ALTERNATIVSZENE UND GEFANGENE - BEFREIEN: JA. BEGREIFEN: NEIN.

Teaser

Über die Insassen und deren Leben hinter deutschen Gefängnismauern ist der Öffentlichkeit wenig bekannt.

In den Knast-Basis-Berichten deutschsprachiger alternativer Medien seit den 1970er Jahren galten Gefangene nur als Opfer, erst die Frauenbewegung sah sie auch als Täter.

Wie wird die Internet-Öffentlichkeit im Zeitalter von „Knast 2.0“ aussehen?

Author

Richard Herding

 

 Dieser Text basiert auf einem Artikelentwurf für das Buch „Grenzgänge in Sachen: Kriminalpolitik, Drogenrecht, Kriminologie, Psychologie, Sexualwissenschaften…“ – eine Festschrift für den Bremer Professor Lorenz Böllinger. Er gilt als einer der Vorkämpfer für die Therapie bei Straftätern und die Straffreiheit bei Drogengenuss. Das Buch soll 2009 im LitVerlag, Münster, in der Schriftenreihe des Bremer Instituts für Kriminalpolitik (BRIK) erscheinen.

 

Es geht hier nur um solche Berichterstattung, die Gefangene unzensiert zu Wort kommen lass­en will. Knast-Zeitschriften versuchen in höchst unterschiedlichem Maße, Zensur zu reduzie­ren, können aber nicht ganz auf sie verzichten. (Zwischen Gefängnis- und Gefangenenzeitung!? Unterschiedliche Beispiele: Der „Lichtblick“ ist laut Selbstdarstellung “die auflagenstärkste und am längsten durchgängig existierende, unzensierte Gefangenenzeitung Deutschlands“. Sie erscheint seit 1968 in der Männer- JVA [Justizvollzugsanstalt] Berlin-Tegel und sieht sich selbst als die „wichtigste und meist verbreitetste Gefangenenzeitung“ Deutschlands (Internetauftritt des Lichtblicks, zuletzt eingesehen am 7.10.09). Weitere Beispiele sind die nach eigenem Anspruch weitestgehend unzensierten Zeitschriften „Durchblick“ der JVA Münster,  mit gleichem Titel auch aus der Frauen JVA Preungesheim in Frankfurt am Main [seit 1977] und der „Aufschluss“ der JVA Torgau (bei Leipzig ) [Uta Klein, Gefangenenpresse: ihre Entstehung und Entwicklung: Bonn, Forum Godesberg 1992] .)

Weitere Informationen zum Thema Gefangenenzeitung sind in Wikipedia (hier, Besuch 7.10.09) zu finden. Eine Auflistung der verschiedenen Gefangenenzeitungen und ein Überblick über deren Anzahl, Auflagenstärke, Qualität und Grad der Zensur steht in Lichtblick online (hier, Besuch 7.10.09).

 

 

1.) Die folgenden Texte sollen zunächst unkommentiert vorgestellt – und genossen, falls genießbar (!?) – werden. Vie­les ist sehr evident, analysiert wird später.

In Bezug auf den Genuss der Beispieltexte ist zu beachten ist, dass bedeutungslose Druckfehler und dergleichen in den Texten berichtigt wurden. Des Weiteren ist die in den Beispielen 1.1 und 1.2 genutzte durchgehende Kleinschreibung typisch für die 1970er Jahre („antiautoritärer Anspruch“ etc. …) und wurde unverändert übernommen. Auch das lesefreundliche Juristendeutsch inklusive grausamster Abkürzungen wurde den LeserInnen damals schon zugemutet und soll daher auch uns entzücken dürfen.

Hier nun die Beispiele:

 

1.1)  Im „Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“, (Probe-) Nummer 3 (vermutlich 30.8.1973), war unter der Überschrift

„AKT.Z. (514) 1 P KLs 8/72 (81/72)“ zu lesen:

„Beschluß in der strafsache gegen den schriftsteller dieter kunzelmann, geboren am 14. juli 1939 in bamberg, zur zeit in der untersuchungshaft- und aufnahmeanstalt moabit zu gef.b.nr. 3119/7O wegen versuchter schwerer brandstiftung wird die postsendung des buchladenkollektivs pol. buchhandlung vom 2. august 1973 an den untersuchungsgefangenen gemäß § 119 Abs. 3 und 6 stopp in verbindung mit nr. 45 abs.4, nr.35, nr.34 abs. 1 ziff.4 uvollzo beanstandet und von der beförderung ausgeschlossen. Die beanstandung der fünf bücher mit den titeln 1.faschismus und kapitalismus in deutsch­land, 2. der rote faschismus, 3. neues rotes forum, 4. friedrich engels studienausgabe nr. 3 und 4, 5. eine neue medizin für die massenpsychiatrie in china, erfolgt, weil der inhalt der zum teil linksextremistischen, klassenkämpferischen druckerzeug­nisse das ziel der untersuchungshaft erheblich gefährdet.

Der inhalt ist zum teil geeignet, den leser zu handlungen zu aktivieren, die einen verstoß gegen die strafgesetze darstellen. Die genannten druckerzeugnisse setzen sich zum teil für eine beseitigung der bestehenden frei­heitlich demokratischen ordnung im sinne des grundgesetzes ein und verfolgen somit verfass­ungswidrige ziele. Im übrigen können sie eine solidarisierung linksradikaler und krimineller personen auch in der anstalt gefährden [sic]. (vgl. beschlüsse des kammergerichts vom 24.9.1971—2ws 230/71 – UND vom 28.2.72 – 2 ws 14/72-) auch wenn als absender der büchersendung eine politische buchhandlung genannt ist, kann die möglichkeit versteckter oder verschlüsselter nachrichtenübermittlung nicht ausgeschlossen werden, zumal der absender derartiger druckerzeugnisse mit sicherheit mit den dem untersuch­ungsgefangenen vorgeworfenen taten sympathisiert. […]

Landgericht berlin, dritte ferienstrafkammer. der vorsitzende [...]"

