Querulanten. Spinner, Helden, Gefahr?

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Von Kohlhaas bis zu anonymen "Schriftstellern". Wie werden Querulanten gesehen?

Status

archiviert

Author

Björn M. Langneff

Herkunft und Etymologie

 

Der Begriff Querulant kommt von dem spät-lateinischen Begriff querulus was „Sich Beschwerender“ bedeutet. Das Suffix -ant deutet auf eine negative Bedeutung hin. (Siehe Bummelant, Spekulant...)

 

Der Querulant in der Geschichte und Literatur

 

Das berühmteste Beispiel für Querulanten der deutschen Literaturgeschichte, gerade im Kleistjahr 2011, dürfte Michael Kohlhaas sein.

Weniger Menschen dürften wissen, dass sich Kleist an einem realen Beispiel orientierte: Dem Märker Hans Kohlhase (ca. 1500-22.3.1540) wurden auf dem Weg zum Markt unter fadenscheinigen Begründungen seine zwei Pferde abgenommen. Da er dadurch seine Existenzgrundlage verlor und seine Güter verpfänden musste und vor einem Gericht keine Einigung erzielt werden konnte, schickte er einen Fehdebrief an den Landvogt von Sachsen, stellte sich eine Landsknechtarmee zusammen und zog mordend und brandschatzend u.a. durch Wittenberg.

Ein Vergleich 1534 über 600 Gulden Entschädigung wurde annulliert, auch Martin Luther konnte nicht helfen und wiegelte ab.

H. Kohlhase wurde gefasst, beharrte im Prozess darauf im Recht gewesen zu sein, und wurde am 22.3.1540 am Georgentor (dem heutigen Straußberger Platz in Berlin-Mitte, Grenze zu Friedrichshain) gerädert.

Ein zweites Beispiel für den zivilen Ungehorsam eines Querulanten ist der US-Amerikaner

Henry David Thoreau (1817-1862). Er schrieb geradezu eine „Bibel“ des Zivilen Ungehorsams (Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat), welcher in den Augen der Regierenden jederzeit gerne Querulantentum genannt wurde.

Er zahlte keine Steuern, da er nicht wollte, dass dieses Geld für Krieg ausgegeben werden sollte, und legte sich so mit der Regierung an.

Berühmt auch sein Experiment, in welchem er sich eine Hütte am Waldensee (Massachusetts) baute und dort selbständig, aber nicht abgeschieden lebte. Er inspirierte so unterschiedliche Menschen wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi. Aber auch der UNA-Bomber Theodore („Ted“) John Kaczynski wurde von ihm inspiriert. Wir kommen späte noch auf ihn zurück.

 

Gute Querulanten“

 

Über 80 Prozent aller höchstrichterlichen Entscheidungen werden von Querulanten erwirkt. Diese Entscheidungen gelten im Justizalltag in der Regel als Verbesserung einer unklaren, veralteten und damit überholten Rechtssituation.“

Dies fand eine Forschergruppe der Uni Bremen heraus. Es bezog sich zwar auf Querulanten im Knastalltag, findet aber meiner Meinung auch Anwendung bei den „Alltagsquerulanten“. Man sieht also, dass Querulanten nicht immer nur „stören“. In ihnen steckt eine gute Portion Widerständigkeit, die diese Welt und gerade auch die Gesellschaft braucht. Sie werden benötigt, um festgefahrene Grundmuster aufzubrechen, sie zwingen uns darüber nachzudenken, was uns umgibt. Gerade im Fall des Rechtes und der Justiz finde ich das erfrischend bis wichtig. Hierin sind die Querulanten den sog. „Irren“ verwandt. Womit ich nicht gesagt haben möchte, dass alle Irren Querulanten sind. (Und umgekehrt.)

 

 

Böse Querulanten“

 

Also alles gut bei und mit den Querulanten? Keinesfalls. Können doch gerade diese Menschen gefährlich werden, wenn ihnen Menschenfreundlichkeit und Humor fehlen.

Das Beispiel des „Una-Bombers“, der im Namen seiner Ideologie drei Menschen tötete und 23 weitere verletzte, ist bereit erwähnt worden. Er empfand die moderne Technik als eine Bedrohung und bekämpfte sie in dem er in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts an US-amerikanische Fluglinien und Universitäten Briefbomben schickte.

Auch fällt mir beim Nachdenken über den Begriff Querulanten der sprichwörtliche Opa ein, der den Fernseher anbrüllt. (Dieser sieht im Fernsehprogramm nur noch Feinde und Nichtskönner. Er würde es natürlich besser regeln, wenn man ihn nur ließe.)

Aber noch etwas fällt auf bei der Betrachtung von Querulanten und deren Reaktionen und Texten:

 

Nähe der Q. zu den Rechtspopulisten.

 

Sie treffen sich in der „persönlichen“ Bewertung der Umwelt.

In ihrem Verfolgungswahn, der sie wild um sich schlagen lässt. Menschen wie Sarrazin u.a. kämpfen für „ihr“ Recht.

Nur dass Herrn Kohlhase wirkliches Unrecht geschehen ist, während Sarrazins Horden sich aus falsch verstandenen Statistiken und falsch verstandener Genforschung ihre Weltsicht bauen, die von einem Großteil der Bevölkerung durchaus geteilt wird.

Ein Taschenspielertrick also, der aus dem Aussprechen einer Mehrheitsmeinung eine verfolgte Minderheit macht.

Ein Trick übrigens der, so vermute ich, nicht zufällig an die Verschwörungstheoretiker erinnert, welche sich ein Logikgebäude zurecht zimmern, in welchem sie immer vor allem „recht“ haben.

 

Wie werden Dokumente von Q. gesammelt?

 

Gesammelt wird, laut einem Artikel der „tageszeitung“, allenfalls spärlich in der sog. „Ablage Q“ der Zeitungsarchive.

Meines Wissens gibt es in Deutschland kein Archiv, das sich mit dem Sammeln von Pamphleten und ähnlichem von Q beschäftigt. (Hervorgehoben sei allerdings die Zeitschrift „Irren offensive“, die sich mit dem Potential von „Irren“ beschäftigt.)

Sicher ist vieles für „Normale“ kaum zu lesen geschweige denn zu goutieren. Vieles ist redundant und in eine veraltete „OH BRUDER MENSCH“ Rhetorik müssen wir nicht wieder verfallen. Ich bin allerdings der Meinung, dass solche Schriften ein getreues Abbild der Sorgen und Ängste der jeweiligen Epoche sind.

 

So wie die Geschichte des Kohlhase für seine Zeit.