KLUGEs Fernsehen als unterbliebene Nachricht (Auch als Präsent zu Alexander Kluge's 80. Geburtstag am 14. Februar 2012)


Wann wir anfangen, seit 1988, ist nicht so wichtig: Kluge -übrigens herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag !- ist ständig neu und immer gleich geblieben, weil er sich und den Rest der Welt sozusagen wöchentlich neu in Frage stellen (oder: entdecken) konnte.

- Nehmen wir den 30. Mai 2011, und nehmen wir diejenige Tageszeitung in Deutschland, der ich KLUGES Fernsehen zutraue, selbstverständlich die "taz". Nach dem Durchstreifen des Fernsehprogramms in "Flimmern und Rauschen" (taz-Printausgabe von Montag, 30.5.11) war ich sehr sauer, ja traurig: Beim RTL-Programm fehlte ganz schlicht eine Sendung: "Zehn vor elf", also die halbe Stunde von Alexander Kluge und Team um 0.30 Uhr (anfangs war die Sendezeit 22.50 Uhr -daher der heute noch bestehende Name "10 vor 11").

Gegen Kluges Stil mag es ja Einwände geben. (Ja ja, wir sehen ihn nie, er bleibt immer im Off, sichtbar sind nur seine Gesprächspartner/innen, gelegentlich auch fantastisch imitiert von Helge Schneider. Ja ja, es geht meistens nicht kontrovers zu, sondern es wird auf ein Aha-Ziel zugesteuert. Ja ja, die Themen sind oft nicht tagesaktuell, Stalingrad oder die Weltraum-Nebel kennen wir kaum aus der Tagesschau). ABER ich bin auf die von Kluge vorgestellten Personen und Probleme gespannt, ABER die Kontroverse baut sich auf, wenn Du eine Position erst einmal kennst, ABER jahrhundert- oder jahrtausendaktuell soll mir neben "tagesaktuell" auch sehr recht sein. Kurz, ich finde Kluges Sendungen nach wie vor klug, witzig, nachdenklich, und im besten Sinn unterhaltsam. Zudem die ganze Welt betreffend. Ob Hitler oder die Entdeckung des Nordpols - und vor allem alle Welten aller Gefühle, sprich: DIE OPER, die Kluges Lupe, Wörterbuch, Suchmaschine, ja - Kochlöffel ist.

Es heißt, dass Kluges Projekt "dctp" (Development Company for Television Programs) zu einem eigenen Sender ausgebaut wird. (Im Zeitalter der Computerisierung des Fernsehens kein Meilenstein wie früher die Etablierung eines Neuen Fernsehkanals.) Bitte an die "taz": sie möge nicht bis dahin warten, dass sie sein Programm verlässlich bringt. Und übrigens könnte sie es auch öfter mal kritisch rezensieren. Kluge als glänzender Autor und Filmemacher aus dem Ensemble Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, Oskar Negt etc. hat das "mehr als verdient".

- Das Fernsehprogramm vom 11.7. 2011 (taz-Printausgabe) ließ das dctp-Programm "10 vor 11"  um 0.30 h (kalendarisch 12.7.) schlicht weg. Titel der Sendung war "Geburt der Technik aus dem Geiste: DIN-Norm und Maschinengewehr". Uninteressant für taz-LeserInnen ? Wie immer kreuzt Kluge bedächtig aber unbekümmert die Grenzzäune zwischen den Disziplinen und begeht die Geschichts-Sektoren vorurteilsfrei. Einfach jemand mit einem atemberaubend weiten Horizont, dabei absolut nicht-arrogant. Wenn ich an seine Analyse des alliierten Bombenangriffs auf seinen Heimatort Halberstadt denke, wo er den Arbeitsalltag der britischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg als industriellen Leistungslohn-Auftrag mit X,00 Treffern in Y,00 Stunden darstellt: er macht keine Show aus der "politischen Unkorrektheit", und unser Entsetzen vor den Nazis wird keineswegs geringer, sondern verstärkt, weil endlich besser informiert.