 

1.2) Ebenfalls im ID erschienen (11.11.1973) „DOKUMENTATION / AUSZÜGE AUS BRIEFEN – BERICHTE ÜBER ISOLATION UND FOLTER“

„[…] in diez werden unbequeme Gefangene nicht nur isoliert, sondern auch noch zu­sätzlich – oft jahre – gefesselt. An mir wird die isolierhaft wie folgt vollzogen: ich lebe in ein­er 6,6 qm großen zelle. Bei folgenden gelegenheiten habe ich die möglichkeit meine zelle zu verlassen (beim verlassen der zelle werde ich grundsätzlich gefesselt): täglich eine halbe stunde hofgang, einmal wöchentlich kleidertausch auf der kammer, wöchentlich ein brause­bad von ca. 5 min. [...]. Dass es sich bei der fesselung um eine reine willkür und terrormaß­nahme handelt, ist am besten aus folgender schilderung ersichtlich: wenn man mich, zu mei­nem wöchentlichen bad von meiner zelle die 15 m zum duschraum führt, werden mir die hände gefesselt. Zuerst kommt der beamte alleine zu mir in die zelle, so dass er von seinen kollegen aus den anderen abteilungen nicht mehr gesehen werden kann und fesselt mich. Die 15 m von meiner zelle zum duschraum, die von der zentrale und von den anderen abteilungen zu überblicken sind, werde ich gefesselt geführt [...].

„…Mein sohn ist 23 1/2 stunden in seiner zelle eingesperrt, die andere halbe stunde ist dem obligaten hofgang vorbehalten. Als mutter darf ich meinen sohn alle 10 tage für 20 minuten sehen, wovon 5 minuten für den wäschetausch abgehen, im beisein eines, letztens auch 2 vollzugsbeamten, darf mein sohn dann auch ein paar nichtssagende worte sprechen, ge­spräche, die im zusammenhang mit der zu erwartenden verhandlung stehen, werden vom be­amten unterbrochen… die natürlichsten regungen eines menschen werden unterdrückt…“

 

1.3) Ebenfalls ID (12. 11.1977) „STAMMHEIM: NOCH IMMER KEINE TODESZEIT“ [auszugsw.] [von Max Watts (U.S. Staatsbürger, *1929 in Wien, aktiv bei RITA (= Resistance Inside the Army, während des Vietnamkriegs), ID-Mitarbeiter (in Frankfurt am Main), lebt zurzeit in Australien (2009). -  Ähnlich investigativ recherchierte beim ID auch Karl Kassel, später bei der Elbe-Jeetzel-Zeitung, Hauptthema Gorleben. Wer sich bei Max Watts unter seiner Emailadresse meldet, kann sich seine Lebensgeschichte schicken lassen. Sensationell interessant und sehr zu empfehlen!]

 „Blut auf den Waffen?

In den bisherigen Meldungen hieß es, Fingerabdrücke auf den Waffen von J.C.Raspe und A.Baader [Gefangene, „Rote Armee Fraktion“ im Gefängnis Stuttgart-Stammheim, am 18.10.1977 gestorben  (Mord?, Selbstmord, evtl. zugelassen?)] seien nicht feststellbar, weil beide Waffen mit Blut verschmiert seien. Vor dem Untersuchungsausschuß sagte ein Vollzugsbeamter aus, er habe die Waffe in J.C. Raspes Zelle mit dem Taschentuch am Lauf gefasst und aus der Zelle getragen. AN SEINEM TASCHENTUCH SEI KEIN BLUT GEWESEN.

Letzter Besuch bei Andreas Baader

Andreas Baader hat in einem Gespräch mit Rechtsanwalt Funke gesagt, er, Baader, habe am 5.9., dem Tag der Entführung [des Lufthansa-Flugzeugs „Landshut“ aus Mallorca] bis abends Radio hören können. Dann sei das Radio eingezogen worden. Er sei in eine leere Zelle verlegt worden. Später sei ihm eine Matratze nachgereicht worden. Am nächsten Tag sei er in seine alte Zelle zurückverlegt worden, die jetzt allerdings leer war. [...] In der Presse ist weiterhin die Rede von den Zellen als großem, unübersichtlichem Dreckhaufen, in dem nichts  gefunden werden konnte. Für ihn, Andreas Baader, sei es unklar gewesen, ob die Entführung eine RAF-Aktion war. Für den Fall allerdings, dass seine Freilassung gefordert werde, äußerte er Befürchtungen für seine Person."

 

1.4)  Ebenfalls ID (20.1.1979 [teilw.] „DROGEN IM KNAST“ 

„Von einem Vertreter der Insassenvertretung des Hamburger Knastes Fuhlsbüttel zitieren wir einige Aussagen zum Thema Drogen im Knast

Nach Erhebungen in der JVA (Justiz-Vollzugs-Anstalt) II, Hamburg-Fuhlsbüttel – dem Zentrum des ‚Humanen’ Strafvollzuges – nehmen bei ca. 600 Insassen über

       50% gelegentlich Drogen

       20% regelmäßig Drogen (das sind 120 Insassen ca.) und

       ca. 30-40 Insassen sind absolut abhängig.

