Zehn Jahre "Projekt Nachrichtenaufklärung"

Teaser

Das "Projekt Nachrichtenaufklärung" in Dortmund ist die jährliche Ohrfeige für die Medien: was habt ihr alles vernachlässigt, vergessen, verdrängt, verschwiegen?!? Es ist dem "Project Censored" in den U.S.A. nachempfunden. (Selbstzensur in den Medien ist da gemeint, nicht oder nur selten geht's um staatliche Zensur!) Allerdings bringt dieses immer eine Meldung aus der "kleinen" alternativen Medienwelt, um die "große" und fette daran zu messen.

Der "Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten" (Frankfurt am Main wöchentlich 1973 bis 1981) hat sicherlich auch Pate gestanden. Gelegentlich wird der Begriff "unterbliebene" Nachrichten auch als angemessenes Verständnis dieser mysteriösen Selbstzensur herausgehoben. Erwähnt wird das alternative Blatt "ID" jedoch auffallenderweise nie. Vielleicht weil es gelegentlich ins Visier des Staatsschutzes geraten war, ohne jedoch zum Beispiel wegen verfassungsfeindlicher Inhalte angezeigt zu werden.

Author

Richard Herding

 

Aus: PUBLIZISTIK Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung, Dortmund/Wiesbaden, März 2008 (Redaktion: Tobias Eberwein)

 

Horst Pöttker/Christiane Schulzki-Haddouti (Hrsg.): Vergessen? Verschwiegen? Verdrängt?  

10 Jahre »Initiative Nachrichtenaufklärung«. – Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, 255 Seiten, Eur 24,90.

 

Seit zehn Jahren veröffentlicht die »Initiative Nachrichtenaufklärung« (INA) regelmäßig eine »Top-Ten-Liste« der unter den Tisch gekehrten Nachrichten. Dieser anregende Sammelband zieht eine Bilanz der bisherigen INA-Arbeit.

 

Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, warum denn diese Nachrichten überhaupt unterbleiben. Es gibt intelligente Forschungs- und Erfahrungs-Antworten darauf: Die Themen müssen überraschend sein, ungewöhnlich, neu, aber doch verständlich – nicht »Hund beißt Mensch«, eher »Mensch beißt Hund«. Regelrechte wissenschaftliche Gesetze dazu hat die Nachrichtenfaktorenforschung aufgestellt (Christian Schicha: »Vernachlässigung als Thema. Nachrichtenaufklärung trotz Nachrichtenfaktoren«). Letztlich sind sie allesamt von zweifelhaftem praktischen Nutzen, weil immer auch das Gegenteil gilt. Wichtiger für die Verbreitung eines Themas scheint vielmehr die Unterstützung durch PR-Büros, alles andere gehorcht der Selbstreferentialität der Journalisten, die ein Thema dann für wichtig halten, wenn es die anderen auch tun (Rita Vock: »Was gilt als wichtig? Über die strukturelle Vernachlässigung von Nachrichten«).

Dem versuchen moralische und professionelle Postulate die Waage zu halten, die vom publizistisch Tätigen an sich selbst zu stellen sind. Rechercheförderung ist sicherlich das wichtigste (Horst Pöttker: »Recherche – chronisches Defizit des Journalismus. Die INA bemüht sich um Ausgleich«; Christiane Schulzki-Haddouti: »Auf der Suche nach dem Vernachlässigten. Recherchieren für die Initiative Nachrichtenaufklärung«; Hubertus Gärtner: »Investigativer Journalismus im Lokalen«; Manfred Redelfs: »Investigative Reporting in den USA: Welche Strukturen stützen den Recherche-Journalismus?«).

 

Peter Ludes, Gründer der INA, sieht eine zunehmend unbewusste Nachrichtenrezeption

durch Elektronik und Bild-Übermacht kommen, dazu die Robotisierung der Kriege (»Verdunkelungsgefahren oder Medienzivilisierung?«). Der »Hoffnungsträger Blogosphäre« wird als zu privatlastig für eine Watchdog-Öffentlichkeit angesehen (Caja Thimm/Sandra Berlinecke: »Mehr Öffentlichkeit für unterdrückte Themen? Chancen und Grenzen von Weblogs«), woraufhin sich Christoph Hickmann augenzwinkernd für »vernachlässigte« Klatsch-Nachrichten einsetzt (»Von wichtigen und weniger wichtigen Geschichten.

Eine Polemik«).

Die INA, so Anke Martiny im Vorwort, steht für mehr »Nachhaltigkeit

« aufgeklärter, deliberativer Öffentlichkeit. Dem folgen die »Top Ten« des Jahres 2006,

die der Band ebenso dokumentiert wie die INA-Statuten und die Jahresthemen seit 1997: ein Gegen-Geschichtsbuch! Carl Jensen, der 1976 mit dem Vorbild »Project Censored« begann, erzählt witzig (»Thirty Years of Censored News«) von den Ursprüngen dieser Partner-Initiative in den USA; leider fehlt Peter Phillips, der heutige Sprecher.

 

Insgesamt stellt der Band ein grundsolides und verantwortungsbewusstes Handbuch dar. Zu wünschen bliebe noch, dass die Projektverantwortlichen einmal der Frage nachgingen, was

mit den Menschen geschieht, die ihre vernachlässigten Problem-Themen an die INA gemeldet

haben, dann ein Jahr warten, um doch nichts von ihrem Vorschlag veröffentlicht zu finden. Wie kommen sie an die Begründung, bei wem können sie nachfragen; wie werden sie beraten

oder weiter verwiesen? Es lässt sich nachfühlen, wenn sie buchstäblich Tränen vergießen, denn es geht ja oft genug um Herzens-Anliegen. Ist es ein Problem der großen Zahl?

Was wird bisher für Gegenseitigkeit, Langfristigkeit, Nachhaltigkeit getan, und was lässt sich noch tun, für das »Feedback mit der Basis«? Vielleicht mehr dazu im nächsten Handbuch...

 

RICHARD HERDING/SABINE KLECZEWSKI/JAN OPPERMANN, Berlin

 

 

Dr. Richard Herding ist Koordinator des »Informationsdienstes: für kritische Medienpraxis« in Berlin.

Sabine Kleczewski ist Mitarbeiterin »Informationsdienstes: für kritische Medienpraxis« in Berlin.

Jan Oppermann ist Mitarbeiter »Informationsdienstes: für kritische Medienpraxis« in Berlin.