- Am 26.9.11: Heute (kalend. Dienstag) um 0.30 ist im dctp-Programm "10 vor 11" angesagt:
In einem faszinierenden Buch aus dem Jahre 1910 veröffentlichten 21 Prominente von damals ihre Vorstellungen über das Jahr 2010. Sie sagen verblüffend viel Richtiges voraus, z.B. den Aufstieg Chinas, das Gleichgewicht der Kräfte im Kalten Krieg und den Gebrauch sogenannter „Theklas“, d.h. winziger tragbarer Telefone mit Sender, auf Deutsch: Handys. Was sie nicht wussten war, dass schon vier Jahre später der Erste Weltkrieg dem Jahrhundert auf mehr als 30 Jahre eine neue Richtung geben würde und alle Zukunftsbilder umwirft.
Georg Ruppelt, Direktor der Gottfried-Wilhelm-Leibniz- Bibliothek in Hannover hat die Neuausgabe von „Die Welt in 100 Jahren“ eingeleitet mit seinem Essay „Die Zukunft von gestern“. Er berichtet.
(DCTP-WebSite, Besuch 26.9.11)

Die taz bringt an diesem Tag überhaupt kein RTL-Programm! Allmählich glaube ich zu verstehen: es liegt schlicht am zur Verfügung stehenden Platz ... Zufall, nichts als Zufall.

- 25.10.11: eine besonders triste (Zufalls-) Beobachtung: am Montag 24. Oktober um 0.30 (kalend. Dienstag 25.10.) war Kluges Thema der Shakespeare'sche Coriolanus, also Mutter - Sohn - Gewalt - und Tod.
Und im taz-Fernsehprogramm ? Da war RTL von 12 Uhr mittags an aufgelistet, laufende Meter Boulevardsendungen. Letzte Notierung: 0 Uhr Nachtjournal. Ausgerechnet die eine unmittelbar darauffolgende Sendung, eben Kluge's "10 vor 11" mit dem gefühlsmächtigen Inhalt, war nicht mehr drin. Zum Heulen.

- 6.2.12: Das größte Weltraum-Teleskop. Kluge fragt, intelligent, respektlos gegenüber der Trennmauer Geistes- und Technik-Intelligenz, nach Sternennebeln in gigantischen Größenordnungen mit unglaublichen Farben, irrwahnwitzigen Lichtjahr-Entfernungen. Selbst die Schönheit: sie wirkt einfach dadurch, dass er sie an einigen Stellen eine Minute (das ist sooooo eine lange Zeit im Fernsehen!) länger stehen lässt, als die Sendungs-Erzählung es erfordert. Sie wirkt tausendmal eindrucksvoller, als wenn Kluge gesagt hätte: schaut mal hin, wie schön das ist. (Was er aber nie sagt.)

Wir -"Informationsdienst: für kritische Medienpraxis", aus der Traditionslinie "Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten", Urgestein der deutschsprachigen Alternativpresse, 1973 bis 1981 wöchentlich erschienen- würden es gerne sehen, dass die Sendung "10 vor 11" lobend und tadelnd dargestellt wird: auf der taz-Medienseite, und auf den Medienseiten von "Neues Deutschland", "Freitag", "SPIEGEL", "ZEIT" - oder was immer links, kritisch, oder eins von beides sein mag.

Nicht zuletzt mit einem Blick auf die Mediengeschichte der kleinen Tricks: die Lizenz fürs Privatfernsehen war in den 1980er Jahren an die "Last" einiger Qualitäts-Sendungen für kulturelle Minderheiten geknüpft worden (sogenannte Programm-Fenster), darunter eben - die Sendungen von Alexander Kluge. Politisch unkorrekt ? Nun, die Alternative wäre realpolitisch wohl gewesen: nur noch Seifenopern ohne Ende, keine Inseln in diesem schleimigen Meer.

Richard Herding
(Informationsdienst: für kritische Medienpraxis)

 

[Fassung vom 13.2.12]