2 ODER 3 DINGE, DIE ICH VON IHM WEIß Rezensionen zur Berlinale 2005 [Juden-Vernichtung, Slowakei]

Teaser

Nein, es geht nicht um Albert Speer, es geht um keinen bekannten Namen. Seit 1941  „Gesandter“ –das heißt in Wahrheit wohl eine Art Statthalter Hitlers- im damaligen Vasallenstaat Slowakei, in Bratislava, damals Pressburg: Hanns Elard Ludin, 1905-1945. Aus der „Kummerkiste“ zog  Malte, Jahrgang 1942, alles Material, das über den Vater vorhanden und jahrzehntelang nicht berührt worden war.

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Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !



Titel: 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß
Land: Deutschland
Jahr: 2005
Regie und Buch: Malte Ludin
Mit: Familienangehörigen - Geschwistern, Nichten und Neffen
Produktionsleitung: Iva Svarcová, Svarc Filmproduktion
Kamera: Franz Lustig
Musik: Werner Pirchner, Hakim Ludin
Dauer: 87 Min.; Farbe
Kinostart:      
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, http://www.rezension.net/

 

 

 

Der eigene Vater:

 

Sechzig Jahre nachdem er gehängt wurde, zerstreiten sich die Geschwister darüber, ob er ein todeswürdiger Nazi-Verbrecher war. Ein „Familien-Drama“ von seltener Intensität.

 

„Ja, den Vater ham se g’hängt.“


Und was er doch für ein netter Papa war, und was für schöne Familienfotos mit den sechs Kindern, und wie die Mama an ihm hing. Als sie noch lebte, hätte er das nicht gemacht, bekennt Malte Ludin, Sohn, freimütig. Ihr hätte er das Herz nicht brechen wollen. Aber Jahre nach ihrem Tod war es so weit, und er entschloss sich, dem halsstarrigen Widerstand der beiden älteren Schwestern zu trotzen. Die wiederum -im Geschwisterverhältnis sind Freiheit und Gebundenheit eben widersprüchlich aber unentrinnbar zusammen- boykottierten den Film nicht, sondern machten mit und äußerten trotzig ihre Meinungen darin.

Nein, es geht nicht um Albert Speer, es geht um keinen bekannten Namen. Seit 1941  „Gesandter“ –das heißt in Wahrheit wohl eine Art Statthalter Hitlers- im damaligen Vasallenstaat Slowakei, in Bratislava, damals Pressburg: Hanns Elard Ludin, 1905-1945. Aus der „Kummerkiste“ zog  Malte, Jahrgang 1942, alles Material, das über den Vater vorhanden und jahrzehntelang nicht berührt worden war. Romantiker im Schuldienst am Bodensee, dann Reichswehr-Soldat, dort entlassen wegen Kontakten zu Hitler und seinen Nationalsozialisten. „Seinen“ Adolf hatte er sogar in der Festungshaft besucht. Im Originalton von 1933 bekennt er sich zum „steten Kampf gegen alles, was undeutsch ist“; als SA-Leute einen Juden in Creglingen zu Tode brachten (wenigstens “grob fahrlässig“ im juristischen Sinn), sorgte er mit dafür, dass sie ungeschoren blieben; er kommandierte 300000 SA-Männer; in der Slowakei führte er 2000 von 8000 Juden der „Sonderbehandlung“ zu. Ein Dichter, Sohn einer slowakischen jüdischen Familie, der nach Palästina geschickt wurde und dort überlebt hat, wird von Ludin aufgesucht, er liest ein Gedicht für den Film.

Die älteste Schwester besteht darauf, was die Mutter verkörpert hatte: dass die Kinder stolz auf ihren Vater sein können, dass er deutsche Tugenden repräsentiert hat, dass nach seinem Wissen die slowakischen Juden nur in Arbeitslager deportiert wurden, dass der Orden, den er trug, aussah wie ein Judenstern … Der junge Bruder Malte setzt dagegen: dreihunderttausend Leute seien abgeholt worden. Im Film spricht er mit einer Frau, die 1943 nach Theresienstadt abgeholt wurde, wo Frauen und ältere Männer hinkamen, während die jungen Männer nach Auschwitz kamen; sie kam zurück und überlebte. Wieder die Schwester dagegen: wenn die Deutschen damals Massen getötet hätten, dann Partisanen; die Juden kamen nach ihrem Wissen in Arbeitslager, es war leider eben Krieg. „Malte’chen, du spielst dich auf als Rächer der Enterbten“. Der Vater hatte sich in dieser Situation nicht herausziehen wollen, nach dem Motto „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“; und wenn ein Gesandter sagt „Ich glaube, wir werden von Verbrechern regiert“ (1945), zeigt das schon einiges.

