DER NEUNTE TAG Rezensionen zur Berlinale 2005 [KZ, Widerstand, Dachau und Luxembourg]

Teaser

Wenn die schwarz gekleideten Herren der Societas Iesu, deren Ruf durch die Jahrhunderte nach List & Tücke, Macht & Intrigen, Hochmut & Heuchelei aussah, das Geschenk je in Augenschein nahmen, mögen sie aufgeatmet haben. Nein, es war nicht wie in Rolf Hochhuth’s „Stellvertreter“. Keine flammende Anklage der feigen oder gar geistesverwandten Kumpanei zwischen Kirche und Nazireich. Es ist die Hommage an einen aufrechten Priester, der Prügel, Durst und Erniedrigung im Konzentrationslager wählt ...

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Richard Herding

 

Bitte Kontakt aufnehmen, wenn Interesse an Veranstaltungen / Seminaren / Veröffentlichungen, Artikeln, Sendungen besteht. Auch die entsprechenden Filme der letzten Festspieljahre seit 2000 stehen zur Verfügung. Die Verbindung zu den Problemstellungen „Filmförderung in Europa“ und „Internet-Präsenz der Rechtsextremisten und der von ihnen bedrohten Gruppen“ kann hergestellt werden, dazu liegen Veröffentlichungen vor bzw. wurden Veranstaltungen durchgeführt. Wichtig: von Sabine Kleczewski, über lange Zeit ID-Mitarbeiterin, finden sich im Rezension.net weitere Filmbesprechungen zum Thema, manche davon parallel zu den hier versammelten Texten !




Titel: DER NEUNTE TAG
Land: Deutschland / Luxembourg
Jahr: 2004
Regie: Volker Schlöndorff
Buch: Eberhard Görner, Andreas Pflüger,
frei nach Jean Bernard, „Pfarrerblock 25487“
Mit: Ulrich Matthes, August Diehl, Bibiana Beglau, Hilmar Thate, Götz Burger, Vladimir Fiser und anderen
Produktionsleitung: Dirk Ehmen
Kamera: Tomas Erhart
Musik: Alfred Schnittke
Dauer: 98 Min.; Farbe
Kinostart: 11. Nov. 2004
Rezensent: Richard Herding
Kontakt: redaktion@rezension.net
Quelle: Rezension.net, http://www.rezension.net/

 

 

„Ohne Judas keine Kreuzigung“:

 

Die absurde Beziehung zwischen Nazis, Katholiken - und Juden in der Zeit des Holocaust. Volker Schlöndorffs sehr bemerkenswerte Geschichte des Priesters, der das KZ wählte, und nicht den vatikanischen Opportunismus

 

Warum er diesen Film gemacht hat ? Schlöndorff, der Filmemacher einer antiautoritären, kritischen, linken Szene (spätestens mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975), „Deutschland im Herbst“ (1978), „Die Blechtrommel“ (1979), „Die Stille nach dem Schuss“ (2000)) gab eine überraschende Antwort, von der sein Who-is-who-Lebenslauf nichts verrät: Er sei in einem Jesuiten-Internat groß geworden, nun ja, und jetzt wolle er etwas zurückgeben.

Wenn die schwarz gekleideten Herren der Societas Iesu, deren Ruf durch die Jahrhunderte nach List & Tücke, Macht & Intrigen, Hochmut & Heuchelei aussah, das Geschenk je in Augenschein nahmen, mögen sie aufgeatmet haben. Nein, es war nicht wie in Rolf Hochhuth’s „Stellvertreter“. Keine flammende Anklage der feigen oder gar geistesverwandten Kumpanei zwischen Kirche und Nazireich. Es ist die Hommage an einen aufrechten Priester, der Prügel, Durst und Erniedrigung im Konzentrationslager wählt, während ihm die Nazis anbieten, er könne etwas Gutes für seine Kirche und sein Heimatland tun, indem er ihnen entgegenkäme. Begleitet von nüchterner Anerkennung für Vertreter der „Amts“-Kirche, die sozusagen einen Dritten Weg wählen: sich von Nazideutschland deutlicher distanzieren als Papst Pius XII, aber keinen aktiven Widerstand leisten, weil sie Angst vor den Folgen für ihre Schutzbefohlenen hatten.

