fanatikers mit voller Einsicht in die eigenen charismatischen Techniken. Er spinnt nicht, wie von GöringHitlerHimmlerEichmann viel leichter gesagt werden kann: die schwingen sich entweder „hinauf“ in hirnrissige irreale Sphären, oder sie schnurren sich „hinunter“ auf ingenieural zwanghaftes Management. Bei Goebbels hat der Wahnsinn Methode, das führt uns zum grenzenlosen Erschrecken. Die zurückhaltende Machart des Films hilft, uns damit zu konfrontieren.

Am 1. März 1945 bekommt Aachen als erste besetzte deutsche Stadt einen neuen demokratischen Bürgermeister, eine freie deutschsprachige Zeitung - und am 21. April propagiert Goebbels noch für Berlin: “An den Mauern unserer Stadt wird der Mongolensturm gebrochen“. Woraufhin das Tagebuch zwar nicht abbrach, aber die letzten 2 oder 3 Tage, 3 % der Blätter, fehlen, und Hachmeister/Kloft sind eben streng, überlassen ihren Zuschauern sich vorzustellen, was da dringestanden haben mag – sie zeigen nur die verkohlte Leiche und die Kinder in den weißen Tüchern. Satanisches Martyrium, sozusagen. Das gibt es bei keinem anderen Nazi-Boss.

Der Antisemitismus als satanische Rede ist deutlich immer wieder bei Goebbels vertreten, aber die Angriffe auf die Juden und der Holocaust – das alles geht in dem Film ziemlich unter. „Juden hauen“, „Die Juden müssen weg“, heißt es, und es folgen Bilder - von badenden Deutschen, Sommerbilder von 1941, „man schläft so gut im Walde“. Die „ewig gleichen KZ-Bilder“ mochte der Film nicht zeigen– das funktioniere nicht.

Lächerlich, aber sympathisch ist dieser Goebbels; Monster, aber auch Mensch. Das „Goebbels-Experiment“ will, dass wir die Nazi-Täter näher an uns heranlassen, statt das Abspaltungsverfahren „Gutes Publikum, böser Nazi“ so einfach zuzulassen. Auch Goebbels’ rationale Züge sind da: Wir werden den Krieg verlieren, wenn du –Hitler- nicht Ribbentrop entlässt und den fetten Göring. Und doch klammert er sich äffisch an den Führer. Siebentausend Seiten Stoff für einen Psychoanalytiker – von denen der Film 35 vorführte.

Er predigt Feuer und wird von russischen Soldaten als verkohlte Leiche fotografiert: genauer als in Arthur Weidenfelds Buch von 1942 „The Goebbels Experiment“, nämlich als Experiment mit sich selbst, lässt sich dieser Goebbels kaum auf den Punkt bringen. Auch wenn wir die strenge Machart des Films oft pädagogisch überzogen finden (wie in Romuald Karmakar’s „Himmler-Projekt“), die verstärkte Anforderung ans Publikum ist offenbar notwendig. Ohne Udo Samels Sprech-Kunst (in der englischen Fassung spricht Kenneth Branagh) sowie die hochkompetente, ehrliche Montage („manchmal haben wir kein Bildmaterial gefunden !“) wäre das gelungene Werk kaum möglich geworden.

 

Richard Herding
15.02.2005