Die Anstaltsleitung musste bestätigen, dass mehrere Insassen während ihrer Haftzeit drogen­abhängig geworden sind. Zu den Ursachen des Drogenproblems gehören die sich ständig ver­schlechternden Haftbedingungen; das Fehlen echter zwischenmenschlicher Beziehungen und die zunehmende Kontaktarmut zu der Außenwelt; ungenügende Möglichkeiten für die Ge­staltung der Freizeit; die heuchlerische Propagierung eines humanen Strafvollzuges in der Öffentlichkeit, während tatsächlich die „Behandlung“ der gefangenen Menschen als unper­sönliche Sache erfolgt und die immensen Willkürmaßnahmen der Abteilungsleiter und die Anstaltsleitung [...].

Geht der Gefangene zum Neurologen, so verordnet dieser ihm Psycho­pharmaka oder Mogadan [Beruhigungs-/Schlafmittel] (in Anstalt II werden pro Monat 6 l (LITER) ausgeschenkt!) statt durch Genehmigung einer offenen Zellentür dem Gefangenen einen na­türlichen Weg zu weisen. Das ist der erste Schritt, einen Gefangenen abhängig zu machen. [..] Es nimmt nicht wunder, wenn der Gefangene anschließend zu den auf dem Schwarzmarkt erhältlichen lockenden Pill­en greift. Einige wenige Großdealer, denen Beamte und Werkbetriebe als Zulieferer dienen, werden von der Anstaltsleitung in ihrem schmutzigen Geschäft geduldet, weil sie durch De­nunziation der Anstaltsleistung ein Bild geben ‚was im Haus los ist’…“

 

1.5)  Aus der „tageszeitung“ (Berlin, vom  4.7.1979) „Was will der ‚linke Anwalt’ im Vergewaltigungsprozess“

„Wir wollen hier nicht noch einmal den Besuch der 50 Frauen bei RA [Rechtsanwalt] Becker kommentieren, sondern unsere grundsätzliche Position als ANWALTSKOLLEKTIV  und als MÄNNER zu dem durch diese Aktion ins allgemeine Interesse gerückten Problem: ‚Linker Anwalt im Vergewaltigerprozeß’ darstellen.

Dieses Problem läßt sich wohl kaum mit einer rein juristischen / formalistischen Argumenta­tion – etwa über die ‚Unschuldsvermutung’, die ‚Standespflichten’ u.ä. – lösen. Kein ‚linker Anwalt’ würde doch mit einer solchen Argumentation z.B. einen ehemaligen KZ- Aufseher oder einen militanten Neonazi verteidigen.

Das Bewusstsein und die Praxis eines ‚linken  Anwalts’ kann sich aber nicht darin erschöpfen, dass er die Interessenvertretung des politischen Gegners ablehnt.  Er muß sich darüber hinaus viel allgemeiner / ganz grundsätzlich auf die Seite der Unterdrückten / der gesellschaftlich Schwächeren stellen. [...]

Unsere Gesellschaft wird aber nicht nur durch ökonomische und politische Unterdrückung bestimmt, sondern  gerade auch durch das Gewaltverhältnis Mann / Frau. Auf dieser Ebene der männlich-chauvinistischen Unterdrückung ist die Vergewaltigung der brutalste und [sic] dessen inhumanster Ausdruck unserer Gesellschaft. Der Vergewaltiger verkörpert gesell­schaftlich und individuell den ‚Stärkeren’, den ‚Unterdrücker’. Seine Tat ist von keinem Ge­sichtspunkt aus zu rechtfertigen. Sie ist als gesellschaftliches Phänomen zu bekämpfen.

Was kann also einen ‚linken Anwalt’ trotz dieser Erkenntnisse dazu bewegen, einen wegen Ver­gewaltigung Angeklagten zu verteidigen? Es bleibt als Einziges: der Angeklagte ist nicht nur (möglicher) Täter und Ausübender der Gewalt. Er ist auch Opfer unserer chauvinistischen, sexistischen: kaputten Gesellschaft, die ihn dann – nachdem er so deformiert worden ist – noch in den Knast steckt und dort weiter kaputtgehen läßt.

Aber auch dieser Gesichtspunkt kann unserer Meinung nach –jedenfalls unter den heutigen Bedingungen – nicht dazu führen, in solchen Prozessen als Verteidiger aufzutreten.

[…] Der einzige Weg, einem Vergewaltiger zu helfen, wäre eine langdauernde Psychotherapie. Die ist aber unter den heutigen Bedingungen gar nicht möglich. Es gibt noch nicht die vom Gesetz vorgesehenen ‚Sozialtherapeutischen Anstalten’. [...]

Als Erklärung, weswegen dennoch ‚politisch bewusste Anwälte’ immer wieder in solchen Vergewaltigungsprozessen auftraten, bleibt dann wohl nur noch der bislang nie erwähnte, aber meist recht verlockende finanzielle Aspekt einer solchen Strafverteidigung.

Anwaltsbüro Lenaustraße“

 

1.6) Aus der „taz“ (Berliner Ausgabe vom 26.9.1989; Deutschlandausgabe vom 27.9.)

„Zelle soundsoviel: Block egal, Gefängnis irgendwo...“

„In der Rangliste der Dinge, auf die ‚unsereins’ als Ein­geknasteter sehnsüchtig hofft, kommt ein Brief gleich nach ein­em Besuch. Die Postverteilung ist zugleich auch immer ein Höhepunkt im tristen Gefängnisalltag...Die meisten, die fünf Jahre oder noch länger sitzen, verlieren alles: Frau, Kinder, Familie, Freunde, Haus und Heimat – alles! […]Nein, der Gefangene muß leben und nicht nur von dem Tag träumen, an dem seine Haft vorüber ist, er freigelassen wird und wieder "neu" anfangen kann. Aber dann wird niemand da sein. Und warum auch? Fünf oder mehr Jahre sind eine lange Zeit für eine Frau, um ein Bild zu streicheln, aber die Zeit reicht aus, daß ein ‚On­kel’ für die Tochter oder den Sohn zum ‚Vati’ wird...Ein Hoch auf den ‚abwesenden Mitmensch’, der jetzt wirklich abwesend ist.