Malte Ludin, Filmemacher und „Täterkind“, fühlte sich in der Jugend als Kind eines Opfers der damaligen Zeit. Die Enkelgeneration heute spricht vom „größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte“, sie versucht nichts zu beschönigen. In der Familienerzählung der Kindergeneration davor war Hanns Ludin schon fast zum Widerstandskämpfer stilisiert worden. Die letzten Bilder vom Prozess des SA-Obergruppenführer bis zur Hinrichtung sagen uns noch, dass er sich darauf berief, Befehlen gefolgt zu sein, dass er sich wünschte, er hätte eine andere Laufbahn eingeschlagen, dass die Prozessakten ihn als Scharfmacher unter den Nazi-Machthabern über die Slowakei bezeichnen. Und der Ankläger forderte „im Namen von Tausenden von Opfern die härteste Strafe, die die Menschheit für so etwas vorsieht: Tod durch Erhängen“. Der Überlebende, der Dichter, sagt, das Gute ist passiv und genügt sich selbst, das Böse ist ein Vakuum und kann grenzenlos gefüllt werden. Schließlich der Friedhof in Bratislava, mit H. Ludins Grab.

Zwei Geschwister sind gestorben, durch Unfall bzw. Herzversagen, die eine der Schwestern sieht sich Maltes Film bei der Premiere 2005 an, die anderen –noch ?!- nicht. Es gibt kein „Scherbengericht“ über das halsstarrige In-Schutz-Nehmen des Vaters durch einen Teil der Geschwister bei den Zuschauern der Premiere. Solchen, die in der Nazi-Zeit verfolgt waren, fällt das HEL (für Hanns Elard Ludin) auf dem Grabstein auf, das sie mit „Hell“, Hölle, zusammenbringen. „Ich bin lieber Sohn von Opfern“, sagt einer, das andere sei derzeit in Deutschland für Hunderttausende aus der betreffenden Generation eben sehr, sehr schwierig. Malte Ludins Fazit: die Hoffnung ruht jetzt auf der dritten Generation.

Bringt der Film jetzt größere Harmonie in die Familie ? Ludin junior ist skeptisch, sieht das Gegenteil: nein, ausgegrenzt werde er nicht. Aber vielleicht komme das noch.

Mit dem Titel spielt Ludin auf Godards Film „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“ aus den 1960er Jahren an, wo die moderne anonyme Welt der Pariser Vorstadt ein Doppelleben als „ordentliche“ Ehefrau und als Prostituierte ermöglicht; natürlich trägt die Parallele des Massenmord-Mit-Ingenieurs zur Hure nicht, und sie wird von Ludin auch nicht ausgewalzt. Wir kennen von vielen anderen Täter-Biographien aus dem Nationalsozialismus den treusorgenden Hausvater, Tierverwöhner, Klavierspieler, Gedichteleser – und befehlstreuen Massenmörder. Nun war Ludin offenbar ein „Schreibtisch“-Täter, das entschuldigt nichts, spätestens seit dem Eichmann-Prozess ist das in der Weltgeschichte klar. Aber den Einwänden der Schwestern, dass Vater ja nun doch … vielleicht … wer weiss …  getäuscht …  nicht so genau wusste … usw. usf. hätte ein Bruder mit Erfahrung in westlich-britisch-amerikanischer Demokratie vielleicht anders begegnen können: welche „prozeduralen Standards“ hatte der Prozess von 1945 in Bratislava ? Hatte Ludin senior einen Verteidiger ? Bekanntlich hielten die Vertreter der Sowjetarmee das ganze formale Getue der Briten und Amerikaner in Nürnberg mit Rechtsanwälten und Beweisaufnahmen für überflüssige Zeit- und Geldverschwendung: Göring und Konsorten an die Wand stellen und fertig ! Als wüsste nicht die ganze Welt, was das für Leute sind. Alles sehr gut nachvollziehbar - aber das „überflüssige Getue“ hat Maßstäbe gesetzt, hat mehr für den Weltfrieden getan als unser heutiger gleichsam religiöser Gebildeten-Antifaschismus weiß. (Zumal Ludin sr. nach Österreich geflohen und von dort durch die U.S.-Truppen in die Tschechoslowakei ausgeliefert worden war.) Und in diesem Fall hätte vielleicht eine Rekonstruktion des Prozesses nach demokratischen Maßstäben, die heute in der früheren Tschechoslowakei –dem Geburtsland Malte Ludins und seiner Frau Iva Svarcová- wieder Fuß fassen, wenigstens den Familienfrieden gedient.

Diese Anregung soll für den Film keine weitreichende Kritik tragen. „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ ist eine sehr besondere, sehr intensive, wenn man will sehr intime Art von Dokumentarfilm, dramatisch gelungen durch die nicht–ritualisierten Geschwisterkonflikte. Ludin und Sarková ist eine virtuose, nur selten von Wiederholungsdrang geplagte Kameraführung geglückt. Und anders als so mancher Schwarzbrot-Dok-Film ist dieser visuell enthusiastisch bis zur Grenze des Kitsches (bei den Gedichten nämlich). Ein Ereignis für die Berlinale, ein Meilenstein –durch die Wendung nach Ost-Europa und durch den Blick in die nachfolgenden Generationen- für die europäische Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

 

Richard Herding
2007