Im deutschen Konzentrationslager Dachau südlich von München, so die Handlung des „Neunten Tags“, gibt es einen „Pfarrerblock“, in dem unter anderem katholische Priester aus dem Großherzogtum Luxemburg, das offensichtlich nicht begeistert und komplett „heim ins Reich“ wollte, gefangen sind. Sie müssen Schwerstarbeit leisten müssen und sind den KZ-üblichen Prügeln und Schikanen unterworfen. Dem Abbé Kremer (Ulrich Matthes, der in Hirschbiegels Film „Der Untergang“ Goebbels gespielt hat) wird plötzlich die Entlassung ausgeschrieben, keine Gründe, nun ja, er fährt in die Heimatstadt zurück, und dort wird ihm ebenso plötzlich kundgetan, es sei ein Irrtum. Er sei nicht entlassen, sondern habe nur zehn Tage Urlaub aus dem Lager, und er solle sich bloß nicht unterstehen zu fliehen, in diesem Fall würden seine Mitbrüder im KZ umgebracht. Ferner habe er sich täglich zu melden, bei der Gestapo.

Noch nie hatte ein Priester Urlaub aus dem KZ bekommen. Bald stellt sich heraus, warum diese Ausnahme gemacht wurde. Luxemburg scheint für die Nazis ein härterer Brocken zu sein, als sie erwartet hatten. Gestapo-Chef Gebhardt (August Diehl) schlägt dem Abbé vor, etwas für die Verbesserung der Beziehungen zwischen Nazi-Deutschland und den luxemburgischen Katholiken zu tun. Das sei auch im Sinne von Überlegungen, die im Vatikan-Referat der NSDAP („Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“) angestellt würden. Dazu müsste er, der auch vor seiner Gefangenschaft großes Ansehen im Bistum genossen hatte, mit dem Bischof sprechen. Der aber hält eine deutliche Distanz: einmal am Tag werden die Domglocken geläutet, und Hochwürden selbst ist permanent krank, zeigt sich nicht in der Öffentlichkeit, und schon gar nicht trifft er die neuen Machthaber. Die verstehen, und lassen um den Dom herum aufs Pflaster pinseln „Heim ins Reich“. Des Bischofs Generalvikar hingegen würde nur zu gerne die Beziehungen zu den Nazis verbessern, offenbar aus Motiven persönlicher Angst, die aber nicht deutlich werden (übrigens eine Schwachstelle des Films).

Untersturmführer Gebhardt  versucht Kremer’s Vertrauen zu gewinnen, indem er sich quasi als Bruder im Geiste darstellt. Er hat des Theologen Arbeit gelesen über die indigenen Australier („Ureinwohner“), an denen er zu zeigen versuchte, dass es einen gemeinsamen Gott geben müsse –offenbar gegen den Rassismus geschrieben-, und „interessant“ gefunden. Der SS-Mann hatte selbst Priester werden wollen, erst im letzten Augenblick sei er umgeschwenkt. Und er akzeptiert, dass Jesus selbst auch Jude war, will zwischen Juden und Juden unterscheiden, tischt eine absurde Theorie auf: den wahren Willen Gottes habe der Jude Judas getan, der durch seinen Verrat an Jesus die Kreuzigung und den Tod des Gottessohns herbeigeführt und so dem göttlichen Willen Durchbruch verschafft habe. Das sei nun seine, Gebhardts und der Nazis, Aufgabe, und Kremer solle mitmachen: Theologie des göttlichen Heilsplans, der den Tod der Juden wolle.

Diese abstrus-absurde Theologie des Holocaust als Massenmord für das Heil der Welt findet Kremer schlicht schwachsinnig. Doch er kann eines Tages mit dem Bischof reden, und der erklärt ihm seine Haltung des bloß passiven Widerstands. Es klingt, als spräche er live zu Hochhuth und Pius XII.: er verweist er auf das Beispiel der niederländischen Kirche, wo auf deutliche Worte eines Kardinals hin massenweise Katholiken ohne Arier-Nachweis verhaftet und deportiert worden seien. (Das mögen getaufte Juden und angesichts der niederländischen Kolonialgeschichte auch Menschen zum Beispiel aus Südafrika oder Indonesien gewesen sein.) Das klingt einleuchtender und konkreter als die Mutmaßungen von der Furcht Pius des Zwölften, die Nazis könnten die Katholiken generell abschlachten wie die Juden. Und es entspricht mehr Schlöndorffs Bekenntnis, wie bei den Filmen zur Stadtguerilla, zur Rote-Armee-Fraktion: dass es kein eindeutiges Gut und Böse gibt, sondern politische Entscheidungen mit Risiko.