Brief eines Gefangenen aus Hagen

Briefkontakt mit Gefangenen über Jan Harms, taz-Knastabos (Copyright Contrapress media, Ver­vielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags)“

 

1.7)  Aus der taz (1.10.1979) „Eigentumsvorbehalt“

„Nach diesem Eigentumsvorbehalt ist die Zeitschrift solange Eigentum des Absenders, bis sie dem Gefangenen persönlich ausgehändigt worden ist. ‚Zur-Habe-Nahme’ ist keine persönliche Aushändigung im Sinne des Vorbehalts. Wird die Zeitschrift dem Gefangenen nicht per­sönlich ausgehändigt,  ist sie dem Absender mit dem Grund der Nichtaushändigung zurückzu­senden.“

 

1.8) Aus der taz (1.3.1989) „Zerstörte Zukunft - Hungerstreik für Aufhebung des Haftbefehls“

„Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich mich seit dem 10. Februar 1989 in einem ‚unbefristeten Hungerstreik’ befinde. Ich wurde am 4.1.89 wegen eines gestohlenen PKWs und Mittäterschaft bei ca. 25 Autoauf­brüchen verhaftet. Ich stahl den PKW, um mich totzufahren, was leider nicht gelang. Den Selbstmordgedanken verwarf ich wieder und beantragte eine Haftprüfung, die am 25.1.89 stattfand und ‚negativ’ ausfiel. Meine gute bzw. sehr gute soziale Basis […] besteht aus: fester Lehrstelle als Maschinenbauer, wohne bei den Eltern, gutes Verhältnis zu Eltern, feste Freundin etc. Kurz gesagt, ich habe alles. Ich möchte meine Lehre beenden, aber man hindert mich daran. Aufgrund dessen habe ich mich zum ‚unbefristeten Hungerstreik’ entschieden. Es ist 100 prozentig, dass ich meine Lehre, Eltern und Freundin verliere, wenn ich noch länger als zwei Wochen sitze. [… ]

K. Götze, Fulda“

 

1.9) Aus der taz (27.8.1993) „In eigener Sache - Betr.: Briefe aus dem Knast“

„Liebe Gefangene, lieber Gefangener!

In den letzten Wochen ist Euch sicher aufgefallen, daß ich die Betreuung der Knaststelle von Jan Harms übernommen habe. Wie bisher werde ich versuchen, so viele kostenlose Gefangenenabos zu verschicken, wie es uns im Rahmen der Spendenfreudigkeit anderer AbonnentInnen und LeserInnen möglich ist. Das gleiche gilt für die Vermittlung von Radios, Briefkontakten, Schreibmaschinen und Pak­eten. In unregelmäßigem Abstand wird weiterhin die Seite mit "Briefen aus dem Knast" erscheinen. Sie soll den anderen LeserInnen Eure alltägliche Situation im Knast hautnah darstellen. Dafür brauche ich Eure Informationen, Berichte, Bilder und Comics. Viel zuwenig schreiben mir Gefangene aus der Ex-DDR. - Also weiterhin auf gute Zusammenarbeit Euer Konrad Gellen­beck. (© Contrapress media etc.)“

 

2.) Fragen, die sich aufdrängen:

Wer ist „politische/r“, wer „soziale/r Gefangene/r“?

Welche Taten werden den Gefangenen vorgeworfen?

Welche Unterschiede gibt es zwischen Frauen und Männern bei den Taten - und bei den Problemen im Knast?

Wie werden die Taten erklärt („abweichendes“, „riskantes“, „oppositionelles / anarchistisch-emanzipatorisches“ Verhalten)?

Was soll mit den Gefangen­en geschehen (Therapie, Resozialisierung, Freilassung ohne Begleitmaßnahmen), was mit der Institution Gefängnis (Reform, Abschaffung / Abolitionismus)?

 

2.1)  „Politische“ und „soziale“ Gefangene

Die ersten Subjekte einer Basis-Berichterstattung– das heißt: Texte von Benachteilig­ten/Betroffenen, ohne Dominanz der Redaktion– waren „politische Gefangene“. Unser Bei­spiel: Dieter Kunzelmann, später „Spaßguerillero“, der wegen Brandstiftungs-Versuchs an der Villa des BZ-Chefredakteurs [die Boulevard-„BZ“ ist nicht die „Berliner Zeitung“!] über drei Jahre in Untersuch­ungshaft saß. Selbstverständlich gehörten solche Gefangene zu „unserer“ Beweg­ung, sie waren mit der immateriellen Stabilisierung, also Marx-, Che-, Mao-, „Rote Hilfe“-Lektüre etc., neben Radios oder Schokolade zu versorgen! Ihre Taten galten im Prinzip als heroisch und legitim; selbst wenn sie ganz oder teilweise kritisiert wurden (bei Kunzelmann: mögliche Unterstützung des Angriff aufs Jüdische Gemeindehaus 1969 wegen Solidarität mit den Palästinensern), sollte eine Kritik nicht dem Staatsapparat in die Hände spielen. Darum fand die Kritik nur nichtöffentlich oder „irgendwann später“ statt.

