DIE TODESMÜHLEN Rezensionen zur Berlinale 2005 [Seminar „Bilder des Grauens“, Marshall-Plan, Reorientation ]

Teaser

Unter dem Titel „Bilder des Grauens“ wurden im Berlinale-Teilprogramm „Selling Democracy“ (! tolldreister Titel aus der Werbe-Welt, also: Wie man Demokratie „vermarktet“) die Wochenschau-Filme aus den ersten befreiten Konzentrationslagern  zusammengefasst. Wohlgemerkt: überwiegend aus den KZ’s des Westens ! Auschwitz war da noch gar nicht dabei. Die Besatzungstruppen gaben diese Gräuelbilder, die unmittelbar ersten Momentaufnahmen –schrecklicher als in den ängstlichsten Phantasien erwartet- an die Deutschen weiter. Dabei übten sie einen gewissen Druck aus, um die Leute, die als „Tätervolk“ wissen sollten, was von ihnen oder jedenfalls in ihrem Namen verübt wurde, damit zu konfrontieren.

Author

Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !

 

(Rezension.net: 04.03.2005)



Titel: DIE TODESMÜHLEN, DEATH MILLS (MILLS OF DEATH)
Jiddische Fassung: DI TOIT MILEN
Land: Deutschland, U.S.A.
Jahr: 1945
Regie und Buch: Hanus Burger
Kurz-Dokumentarfilm
Produktionsleitung: Information Control Division, OMGUS (= Office of  Military Government for Germany, United States)
Schnitt-Überwachung: Billy Wilder
Dauer: 23 Min.; Schwarz-weiß
Kinostart: 25. Januar 1946
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, http://www.rezension.net/

 

 

 

Bilder des Grauens. / Ansehen.

 

U.S.-amerikanische Umerziehung und Umorientierung durch Film nach dem Zweiten Weltkrieg: ein vorbildliches Programm. Aber von der Judenvernichtung wollte man anfangs noch nicht viel gewusst haben.

 

Unter dem Titel „Bilder des Grauens“ wurden im Berlinale-Teilprogramm „Selling Democracy“ (! tolldreister Titel aus der Werbe-Welt, also: Wie man Demokratie „vermarktet“) die Wochenschau-Filme aus den ersten befreiten Konzentrationslagern  zusammengefasst. Wohlgemerkt: überwiegend aus den KZ’s des Westens ! Auschwitz war da noch gar nicht dabei. Die Besatzungstruppen gaben diese Gräuelbilder, die unmittelbar ersten Momentaufnahmen –schrecklicher als in den ängstlichsten Phantasien erwartet- an die Deutschen weiter. Dabei übten sie einen gewissen Druck aus, um die Leute, die als „Tätervolk“ wissen sollten, was von ihnen oder jedenfalls in ihrem Namen verübt wurde, damit zu konfrontieren. Mich erstaunt jedes Mal, wie sensibel und differenziert das gemacht wurde, ganz anders als von einer siegreichen Armee nach einem brutalen Krieg zu erwarten war. Wie hätten das andere Armeen gemacht, wie hätte es eine deutsche Aufstandsbewegung gemacht ? Wenn die Alliierten die Deutschen mit Handschellen oder Hungerrationen gezwungen hätten, sich das anzusehen, wer hätte da widersprechen können ?

Das Presse- und Informationsamt der U.S.-Regierung im Zweiten Weltkrieg („Office of War Information“), ließ ganz einfach die Sicht des gewöhnlichen Soldaten filmen, was sie wir bei der Befreiung des KZ „XY“ sahen. Diese Aufnahmen wurden mit London und Moskau ausgetauscht (allerdings sind nicht alle, insbesondere sowjetische Materialien, heute mühelos verfügbar) und in einem Pool gesammelt. 1944 kamen von der Roten Armee die ersten Bilder aus Lagern in die Wochenschauen, sie waren „sehr sehr sparsam„ (Heiner Roß, Herausgeber von „Lernen Sie diskutieren ! Re-Education durch Film“, Babelsberg).

Am 30. Mai 1945 wurden in Minden (Westfalen) die ersten „Umerziehungs“versuche durch Film selbst von der Britischen Wochenschau gefilmt. Wir sehen den Menschen zu, wie sie sehen.