Eine satirische Szene darf nicht fehlen: der Vatikan hat sich auf seine Art für die Priester im KZ eingesetzt, auf die Pius-XII.-Tour, also immer treu und brav am 20. April zu Führers Geburtstag zu gratulieren (und sich im übrigen für die Marienverehrung einzusetzen …). Nun kriegen die im Pfarrerblock –mensch höre und staune- sogar Wein in ihrer Verpflegung, man sieht die SSler Korken ziehen !, nicht ohne dass es vor allem die rassistisch meistverachteten Ost-Priester gleich wieder heimgezahlt kriegen: „Magst wohl den Mosel nicht ?!“, und schnell ist der Blechpott umgekippt und eine blutige Schramme im Gesicht.

Auf weniger abstruse, alltägliche Weise versucht Kremers Familie ihn zur Flucht oder zum Untertauchen zu bewegen. Die Schwester, mutig trotz Schwangerschaft, will ihn verstecken und so vor der Rückkehr ins KZ bewahren, einer seiner Brüder bietet ihm an, bei Geschäften mit der Besatzungsarmee in Frankreich mitzumachen. Er steigt sogar zu ihm ins Auto, fährt los – und zwingt ihn dann doch, anzuhalten, ihn raus zu lassen, kehrt zurück ins Haus der Familie, wo bereits Razzia gemacht wird und SS-Gebhardt völlig erstaunt ist, ihn wieder zu sehen.

Von Tag zu Tag – so ist der Film in Kapitel eingeteilt, es heißt „Der dritte Tag“, „Der siebte Tag“ und so weiter- wird an die Schöpfungsgeschichte der Bibel gemahnt, nur eben umgekehrt, es geht auf den Untergang zu. Der Entscheidungstag ist der neunte, der letzte Tag ist der zehnte, und an diesem Tag kommt so oder so der Untergang: entweder Abbé Kremer geht ins KZ zurück, oder er flieht und wird zum Todesengel seiner Mitgefangenen, oder er kommt den Nazis entgegen und wird Verräter und mitschuldig am Holocaust. Ständig begleitet ihn der Albtraum, wie er beim Einsatz seines Arbeitskommandos im KZ wahnsinnig Durst hatte, ein abzubauendes Rohr sozusagen ausquetschte und nach langer Mühe sogar ein paar Schlucke Wasser herausholte. Dieses Wasser behielt er für sich, teilte es nicht mit seinen Mitgefangenen wie sonst, und die Schuldgefühle sitzen sehr sehr fest. Solche Theologie ist überzeugend.

Man müsse versuchen, ein „Lagerschwein“ zu werden, hatte Kremer seiner Mutter -inzwischen ist sie tot, und er besucht ihr Grab- als erste Botschaft nach der Gefangennahme hinterlassen. Überleben, sich durchschlagen, das ist selbstverständliche Notwendigkeit, es geht nicht um die reine Moral des gewollten Martyriums. Aber auch nicht um die direkte Orientierung an den greifbaren Mitmenschen; so kommen eigentlich keine Juden persönlich vor – man weiß von ihnen, nur zu gut. Die Gewissensentscheidung ist in diesem Film sehr deutlich als eine intellektuelle gezeichnet: der Intellektuelle, von Matthes mit immer etwas abwesendem grübelndem Ausdruck hervorragend gespielt, nicht als Spinner, sondern als einer, der nicht an dem klebt, was eben vorhanden ist.

Von den Gefangenen des Pfarrerblocks hat etwa die Hälfte überlebt. Der Tagebuchschreiber Jean Bernard, auf dessen „sogenannter wahrer Geschichte“ (Schlöndorff) der Film basiert, gehörte zu den Überlebenden.

 

 

Richard Herding
14.02.2005

 

Kleine Anmerkung: Der Berliner Kameramann Max Penzel hat beim „Neunten Tag“ mitgemacht, er hat Anfang 2005  den Michael-Ballhaus-Förderpreis bekommen. Wetten, dass wir von ihm noch hören werden.