Ob „die Politischen“ Frauen oder Männer waren, spielte keine Rolle: gerade in Deutschland waren ja Frauen stark beim „bewaffneten Kampf“ ver­treten. Die Überzeugung von der emanz­ipatorischen Natur des bewaffneten Kampf­es, soweit er an Widerstands-Traditionen etwa gegen den Vietnam-Krieg oder gegen Franco-Spanien anknüpfte, stand nicht in Frage. Es galt als individuelle (Gewissens?-) Ent­scheidung, sich anzuschließen oder nicht. Kritik –wenn der Kombattanten-Status nach Genfer Konvention galt, ging es um Guerilla-Kriegs-Verbrechen- wurde verschoben; „shit happens“. Die Gefangenen waren freizulassen, Therapie evidentermaßen unsinnig, die Gefängnisse insoweit aufzulösen, die Legitimität der Haft allenfalls mit dem Kriegsgefangen­enstatus vergleichbar.

 

2.2)  „Soziale“ Gefangene: keine Rede von den Taten

Von den 1970er bis zu den 1990er Jahren gab es für „normale“ Gefangene die Möglichkeit, ihre Beschwerden über die Haftbedingungen nicht nur über die meist überforderten RechtsanwältInnen und Behörden zu äußern, sondern in der lokalen und überregionalen Alternativ­presse zu veröffentlichen. (Sehr viele Häftlinge mit Beschwerden kommen bei Johannes Feest als „Querulanten“ vor, deren unerschütterlichen Auseinandersetzungen mit der Bürokratie viele Rechtsfortschritte zu verdanken sind.) Da wurde nicht thematisiert, wegen welcher Tat­en oder Vorwürfe sie einsaßen. Die Angehörigen der außerparlamentarischen linken Beweg­ung sahen sich alle als potentielle Knast-Insassen an: tatsächlich wanderten ja bei Demonstra­t­ionen oder Aktionen wie Hausbesetzungen, Nulltarif u.ä., TeilnehmerInnen öfters auch en masse ins Gefängnis - in der Regel „nur“ für zwei Tage bis zur Vorführung bei Ge­richt, aber das Erlebnis war da. So kam die Gesamtheit der Gefangenen ins Blickfeld. Es gab Aufrufe, die „sozialen Gefange­nen“ nicht dadurch auszuschließen, dass die linke Szene nur „die Politischen“  berücksichtige; dem stand keine Mahnung gegenüber, bei den „Sozialen“ doch bitte näher hinzusehen.

Wenn Gefangene ausnahmsweise von sich aus etwas zu ihren Handlungen und Haftbegründungen sagten, wurde das nicht gestrichen (oben Text 1.8), aber prinzipiell galt vom Öffentlichkeits-Medium her: „Wir haben nie nachgefragt, warum jemand sitzt“ [Konny (alias Konrad) Gellenbeck von der „taz“, Gespräch, 25. Aug. 2009]. Immerhin gab es bei der „taz“ einen Konsens, führenden Rechts­extremisten keinen Raum zu geben (dagegen sollten Jugendliche, die wegen ausländer­feindlich­er Delikte einsaßen, durchaus, „etwas Anderes kennenlernen“).

Der Verdrängungsprozess ist in sozialen Kämpfen durchaus erstaunlich: bei der Solidarität mit Guerillakämpfern aus Ländern weitab der eigenen Erfahrung wird in der Regel exemplarischen Interpretationen gefolgt, etwa der von Frantz Fanon. Oder es geht z.B. um Hausbesetz­erInnen, die aus der Primär-Erfahrung der Unterstützungs-Szene beurteilbar sind. Aber die Knast-InsassInnen waren so gut wie unbekannt, doch sie wurden so gut wie uneingeschränkt unterstützt; vielleicht erklärt das auch zum Teil, dass die radikale Unterstützung dann radikal umschwenkte.

 

2.3)     Die Männer sind alle Verbrecher

Kurze Auflockerung des harten Themas: Wer auf der Internet-Suchmaschine „Google“ die Zeile „Die Männer sind alle Verbrecher“ aufruft [Besuch 18.8.09], bekommt 3190 Ergeb­nisse; unter den ersten 90 hatten 4 (vier) auch eine gender-kritische Assoziation, etwa: „Die Frauen sind alle VerbrecherInnen“, „Vorurteil, …sehr überzogen“, sowie ein Handy-Anruf von Alice Schwarzer, der die Männerfreundlichkeit des Programms der „Isarbellen“ (Frauenkabarett) rügt… Im übrigen dominiert 86 Mal ungebrochen der 1913er Schlager-Evergreen mit seiner unver­meidlichen  Schlusszeile: „…aber lieb, aber lieb sind sie doch“…´

 

Keine Rechte für gewalttätige Männer

Das sich vorurteils-frei wähnende Vor-Urteil von der Gender- Neutralität des abweichenden (riskanten / kriminellen) Verhaltens war so schnell und so massiv zu zerstören, wie die erwach­ende Phase der Frauenemanzipationsbewegung in den 1970er/1980er Jahren auch nur den Blick auf das Täter-Opfer-Problem richtete. Der Text 1.5 aus der frühen „taz“ demonstriert, dass bereits die Angeklagten, die ja nach jeglichem rechtlichen Anstand die „Unschuldsvermutung“ genießen, diese bei typisch männlichen Delikten verlieren. Die femin­istisch reflektierenden Männer stimmten übereifrig zu. Zur Männergewalt gab es „heftige Diskussionen, auch unter uns“, erinnert sich tazlerin Gellenbeck [25.8.09]. Aber ihr zufolge gab nicht das den Ausschlag für das weitgehende Ende der „selbstbestimmten“ Gefangenen-Be­richterstattung (aufgebaut von Ralf Axel Simon, später Imma Harms), sondern die Geld­knappheit: die zuständige Stelle konnte nicht weiterfinanziert werden – parallel zur Erlahm­ung der linken Bewegung in diesem Punkt [Gellenbeck]. (Die sensiblen Interviews von Gabriele Goettle sind sehr wichtig, aber kein „Ersatz“ für die von den Betroffenen selbst bestimmten Berichte).