„An End to Murder“, Schluß mit dem Morden, hieß der Sechs-Minuten-Streifen, der zeigte, was bei der Befreiung u.a. von Belsen und Buchenwald zu sehen war, und die Frage stellte: Können die Deutschen umerzogen werden ? Der Titel nimmt indirekt darauf Bezug, dass die Lagerinsassen vielfach derart krank oder geschwächt waren, dass sie erst nach dem Zeitpunkt dieser Aufnahmen starben. Die Gegenstände, die Kleidungsstücke im Lager waren verseucht, alles musste verbrannt werden. Die Militärbehörden forderten alle in ihrer Besatzungsregion auf, die Aufnahmen anzusehen, und zwar freiwillig. Als Ziele wurden genannt: Entmilitarisierung, Entnazifizierung, Entindustrialisierung (Rest des Morgenthau-Plans), Feststellung der kollektiven Verantwortung, Fraternisierungsverbot (in der ersten Zeit).

Ähnlich im münsterländischen Burgsteinfurt. Die Reaktion der Bevölkerung war in der Regel: Wir wussten nichts davon, es betrifft uns gar nicht: es betrifft andere, nämlich die kämpfenden Soldaten ! Denen wurde im gleichen Kino „Arsen und Spitzenhäubchen“ vorgeführt, sie kannten den Horror, sie sollten sich erholen …

Nur wenige Militärpolizisten standen dabei, als die viertausend EinwohnerInnen von Burgsteinfurt, das als „Dorf des Hasses“ gegen die Besatzungstruppen galt und „seine Lektion lernen“ sollte, ins Kino pilgerten, geführt von Bürgermeister und Stadtkommandant. Wohl einmalig in Film- und Weltgeschichte, werden uns die Gräuel gezeigt und auch die Aufnahme der Gräuel durch diejenigen, die mindestens indirekt an der Verantwortung teilhaben. Weinende, erschütterte Frauen sind zu sehen – und eine Frau wird mit heftiger Geste abgewiesen: weil sie lachte ! Die Psychologie kennt das als Übersprungs-Handlung, aber die britischen Truppen hatten zumindest damals noch keine Psychologen oder Pädagogen eingesetzt. Zum Teil waren es die noch nicht abgelösten kämpfenden Truppen, die dem Horror des Jahrhunderts direkt und unvorbereitet begegnet waren. Und angesichts dieser Situation wurden erstaunlich wenig Fehler gemacht, es wurde umsichtig vorgegangen, es war erstaunlich wenig Rache- oder auch nur Strafbedürfnis zu spüren. – Übrigens die Übersprungs-Lacherinnen wurden später nochmals ins Kino zurückgeführt, sie mussten den Film nochmals ansehen, das war „Strafe“ genug. Etwa: Britische Parlaments-Abgeordnete besuchen das Lager Buchenwald. Die Holzknüppel des Personals zur Beschleunigung des Todes für sterbende Häftlinge sind zu sehen, die Leichenberge, die Verbrennungsöfen für die toten Häftlinge. Auch wie ein paar hundert Männer aus der nächsten Stadt mit Schaufeln und Spaten anrücken, auf Anordnung der Besatzungsarmee (regelrecht befohlen, nicht nur stark angeraten wie der Kinobesuch; aber beides wurde befolgt), um die Massen der Toten des KZ zu begraben.

Diese ersten Versuche wurden bald verstärkt durch die bereits existierenden strategischen Überlegungen  der Armeen. Was tun, wenn die Bevölkerung unserer Darstellung nicht glaubt ? Im Ersten Weltkrieg gab es diese Erfahrung: „Gräuelpropaganda“ wurde nicht akzeptiert. Dazu kam das Kriegs-Völkerrecht: erst durch die bedingungslose Kapitulation, also ab 8. Mai 1945, durfte überhaupt Einfluss genommen werden auf Zeitungen, Rundfunk, Schulen undsoweiter. In den weiten bis dahin schon besetzten Gebieten durften die Besatzungstruppen ihre Position als Siegermächte nicht nutzen. Alle diese Umstände treffen auf ungläubiges Erstaunen beim heutigen Publikum, das sich längst –nicht zuletzt durch die u.s.-amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam und im Irak- von der Vorstellung einer „rechtlich eingehegten“ Kriegführung (Cora Stephan, „Das Handwerk des Krieges“, Berlin 1998) verabschiedet hat. Umso bedauerlicher, dass die Berlinale-Organisation diesem Programm einen etwas mühsam auffindbaren, nur lückenhaft beschriebenen Platz im Veranstaltungs-Ablauf zuweist.