 

Auseinandersetzung mit Gewalttätern: eine Rarität

In der Geringschätzung des Rechts solcher angeklagter Männer auf Verteidigung ist nachzu­vollziehen, wie Aufklärung und Einfühlung auf der Strecke bleiben (selbst in dem Land, wo die Nürnberger Prozesse auch Angeklagten wegen Genozids faire Verteidigung gewährten). Das endet beim Banalsten: „Linken“ Verteidigern von Gewalt-verdächtigen Männern geht’s eben ums Geld… (Erinnert sei hier an den Film „Der freie Wille“ mit Jürgen Vogel und Sa­bine Timoteo von 2006, der die Auseinandersetzung mit dem –männlichen- Täter immerhin versucht; übrigens auch mit langjähriger Therapie als Teil der Story.) Die seit den 1990er Jahren vorerst noch ganz langsam zu beobachtende Tendenz der Annäher­ung von Frauen an die Gewalt-Frequenz von Männern kann allenfalls Denkanstöße geben, kaum zu praktischen (allenfalls zu normativen) Konsequenzen führen. (Und doch! In der „taz“ vom 1. März 1989 empörte sich Susanne Boehncke vom Verein Freiabonnements für Gefangene, Berlin, über die feministische Zeitschrift „Emma“, die nun ihrerseits solidarische Knast-Abo-Spenderinnen suche, „die zum Beispiel an ‚Gattenmörderinnen’ besonderes Inter­esse zeigen“! [Hervorh. R.H.])

 

Solidarität mit den weiblichen Opfern

Umgekehrt hatten die Gefängnis-Reformerinnen Helga Einsele und Eva von Pilgrim erfolgreich die positive Gender-Differenz genutzt: die Adorno-Vertrauten schafften es, dass kleine Kinder in Frankfurt am Main-Preungesheim bei den Müttern bleiben konnten.

Immerhin wird in dem obigen Wutausbruch gegen angeklagte Vergewaltiger (1.5) auch auf die –potentielle- Möglichkeit „langdauernder Psychotherapie“ von Straftätern selbst bei horriblen Taten verwiesen. (Böllinger’s „Psychoanalyse und die Behandlung von Delinquenten“, Karlsruhe / Heidelberg , programmatisch zum Thema, war  erst 1979 erschienen. Erfahrungen, wie „Psychotherapie mit Sexualstraftätern im Maßregelvollzug – ein persönliches, institutionelles und methodologisches Konfliktfeld“, in: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform,  2/1996] Und auch dass Knast „kaputtmacht“, ist aus der ersten, blinden Solidaritäts-Phase noch bewusst. Etwa seit den 1980er Jahren explodierte die „panikartig aufgeklärte“ Einsicht in die Häufig­keit sexueller Gewalt gegen kleine Kinder, auch in Familien - wied­erum überwiegend von Männern. Die Geschichte von Initiativen wie „Wildwass­er“ verzeichnet weite Empörungs- und Verletzungs-Aufschreie, die auch in Richtung auf spontane Gegengewalt zielen. Praktisch wurde „Selbstjustiz“ von Frauen/Müttern gegen sol­che Männer-Täter weithin akzeptiert (ex­emplarisch die tödlichen Schüsse von Marianne Bachmeier 1981 auf den Mann, der ihre sieb­enjährige Tochter missbraucht und ermordet hatte).

 

„Kinderficker“ sind die Allerletzten

Therapeutische Ansätze zur Pädophilie sind wohl erst seit den 2000er Jahren ansatzweise praktisch vorhanden (Präventions-Projekt der Charité Berlin, 2005). Die Exzesse sexuellen Missbrauchs gegen Minderjährige werden verstärkt durch die kommunikativen Möglichkeiten im Internet. Sie verbreiten ein kaum übersteigbares Grauen, auch wenn die Zeiten, in denen die Hoffnung auf Abhilfe inklusive Bestrafung auf der Zwangs- -oder auch freiwilligen- Kast­ration beruhten, kaum positiv erinnert werden. Im Bereich der linken Basis-Berichterstattung ist das eine Verstärkung dessen, was vorhin bezüglich der sexueller Gewalt allgemein ge­schildert wurde. Erinnert sei aber an eine sehr bekannte „Parallele“  zwischen Emanzipati­ons- und Knastszene: im Knast gibt der Leumund „Kinderschänder“ („Kinderficker“ heißt es hinter den Mauern) die dadurch Exkludierten  zu jeder Kränkung und Misshandlung frei…[Dank für wichtige Hinweise an Brigitte Heimannsberg, langjährige Redaktionsleiterin der „STIMME – Zeitschrift für In- und AusländerInnen“, Bremen]

2.4   Die Taten: Spiegel der kaputten Gesellschaft

Als „kreativ“ gelten für die Gefangenen-Basis-Berichterstattung solche Verhaltensweisen, die ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse verändern, an erster Stelle das Klauen „bei den Rei­chen“: die Hausbesetzergruppe, die sich aus einem Supermarkt „kreativ versorgt“, würde sich selbst die Hände abhacken, wenn sie aus dem Tante-Emma-Laden ein Brötchen „mitgehen“ ließe. Geradezu geadelt wurde dieses kreative Verhalten bei den Hackern, angefangen von den „Apple“-Gründern Steve Jobs und Steve Wozniak, was beim Chaos-Computer-Club durch die Gestalt Wau Hollands und die Wau-Holland-Stiftung repräsentiert ist: Der nach­weisbar erfolgreiche Versuch, Daten zu „klauen“, ist die Voraussetzung des ernstzunehmen­den Sicherheitskalküls im Interessen-Konsens von -zum Beispiel- Banken und ihren Kunden.