Wir sehen, um kurz zu beschreiben, wogegen sich alles sträubt: Massen-Ansammlungen von Leichen und Beinahe-Leichen, die eben nicht „nur“ die Spuren des erlittenen oder herannahenden Todes zeigen, sondern gleichzeitig die des Hungers, verschiedener Infektions-Krankheiten, des Ungeziefers Läuse Flöhe Wanzen Ratten …, des Prügelns, Folterns und Verletzens mit Knüppeln Eisenstangen Nägeln Schusswaffen, noch nicht oder kaum medizinisch versorgt. Und im Moment der Befreiung sehen wir sie selbstverständlich, soweit sie dazu noch oder schon wieder fähig waren, mit dem freudigsten Lächeln der Welt auf den Lippen. Oder, soweit sie mental schon auf die Seite des Todes gewechselt hatten, mit unverändert düsterem Gleichmut, der kaum noch „Verzweiflung“ genannt werden kann, weil in dieser ja noch Leidenschaft wohnen würde. Warnung und doch Ermutigung zum Sehen: wer Alain Resnais’ „Nacht und Nebel“ kennt, den werden die dort gezeigten Leichenberge noch ein wenig an Hollywood-Historien-Epen erinnern, im Vergleich zu dem Filmmaterial von „Todesmühlen“.

So zeigte die britische Wochenschau „Movietown News“ die Bilder von der Befreiung des KZ Belsen. Sechzigtausend Tote, auf riesiger Fläche verteilt am Boden liegend. Die Männer der kämpfenden Truppen reagieren absolut natürlich: warum soll ich diese Atrocities, diese Gräuel sehen, und die deutsche Bevölkerung nicht ? Und doch ist dann wieder ein Bericht darunter (von einer Frau), der betont schamvoll gehalten ist und nicht alles Gesehene zeigt. Ähnlich „France Actualité“: gerade 17 Sekunden von diesem Filmmaterial – und das bei den Franzosen, die als besetztes Land im Gegensatz zu Briten und U.S.-Amerikanern mehr auf Rache aus waren! Da gab es noch nicht allzu viele Vorüberlegungen, umso wichtiger und umso rühmlicher diese erschrocken-offensiv-schamvolle Reaktionsweise.

In den Kriegsgefangenen-Lagern der (West-)Alliierten, wie gesagt unter dem Schutz der Köpfe durch die Genfer Konvention, brüllten die gefangenen nazideutschen Soldaten auch schon mal die britischen Offiziere an, machten sie fertig – und berichteten später, sie hätten sich gewundert, dass sie nicht bestraft wurden …

Im Juni 1945 wurde in zwei Kinos des fränkischen Erlangen ein Zusammenschnitt der Gräuelbilder für die Bevölkerung gezeigt. Der tschechische Filmemacher Hanus Burger und der aus Galizien stammende deutsche U.S.-Immigrant Billy Wilder waren dabei und kamen zu dem Schluss, das müsse anders gemacht werden. (Wenn man so will, ein frühes, heroisches Beispiel für europäische „Einmischung“ in den leider sehr europäischen Stoff, gegenüber dem amerikanischen Welt-Kino.) Ihre Fassung wurde zusammen mit Filmen über Musterbeispiele der westlichen demokratischen „Leitkulturen“ (verzeiht das Wort, hier ist es am Platz) gezeigt, etwa über Tennessee River Authority, ein Staudamm-Projekt in den U.S.A. des New Deal der 1930er Jahre (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen). „WELT IM FILM“ zeigte nun Filmausschnitte von den KZ’s Ohrdruf (mit Leichenhaus), Ziegenheim (mit der Essens-Ration russischer Insassen für 1 Tag), Kaunitz, Holzen (alles lacht: befreit !), Schwarzenfeld, Göttingen, Hadamar (Leichen verscharrt statt verbrannt, wegen des Gestanks für die umliegenden Dörfer), Gardelegen, Thekla bei Leipzig, Nordhausen (nach 5 oder 8 Jahren Haft: Bilder ohne Lächeln zur Befreiung), Buchenwald (Parlamentsabgeordnete aus London und Washington – und hier die wohl einzige historisch widerlegte Gräuel-Annahme: Lampenschirme aus tätowierter Häftlings-Haut; das stimmte nicht). Und eine Landkarte mit über hundert KZ’s. „Die Erinnerung wird in tausend Jahren nicht untergehen.“