Gewaltausübung galt in der widerständigen Szene als moralisch akzeptabel unter der Voraus­setzung, dass die Gegner in einer vorgestellten Kriegssituation der Seite des Aggressors u/o existentiellen Unterdrückers zugerechnet wurden. Dabei wurden Kriegs“verbrechen“ etwa in Stadtguerilla-Aktionen, auch Fehleinschätzungen, „Kollateralschäden“, meist stark vernach­lässigt. Cora Stephan’s „Einhegung des Krieges“ [Das Handwerk des Krieges, Berlin 1998], also die Verrechtlichung, spielte in der Beurteilung der politischen Gefangenen kaum eine Rolle: die quasi-religiöse Entscheidung für oder gegen „gerechte (emanzipatorische, revolutionäre…) Gewalt“ blieb dominierend. Die meisten sonstigen Verstöße gegen  solidarische Alltagspraxis, von der Prügelei bis zum Freunde-Beklauen oder Autounfall-Verursachen, wurden als Ergebnisse gesellschaftlicher Dschungel-Verhältnisse angesehen. Eine eigenständige, emotional gesättigte Verurteilung von „bösen“ Taten entstand primär im Zusammenhang der Gender-Debatten, wie oben bei den Themen Vergewaltigung, Kindesmissbrauch –allgemein: Männer-Gewalt gegen Frauen und Kinder- gezeigt.

Die geschilderten abweichenden Normen der linken Szene wurden verständlicherweise kaum  verbindlich öffentlich geäußert. Die im bürgerlichen Rahmen noch praktikabel heimischen Szene-Angehörigen hatten mit dem Widerspruch von „legal“ und „legitim“ kaum praktische Schwierigkeiten. Zumal die Reden von der „Gewalt gegen Sachen, aber nicht gegen Perso­nen“, auch vom „zivilen Ungehorsam“, sich allgemein verbreiteten. (Diese bürgerliche Ein­hütung galt nicht, zum Beispiel, für die Jugendlichen aus den Erziehungs“heimen“, was sie in lebensgeschichtliche Sackgassen führte.) Aber öffentlich wurde deviantes/kriminelles Han­deln nicht positiv angesprochen.

 

2.5) Resozialisierung ? Therapie? Selbstbefreiung – und Gegenknast

Das Ziel der Resozialisierung wurde in der Basis-Knastberichterstattung von Anfang an skept­isch aufgenommen: es würde ja bedeuten, dass gerade die gesellschaftlichen Verhält­nisse, die den Gefangenen „kaputt“ gemacht haben, in und mit ihm wiederhergestellt werden sollten. Polemisch-utopisch war klar, dass alle Knäste abgerissen werden sollten, dass statt­dessen Langzeit-Therapie nötig war, sofern nicht das befreite Leben ganz von selbst die sozi­algerechten Verhaltensweisen produzieren würde. Doch so weit kam die Gegenöffentlichkeit nicht wirklich. Einzelne, wie Gellenbeck, blieben auch nach den „Briefen aus dem Knast“ in der „taz“ weiter um das Minimum bemüht: die Anbindung von Gefangenen und Zeitungs-Öffentlichkeit  aufrechtzuerhalten. Das Thema (jetzt heißt es schon „Strafvollzug“, was in den 1970ern kaum passiert wäre) festzuhalten – egal, ob Basis- oder journalistische Berichter­stattung, ob feministisch-polemischer oder Taten-ignorierender Blick, Hauptsache, es wird nicht ganz still und stumm, nicht ganz obrigkeitlich ! Auch die systematische Abolitionismus-, also Knast-Abschaffungs-Diskussion kam erst nach den 1990er Jahren in die sozialkritische Szene (s. dazu das Material von Jan Oppermann, etwa „Repressive Techno­kratie vs. Kommunikative Intersubjektivität – idealtypische Gegenüberstellung der paradigmatisch gegensätzlichen Sich­erheitsprojekte zur Verbesserung der Inneren Sicherheit, Ghent/Gand (Belgien, Common Study Programme, 2000) oder Angela Davis [Are Prisons Obsolete ?, Seven Stories Press, 2003] ). Die Zeitschrift „Gegenknast“ blieb - ein Wunsch. Doch ein Ehrenzeichen bei dem Bemühen um das Minimum: dass es nicht still wird, ist dieser taz-Event von 2006 mit Rückblick auf 1985:

 

2.6) Aus der taz (7.9.2006)„‚Ist der Strafvollzug noch ein Thema für die Linke?’ (von Martin Reichert)

Die Flucht nach vorn. Der Verein Freiabonnements für Gefangene und die taz veran­stalten die Reihe ‚Kriminalpolitische Gespräche’. Auftakt: Ist der Strafvollzug noch Thema für die Linke?
Es war einmal vor langer, langer Zeit: 1985, als das Thema Strafvollzug eine Herzensangele­genheit der Linken war, wurde der Verein ‚Freiabonnements für Gefangene’ in Berlin ge­gründet, auch die taz war beteiligt. Der Verein hat sich weiterentwickelt, die taz stellt noch 500 Freiabos zur Verfügung - und doch wünschte sich die taz-Genossenschaftschefin Konny Gellenbeck zum Auftakt der vierteiligen Diskussionsreihe ‚Kriminalpolitische Gespräche’ im taz-Café in der Rudi-Dutschke-Straße, dass die Situation in den JVAs wieder mehr in den Vordergrund gerät: ‚Ist der Strafvollzug noch ein Thema für die Linke?’ In Zeiten des Wahlkampfs ist er es zumindest: Rund 20 Jahre später sind die Haftbedingungen in den überfüllten zehn Berliner Knästen schlimmer denn je - und ausgerechnet ein rot-roter Senat beschließt einen Gefängnisneubau in Großbeeren. Gegen den Widerstand der Grünen, deren Vertreter Volker Ratzmann dem Strafvollzug völlige Konzeptlosigkeit vorwarf
[…]