Gelungen ist im „positiven, aufbauenden“ Teil des Programms ein Film sozusagen über den „Kinderladen“, wo die drei- bis sechsjährigen mit ErzieherInnen spielten, weil die Mütter in den Arbeitsplätzen -klar, oft Rüstung- die einberufenen Männer ersetzen mussten. Da dürfen beim Spielen im Sand schon mal Klamotten dreckig werden, eine Prügelei ist immer mal drin –sofern sie fair bleibt-, die Kleinen warten nicht bei allem und jedem auf pädagogische Anweisungen. Ein kräftiger Hauch von antiautoritärer Selbstverwaltung bei den Kleinen. Der „rote“ Faden des „anderen“ Amerika, der sich durchzieht bis zur „Mutter aller Studentenrevolten“ ab 1964 in  Berkeley und zur Anti-Vietnam-Bewegung. Das Land besteht nicht nur aus McCarthy, Reagan, und den Bush’s ! Und ein großer Teil der Impulse für dieses andere Amerika verdankt sich den europäisch-jüdischen ImmigrantInnen.

Es fällt schwer, sich klarzumachen, dass dieses filmische „Umerziehungs“-Programm schon in Erlangen lief, als das nahe gelegene Nürnberg noch gar nicht befreit war ! Soldaten wurden aus dem Kino geholt: „Damned, ich muss los“, und durch ihre weggeworfenen Zigarettenstummel kam der schnellstens herbeigeeilte deutsche Zuschauer zu unverhofftem und  heiß begehrten Raucher-Reichtum.

Doch wovon ist die Rede: Gräuel-Filme sind Holocaust-Filme – doch das Wort „Jude“ kam bisher so gut wie gar nicht vor. Warum ? Unterschiedliche Sicht auch bei kompetenten Experten. Nach Heiner Roß war von den Juden als Haupt-Opfergruppe bei Kriegsende noch gar nicht so viel bekannt. Die Unterlagen der Wannsee-Konferenz mit dem „Endlösungs“-Beschluss waren zu den Nürnberger Prozessen noch nicht ausgewertet, wurden folglich dort nicht benutzt. Ronny Loewy (Projekt „Cinematographie des Holocaust“) setzt dagegen seine These vom „universalistischen Opferbild“, das noch jahrelang durchzuhalten versucht wurde: die Juden als eine Opfergruppe unter anderen, auch noch bei Alain Resnais. Doch seit 1943 sei die Vernichtung der Juden im Westen durchaus bekannt gewesen. Die Nachricht war nicht erwünscht. Nicht was man wusste, ist zu fragen, sondern was man wissen wollte. Zudem war Palästina britisches Mandatsgebiet, und die Mandatsmacht hatte sich den Zufluchtswünschen verfolgter Juden weitgehend verschlossen.

Es ist nicht illusionär, sondern eine Notwendigkeit für Moral und Politik der Zukunft: dass Region für Region, Stadt für Stadt, Dorf für Dorf sich ihrer Holocaust-Geschichte vergewissern und sie im derzeit stärksten Massen-Medium Film darstellen. Sowohl Erinnerungen wie auch vorhandenes Filmmaterial müssen dafür gesammelt werden. Einiges, was im Seminar über die „Bilder des Grauens“ gezeigt wurde, war wohl bereits im Internet vorhanden – aber dort nur durch Zufall gefunden worden ! Die verdienstvollen Einrichtungen wie Spielberg-Archiv, Fritz Bauer Institut, Deutsches Filmmuseum Frankfurt am Main, Kinemathek Hamburg und andere, müssten regionale und örtliche – vor allem auch: östliche !- Verstärkung haben. Eine Aufgabe auch für die europäische Filmförderungs-Politik, gerade nach dem Beitritt Polens, Tschechiens, Ungarns, Sloweniens, der Slowakei und der baltischen Staaten zur Europäischen Union. Dort hatten die Todesmühlen ja am stärksten gemahlen.

 

Richard Herding
15.02.2005