Der WASG-Vertreter Michael Kronawitter […]: ‚Warum nicht eine Amnestie, statt Gefängnisse neu zu bauen? Der Knast ist, was er war: ein Disziplinierungsapparat des Kapitalismus, den ich nach wie vor abschaffenswert finde.’ Kronawitter forderte zur Grenzüberschreitung auf, erinnerte an die Sprengung des Gefängnisneubaus von Weiterstadt [in Hessen, RH] (‚das war auch mal ein linkes Thema’) und riet zur Angela-Davis-Lektüre - was vom Publikum, darunter auch Angehörige des Strafvollzugsbeirats und einige ehemalige Gefängnisinsassen, teils mit Applaus, teils mit Zwischenrufen quittiert wurde: ‚Amnestie? Zu Weihnachten oder was?’ Es war die ebenfalls auf dem Podium sitzende parteilose Strafverteidigerin Dominique Schimmel, die auf die Streitfrage eine klare Antwort fand: ‚Nein, der Strafvollzug ist kein Thema mehr für die Linke, denn sie lässt sich den Sicherheitsdiskurs von der Rechten auf­zwingen.’“

 

3.) Befreien UND Begreifen! … dazu: Knast 2.0

Knast-Berichterstattung: ein Thema, das es wiederzugewinnen gilt. Michel Foucault’s grund­sätzliche Kritik an der Biomacht-Anmaßung des Staates [Surveiller et punir, 1975 / Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses (1976) und Gesamtwerk] ist nicht weniger bedeutsam geworden. An den Gefangen­en-Zahlen der U.S.A. sehen wir die gigantischen Ausmaße einer Sozialstaats-Perversion: „freies Essen und freie Wohnung, für Millionen“, ja gewiss.

Wie immer ist Öffentlichkeit das erste, was eine Kritik braucht, um  praktisch wirksam zu werden. Darum zum Schluss ein Mut machender Fund. Bei der Frage nach dem Sinn des Internet-Nutzungs-Verbots kommt Claudia Felber zu dem Schluss:

„Die Entwicklung von Fähigkeiten im Umgang mit dem Internet stellt eine zentrale Notwend­igkeit für das Ziel der Resozialisierung von Häftlingen dar und muss daher integraler Be­standteil ihres Haftaufenthaltes sein. Der im Strafvollzugsgesetz festgelegte Angleichungs­grundsatz, sowie die dort verankerte Förderungspflicht bilden die legitime Grundlage für die Aufhebung des Internetverbotes. Zudem sollte das Interesse der Öffentlichkeit und der Be­hörde primär darauf gerichtet sein, die gesellschaftliche Reintegration von Sträflingen zu unterstützen und damit die Gefahr von Wiederholungstaten zu minimieren. Sicherheitsgefah­ren durch den Internetzugang im Gefängnis können als Begründung für die Erweiterung des Freiheitsentzuges gerade unter diesem Aspekt nicht geltend gemacht werden.“

[Für die Untersuchung zur „Internetnutzung im Strafvollzug“ ist Felber zu danken, die im Seminar „Politische Analyse der Internet-Öffentlichkeit“ (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin, mit Sven Bremer und Richard Herding vom Informationsdienst: für kritische Medienpraxis) im Sommersemester 2006 (red. 2009) das Thema bearbeitete; hier S.18.]

Das Ziel der Resozialisierung wird hier im Übrigen skeptisch gesehen, aber nicht grundsätz­lich in Frage gestellt.

 

4. Knast- Berichterstattung braucht eine Zukunft. Mit Qualität

Etwa die Bevölkerung einer Großstadt ist in dem weitgehenden Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland ein-, also ausgeschlossen: in Straf-, U-, Abschiebe-, Beuge-, Zahlungs-Erzwingung-Haft, Sicherheits­verwahrung, Psychiatrischer Unterbringung ... Die emanzipations-interessierte Öffentlichkeit ist jämmerlich zurückgeworfen, wenn auch aus aufgeklärten Gründen: Kriegsverbrechen der Stadtguerilla,  Gender-Brutalität der Männer. Mit Visionen wie Langfrist-Psychotherapie und Gefängnis-Abolitionismus hat sie sich noch nicht gründlich auseinandergesetzt. Die Knast-Insassen sind weitgehend noch auf spontan-rechtsstaatsförderndes Querulantentum verwiesen [vgl. Johannes Feest, Wolfgang Lesting, Peter Selling, Totale Institution und Rechtsschutz. Eine Untersuchung zum Rechtsschutz im Strafvollzug, VSVerlag für Sozialwissenschaften, 1997].

Es wäre an der Zeit, dass Befreien und Begreifen beim Versuch einer fairen Berichterstatt­ung für Gefangene, und zwar von und mit ihnen, nicht allein „über“ sie, zusammenkommen - endlich ! Und ohne jede Vernachlässigung des fairen Blicks auf die Taten- und Opfer-Seite.

 

Richard Herding

(überarbeitet von Robert Stengert im Oktober 2009)

 

Übrigens, der Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten erschien zwischen 1973 und 1981 wöchentlich in Frankfurt am Main. Nachfolger waren freie JournalistInnenbüros in Frankfurt, Bremen und Berlin.